„Freiheit und Recht!"
J2 5O.
Wiesbaden. Mittwoch, 28. Februar
I8L».
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis betragt vierteljährig hier in Wiesbaden l kl 45 ft auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden berettwilllg ausgenommen und find bet ver großen Verbreitung der „Freien Ieituna" stets von' wirksamem Erfolge. — Die Inserationsgebühren betragen für die vierspaltcge Petttzetle oder deren Raum 3 Kreuzer. ° b '
Der 4. März und die Parteien.;
^ Wiesbaden, 25. Februar. Der Jahrestag der nassauischen Revolution rückt näher. Von allen Seiten werden Vorbereitungen für diesen Tag getroffen, von der einen, um eine, Feier desselben zu veranstalten, von der andern, um eine solche zu unterdrücken, von einer dritten, um sie recht kläglich zu machen, von einer vierten sogar, um, wie es scheint, durch Entfaltung der bewaffneten Macht einen Cravall a la IG. Juli zupro- voziren.
Es ist nicht ohne Jutercsse, die Thätigkeit der ver« schiedenen Parteien etwas naher zu betiachten, indem wir dadurch in den Stand gesetzt werden, über den Werth oder Unwerth derselben und ein Urtheil zu bilden.
Die demokratische Partei erkennt zwar überall und stets an, daß die sogenannten^ Errungenschaften des 4. März noch bei weitem nicht in dem Maße zur Wahrheit geworden sind, als es bis jetzt hätte geschehen können, und daß wir vielleicht gerade setzt von einem vernünftigen Zu.stand ungeheuer weit entfernt sind; sie geht aber davon aus, daß weder ein sogenannter Minister, noch auch eine Majorität sogenannter Volksvertreter trotz Kerker und Basonetten die großen Grundsätze der Revolution zu vertilgen im Stande sind; und daß die Sache der Vernuft, die Sache des Volks siegen muß und wird, wenn das Volk selbst sich nicht untreu wird, wenn es die großen Grundsätze erkennt und beharrlich verfolgt. Die demokratische Partei will daher eine möglichst ausgedehnte Feier des 4. März, damit daS Volk sich recht lebhaft erinnere an das, was ihm gebührt, und von Neuem den festen Entschluß fasse, nicht zu rasten, bis es sein Recht vollständig erlangt hat. Gerade, weil jetzt die Verhältnisse der Sache des Volkes nicht günstig sind, ist es um so mehr nöthig, ein festes Zusammenhalten der volksthümlichen, dcr demokratischen Elemente zu vermitteln. Der hiesige demokratische Verein hat demgemäß eine Feier des 4. März prvsektirt, deren Mittelpunkt und Kern eine Volksversammlung sein soll.
Der sogenannte deutsche Verein, der sich zuerst Verein für Freiheit, Gesetz und Ordung und nachher, da eS mit dieser Devise ob ihrer Freisinnigkeit schief ging, konstitutioneller Verein genannt und nun abermals seinen Namen verändert hat, verhielt sich im Anfang ganz ruhig. Zur Theilnahine an der Feier aufgefordert, suchte er auf jede mögliche Weise und mit den lächersten Gründen, Gefährlichkeit, Reichs- truppen rc, eine Volksversammlung zu verhindern, und nun, da dies nicht gelingen zu wollen scheint, sucht er sein Heil in einer Ansprache, betitelt: Flugblätter fürs Volk. No. 1.
Der 4. März naht heran und mit ihm die alten, verbrauchten Kunstgriffe, die wohl einmal ihre Wirkung
gethan haben, deren Versuch zum zweitenmal aber Zeug« niß gibt von der Unfähigkeit der Lehrlinge des großen Meisters. Am 4. März, aber auch da nur im Anfang, ließ sich das Volk einfältig machen mit schönen Redensarttn, wie: Bürger, Mitbürger, Freunde, hebe Mitbürger, mit Händedrücken und sogar Küssen. Der deutsche Verein hat seinen Lehrmeistern etwas abgemerkt; ce redet das Volk an mit „Liebe Landsleute!" — Wir wundern uns, oder wundern uns auch nicht über die Rath- und Taktlosigkeit der Menschen, die von solchen Phrasen heute noch etwas erwarten. Oder glaubt Ihr in Ernst, daß Euch das „Volk" Eure Heuchelei und Eure Verleumdungen für baare Münze abnähme? Euch, die Ihr bei jedem Streich gegen die Rechte des Volks frohlocket? die zum großen Theil selbst Theil nehmen an den Bedrückungen und Mißhandlungen des Volks? die Ihr das Volk dazu da glaubt, um der Bürokratie und dem Geldsack zur Befriedigung ihrer Hcrrschsucht und Habsucht zu dienen?
Over habt Ihr je Eure Stimme erhoben für Abschaffung der Privilegien des Reichthums, für allgemeines Stimmrecht? für Abschaffung jedes Census? für eine progressive Einkommensteuer?
Nein! Ihr wollt trotz aller Redensarten den alten Zustand möglichst erhalten mit dem Unterschied, daß außer der Bureaucratie jetzt auch noch der Geldsack mitreben soll; die Gleichberechtigung Aller, die Herrschaft deS Volkes wollt Ihr nicht! Ihr prvklamirt zwar immer die Unreife des Volkes, an das Ihr Euch jetzt wieder wendet, aber so unreif ist eS nicht, daß es Euch noch Vertrauen schenken wird.
Daö Flugblatt setzt nun ganz in derselben Weise, wie wir am 4. März schon des Morgens um 10 Uhr gehört haben, daß vie Rechte des Volkes anerkannt und vollständig gesichert seien, auseinander, daß wir daS höchste Maas von Freiheit bereits erlangt hätten und daß eS nur noch an der deutschen Einheit fehle, um unS zu den glücklichsten Menschen der Erde zu machen. Darauf folgen einige Redensarten über Reaktionärs uns Sonderstäätler und dann eine Veiläumdmg der Demokraten die nur in der „Nass. Allg." ihres Gl.ichen findet. Die Demokraten sind darnach L ute, die unter Freiheit den Mißbrauch derselben, die Ungebunvenheit und die gesetzliche Willkühr verstehen; die dem Vocke unter Demokratie einen Himmel aus Erden, ein wahres Schlaraffenleben vor lügen, wo der Mensch weder zu arbeiten noch Steuern zu zahlen brauche und doch alle Tage herrlich und in Freuden lebe rc.
Schließlich versieht sich der Deutsche Verein zu den „lieben Landsleuten", daß sie seine Partei, nämlich die die der wahren Demokraten, ergreifen werden.
Wir fordern Jeden auf, sich dieses Actenstück zu verschaffen; er wird es nicht ohne Nutzen aus der Hand legen. Wenn auf diese Weise und mit solchen Waffen gegen die Demokratie gefochten wird, dann steht ihr sicherer Sieg in naher Aussicht.
Der Deutsche Verein, nachdem er alle volksthüm«
Uchen Elemente in sich ausgenommen, nachdem er jede Niederlage der Sache des Volks mit Jubel begrüßt, nachdem er N-ichstruppen nach Wiesbaden verlangt und noch vor einigen Tagen eine Versammlung des Volks zu hintertreiben gesucht hat, wendet sich nun an daS Volk und gibt ihm an die Hand, es möge sich am rec^t ruhig verhalten, es möge sich frei und glücklich dünken, es habe ja die Geundrechte und stehe in der Reihe der freiesten Völker der Erde! Wie erbärmlich erscheint uns eine Partei, die von einer lächerlichen Angst getrieben, zu solchen Mitteln ihre Zuflucht nimmt! Aber das ist ja das Charakterische dieser Partei, daß sie da, wo es gilt, keinen Charakter hat. Es sieht schlimm aus um Menschen, die, wenn sie glauben, Die Zeit der Abrechnung könnte kommen, sich flehentlich an das Volk wenden, das sie verachten und mißbrauchen.
Ihren besonderen Weg geht unsere Regierung. sie beruft das Militär zusammen und überschwemmt damit die umliegenden Orte. Es ergreift einem unwillkühr- lich ein G'fühl gemischt ayS Zorn, Trauer und Mitleid, wenn man Vergleiche anstellt zwischen den März- und Apriltagen v. J. unb heute. Jin März einen Volkstribunen, der gegen alle Gesetze Volksversammlungen berief (die böse Welt sagt freilich, mit Hoher obrigkeitlicher Bewilligung), das einberufene Militär abbestellte, das Volk bewaffnete zum Schutz seiner Rechte rc. und heute denselben Mann an der Spitze der Regierung, mit seinem diplomatischen Aussehen vom Volke vorsichtig sich fern haltend, der nur von Gesetz und Ordnung spricht, statt des Volkes das Limenmili- tär zum Schutz zusammen beruft, und sich so seinem Volke gegenüber mit einem Cordon umzieht.
Wozu das Militär? Wozu all die Vorsichtsmaß- regeln? Fürchtet die volkstümliche Regierung für ihre Eristenz? Und wer bereitet ihr die Gefahr?
Es ist noch nicht ein Jahr, daß der Chef der Regierung unmittelbar aus dem revolutionären Volke auf dem Ministersessel einporgestiegen ist. Er selbst wird wissen und hat eö oft gesagt, daß er Alles gethan hat für daS Volk, was möglich gewesen ist; er hat eine Majorität in der Kammer; war.m nun die Vorsichtsmaßregeln? Herr Hergenhahn hat doch nicht etwa ein bösis Gewissen? Wir wüßten nicht warum.
Wir glauben aber, daß Herr Hergenhahn j ßt einen andern Weg hätte einschlagen sollen, um sich als rechten Volksminister, der er doch sein will, ohne Zweifel auch ist, zu zeigen. Er hätte anstatt des Militärs aus den 4. März abermals eine große Vocköver- sammlung aus dem ganzen Lande berufen und nun das Volk befragen sollen, ob er nicht Alles gehn ten habe, was er am 4. März 1848 versprochen hat, und ob nicht daS Volk Alles erlangt habe, was es verlangen kann. Er hätte auf diese Weise den Dank des Vaterlandes geerndtet und das Volk hätte in ihm seinen Vater wiedererkannt. So aber sagen wieder die Schreier
e* Blätter aus meinem Tagebuch.
Eine Seefahrt von Livorno nach Genua im Okt. 1847.
L
(Fortsetzung.')
Weiter fuhren wir dann aus dem durch Schiffe eingeengten Hafen hinaus in die offene See, wo die Wellen höher schlugen und unseren Wangen, erhitzt von der glühenden Miltagsonne, Kühlung zuspritzten. Leicht tanzte das Schiff auf ungestümmer Woge, während meines jugendlichen Schiffers dunkles Gelock die gebräunte Wange umspielte und die Bänder seines Hütchens und das lose um den Hals geschürzte Tuch lustig in den Lüften flatterte. Er sang mit klangvoller, heller Stimme ein Liedchen, was, wie er sagte, schon oft in nächtlicher Weile, begleitet von seiner Laute, an des Liebchens Fenster errungen, damit sie, wenn sie hinüber in die zauberhafte Welt ziehe, seiner nicht vergesse; und ich lauschte den lieblichen Tönen, gelehnt an das Segel des Bootes, und schaute zugleich nach dem schönen Genua, welches malerisch die auf beideu Seiten den Busen einschließenden Abhänge einnimmt und sich mit seinen Befestigungen und Landhäusern bis auf den hohen Bergesrücken erstreckt, von wo diese mit ihren wehenden Fahnen majestetisch auf's Meer hernied rblicken. Sv verflossen in seeligem Schwelgen die heißen Stunden des Tages, und wenn die Sonne ihr farbiges Feuer in dem Meere zu erlöschen
begann, zogen wir heimwärts, erbaut und gesprächig, ich in mich gekehrt und stumm durch die imposanten Schönheiten, welche mir die Fahrt geboten.
Oefters verließ ich auch, wandernd an den Ufern des Meeres, die Mauern der Stadt, lagerte mich an dem einsamen Strande hin auf die schroffe Klippe und ergötzte mich an dem Spiel der Wogen: denn es gewährt große Unterhaltung, zu betrachten, wie eine Welle klein aus dem Meere emporsteigt, immer zunimmt und zuletzt sich mit aller Kraft an den felsigen Ufern schäumend und krachend zersplittert. Man glaubt sich allein mit diesem ungeheuren Elemente, man hört nichts als das über- täubende Gebrüll, in der Ferne Kanonendonner ähnlich. Wäre ich am Meere geboren, ich würde ein Seemann geworden sein, denn trotz aller seiner Wildheit ist es mir nicht furchtbar, es zieht mich mächtig an, auf ihm schwimmend, glaube ich mich sicherer als auf dem Festland unter sclavischen, trügerischen Menschen und fiele ich ihm zum Opfer, so unterläge ich deinem übermächtigen Herrscher, nicht aber meines Gleichen. —
Als ich von dir Abschied nahm, stolzes Genua, das du mir in so kurzer Zeit so theuer geworden, floß eine heiße Thräne über meine Wangen und meine Lippen klagten mit dem unvergeßlichen Platen:
„Kein Bleiben vergönnt des Schicksals Beschluß mir: „Zwar freiwillig und doch ein Gezwungener mag ich,
„Muß dich wieder verlassen
„Genua, blühende Stadt!
Wie glücklich könntest du sein, Oberitalen, das du in so reichem Maaße von der Natur und der Kunst beschenkt bist. Doch du bist unglücklich, furchtbar unglücklich, weil eine fremde Macht Dich zu Boden geworfen, dich mit Ketten belastet so schwer, daß du sie nimmer zerreißen, nimmer vernichten kannst: Oestercichs wohlqeübtes Heer und unzählige Festungen erdrücken deine schon so oft gewagten Befreiungoversuche. Deiner gedachte ich schon damals, armes geknechtetes Volk, als ich in den von Beute überladenen Sälen des Wiener Zenghanses umhcrwantclte und in einem Winkel eine Carbonarifahne mit der Inschrift: Indepedenza o morte zwischen einer der französischen Republik und des getretenen Polens einsam flattern sah. Wie Trauergewänder, wie eine Todten- krone, wenn der Wind ihre Sléitte? bewegt, rauschten sie, klagten sie über den Untergang der Freiheit, aber auch Rache und Unheil heraufbeschwörend über die Tyrannen.
Manches edle Blut hat schon Jtalien's Unabhängigkeit wegen den Boden gefärbt, so auch das Eure, edlcs Bruderpaar Bandiera, an das ich oft gemahnt wurde, als ich in Vencdig's Zaubergarten einher wandelte Schlummert ruhig an Istriens Küste und unbesorgt, wenn auch der Henker Euer Andenken mit dem Verbrechen eines Verrälhers bejubeln will; die Nachwelt wird Euch Märtyrer nennen, und in dcr Geschichte Italiens werden Eure Namen in gvldner Schrift Hervorleuchten.
(Fortsetzung folgt.)