„Freiheit »nb Necht!"
^ 71 ♦ Wiesbaden. Samstag, 24. März 1S£9*
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Die 189fe Sitzung in der Paulskirche.
' LPC. Frankfurt 20. Mär^ Noch nie wurde wohl ein glänzenderer Sieg in einer Debatte gefeiert, als heute in der Wclcker'schen Frage, die endlich zur Abstimmung gediehen ist. — Nach einer Capuzinade von Buß, die bei der endlosen Geschwätzigkeit dieses Vorkämpfers der Ultramontanen unter steter Unaufmerksamkeit abschnurte, nach einer langweiligen Predigt von Zittel, bei welcher nur die Anrede: „Geliebte Brüder in Christo", fehlte, betrat die Debatte in Fröbel einen höheren politischen Standpunkt, sank unter Null in der Trockenheit Hrn. v. Nedern's, und wäre im Sande verlaufen, wenn nicht Simon von Trier und Berger aus Wien eine ganz neue Schlacht begonnen hätten, in welcher die Palinodien Gagern's über die erbliche Verdienste des Hauses Gagern um die deutsche Nation wie die Jammertöne der gereizten Verzweiflung klangen.
Tiefen Eindruck machte auf die Versammlung die Schilderung der preußischen Zustände durch Simon. — Die Analyse der Fortschritte, welche die Reaktion unter Brandenburg-Manteuffel gemacht; — mit ätzender Logik zersetzte Berger den ganzen jämmerlichen Argumentenkram der Kaiserlinge. Dazwischen Hiebe des schärfsten Spottes, der bittersten Ironie, die zischend in jede Fuge der blechernen Rüstung der Gegner durchfuhren!
Gagern's Rede war der Zornausbruch des mit fremden Federn Geschmückten, dem man den geliehenen Mantel abgerissen und in seiner Nacktheit hingestellt hat. Der Ministerpräsident legte ein Zeugniß der Unwissenheit ab, welches einem Gymnasiasten die schlechteste Nummer eingebracht hätte; hatte er doch die Stirne, zu behaupten, die Kaiserkrone sei seit 1000 Jahren in Deutschland erblich gewesen, die Dynastien der M e r o- vinger, Franken, Sachsen rc., hätten über souveräne deutsche Fürsten als erbliche Dynastien geherrscht! Wie wir hören, sollen einige Abgeordnete unmittelbar nach der Sitzung ohne Ministerpräsidenten ein Eremplar des kleinen Bredow zu gefälliger Berücksichtigung ok- troyirt haben, wenn er künftig wieder in den Fall kommen sollte, vom Gange der Geschichte zu reden.
Bezeichnend für die ganze Wirksamkeit des Herrn V. Gagern war das Geständniß, welches er ablcgte, daß er stets offen für den Erbkaiser von Preußen gewirkt habe, und daß es ihm von Anfang an klar gewesen, daß nur dann ein erbliches Oberhaupt möglich sei, wenn Oesterreich sich nicht im Bunde befände. — Dieselbe Majorität, welche ihm damals Beifall latschte, als er bei Berathung des berüchtigten Pro
gramms erklärte, er halte es für die größte Aufgabe seines Wirkens, Oesterreich im Bundesstaate zu behalten, er werde alle seine Kräfte zur Erreichung die- ' ses Zieles anwenden; — dieselbe Majorität klatschte dem Ministerpräsidenten heute Beifall, als er seine , damaligen Versprechungen selbst für nnwahr und den : preußischen Erbkaiser bei Ausschluß Oesterreichs als das letzte Ziel seines Strebens erklärte.
Der politische Wirrwarr in Gagerns Rede, war geeignet mit dem höchsten Erstaunen zu erfüllen. Da sollten wir die größte Sorge dafür tragen, daß die Donau uns nicht entfremdet werde, während man doch Oesterreich von uns stoßen soll; da sollten wir in ein Schutz- und Trutzbündniß mit Oesterreich eingehen — d. h. ihm die Wirthschaft im Lande nach Gutdünken überlassen, während wir ihm zugleich durch Schutz- bündniß den Besitz seiner Lande gewähren und versprechen, — den "Dienst ihm zu leisten, den Rußland ihm jetzt leistete. — Da kommen Folgerungen vor, wie die — weil der Herzog von Holstein, der zum König von Dänemark erwählt wurde, allmählich mehr- dänisch wurde, und nicht holsteinisch blieb — deshalb müssen wir den König von Preußen zum Kaiser wählen, dann wird er deutsch werden! — Das unermeßlich große Preußen, in dem jetzt schon alle deutschen Stämme vertreten seien, erregte eine unendliche Heiterkeit in der Versammlung. — Es schien als habe der Herr Ministerpräsident die Reise nach Berlin, für eine Reise um die Welt angesehen. —
Was sollen wir noch sagen von dem persönlichen Ton der Rede und der ganzen Auffassungsweise, die darin herrschte? Daß Herr v n Gagern mit Ausdrücken wie Verlâumdung, Wortbruch u. s. w. um sich I warf, ohne vom Präsidenten zur Ordnung gerufen zu I werden, darf nicht verwundern, ist er es ja doch, der die Ausdrücke „frech" „Verrath" und andere in das Wörterbuch des deutschen Parlaments eingebracht hat.
— Ich! Ich! und aber Ich! dies war die Gagern'sche Rede und der Grundton auf dem sie varicirte, die Beständigkeit der politischen Ansicht. — Hr. von Gagern und die ihn beklatschten, wissen wohl nicht, daß das politische Prinzip feststehen muß, daß aber derjenige verloren ist, der nach einem Jahre der Revolution noch keine weiteren politischen Mittel kennt, als die, welche er vor der Revolution nöthig glaubte. Wie weit diese persönliche, Auffassung der Sache ging, geht aus dem langen Passus der Rede über die Heidelberger Versammlung hervor. - Wie soll man dies Verfahren eines Mannes bezeichnen, der der Linken vorwirft, es säßen Männer auf ihren Bänken, welche im März vorigen Jahres versprochen hätten, damals
für die constitutionelle Monarchie zu wirken, ein Wort das sie seitdem gebrochen hätten, der dann „Hecker" — nannte, und nachher das Dementi von anwesend n Mitglieder der Heidelberger Versammlung erhielt, daß dort nur von der Monarchie die Rede gewesen sei, während er von dem Gesainmtstaate sprach! .—
Der Prozeß zu BourgeS.
(Nach der Trierer Zeitung.).
Der erste Akt jener berühmten politischen Comödie, welche die Reaktion mit so vielem Pompe durch den hohen Gerichtshof in Bourges aufführen läßt, ist glücklich zu Ende gespielt. Wir haben die Haupthelden kennen gelernt, um die sich die ganze Handlung des Stückes dreht, wir haben die Intrigue, die künstliche Schürzung des nothwendig bei solchen Comödien vor- kommenden Knotens gesehen, die Werkzeuge, deren sich die Intrigue zur Erreichung ihres Zweckes bedienen muß, traten bereits unter dem Zeichen des größten Unwillens von Seiten des Publikums zu Tage, und die ganze Welt ist gespannt, wie sich wohl diese künstlich angelegte Schöpfung des republikanisch-monarchischen Parkets lösen wird. Werfen wir einen Blick auf die vor unsern Augen vorübergegangenen Scenen zurück, so begegnet uns zunächst die Hauptfigur der Tragödie, das Schicksal — die rächende Furie, im schwarzen, faltenreichen Gewände, ganz wie es die hohe Bedeutung ihrer Rolle verdient — der Generalprokurator Baroche, und er ist es vor Allem, welcher der Verhandlung einen ächt klassischen, wir dürfen wohl sagen antiken, Charakter aufprägt. Der öffentliche Ankläger hat die Stellung wohl begriffen, welche er, soll die Aufführung immer guten Erfolg haben, mit eiserner Konsequenz durchführen muß. Daher denn auch die plötzliche Veränderung seines sonst so bedeutungsvollen Wesens, der jetzt so stiere, gläserne, ahndungsvoll sein sollende Blick, der unerklärliche Uebergang seiner früher kläffenden Advokatenstimme in einen weltstürmenden Bierbaß — ja Herr Barroche hat fleißige Studien gemacht, um ja nicht bei seinem ersten Debüt jammer» lich durchzufallen. Aber leider läßt sein bisheriger Erfolg kein glänzendes Resultat für ihn Voraussagen. — Neben dem Repräsentanten des blinden Geschickes erscheinen die vom Schicksal auserkorenen Opfer. Groß, erhaben in ihrer Duldung, voll wahrhafter republikanischer Tugend, von einer glühenden Liebe zur Freiheit beseelt, ringen sie entweder mit einer bewunderus- würdigen Energie gegen ihr hartes Geschick, oder sie bieten in einer wahrhaft tragischen Resignation ihren
Heinrich von Gagern.
(Aus der „Neuen Zeit.")
(Fortsetzung.)
Als aber 1815 die Rückkehr Napoleon's von Elba w e- der die Hoffnung auf ein thätiges Soldatcnlcben eröffnete, war der sechSzehnjährigc Heinrich keine Minute im Zweifel, was er zu thun habe Er nahm Dienste im nassauischen Corps, daS sich in Weilburg sammelte, nnd das Ansehen des Vaters so wie seine eigenen Kenntnisse bewirkten, daß er sogleich Offizier wurde. AlS solcher machte er den kurzen Feldzug in den Niederlanden mit und wurde bei Waterloo verwundet. Nach abermals hergestelltem Frieden studirle Heinrich von Gagern von 1816 bis 20 auf den Universiteten zu Heidelberg, Göttingen, Jena und Genf die Rechte, ward Mitbegründer und eifriger Theilnehmer der Burschenschaft und gehörte zu Denen, welche in Jena die Statuten dieser großen Slundenten- verbindung, deren Zweck die Herstellung eines sittlichkräftigen Lebens auf den deutschen Hochschulen war, entworfen.
G. trat 1820 in den Großh. Hess. Staatsdienst und durchlief ziemlich rasch die Stufenleiter der Beamten- Hierarchie. Er arbeitete einige Zeit als Accessist im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, wurde 1821 Landgerichtöassessor in Lorsch, 1824 Regierungsaijessor in Darmstadt und 1829 wirklicher RcgicrungSrath da
selbst. Mehrere Jahre zuvor (1827) trat G. auf den politischen Schauplatz mit einer Schrift gegen den Abgeordneten, RegierungSrath von Kuder, worin er dessen Vorschlag „die bisherigen dreijährigen Finanzperioden in sechszehnjährige" umzuwandeln energisch bekämpfte, und alS „einen servilen Antrag" bezeichnete.
In ihr legte der Verfasser zugleich sein politisches Glaubensbekenntniß ab, indem er jagte: „„Es liegt in
der Natur der Kräfte, daß sie geübt werden, und in der Natur der Gewalt, daß sic sich auSzudehnen sucht. Diese Kräfte und Gewalten im Staate — daS monarchische, aristokratische und demokratische Element zu begrenzen, so daß sie sich neben einander dulden müssen, hat der menschliche Scharfsinn daS System der repräsentativen Verfassung erdacht und die Geschichte eS ansgebildet."" Man kann nicht sagen, M ®- jemals diesem Bekenntniß untreu geworden wäre. Im Gegentheil, er ist ihm nur zu treu geblieben. Denn selbst jetzt, wo doch Die Verhältnisse ganz audcrS geworden sind, steht er noch ans dem nämlichen Standtpunkt und hält neben dem demokratischen auch das Bestehen eines monarchischen und aristokratischen Elements für nothwendig. '
Die Kräfte zu „begrenzen" ist eine von Gagern'S begrenzten Ansichten und unbegrenzten Schwächen. Die Natur zu Hofmeistern, sie zu bewältigen, statt sich ihrer Flügel zu bemächtigen, liegt ganz in seinem System des dreischneidigen Widerspruchs. Daß Die Natur, welche im demokratischen Element allein vertreten ist, in sich
selbst diese sich begrenzenden Gewalten trägt, daß der Sturmwind, und wenn er giganti che Woge» himmelan schleudert, daS Meer nicht aus seinem Bette hebt, diese wie jede unbegrenzte Wahrheit erscheint ihm alS Zügellosigkeit. Daher kommt eS, daß er Die Kräfte stets durch die Gewalten zu hemmen sucht, niemals aber umgekehrt die Gewalten den Kräften anvertraut.
AlS Abgeordneter in Die zweite Kammer gewählt, zeichnete sich G. auf dem „merkwürdigen Landtage" 1833/34 auS. Er gehörte der entschiedenen Opposition an, bekämpfte das Ministerium, dem er selbst angehörte, und trat diesem insbesondere in der berüchtigten Weidig- Georgischen Sache entgegen. Er „trug auf Beschwerdeführung gegen das Ministerium wegen Mißbrauch Der Amtsgewalt und Verfassungsverletzung in diesem schmachvollen Verfahren gegen den unglücklichen Pfarrer Weidig an," und „unterstützte den Antrag deS Abgeordneten Ernst Emil Hofmann, welcher Protestation der Stände gegen die freiheitSmörderischen Bundesbcsüyüsse vom 28. Juni 1832 forderte." Nach aufgehobenem Landtag, dessen Auflösung hauptsächlich G. als wohlunterrichteter und sachkundiger Regierungsbeamter veranlaßt hatte, wurde er mit mehreren Gesinnungsgenossen in den R ihe- stand versetzt und ihm von Seiten des Hofs der Kammer- Herrnschlüssel abgenommen.
G. schlug Die Pensi n auS, wie auch Die von den Bürgern angeborene Ecsaysuinme. Diese Uneigennützigkeit gewann ihm noch mehr Achtung und An,ehe», als