„Freiheit und Recht!"
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D^L 69. Wiesbaden. Donnerstag, 22. März I8L9.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in emem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 d. 45 fr, auswärts vurch die Post bezogen mit verhältnismäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „Freien Zcctung" stets von ivirffaiiiem Erfolge. — Die Znserationsgebuhren betragen für die viersxaltige Petttzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
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An die Dolksvereiue Nassaus
Bei dem gegenwärtigen Stand der politischen Verhältnisse im Allgemeinen, besonders in Hinblick auf die unter Autorität der Bajonuette in Preußen und ; ganz kürzlich auch in Oestreich stattgehabte einseitige, j zwangsweise Einführung von Verfassungen; beim fer- uern Hinblick auf die in vielen deutschen Staaten noch gar nicht oder erst nach laugen Schwierigkeiten stattgehabte Verkündigung der Grundrechte des deutschen Volkes, endlich aber ganz besonders im Hinblick auf die neuesten Anstrengungen einer uns entgegenstehenden vorrechtlerischen und volksfeindlichen , Partei, deren stetes geheimes und offenes Trachten und Streben nur dahin geht, die durch die Märzrevolution in Deutschland zur Anerkennung gelangten Grundsätze für sich und die Schaar ihrer Auserwählten auszu- beutcn, gleichzeitig aber die einem Jeden als M ensch und Staatsbürger zustehenden Rechte und Freiheiten dem Volke im Allgemeinen zu verkümmern und soweit zu beschränken, damit, wie sich Führer dieser Partei naiv ausdrücken, nur „Kenntniß, Tugend und BcsitzLhnm" zur Ausübung der wichtigsten ; staatsbürgerlichen Rechte gelangen können; deren Stimm- i sichrer sich ferner nicht scheuen, durch die albernsten ! und plumpsten Verdächtiguugen der B esi tz l o se n und weniger Bemittelten (die in ihren Augen weder „Kenntniß" noch „Tugend" haben können), sowie durch das längst verbrauchte Gespeust des Kommunismus oder der allgemeinen Gütertheilung — Verdächtigun- , gen, welche/ heut zu Tage von jedem Vernünftigen nur noch mitleidig belächelt, von keinem Kinde mehr | geglaubt werden, die aber von der eigenen Blödsinnig- keit der Erfinder und Ausstreuer, oder einer grenzenlosen Bosheit zeugen — die sich nicht scheuen, wiederholen wir, durch solche unlautere Mittel die vou ihnen Abhängigen und die Furchtsamen ihren Reaktions- plänen geneigt und willfährig zu machen: — beim Hinblick auf alle diese Dinge, sagen wir, ist es mehr als je dringende Nothwendigkeit für die politisch Gleichgesinnten, sich enger aneinanderzuschließen, sick- unter ein gemeinsames Banner zu schaareu, um so vereint den Ränken und eigennützigen Bestrebungen der Vorrechtler und der Rückschrittsmünncr einen festen Damm eutgegenzusetzen, um so vereint zu wirken für die Erreichung des großen Zieles der Demokratie, das jedem Staatsbürger und jedem Verein vereinzelt stets unerreichbar bleiben würde. In Anerkennung der Nothwendigkeit eines engern Verbandes, zum Zwecke gemeinsamen Wirkens, traten bereits am 12. November v. I. mehrere der damals in Nassau bestehenden
freisinnigen politischen Vereine zu Kirberg in einen Bund zusammen.
Diesem Bunde, der anfänglich nur aus wenigen Vereinen bestand, sind seither viele der nassauischen freisinnigen Vereine beigetreten, so daß der ganze Bund, die Zweigvereine inbegriffen, gegenwärtig aus etwa 50 Vereinen mit einer bedeutenden Mitgliederzahl besteht.
Diese sämmtlichen, zum uaffauischen demokratischen Bunde gehörigen Vereine haben sich nach und nach gleichfalls dem seit dieser Zeit von freisinnigen Abgeordneten der Nationalversammlung gegründeten März- verein in Frankfurt angeschlossen.
Indem wir daher auf das im Nov. v. I. von dem Märzverein erlassene Programme verweisen, welches gleichzeitig die Grundsätze des nassauischen demo- kratischen Bundes ausspricht, fordern wir alle mit diesen Grundsätzen einverstandenen Staatsbürger zum Eintritt in die schon bestehenden oder zur Gründung neuer demokratischer Vereine auf; zugleich sprechen wir den dringenden Wunsch aus gegen die dem Märzver- etn oder dem nassauischen demokratischen Bund noch nicht beigetretenen Volksvereine, daß sie aus Liebe zur großen gemeinschaftlichen Sache nicht länger mehr ihren Anschluß hinausschieben möchten.
Den einzelnen Vereinen steht es frei, entweder dem Märzverein allein, oder dem nassauischen Bunde allein, oder beiden zugleich beizutreten. In diesen Fällen wird jedoch der unterzeichnete Vorstand des Vereins zur Wahrung der Volksrechte in Wiesbaden mit Vergnügen die etwa noch nöthige Auskunft geben.
Bezüglich der Organisation des nassauischen Bundes theilen wir hier die bei der Gründung desselben in Kirberg gefaßten Beschlüsse mit:
1) „3um Zwecke gemeinsamen Wickens treten die das demokratische rmzip zur Grundlage nehmenden Vereine Naffau'ö in einen Bund zusammen.
2) Die lausenden Geschäfte dieses Bundes besorgt ein für ein halbes Jahr zu wählender Dorolt. Der Vorstand des Vorortes hat die Geschäftsführung des ganzen Bundes.
3) Am 1, Mai unv 1. September eines jeden Jahres findet eine Tagfatznng der Vereine zur Besprechung gemeinsamer Angelenenheiten und Controllirung ver Thätigkeit des Vorortes Statt. Diese Tagsatzung wird von jedem Vereine durch Abgeordnete beschickt. Zeder Verein hat bei dieser Tags Atzung 2 Stimmen:
4) Die Abgeordneten zur Tagsatzung haben sich durch Vollmachten auszuweisen. Jeder Verein kann sich durch einen andern vertreten lassen.
5) Derjenige Verein, der den Beschlüssen der Tagsatzung nicht nachkommt, ist als ausgetreten aus dem Bunde zu betrachten.
6) Der Vorort hat die Pflicht, von den einzelnen Vereinen an ihn gebrachte Anträge bei allen Vereinen zur Berathung, bezüglich zur Abstimmung, bringen zu lassen.
7J Alle bei der Tagsatzung zur Berathung zu bringende Anträge Nnd wo möglich mindestens 14 Tage zuvor beim Vororte schriftlich einzureichen, damit sie von diesem den übrigen Vereinen zur Kenntnißnahme und Besprechung frühzeitig genug mitgetheilt werden.
8) Jed.r Verein zahlt > r o v i s o r i sch halbjährig für jedes seiner Mitglieder 2 kr. als Beitrag zur Bundeskasse.
9) Ueber die Aufnahme eines Vereines in den Bund entscheidet der Vorort.
10) Auch nichtnaffaNischen Vereinen gleicher Tendenz ist der Eintritt in den Bund gestattet. -
Die in Gemäßheit obiger Beschlüsse am 1. Mai d. J. stattfindende Tagsatzung wird nach Bestimmung des Vororts in Oran ien st ein abgehaltc» werden. Die jetzt schon zum nassauischen Demokraten- Bunde gehörigen Vereine, sowie diejenigen, welche bis dorthin noch einzutreten wünschen, werden daher aufgefordert, etwaige bei der Tagsatzung zur Berathung zu bringenden Anträge wo möglich bis zum 15. April schriftlich an den Vorort gelangen zu lassen.
Wiesbaden, 19. März 1849.
Der Vorstand des Vereins zur Wahrung der Volksrechte, als Vorort des nassauischen demokr. Bundes, sowie als provisorischer Centralausschuß der nass. Märzvereine.
Nassauischer Landtag.
89te Sitzung vom 20. März.
(Schluß.)
Snell spricht sich ebenfalls für den Minoritätsantrag aus. Er sei ganz dafür, wenn man den Solvaten von aller unnötigen Quälerei befreie; allein es gäbe größere Quälereien für ihn, als dies alte Lederzeug. Vor allem solle man daran denken den Soldaten Human zu behandeln und den alten Kamaschendienst für immer zu beseitigen. Er spräche hier nicht von unserm kleinen Ländchenz: er habe ganz Deutschland im Auge. Unnötige Ein- I berufungen und die Promenaden des Militärs — seyen die eigentlichen Quälereien. Er habe mit einem Solvaten wegen des Leder- I zeuges geredet; derselbe habe anerkannt, daß das »eüvorgeschlagene I Lederzeug eine Erleichterung für den Soldaten sei; allein auch zugefügt: daß wenn er bedächte, die Väter und Bruder der Soldaten müßten wieder mit großer Mühe die neuen Kosten aufbringen, so wolle er gerne auf die kleine Erleichterung Verzicht leisten. So wie dieser, dächten wohl alle Solvaten. Von einer Einheit des Vaterlandes sei doch vorläufig keine Rede und er fürchte sie I möchte nur eine solche bezüglich des Lederzeugs und der Polizei j werden. Er sei also dafür, jedenfalls erst die Verfügungen des j Reichsministeriums abzuwarten, und sei der Ansicht, daß daS Land für eine sofortige Bewilligung wenig dankbar sein möchte.
W erren entgegnet auf die Einwurfe von Wenckenbach f. ■ und Wimpf. Zusti, welcher den Majoritätsantrag unterschrie- I ben, äußert: Was die humane Behandlung des Militärs anlange, so sei er ganz mit dem Abgeordneten Snell einverstanden. Auch erkenne er an, daß leider die Steuerlast sehr groß sei. Allein es I komme hier auf die Gesundheit der Soldaten an; er sei selbst nach
Heinrich von Gagern.
(Aus der „Neuen Zeit.")
Heinrich Wilhelm August, Freiherr von Gagern, geb. 20. Aug. 1797 zu Weilburg in Nassau, ist der Sohn des damaligen Regierungspräsidenten, späteren Ministers und Bundestagsgesandten von Gagern.
Um den Sohn zu charakterisiern bedarf es einer Skizze aus des Vaters Leben und Lebensansichten. Hier finden wir die Grundtypen zu des Sohnes Principien, oder besser zu dessen Sympathien und seinem daraus hervorgehenden System. Wir entnehmen diese Skizze dem Rotteck'schen Staatslexicoii. 1801 ging der Vater Gagern's alö Nassau'scher Gesandter und Minister nach Paris und gewann bei dieser diplomatischen Sendung großes Verdienst um seinen Herrn. Später legte ec- sein Amt nieder, ging nach München und Wien und trat in vertraute Verbindung mit Hormayr und dem Erzherzog Johann. Darauf trat er in konigl. niederländische Dienste, wurde Minister und Vundestagsge- sandter, kam mit Metternich in Berührung, bei welchem er sich eifrig der politischen Einheit Deutschlands annahm und zu Gunsten landständischer Verfassungen sprach. Auf seine Güter in Hornau (Nassau) und Monsheim (Großh. Hess.) zurückgezogen, wurde er 1820 zum rheinhefsischen Abgeordneten in die zweite Kammer gewählt und später vom Grvßhcrzvg zum lebenslänglichen Mitglied der ersten
Kammer ernannt. Er beschäftigte sich viel mit Arbeiten über Auswanderung und Maßregeln gegen die Seeräubereien der Barbaresken in Hinsicht auf Deutschland, ward bekannt durch „die Resultate der Sittengeschichte," „Na- tivnalgcschichte der Deutschen," wie durch viele andere größere Schriften, Flugschriften und journalistische Arbeiten, wodurch er zum Verständniß der Zeit und auf die Stimmung derselben einzuwirken suchte. In der ersten Kammer bezeichnete er 1832 als Hauptstoff seiner Wirksamkeit: „Vaterland — ein großes Vaterland — Nationalität — deutsche Ebre — Ansehen — Zusammenhang, Kraft, Cultur, Entwickelung."
Neben diesen deutschen, kosmopolitischen und liberalen Tendenzen (welchen letzteren aber immer „die von der Natur dictirte Fundamentallehre von der dreifachen Gewalt" sv. GZ zu Grunde lag) finden sich bei Herrn V. G. noch die aristokratischen und die antidemokratischen, welche letztere sogar bisweilen zu auticoustitutionellen sehr erklärt hinüberstreifen. Er ist stolz darauf, von „kriegerischen Abentheuerer»" abzustammen, von den „Gliedern und Vorstehern jenes unmittelbaren Adels, der keinem Lande angehöre, aber allen," immer Kriegs- Dienst und Ehre suchend." Das Präbicat „Reich" und die Kaiserkrone soll ihm die politische Einheit der deutschen Nation verwirklichen helfen. Er ist „Tory" und „Royalist;" spricht 1830 von „demokratischen Exessey" der „andern Kammer," richtet einen Bericht von „sieben Zeilen gegen die Preßfreiheit, selbst nur in inländischen
Dingen," und rangirt einen in der zweiten Kammer gestellten Antrag auf Aufhebung des Cölibats z.i den protestantischen „Anmaßungen" 1832 eiferte er gegen die „lockeren Blätter, die sich in frecher Weise die vierte Gewalt nennen," u. s. iv.
Aus dem Vorstehenden ergießt sich, daß H. v. G. ein System hat, und daß dieses System die Resultate von Freiheit und Unfreiheit, von Vorurtheil und edler menschlicher Ansicht, von einer gewissen Absprecherei und von einem umsichtigen, gedankenvollen Wagen der Verhältnisse, von Kühnheit und Bedächtigkeit — geist- und kenntnißvoll — verbindet. In der „Vielseitigkeit herrscht „eine gewisse Einseitigkeit," und es muß durch einen gewißen Reichthum eine gewisse Armuth verdeckt werden." —--
Dieser freisinnige Aristokrat legte von jeher ein Gewicht darauf, für einen großen Staatsmann zu gelten. Ein echter Staatsmann kann nie direct gegen das Interesse des Volkes sein, er muß selbst seinen aristokratischsten Ansichten einen Schein von Volksthümlichkeit geben, er muß, wie der Arzt, immer einen gesunden Organismus als das zu erstrebende Ziel hin stellen. Aber die Aerzte stellen sich gerne an die Stelle der Natur, deren beobachtender Diener sie sein sollen, und betrachten jede natürliche Erscheinung als Krankheitssymptom, welchem sie mit ihren Pflastern, Blutegeln, Schröpfköpfen, Mixturen und chirurgischen Instrumenten feindlich eiitgcgcntreteii.
(Fortsetzung folgt.)