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âeiheit und Neehl!"

Wiesbaden. Dienstag, 3. März

1849

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H* Die kirchliche Reaktion.

I.

Suum cuique.

Einen Jeden, dem das Wohl des Vaterlandes am Herzen liegt, muß die Erfahrung mit bitterm Schmerze erfüllen, daß die Errungenschaften der Märzrevolution uns fast alle wieder verloren sind; mit tiefer Wehmuth muß ver Vaterlandsfreund sich eingestehen, daß jene großartige und vielversprechende Volkserhebung nur eine schöne Morgenröthe war, die einem rauhen und trüben Tage vorherging, und daß die Erfüllung unsrer heißesten Wünsche und schönsten Hoffnungen, welche wir so nahe wähnten, uns wieder in weite Ferne gerückt ist. Mißstimmen kann uns diese Erfahrung, aber nicht überraschen. Es mußte so kommen, dieser Zustand war vorauszusehkn. Denn wie konnte ein Volk, dem drei­unddreißig Jahre lang alle Mittel geraubt waren, sich nationale Selbstständigkeit und politische Bildung zu er­werben und dem durch die Tyrannei seiner Beherrscher seine heiligsten Rechte, die Freiheit der Presse und das Associations- und Petitionsrecht entrissen waren, wie konnte ein solches Volk in wenigen Tagen sich die nothwendige Einsicht in die wichtigsten politischen Ver­hältnisse und die Befähigung, in seinen Angelegenheiten ein entscheidendes Urtheil zu fallen, sich verschaffen? Wie sollte es die Männer kennen lernen, von denen es eine wahrhafte Verbesserung seiner trostlosen Zustande erwarten durfte?

Als es sich um die Wahl von Männern handelte, die durch ihren Zusammentritt zu einem volksvertreten­den Parlamente, dessen Constituirung eines der wichtig­sten von den Fürsten abgedrungenen Zugeständnisse war, die Verwirklichung der errungenen Freiheit berbriführen sollten, drängten sich überall Leute vor, welche plötzlich und über Nacht andern Sinnes geworden waren, und die, anstatt ihren bisherigen Grundsätzen treu zu blei­ben, den Schein der Begeisterung für die Volksfreiheit annahmen, und denen es gelang, das Vertrauen des Volks sich zu erwerben und zu Parlamentsabgeordneten gewählt zu werden. Allein Viele, ja die Meisten haben dieses Vertrauen mißbraucht und sind ihren Versprechungen untreu geworden. Sie bilden jetzt die Majorität unD haben dem Parlamente das Zutrauen des deutschen Volkes verscherzt. Diese Männer des Rückschrittes ha­ben nun im Volke eine Partei für sich, auf welche ge­stützt, sie es wagen können, allem so laut gewordenen Widerspruche des Volkes zum Trotze, ihre volksfeindli­chen Pläne zu verwirklichen und die durch die Revolu­tion errungene Freiheit wieder zu vernichten, während sie doch wissen müßten, daß nur durch die Revolution ihnen die Macht hierzu gegeben ist, und daß das Par­lament selbst ein Kind der Revolution ist. Diese Partei des Volkes können wir nun in vier Classen eintheilen:

1) die höhern Beamten und Fürstendiener, welche an die Berufung der Fürsten von Gottes

Gnaden so fest glauben, als an das Evangelium, (B ü r 0 k r a t t e);

2) die kirchlichen Oberhäupter und ihre Anhänger, welche mit den vorhin Genannten einen unnatür­lichen Bund geschlossen haben, (Hierarchie);

3) die Reichen und Gelvariftokraten, welche furchten, bei dem neuen Zustände der Dinge einige Gulden Steuer mehr bezahlen zu müssen, (B 0 urg e0 lf t e); endlich

4) die von diesen drei Classen ins Schlepptau ge, nommene unselbstständige und betrogene Masse der Bürger, welche Denen folgt, die ihm am meisten zu imponiren wissen.

Während nun die Demokraten oder die wahren Volksfreunde nur die Macht besitzen, durch die Idee und das lebendige, überzeugende und begeisternde Wort zu dem Herzen des Volkes zu reden, stehen diesem Bunde der Reaktion alle äußern und materiellen Mittel zu Gebote, um sich eines mächtigen Einflusses auf die un­gebildete und unmündige Masse der Bürger zu ver­sichern: Drohung und Einschüchterung durch den Mißbrauch des amtlichen Ansehens, die Macht des Geldes und die ungebührliche Einwirkung auf den kindlich frommen Sinn des Volkes durch die Lüge und die Verketzerung. Widmen wir nun dem Treiben jener Rückschrittspartei, welche von dem Heiligsten, was der Mensch b. sitzt, von der Religion, einen verruchten Gebrauch machen, einige Beachtung, so drängt sich uns die traurige Ueberzeugung auf, daß eben diese Classe der Gesellschaft es ist, welche wir einer großen Verschuldung unserer gegenwärtigen, trostlosen staatlichen und socialen Zustände anklagen müssen; sie, welchen die schöne Gelegenheit gegeben ist, das Volk mber das was ihm wahrhaft noth thut und über die richtige Abhülfe seines Elendes belehren und aufklären zu können, haben diesen schönen und hohen Beruf nicht erkannt. Doch wollen wir nicht über alle Mitglieder des geistlichen Standes dieses Ui theil fällen, sondern wir glauben fest, daß sich in ihm immerhin noch Männer finden, welche.unsrer Liebe, unsrer Ach­tung und unseres Vertrauens würdig find, aber die Zahl der Geistlichen, wie Kuenzer, Tafel und Andere ist klein. Denn Mancher, der weiß und eingesthen hat, daß auf dem Wege, der ihm von Oben bezeichnet ist, das Ziel eines schönen und herrlichen Volkslebens nicht zu erreichen ist, muß schweigen und seine innige Ueber­zeugung dem Ehrgeize und der Herrschsucht eines Höhern zum Opfer bringen, damit man ihm nicht die mühsam errungene und karge Eristenz verkümmern. Darum muß er entweder anders sprechen als er denkt (und groß ist die Zahl dieser Heuchler) oder er muß sich ganz vom politischen Leben zurückztehen und gleichgültig bleiben gegen die heiligsten und wichtigsten Interessen seiner Mitbürger. Diesen wenigen und biedern Männer ge­genüber steht die große Masse ihrer Standesgenossen. Den Leuten dieses Schlages ist es ganz gleichgültig, ob die Mehrzahl des Volkes sich glücklich oder unglücklich

fühlt; sie huldigen unbedingt dem oben herrschenden Prinzipe des Rückschrittes und der Stabilität. Sie sonnen sich im Strahle der bischöflichen Gunst, denn auf diese Weise kommen sie am leichtesten zu ihrem . iele; ihr Streben und Trachten geht nur allein auf sie Erringung einer einflußreichen Stellung, in welcher sie von ihren Pfarrkindern eine beinahe abgöttifche Ver­ehrung genießen und dabei ein behagliches und bequemes Leben führen können. Sie sind die wahren Pharisäer der Gegenwart und die öffentliche Meinung brandmarkt sie mit dem NamenJesuiten" undPfaffen". Anstatt in dem ihnen angewiesenen Wirkungèkre se wahre Gottesfurcht und Religiösttät zu erwecken, anstatt die religiöie Duldung und die Achtung vor dem Glauben der andern Confessionen zu predigen, suchen sie im Ge­gentheile den gefunden Sinn des Volkes durch die An. empfehlung von geistestödtenden Andachtsübungen aller Art zu vernichten und führen dadurch einen Zustand religio,er Schwärmerei und glühenden Fanatismus her­bei, dessen traurige Folgen wir nur allzu oft und allzu sehr erfahren haben.

Religiöse Unduldsamkeit, Gleichgültigkeit gegen alles volkstümliche Leben, Verketzerung und Lästerung jener hochherzigen Männer, welche mit Begeisterung und un­eigennütziger Hingabe für das Wohl des Volkes käm­pfen und endlich bei allein dein ein schaudereregendes Sinken aller Sittlichkeit und Verschwinden aller deut­schen Redlichkeit und Treue, vei ursacht durch einen geist« lo,en Mechanismus, anstatt der Beförderung einer äch­ten und aufrichtigen Gottisverehrung dieses sind d e bittern Früchte jenes unseligen Treibens.

Diese Apostel der Thorheit und des Wahnsinns nun sind die eigentlichen Stützen und Säulen der kirchlichen Reaktion, sie sind die treuen Helfershelfer und Werk­zeuge zur Verwirklichung der hierarchischen Pläne, die am Sitze und im Schooße der geistlichen Regierung ge­schmiedet werden. Hier aber regieren fanatische und rigoristische Priester, hier fuhren Wölfe in Schafsklei­dern das Regiment und unter der heuchlerischen Maske der gefährdeten Religion geben sie ihre Interessen und ihre Meinungen für die des ganzen Clerus und des ganzen katholischen Volkes aus und verwirklichen doch nur ihr eigenen herrschsüchtigen und ehrgeizigen Pläne. Das arme und verführte Volk aber schaut mit Ehr- fu $t zu ihnen hierauf und unterwirft sich mit kind­licher Pietät und argloser Treue ihrer Herrschaft. Sie aber treiben ein verruchtes Spiel miU dem frommen Glauben und dem hingebenden Gehorsame ihrer Heerde, aber Alles zur größern Ehre Gottes.

Deutschland.

* Wiesbaden, den 5. März. Den dritten März sahen wir viel des KriegsvoikcS in hiesiger Stadt, die preußische Besatzung (wie es heißt, die ganze) von Mainz hatte einen kleinen Spaziergang hierher gemacht; es schien, als wolle sie Nassau's Bevölkerung kund thun

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^ Blätter aus meinem Tagebuch.

Nom den 29ten Februar 1848,

11.

(Fortsetzung.)

Zweifel wühlten in meiner Seele, beklommen von ihnen war meine Brust, ich mußte fort aus der Schwüle und dem Getöse der Menge, hinaus in die stille ein­same Natur, um den Zwiespalt meines Innern zu schlichten. Ich eilte durch die Porta del Populo, vor­über an der Villa Borghese, der Villa Poniatowsky, nach der Ponte molle über die Tiber , dem rechten Ufer des Flusses entlang meinem Lieblingsorte, der Villa Madonna zn. Bald lag sie vor mir, und nur die Höhe mußte ich noch ersteigen, auf der jeues Landhaus gebaut ist. Schön ist die Lage desselben aber ungeheuer die Schuld welche auf ihm lastet. Hier soll, erzählt die Fama , jener Teufelsplan ausgedacht worden sein, der die blutige Batholomäusnacht in Paris bezweckte. Es muß wahr sein, es muß ein Fluch auf diesen Hallen lasten, denn trotz dem, daß der Punkt, an dem ihre Fundamente gelegt, einer der bezauberndsten ist, haben sie nie ihre Vollendung erreicht, nur zur Hälfte sind sie erreicht und jetzt schon hat der Zahn der Zeit an ihnen genagt, daß sie mehr vermoderten Ruinen als dem Lustschloße eines Fürsten gleichen. Es scheint, als wolle das Geschick, als gerechte Richterin, das Andenken

jener Stelle, von wo eine solche Schandthat ausgegangen, verwischen, ganz und gar vernichten.

Ein schmutziges Weib, umgeben von zerlumpten Kin­dern, öffnete mir die Pforte und ich trat durch die Vor­halle, deren zerfallene Wände noch dürftige Spuren von herrlicher Freskogcmälde von einem Giul. Romano und Giov. da Udine zeigen, nach dem breiten Balkon und lehnte meinen erhitzten Körper an die kühlende Steinbrüstung.

Sonst, wenn ich hier weilte, ergötzten sich meine Blicke an den zu meinen Füßen liegenden Orangenwäld­chen, an der stillen ruhigen Campagne, bespühlt von der gelben Tiber und belebt von weidenden Heerden, oder an den gegenüberliegenden Villen oder weiter an der mäch- tigen'Roma mit ihren unzähligen Pallästen und Thürmen, welche alle die ungeheure Peterskuppel überragt und ihren ehrwürdigen Ruinen, in deren Mitte das riesenhafte Collossenm majestätisch sich erhebt, oder endlich an den am äußersten Horizonte lagernden Sabiner- und Albaner­gebirgen, verbunden mit der Stadt durch gigantische Aquädukte, und hinter diesen zart hingegossenen fast Wolken ähnlichen und dabei doch klaren Massen an den schneebedeckten Häuptern der Abruzzen. Heute hatte ich keine Augen für diese liebliche Landschaft und selbst als durch die scheinende Sonne die ungeheure Stadt violett zu schimmern, die hohen Fenster der Paläste zu glänzen begonnen, und am äußersten Horizont eine gelbe Färbung unbemerkt in das klare Blau des Himmels übergehend

erschien, und dann als düsterer Schatten Rom deckte, der violette Schein sich auf die Gebirge nebst den über ihnen lagernden Wolken fortpflauzte und den schneeigen Häupter der Abruzzen wie ein Fcucrmeer glühten, blieb ich unberührt von dem schönsten aller Momente des Südens. An jene glorreiche Revolution dachte ich, an den Einfluß, welchen sie auf mein Vaterland ausüben werde ob sie den Deutschen einmal seiner Menschenwürde bewußt machen und bewirken werde, daß er endlich die zu lange geduldete Schmach von seinem Hanple abwende und aufhöre ein willenloses Werkzeug im Jnlaude, ein Gegenstand des Spottes im Auslande zu sein, oder ob sie ihn vergebens mahne, und er verflucht sei, ewig ein Sclave zu sein.

Lange kämpften diese biden Gegensätze in meiner Seele, bis znletzt der eine den Sieg davon trug, bis ich die Ueberzeugung gewonnen, daß Deutschland entweder ungestört seinen schändenden Schlaf fortsetzen, da ein gar kaltes, erstarrendes Blut in seinen Adern schleicht, oder sich im günstigeren Falle für einige Augenblicke wecken lasse, um ein Wenig zu murren und sich dann wieder wie ehemals durch Versprechungen in seinen todtähnlichen Schlummer einlullen zu lassen.

Das war das Resultat meines Sinnes nnd mit ihm war der Entschluß in mir befestigt worden, bei solchen Erwartungen nicht in die Heimath zu k.hren, sondern die Genüsse, welche nur der Süden gewähren kann, div zur letzten Hefe auszuschlürfen.