Kme Zeitung.
„âeihett und Neeht!"
,4g 49. Wiesbaden. Dienstag, 27. Februar 18419.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit AuSna-ine des Montags, täglich in einem Bogen. — Der ÄvonnementSpreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 ff. 45 fr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und stno bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
^ Erfolg der Grundrechte.
In einem frühern Artikel — No. 12 der „Freien Zeitung * äußerte der Einsender dieses große Zweifel, ob die Grundrechte ohne Weiteres durchgängig publizirt werden und zu allgemeiner Geltung gelangen würden.
Was damals unschwer vorauszusehen war, ist leider in Erfüllung gegangen.
Die tietnen Staaten sind zwar mit gutem Bei piele vorangegangen und haben die Grundrechte publizirt, da. gegen ist dies von größern Staaten — P.eußen, Oestreich, Baiern, Sachsen und Hannover — trotzdem, daß einige der betreffenden Kammern auf sofortige Publikation drangen beanstandet worden. Man hat sich Von Seiten der betreffenden Regierungen gegen unbedingte und sofortige Publikation der Grundrechte au^ gesprochen und will sich vielmehr auf das sogenannte VereinbarungSprinzip fußen.
Indessen liegt auf der flachen Hand, daß die Nationalversammlung , durch das deutsche Volk zum Ver- faffuttgSwerke berufen, zum Erlaß des fraglichen Gesetzes befugt ist, ohne daß die Einzelregierungen noch weiter ihre Einwilligung zu geben hätten.
Was geschieht nun aber?
Den Grundrechten und allen ewigen und unantastbaren Volksrechten zum Trotze erneuerte man in Oestreich nach Erlaß der Grundrechte ein weiland Metternich- sches Verbot gegen den Deutschkatholizismus, trotzdem daß überdies der Reichstag zu Kremsier volle Religionsfreiheit ausgesprochen hat, unterdrückt man durch einen Windtschgrätz, Melden und Consorten die Preßfreiheit und das Versammlungsrecht, läßt man durch sogenannte Militärgerichte Zivilpersonen aburtheilen oder gar zum Tode verurtheilen, während die Todesstrafe abgeschafft ist.
In Preußen hat man, trotz der Grundrechte, gleichfalls die Preßfreiheit und das BersammlungSrecht mehr» fach unterdrückt, namentlich in Berlin unter der Direktion des Generals Wrangel. Man nimmt sich ferner, namentlich in Berlin, heraus, Mitglieder der aufgelösten Nationalversammlung, den Vagabunden gleich, auszuweisen, wie dies z. B. bei Nobbertus und und Arnold Ruge vorkam, welchen letzter» der General Wrangel ausweisen ließ, trotzdem daß, wie man sagt, das Ministerium ihm den Aufenthalt zu Berlin gestattet hatte, wozu es freilich keiner besondern Erlaubniß bedurfte, da Artikel I. §. 3. der Grundrechte sagt: „Jeder Deutsche hat das Recht, an jedem Orte des Reichsgebiets seinen Aufenthalt und Wohnsitz zu nehmn.
Auch in kleinern Staaten werden die Grundrechte nicht beobachtet, wir verweisen nur auf Koburg, woselbst demokratische Blätter, das Koburgea Tagblatt und die neue Dorfzeitung, unterdrückt werden sollten, weil sie ohne Conzession erschienen, während Artikel IV. §. 13.
der Grundrechte sagt, daß die Preßfreiheit durch Con- zessionen nicht beschränkt werden dürfe.
In dem mit Koburg unter einem Fürsten stehenden Gotha scheint man dagegen löblicheren Grundsätzen zu huldigen, indem man daselbst, Zeitungsnachrichten zufolge, die wahrlich ein geringes Maß von Freiheit gewahrenden Grundrechte als daS Minimum der Freiheit betrachtet und über das darin zag« sicherte Maaß hinaus zeitgemäße Freiheiten gewahren will.
Wie schon der Märzverein zu Frankfurt in einem Aufrufe ausgesprochen, soll jeder Deutsche, der es wohl mit dem Vaterlande meint, ernstlich darauf bedacht sein, den Grundrechten Ausbreitung zu verschaffen; damit hängt zusammen, daß man Verstöße dagegen und Nicht- beobachteu derselben zur öffentlichen Kenntniß bringt, damit die betreffende That mb ihre Urheber, wenn sie auch der verdienten Strafe entgehen sollten, doch wenigstens öffentlich gebranvmarkt werden.
Möge deßhalb Jeder, dem es mit dem Wohle des Vaterlandes ernst ist, ihm b.kannt werdende Verletzungen der Grundrechte, sie kommen, woher sie wollen, vor das Forum der Oeffentlichkeit bringen; die freie Presse hat schon manche verstockte Personen aus einen bessern Weg geleitet.
Deutschland.
B. Wiesbaden, 25. Februar. Mit G'ockengeläute und Kanonendonner wurde gestern hier der Jahrestag der französischen Revolution gefeiert mb auf dieselbe Weise heute Morgen noch einmal der Sieg verkündet, durch welchen das französische Volk die Monarchie niedergeschmettert und den Anstoß zur europäischen Revolution gegeben hat. Aus dieser Feier schon allein sehen wir, daß unsere Regierung ernstlich sich zu den großen Grundsätzen der Revolution bekennt, und daß sie nicht zurückschrecken wird vor ihren Consequenzen. Die Zeit des alten Zopfthums und des Ersterbens in allertiefster Unterthänigkeit ist für immer vorbei. Es lebe unsere Regierung! Es gibt indessen hier, wie auch an andern Olten ungenügsame, mißtrauische Menschen und Wühler, die die guten An- und Absichten der Regierung stets verkennen und ihr Alles mißdeuten. So sagen z. B. heute Viele dieser Wühler, das Glockengeläute und der Kanonendonner hätten zur Feier des GeburtS- festes Ihrer Königlichen Hoheit, der verwitt- weten Frau Herzogin, Pauline von Wür- Lemberg, stattgefundeu. Es wird aber jeder „guter Bürger", der nicht so mißtrauisch ist, der also weiß, daß solche alten Geschichten für immer aufgehört haben, die Gehaltlosigkeit dieser Insinuationen einsehen. Die verwittwete Frau Herzogin hat mit dem Staat als solchem unseres Wissens nichts mehr zu schaffen, als daß sie von demselben bedeutende Gelder als Wittthum bezieht. Unsere volksthümliche Regierung wird deshalb doch natürlich nicht dulden, daß die Militärbehörde zu
Ehren einer Frau, die den Staat nichts mehr angeht, als daß sie ein Wittthum^ von demselben bez eht, auf Staatskosten kanoniren lassen und daß überhaupt unser Militär zu Ehren dieser Frau verwendet wird. Wer am 4. März in Wiesbaden war und die Reden deS Herrn Hergenhahn und sonstiger Volks-Männer, die jetzt in der Regierung sind, gehört hat, der weiß, daß die Zeiten vorbei sind, wo man die Söhne des Landes dazu verwendete, um vor Hohen und Höchsten Herrschaften Posten zu stehen, zu salutiren, und der weiß auch, daß eine Regierung, an deren Spitze Herr Her« genhahn, der die Revolution geleitet hat, solche Geschichten, wenn sie versucht werden sollten, nimmermehr dulden würde, und zwar im vorliegenden Fall um so weniger, als uns die verwittwete Frau Herzogin ja nur erinnert an den verstorbenen Herzog und an bL» Domänenfrage, an 1831 und 1832, an die Fânfmän nerkammer i£. Ww bleiben deshalb dabei, daß bic Feier zur Erinnerung an die glorreiche französische Revolution stattfand, und schenken den andern boshaften Auslegungen keinen Glauben. Aus denselben sieht man wieder recht, wie einem Alles verdreht wird. Hr. Her- genhahn hat ganz Recht, wenn er solchen Schreiern keine Antwort gibt.
* Wiesbaden, 26. Februar. Die Furcht bet guten Bourgeois und der Hof- und sonstigen Räthe vor dem 4. März gewährt wnklich einen kläglichen Anblick.
Diese Menschen, die frech und beharrlich leugneten, die Nassauer hätten am 4. März v. I. eine Revolution gehabt — diese muthlosen Menschen beben schon bei dem Gedanken an den kommenden 4. März! Diese Menschen, welche, sich behaglich auf ihren fetten Bauch klopfend, in die Welt schreien: „ihr lieben Landsleute, was wollt ihr denn — wir haben ja Alles, was wir wollen" zittern unaufhörlich vor einem neuen Aufstand, und beweisen mit dieser ihrer Furcht am besten, daß die lieben Landsleute noch lange nicht Alles haben, was sie wollen, sie beweisen mit ihrer Furcht nur zu unleugbar, daß sie selbst kein gutes Gewissen haben! Diese Menschen, denen das Geld der Gott ist — wollen unaufhörlich nur Ruhe, Ruhe, und wäre sie auch die feigste, niederträchtigste von der Welt und unter ihnen sind gewiß nicht wenige, welche diese „Ruhe" um jeden Preiß, selbst den ihrer eignen Ehre erkaufen würden.
O ihr armen Narren! Glaubt ihr denn wirklich, durch das Parlamentsgeschwätz werde das deutsche Reich zusammengelkimt werden? Wollt ihr nie und nimmer begreifen, daß ein neues Deutschland nur mit unsäglichen Wehen und Schmerzen geboren werden kann? Doch für den März tröstet euch nur! Die Tage der Revolution werden selten yo:aus bestimmt, denn sie kommt wie der Wind, vo r dem Niemand weiß, woher er koinmt, und wohin er geht.
Wollt ihr aber einen Begriff von der großartigen Furcht der Bourgeois und Beamten vor dem März er-
' ^ Blätter aus meinem Tagebuch.
I.
Wie du von Aussen, Herrscherin des Meeres, himmlisch, so sind es auch deine inneren Räume. Die Namen der Künstler, welche dir Werke geliefert, wird die dankbare Nachwelt nimmer verlöschen. Wer die Farbenpracht in Tizians Gemälden: „Maria's erster Tempelgang, Maria's Himmelfahrt" und im Dogenpallast „der Glaube" geschaut, der wird staunen vor seiner Größe nnd nicht zögern, ihm den ersten Siegespreis zu ertheilen. Doch auch der sanfte Bellini steht hoch, wie zart sind bei seiner heiligen Jungfrau die Farben aufgetragen, cs scheint, als sei sie ein farbiger Hauch, ein Gebilde aus jener Welt, das sich der Mensch, weil er hier durch alte und neue Verkehrtheiten in einem Un- glücksthale wandelt, als Inbegriff von allem Schönen und allem Glück geschaffen hat. Auch des alten Palma muß ich Erwähnung thun, denn, indem er die heilige Barbara malte, hat er sich ein ewiges Denkmal gesichert. Diese majestätische Stirne, dieses Auge, man glaubt, in ein unergründliches Meer hoher, edler Gedanken zu sehn, die sich in in ihm spiegeln.
Das Innere des Dogenpallastes athmet einen Reichthum, der alle menschlichen Begriffe übersteigt, überall erblickt man kostbaren Marmor und werthvolle Gemälde und dennoch trotz dieses Glanzes ist Alles dnrch das, was ich nachher sehen mußte, fast spurlos aus meiner Seele geschwunden, bis auf zwei Gegenstände, das erwähnte Bild von Tizian und ein geschichtliches Freskogemälde, die Unterwerfung Friedrich Barbarossa's darstellend: der Pabst tritt ihm, dem knieenden auf den Nacken und spricht, wie die unten am Rande geschriebenen Worte bekunden: Endlich bist du gebändigt, Giftwurm! Welch' eine Inkonsequenz von diesem Kaiser, unbegreiflich, wie ein Mann sich so demüthigen kann! eine unerhörte Schwäche, ein ewiger Schandfleck für ihn!
— warum zog er einen ruhmvollen Tod nicht vor?
Aus den von Ucbermuth und Ucberfluß strotzenden Gemächern stieg ich hinab in die düsteren Kerker. Kommt mit mir, edle Aristokraten, die ihr prahlt mit Edelmut!) und Menschlichkeit, schaut mit mir die schauerlichen feuchten Räume, in die nie der Sonne erquickendes Licht geschienen und bewundert mit mir, durch welche humane Mittel Eure Standesgenossen sich ihre Macht über das geknechtete Volk zu wahren gewußt haben. Durch des darbenden Volkes Schweiß haben sie die Mittel erlangt, auf dem lockenden Polster der Wollust zu schwelgen und zu prassen und wehe dem, den sie murren hörten. Den
«»glücklichen Gatten, den Vater haben sie in der Nacht dem trostlosen Familienkreise entrissen, von Helfershelfern in die nassen Käfige ober die furchtbaren Bleikammern geschleppt, wo er Wochen, Monate lang der Verzweiflung P eis gegeben schmachtete, von der Sonne, die sonst mir die Wohlthäterin der Menschen, gequält. Endlich nahen Schritte, die schwere Pforte öffnet sich, er wird über die Seufzerbrücke, wo er tief seufzend stöhnt: „werde ich endlich zur Freiheit oder zum Tode geschleppt", zum Verhör geführt. Er gesteht Nichts, denn er hat Nichts zu gestehen, die Folterwerkzeuge werden herbei geschleppt; vom Schmerz überwältigt sagt er, was man verlangt, was er aber nie begangen. Das Todesurtheil ist gefällt, er wird zur Schlachtbank geschleppt. — Seht, noble Aristokraten, dort in jenem Winkel dicht an einer der feuchten Zellen, ist der Ort, wo eure humanen Ranggenossen soviel des unschuldigen Blutes vergossen. — Der Schwerdtstreich ist geschehen, der unten in der Laguue schon harrende Kahn empfängt .die Leiche und führt sie im Dunkel über das Meer zum Friedhof auf jener Insel, wo man sie einscharrt. Alles dieses in schweigsamer, finsterer Nacht, der Schützerin des Frevels.
Muß auch immer, wenn meine Seele sich weidet an Venedigs Genüssen, jenes unheilvolle Bild den unendlichen Zauber verwischen und eine wilde Zornesflamme aufsteigen lassen gegen jene Kaste, die ein höhnisches Spiel treibt mit den heiligen Rechten des Volkes.