Einzelbild herunterladen
 

>£ 7.

Kreit Zeitung.

âeiheit und Recht!"

Wiesbaden. Samstag, 24. Februar

1849.

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden l ff 45 kr durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeituna" stets von Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die viersxaltige Petitzrile oder deren Raum 3 Kreuzer.

auswärts wirksamem

Rückblicke und Aussichten.

T Aus der Provinz, den 18. Febr. Jetzt, nach­dem beinahe !cm Jahr seit unserer glorreichen März- erhebung verflossen ist, ziemt es sich wohl, einmal näher zu beschauen, was wir durch dieselbe erreicht haben, was aus unserer deutschen Einheit und Freiheit ge­worden ist. Wir wollen mit den Lenkern unserer bis­herigen Geschicke im Parlament beginnen, welche zwar Grundrechte beschlossen haben, die jedoch nur in einigen kleinern Staaten publizirt sind, in den.größern wohl nie Pu­blizist werden; sie haben eine Verfassung verfertigt mit Volks- und Staatenhaus, mit Neichsrath und oben da­rauf einem Kaiser, von dem sie freilich selbst noch nicht wissen, ob er erblich oder wählbar, auf 12, 6, 3 Jahre, oderauf Kündigung" anzustellen sei. Um leichtere Arbeit zu haben, und den erlauchten Königs von Preu­ßen an die Spitze zu bringen, hat man Oesterreich aus­geschlossen, und nun kommt Preußen selbst und sagt, die Kaiserwürde sei nicht nöthig. Der Felsblock, den das Parlament wie Sisyphus keuchend den Berg hinauf­gewälzt hat, stürzt somit polternd herab, alle Mühe war vergebens, und wenn sie ihn das zweitemal hinauf­wälzen, wird er wieder herunterpoltern und zwar so lange, bis man auf den ganz einfachen Gedanken kommt, den Berg mehr abzutragen.

In der wichtigsten Angelegenheit nach Außen, im Flottenbau, ist man fast noch gar nicht vorgeschritten, es sind nur noch wenige Schiffe vorhanden, wahr­scheinlich werden aber sehr viel Pläne zu neuzncrbauen- den in Frankfurt beim Marine-Ministerium liegen, die man den Dänen wohl vorzeigen wird, wenn sie nach Verlauf der letzten zwei Monate des Waffenstillstandes die Feindseligkeiten von Neuem beginnen, womit man sie jedoch schwerlich einschüchtelt. Für das materielle Wohl des Volks ist nicht das Geringste geschehen; man hat weder weniger Steuern erhoben, ncch dieselben durch Einkommensteuer gerechter vertheilt; man hat nicht für den Schutz der Arbeit gesorgt, man hat sich der Auswanderung nicht angenommen. Alles Geld, was man erschwingen konnte, hat man auf die Verstärkung der stehenden Heere verwandt, angeblich um nach Außen gerüstet zu sein; in der Wirklichkeit aber, um die Anarchie" zu unterdrücken, statt die Heere zu vermin­dern und sie durch eine organisirte Volksbewaff­nung zu ersetzen.

Alles dieses sind die' Thaten und die Unterlassen» schäften des Parlaments, das sich durch solches Be­nehmen alle Sympathien entzogen. Wenn es die Ver­fassung vollendet hat, so wird sich kein Arm rühren, sie einzuführen, und wenn das Parlament selbst sich verabschiedet, oder nach Hause geschickt wird, so ist es Jedermann gleichgültig, denn dem Volke hat es zu wenig, den Fürsten zu viel gethan, und sich dadurch jeden festen Rückhalt verscherzt, sich gleichsam in die Lust gesetzt. Die entworfene Verfassung wird höchstens noch

Werth für Staatsrechtslehrer haben, die auf den Uni­versitäten gelehrte Vorlesungen darüber halten. Met­ternich dagegen wird feierlichen Einzug halten, um die BundeStagsleiche wilder zu erwecken und zu einer glän­zenden Austrstehung zu bringen. In den einzelnen Staaten geht eS nicht bessr; von Oesterreich wollen wir schweigen, wo zwei Drittel der Monarchie im Be­lagerungszustand sich befinden, und ein Windischgratz die eiserne Zuchtrurhe über die unglücklichen Völker schwingt. In Preußen, das uns näher liegt, und von dem wir mehr erwarteten, sehen wir außer den Wran- gel's, Brandenburgs und Manteuffel's und einer ok- troyirten Verfassung, die nach acht preußischer Manier vorn mit schönen Worten und in langen Paragraphen Alles gibt, und hinten in einem einzigen kleiuenZSatze Alles wieder nimmt, noch einen feilen, niederträchtigen Richterstand, der, statt Recht zu sprechen, die widerstre­benden politischen Ansichten verfolgt, die Träger derselben oft auf ganz gemeine Denunziationen hin *) in die Ge­fängnisse wirft, wodurch dieselben so überfüllt sind, daß Niemand mehr daselbst ausgenommen werden kann. Wahrlich, es muß den Patrioten mit Schmerz und In­grimm erfüllen, wenn auch der Glaube an den preußi­schen Nichterstand wankend wird, der sich jogar unter dem grassesten Absolutismus so lange Zeit selbstständig zu erhalten wußte, aus dessen Unpaetheilichkcit trauend, es rin armer Windmüller wagte, dem großen Friedlich mit einem Prozeß zu drohen. So weit ist es gekommen, daß selbst der letzte Anker, an dem sich der Unterdrückte bis jetzt noch anklammerte, gerissen ist ! Und was wird aus den jetzt gewählten Ständen werden, wenn sie die oktroyirte Verfassung nicht anerkennen, oder dieselbe von Grund aus neu gestalten und Garantien für ihre Frei­heit erlangen wollen? Man wird sie, wie die ersten, wieder nach Hause schicken, und gestützt auf die Wran- gel's und Consorten ohne Stände absolut regieren. Ebenso werden es die kleinern Staaten machen, wenn sie, durch den glücklichen Erfolg Preußens ermuthigt, entschiedener gegen die Freiheit aufzutreten wagen.

Das sind unsere Aussichten auf die nächste Zukunft! Dazu kommt im Allgemeinen ein erschlafftes zu k ästi­gem Auftreten unfähiges Volk, das nur Ruhe will und wiederum Ruhe, damit die Geschäfte gehen, die Staats­papiere steigen, und man des Abends ohne Sorgen seinen wohlbeleibten Cadaver ins Wirthshaus zum Schoppen tragen könne. Was hat aber der Vaterlands­freund zu thun, um solche trübe Aussichten abzuwenden ? Nach meiner Meinung wird noch das einzige NettungS- mittel sein, auf kürzere Zeit ruhig zuzusehen; er wird für jetzt denmuthigen" RegierungShelden, die es wagen", dem Volk die Wahrheit zu sagen, das Terrain überlassen müssen, damit die widerstandslos zum Sieg

*) Das wäre eine gute Gelegenheit, um schnell vom Unter- lieutenant zum Oberlieutenant, vom Assessor zum Beaniteu zu avanciren, und selbst füt vagabundirende Professoren würde sich noch ein Stellchen finden, und wenn eS auch nur das eines Pedellen oder Diurnisten wäre. A. d.Elns.

gelangte Reaktion auch den Blödesten klar mache, was sie gewollt hat; damit die Ruhe- und GeschäftSliebenden klnsthen, daß ein im Käfig eingesperrter Finke, wenn er auch Hanflaamen genug zu verzehren hat, und ein ff" s^bstellter Ochse nicht die beneidenswerthen Geschöpfe sind. So muß nach meiner Meinung auch ein Steuermann, der den durch Zufall oder Ptolektion avai cirten Cap-tän Meistens, und schon oft seine War­nungen vor Gefahr vergebens zur Geltung zu b-inaen versucht hat, vielleicht zum Dank noch den Haß des Schiffövolk's auf sich luv, weil es zu einigen diacht­wachen und Entbehrungen genöthigt wurde, so muß, sage ^ch, auch wohl ein Steuermann ruhig zuseb n, wie das Schiff auf eine Sandbank stößt, von der es'flott gemacht werden kann, um alsdann, wieder zum Besitz des Vertrauens der Mannschaft gelangt, den Cap-tain für unfähig zu ei klären, und das Schiff im Verein mit der Mannschaft vor dem völligen Zerschellen an den Felsenklippen zu bewahren. Nur auf diesem Wege wird es möglich sein, die Masse des Volks mit in das Inte­resse zu ziehen; nur durch außerordentliches Unglück wird es gelingen, dieselbe zur Einsicht ihres wahren Vortheils zu bringen. Dann aber, wenn wieder einmal von jen­seits des Rheins der gallische Hahn zum Erwachen ruft, wenn das französische Volk den mit ihm getriebenen Verrath rächt, werden auch die Deutschen kräftiger die, Geschicke des Vaterlandes in die Hand nehmen, zu gleicher Zeit durch Erfahrung klug geworden, daß sie es auf andre Weise beginnen müssen, um einig und frei zu weroen; dann aber werden sie die errungene Freiheit auch besser zu wahren wissen, als die im März vom Himmel gekommene.

Nationalversammlung zu Frankfurt.

175, Sitzung.

* Die Versammlung geht zur Tagesordnung über. Die DiS- cuffton über 8 3 wird zugelassen. Ein Aiitriig des Abgeordneten Kohlparzer, daß, bevor zur Discussion über die 88- 3, 4, & ge­schritten werde, man das Alinea des §. 14:Die Wahl ist di­rekt" in Berathung und zur Abstimmung bringe, wird abgelehnt. §. 3 lautet:

Als beschälten, also von der Berechtigung zum Wählen aus­geschlossen, sollen angesehen werden:

1) Personen, welche wegen Diebstahls, Betrugs oder Unter­schlagung, oder welche wegen eines andern Verbrechens zu einer Zuchthaus-, Arbeitshaus-, Festungsarbcitsstrafe oder zum Verlust der staatsbürgerlichen Rechte durch rechtskräf­tiges Erkenntniß verurtheilt und in ihre Rechte nicht wie­der eingesetzt worden sind;

2) Personen, welche des Rechts zum Wählen rechtskräftig für verlustig erklärt worden sind.

Min o ritäts an tr a g I.Ferner sind ausgeschlossen alle rechts­kräftig zu einer Strafe Vernrtheilten, welche nach den Ge­setzen des Landes, in dein daS Urtheil erging, den Verlust staatsbürgerlicher Rechte nach sich zieht, so wie alle wegen Diebstahls, Betrugs oder Unterschlagung zu einer andern Strafe Derurtheilten, welche nach dem Gesetze des Landes nicht blos eine polizeiliche Strafe ist". (Mittermaier. Schreiner. Römer. Gulich. AhrenS. Reh. Zell. Schü­ler. H. Simon, Fr. Wizard.)

§ 8« Briefe an eine Freundin.

hl

(Sch tu ß.)

Doch will ich nun keineswegs sagen, Christenthum und Humanismus seien sich entgegengesetzt. Keineswegs: das Christenthum hat viele Jahrhunderte lang der Cul­tur der gesummten abendländischen Menschheit den Weg vorgezeichnet seine Sätze müssen nothwendig theil- weije in der innern Natur des Menschen begründet sein. Aber zwei andre Faktoren sind im Laufe der Jahrhun­derte hinzugetreten; die Kenntniß des Heidenthums, vor Allen der Griechen und Römer, und die Kenntniß der Natur. Diese stehen allerdings der christlichen Anschau­ungsweise schnurstracks entgegen. Sie verhalten sich, wie These und Antithese. Der erste lebendige Zusam­menstoß sand Statt im 16. Jahrhundert. Seitdem bie­tet die Geschichte unseres Welttheils den wunderbaren Prozeß dar, wie diese Gegensätze nach einem Vermitt­lungspunkte suchen, wie These und Antithese streben, sich in einem höher» Dritten zu vereinigen. Das Ver­wandte sucht sich dem Verwandten zu nähern, das Fremdartige wird ausgestoßen, und daS Produkt des Zusammenstoßes steht als selbstständige, höhere, in sich fertige und abgeschlossene Einheit da. Denken Sie an's Parallelogramm der Kräfte: zwei Kräfte wirken auf ei­

nen Körper von zwei verschiedenen Seiten ein; jeder für sich allein würde ihm eine besondere Richtung geben, von beiden zusammen getroffen schlägt er eine mittlere Rich­tung ein. Unsre ganz moderne Cultur ist das Resultat eines solchen Prozesses. Die entgegengesetzten Faktoren selber finden wir in unserer Erziehung am Deutlichsten ausgeprägt. Von Kindheit aufgewachsen in den Dog­men des Christenthums fühlen wir später den Gegensatz, wenn wir in die Vorwelt her Griechen und Römer treten, oder wenn wir vertraut werden mit den großartigen Entdeckungen im Gebiete der Naturwissenschaften und deren Anwendung auf Das alltägliche Leben: wenn wir sehen, wie der Mensch mehr und mehr sich d e Natur Dienstbar macht, Deren ewig unwandelbare Kräfte und Gesetze er kennen lernt. Wir gerathen in einen innern Zwiespalt, und erst allmâhlig gelangen wir in diesem in uns vorgchenden Revolutionsprozesse zur Wahrheit, die von Jedem das Untaugliche ausscheidet, und sich als das gediegene Gold offenbart, das aus der Vereinigung von Feuer und Erz hervorgegangen. Diese höhere Ein­heit aber, diese Synthese, die aus dem Zusammenstoß von These und Antithese hervorgcht, brauche ich Ihnen nicht erst zu nennen cs ist nichts anders, als der Humanismus. Sie finden die humanistische Anschauungs­weise schon bei Den Heroen unserer Litteratur: bei Les­sing , Göthe, Schiller :e. Diese sind weder Heiden noch Christen, cs sind eben reine Humanisten. Wir können sogar bei den Meisten von ihnen diesen innern Entwick­

lungsgang das Resultat vornehmlich der Art und Weise Der Erziehung verfolgen. Denken Sie nur an Den Mann , den Sie nnv ich am liebsten vou Allen haben: au Seliiller. Floh er nicht anfänglich aus Der christlich-pietistischen Umgebung, Die ihn aneckelte, in die Welt Des Heivcnthums, zu Den Tempeln und Altä­ren Der Griechen? Rühren nicht daher seine scelenvollen Klagen über Die entschwundene Welt der alten Götter, jene Welt voll Feuer und Leben, voll Anmuth und Liebe, voll Schönheit und Genuß! Und baute er fiel) nachher nicht einen eignen Tempel der Kunst, dem Getre, dem er seine besten Lieder sang, seine schönsten Werke weihte?

Von Göthe will ich Sie nur an Die eine Stelle er­innern :hast du Kunst und Wissenschaft, so hast du Religion" während er für Die derselben Ermangeln­den die Religion also nichts Anders, als Das Christen­thum als sittliche Nothwendigkeit verlangt Schöner und klarer kann man das ganze Verhältniß nicht aus- drücken. Zu welchen Hoffnungen berechtigt uns aber die Zukunft, wenn wir bedenken, welch' reiches Material sie von der Vergangenheit überliefert erhält! Wie glücklich muß das Geschlecht sein, Das sich in vol­lerem Maaße, als wir cs vermögen, die Errungenschaften der Geschichte aneignen kann: nachdem alle Seiten der menschlichen Natur von den niedrigsten Trieben der Sinnlichkeit bis zu dem über die Schranken von Raum und Zeit strebenden Geistesleben, daS alle Materie ver flüchtigen will offenbart, hervorgezvgcn, erprobt, aus