„Freiheit und Recht!"
^ âO» Wiesbaden. Freitag, 23. Februar I8LN»
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An die in No. 34 des Regierungsblattes umberirrenden
„mehreren Landtagabgeordne te."
«Jacta est alcal* (Caesar).
H Aus dem Amte Nassau, 10. Febr. Wir haben in No. 29 der „Freien Zeitung" in einem Artikel unter der Überschrift „Wohlfahrt und Freiheit" einen dringenden Zuruf ergehen lassen an diejenigen unserer Mitbürger und an diejenigen unserer Abgeordneten, welche über der Sorge für massivste (leibliche) Fragen die So^ge für die politische Freiheit und die Volksrechte zu vergessen scheinen, und namentlich auch unsern Abgeordneten Jost Schmidt (mit dessen früherer Wirksamkeit wir eben so sehr einverstanden waren, als wir es mit seiner jetzigen entschieden nicht sind), gemahnt, daß er über der Obsorge für den Kreisamtssitz in Nassau nicht vergessen möge, daß das Volk sich nicht mehr mss einem hingew.wfenen Gnadenbrocken, wie ein Kreisamtssitz ist, begnügt, sondern sein Recht, seine Freiheit und seine Selbstregierung in allen Kreisen des öffentlichen Lebens verlangt, und daß es vor Allem verlangt, daß in der Fürsorge für diese seine Urrechte seine Abgeordneten nicht fahnenflüchtig werden.
Auf diese unsere Ansprache finden wir eine Erwiederung in dem Regierungsblatt, überschrieben: „Erklärung mehrerer nassauischen Abgeordneten", und unterzeichnet: „Mehrere Landtags- Abgeordnete". Seinen Namen hat aber dabei keiner dieser Herrn „mehreren Abgeordneten" genannt. Wir meinen, wenn Jemand in seiner persönlichen Eigenschaft als Landtags-Abgeordneter in einer Zeitung öffentlich vor dem ganzen Lande auftreten will und verlangt, daß man ihm glaube, er sei wi klich ein Landtagsabgeordneter, dann muß er doch wenigstens seinen ehrlichen Namen neunen. Obgleich nun die „mehrere Abgeordnete", welche sich das Herzoglich Nassauische Regierungsblatt auserkoren haben, und welche darin (zur Belohnung für ihre Fortschritte im Zutrauen zu den Herrn Reichmann, Werren, Hergenhahn und Eonsorten) auS dem Sprechsaal zum leitenden 21 titel hinaufgerückt sind, obgleich sie ihre Abgeordneterwürde lang herausgehängt, aber ihre werthe Person tief in den Hintergrund zurückgezogen haben, so finden wir uns doch veranlaßt, ihrer Erklärung mit folgender Standrede zu antworten:
Meine „mehrere Abgeordneten"!
Ihr sagt, Ihr wäret weder „Wühler noch Reaktionäre". Das ist ein schöner Spruch; nur schade, daß er schon gar zu abgedroschen ist! Vielleicht habt Ihr, da Ihr Euch ja auch um Politik bekümmert, oder doch bekümmern solltet, schon von einem gewissen Herrn Ritter Anton von Schmerling gehört, welch r
längere Zeit in Frankfurt an der Spitze des Reichs- ministeriums stand. Der versicherte auch stets, er wirde ebensosehr der Wühlerei, wie der Reaktion entgegen- treten. Hintendrein hat man freilich gemerkt, daß daS bloße Redensarten waren, wodurch er die große Menge zu übertölpeln uud seine schwarzgelben Absichten zu erreichen wußte. Darüber ist j tzt wohl Niemand mehr im Zweifel, und es lacht schon seit lange Jedermann darüber, wenn irgend ein Idiot die Redensart vom „gleichmäßigen Bekämpfen der Wühlerei (Anarchie) und der Reaktion" vorbringt. Das wißt Ihr nun wahrscheinlich noch nicht und glaubt, diese Redensart, welche vor % Jahren gangbar war, gelte auch jetzt noch. Allein darin wtJhr. Wir glauben indessen nicht, daß Ihr irgend Jemand übertölpeln wollt oder irgend Jemand übertölpeln könnt; auch glauben wir nicht, daß Ihr schwa zgelbe Al sichten oder daß Ihr so ist irgendwelche Absichten dabei habt. Wir bedauern nur, daß ihr geglaubt habt, Euch unter den Schutz einer Redensart stellen zu können, welche längst ein Gegenstand des öffentlichen Gelächters geworden ist.
Meine „mehrere" Herrn Abgeordnete!
Ihr sagt ferner, Ihr stimmtet für Alles, was Euch zweckmäßig scheine, möge es von rechts oder von hnfa, von der Regierung oder sonst woher ausgehen. Ganz gut gesagt! Aber, meine „mehrere" Herrn, es wird Euerem Scharfsinn nicht entgangen sein, daß die Linke eimrs its und die Rechte (oder das Ministerium Hergenhahn) andererseits in offenem, gradem und nicht zu vermittelnden Widerspruch stehen, so daß entweder die Linke oder die Recht (die Regierung) Recht haben muß. Wenn Euch das noch nicht klar ist, so nehmt folgendes Beispiel: Eine Versammlung hat ein Rechenerempel auszurechnen. Der Theil der Versammlung, welcher rechts sitzt, geht dabei von dem Grundsatz aus: Zwei mal zwei sei fünf. Der Der Theil, welcher links sitzt, rechnet aber nach dem Grundsatz: Zwei mal zwei ist vier. Nun kommt Ihr also und sagt: „Was liegt mir an den Grundsätzen? Wir halten eS bloß mit der Zweckmäßigkeit, wenn uns das Ergebniß der Rechten zweckmäßig scheint, dann stimmen wir dafür; wenn uns das Ergebniß der Linken zweckmäßig erscheint, dann stimmen wir dafür; aber um daS Einmaleins kümmern wir unS nicht!"
Wenn Jemand so schwätzt, glaubt Ihr dann, der verstünde etwas vom Rechnen, oter, wenn er was davon verstünde, er meinte es ehrlich mit der Sache?? Unser Schulmeister meint, entweder vei stünde er nichts oder er hätte seine besondere Absichten als „Narr in seinen Sack"; und was unser Schulmeister meint, das meinen wir auch. In der Politik ist es aber grad so, wie beim Rechnen. Entweder hat die Regierung Recht oder die Linke; beide zusammen können nicht Recht haben. Wer daher ein ehrlicher Mann ist, der soll entweder Negierungsmensch (rechts) oder Volksmann (links) sein.
Wer aber glaubt, er könne beides in sich verei k^en, der tauscht entweder sich selbst oder Andere. Wir ge. ben sogar auf Lute, wie Großmann, Leisler und Zollmann, obgleich ihre Wähler ihnen ihr entschiedenes Mißtrauen ausgesprochen haben, mehr, als auf diejenigen, welche heute hüben, morgen drüben si'd, heute für das: „Zwei mal zwei ist vier!" u id morgen für das: „Zwei mal zwei ist fünf!" stimmen.
Meine „mehrere" Herrn Abgeordnete!
Wenn Ihr deshalb sagt, es sei Euch „eine gründliche Widerlegung nicht möglich", so kann ich nicht umhin, Euch darin vollkommen beizustimmen.
Meine „mehrere" Herrn Abgeordnete!
Ihr leugnet, daß Ihr jemals bei Eueren Wählern und Mitbürgern vorgegeben hättet, Ihr gehörtet zur Linken. Ihr habt leider das V rseben begangen, Eure Namen nicht zu nennen, es wäre uns sonst vielleicht möglich gewesen, Euerem Gedächtniß etwas zu Hülfe zu kommen, in der Art, daß wir „mehreren" unter den mehreren Herrn Abgeordnete nachgewiesen hätten, daß wo und wie sie sich früher (in den Z iten vor Wrangel und vor Windischgrâtz und in den Zeiten vor dem Zehntgesetz) als zur Linken gehörig bezeichnet haben. Eure übermäß ge Besch"idenheit in Nichtnennung Eurer bescheidenen Abgeordneten-Namen hat unS dieses Vergnügens beraubt.
Geehrte „mehrere" Herren!
Ihr sagt, man mache Euch mit Unrecht den Vorwurf, Ihr wäret nur bis zur Erledigung der Zehntfrage freisinnig gewesen. Ihr sagt das so gradweg und verlangt, daß man's glaubt. Es ist aber doch eine Thatsache, daß Ihr, so lange die Zehntfiage noch schwebend war, mit dei Linken, und daß Ihr nach deren Erledigung mit der Rechten gestimmt habt. Soll man diesen plötzlichen Wechsel in der Luft, in der Politik, oder soll man ihn in--der Zehntgeschichte suchen?? Wir glauben in letzterer! Ihr versprecht uns, der „Verlauf der Zeit" und Euere „fernere Handlungsweise" werde das Gegentheil lehren. Nun, wir wollen es hoffen, aber glauben können wir es nicht! Euere Mitbürger aber werden über Euch zu Gericht sitzen!!
Geehrte „mehrere" Herrn!
Ihr sprecht am Ende allerlei über unsern Jost Schmidt. Ihr sagt, er sei stolz darauf, zum Karfi- liberalismuS" zu gehören, weil er wisse, daß er das Gegentheil vom Karst-Liberalismus" sei. Das begreife, wer will; ich gestehe, daß tch's nicht begreife, wie Jemand stolz daraus sein kan», zu einer Partei zu gehören, weil er weiß, daß er zum Gegentheil derselben gehöre. Nun ja, freilich
„WaS kein Verstand der Verständigen sieht, Das ahnet in Einfalt ein ländlich Gemüth!"
§ §. Briefe an eine Freundin.
III.
~ Der Sozialismus will den Himmel des Christenthums herab auf die Erde ziehen, die Erde zum Himmel, den Himmel zur Erde machen. Die Menschen sollen erkennen lernen, daß die Erde der einzige Tummelplatz zur Ent- wikelung ihrer Kräfte ist, daß ihr einziges Glück nur darin besteht, diese Entwikelung von ihren Uranfängen bis auf den heutigen Tag zu verfolgen, und die Gegenwart zu einer immer höhern Stufe der Vollendung zu führen, sie sollen den Gott kennen lernen, dessen geheim- nißvvileS Walten durch die Geschichte der Menschheit geht, der sich in den Werken und Schöpfungen des Menschengeistes offenbart. Sie sollen den niedrigen Egoismus über Bord werfen, der bis jetzt noch die meisten Handlungen der Menschen entstehen ließ, und dagegen sich zu der Höhe jener Moral erheben, wie der „Humanismus" sie predigt. DaS Christenthum kennt nur die Belohnung des Jenseits als Triebfeder deS Guten; der Humanismus hat daS innere Glück der Einzelnen, daS ewige Recht deS Einzelnen, wie der Gesammtheit zum Urgründe aller Moral. DaS Christenthum hat sich unfähig erwiesen, auf politischem Gebiete etwas Vernünftiges hcr- vorzubringcu: und zum wenigsten ist diese Unfähigkeit in in der Gegenwart unbestritten; der Humanismus dagegen laßt seine Lehren bis in die geheimsten Kanäle der StaaS-
in alle Formen und Verhältnisse dcö würde den
bildungen rinnen,
Lebens, und stets und überall mit derselben Bewährung der innern Wahrheit und Vortrc'flichkcit. DaS Christenthum war zu sehr jenseits, um daS diesseits nach allen Seiten einer gehörigen Erörterung zu würdigen ; der Humanismus kennt nur das diesseits, will eS aber darum mit alledem anSgestattet wissen, waS daS Glück der Menschheit begründet. Er weiß auS dem Dasein deS Menschen keine andere Folgerung zu zichen, als die der nothwendigen Erhaltung desselben behufs einer möglichst freien und ungestörten Entwickelung all seiner Kräfte, all der Keime, an deren Fortbildung wir unsern Genuß uud unser Glück finden. DaS Christenthm faßt den Zweck deS Jenseits zusammen in daS Wort „Seligkeit"; worin aber diese Seligkeit bestehe, wie sie beschaffen sei, waS für ein Leben dort die Geister führen werden, daS vermag eS nicht zu sagen. „Es endet mit einem Fragc- ;eichcn." Darum ist eine klare Bestimmung deS Urgrundes seiner Moral unmöglich. ES kann wohl manches Wahre sagen, aber nichts ist da, waS uns vor dem Falschen schützt, und jedenfalls entbehrt die Wahrheit aller Vollständigkeit. Ja selbst wo die Wahrheit ist, da ist sie nur auS der innern Natur deS Menschen entnommen, und hat blos den Prätext einer anderweitigen Offenbarung. „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!" wer vermag was dagegen zu sagen t Aber dennoch ist der Satz unklar, unbestimmt, mehr vom Gefühl, wie vom Bewußtsein diktirt. Der Humanismus
Gedanken etwa also wiedergeben: achte in jedem Menschen den gleichberechtigten Mitbruder! Denn der Humanismus hat einen ganz bestimmten Zweck deS ErdendascinS, den er aus dem Dasein jedes einzelnen Menschen überhaupt, und auS dem Begriff der Menschheit als Gattung entnommen. Der Humanismus kann Alles auf diesen an sich klaren Zweck zurückführen. DaS Christenthum würde, in Ermangelung einer klaren Zweckbestimmtheit deS irdischen Daseins, oft vergebens eS versuchen. Der Eine leitet dies, der Andere daS daraus ab, eS sind zwei entgegengesetzte Resultate — und dennoch hat Eines dasselbe Recht, wie daS andere, dennoch läßt sich jedes mit demselben Recht auS dem j unklaren Ursprünge herleiten. Der feurige Republikaner LamenaiS, und der pietistische Absolutist Hengstenberg: sind nicht Beide P.cdigcr deS Christenthums? Der Rumäne beruft sich bei all seinem Ringen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auf die Glau- beuSsätze der Bibel; die heilige Allianz nimmt Zweck und Mittel auS der Bibel, und ist darum noch keineswegs hinter eine Heuchelei versteckt; jeder DeSpvt leitet sein GotteSgnakcnthum aus der Bibel, und auch der heilige Vater in Rom sucht in ihr seinen RechtStitel. Wer hat Recht? DaS Christenthum gibt unS keinen Aufschluß darüber. Vielleicht haben sie Alle recht. —
(Schluß folgt.)