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Freiheit und Uecht!"

Wiesbaden. Freitag, 15» Februar

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DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden l fl. 45 kr, aus­wärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirk- samem Erfolge. Die ZnserationSgcbühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 Kreuzer.

Assisenverhaudlungen zn Wiesbaden.

Sechzehnter Proceß.

Anklage gegen Correktor und Sprachlehrer Carl Schapper von Weinbach, Bergmann Dr. Joh. Baptist Mayer von Kayenellenbo­gen, Hosgerichtsprüsident Adolf Raht von Dillenburg, Amtssekretär Karl Aug. Heh- ner von Rennerod, Prokurator Friedrich Lang von Wiesbaden, Pfarrer Friedrich Heinrich Snell von Langenbach, Advokat Friedrich Müller von Nastätten, Liqueur- fabrikant Gustav Justi von Idstein, Land- ob er sch ult he Ludw. Wenkenbach von We­hen und Redakteur Julius Oppermanu von

Wiesbaden, wegen Hochverraths.

(Fortsetzung.)

$ Wiesbaden, 13. Februar. Raht weist^ sehr ausführlich nach, welchen geringen Glauben man dem Port'schen Protoeolle schenken könne und bemerkt unter Anderem, wie höchst unangemessen cs sei, heimlich m solche Versammlungen Berichterstatter zu senden, um eine Anklage zu schmieden. Wenn man dieses doch gewollt habe, warum man dann nicht das Amt zu Idstein da­mit beauftragt habe, das sei dann doch gesetzlicher gewesen, als eine solche Verfahrnngsweise. Er führt dann aus, daß in Folge der Aufforderung der Nationalversammlung zur Erhebung für die RcichSvcr- fassnng die Idsteiner Versammlung ganz gesetzlich gewesen sei und daß die Theilnehmer an derselben doch wenig­stens gezeigt hätten, daß sic bereit waren, für die Reichs- verfassung Alles zu thun, während die Regierung Nichts gethan habe :e. Von Umsturz des Bestehenden oder Ungehorsam gegen die Regierung sei auch nicht im Min- cesten die Rede gewesen; zufällige Aeußerungen Einzel­ner Dürfe inan doch wohl nicht als Beschlüsse einer Ver­sammlung und blose Absichten nicht als Thatsachen be­trachten re.

Lang berührt kurz und schlagend die einzelnen Mo­mente der Anklage und gibt ein Bild der Parteistellungen in der demokratischen Partei zur Zeit des Idsteiner Con- gresscü. Ein Theil derselben sei von der Ansicht ausge­gangen, über die Reichsverfassung, weil gegen das demo­kratische Prinzip, hinauszugehen, ein anderer, an ihr fcstzuhalten, weil vorläufig das einzig Mögliche, was zu erringen gewesen. Obwohl das Volk nach einem Be­schlusse der ReichSversammlung sogar die Psticht gehabt habe, gegen verfaffungsfeindliche Regierungen Gewalt zu brauchen (Widerspruch von dem Präsidenten) so sei cs doch Unstn gewesen, in Idstein zu Gewalt aufzufvrdcrn, man würde sich nur lächerlich gemacht haben re.

Oppermann hebt hervor, wie eS in einer solchen Zeit der Noth Psticht gewesen sei, das Vaurland der drohenden Schmach zu entreißen. Der Regierung hätte man deshalb den Willen des Volkes zu erkennen geben müssen, das sei durch die Idsteiner Versammlung geschc-

hen. Daß das dort Beschlossene der Wille des Volkes gewesen sei, das beweise jetzt deutlich das Resultat der Wahlen nach Erfurt, durch diese habe das Volk die dortigen Beschlüsse erneuert. Die Staatsanwaltschaft behaupte den Congreß habe den Charakter einer neuen Volksrepräsentation gehabt, da Gemeinden gewählt und die Abgeordneten Vollmachten gehabt hätten, auch ein Bureau gebildet worden sei. Das sei doch im höchsten Grade lächerlich, hieraus den Character einer neuen Volksrepräsentation herleiten zu woUm. Auch mit den Offenburger Beschlüssen habe man die Idsteiner Beschlüsse mdcntificirl, was doch nur blose Vermuthungen und Folgerungen seien, deren Wahrheit man durch nichts »acugewiese» habe. Er spricht sodann auch von der Psticht des Volkes gegen die auswärtigen Rebellen, die die Verfassung nicht anerkannten, sich aufzulehnen und sollten sie auch auf Thronen sitzen. Hierüber verweist ihn der Präsident zur Ordnung. Der Staatsanwalt verlangt, daß der Gerichtshof über neue Verbrechen, die im Laufe der Verhandlungen begnügen würden, sofort erkennen möge. Es entsteht ein sehr auffälliges Husten im Publikum, weshalb die Sitzung auf eine Stunde ausgesetzt wird.

; i Bei Wiedereröffnung der Verhandlungen legt der Vertheidiger Geiger Verwahrung gegen eine solche Unterbrechung der Vertheidigung ein. Der Präsident erwiedert, der Angeklagte habe von Rebellen gesprochen, die auf Thronen säßen und von Gewalt gegen solche gesprochen, dies sei nicht statthaft, er könne solche Aus­fälle nicht mehr zulasten.

Oppermann spricht energisch gegen das gegen ihn eingehaltene Verfahren und erläutert seine Aeuße­rungen. Zuletzt, meint er, dürfe man wohl das Wort Gewalt" gar nicht mehr in den Mund nehmen. Er führt die Worte des Dichters an:

Es ist ein Elend um den Hochverrath !

All überall, zudringlich hüpft er Einen an!

Ja selbst hf* Bett M Abends leg' ich mich, besorgt.

Daß mir ein hvchverrälherischcr Traum entschlüpfe."

Er geht nun weiter in seiner Vertheidigung und kommt zu dem Resultate, daß die Anklagen gegen alle gänzlich ungegründet seien; die L-taats-Anwaltschaft hätte, wenn sie konsequent hätte sein wollen, auch die übrigen Theilnehmer und die Zuschauer in Anklage­stand versetzen müssen re.

Schapper spricht ernst und ergreifend. Er schnei­det tief ein in das faule Fleisch unserer jetzigen Zu­stände und hebt Wahrheiten hervor, die ihm WiemanD widerlegen dürfte; er schildert seine politische Laufbahn, seine Leiden seine Erfahrungen und schwört ewige Treue der Sache des Volkes, oer Sache der Freiheit und des Rechtes, und sollte er sein Leben dafür lassen, er sei bereit, für die Freiheit zu sterben, für das Volk zu leiden.

Hehuer weiß gar nicht, warum man ihn eigent­lich in Anklagestand versetzte, warum man ihn von Amt und Gehalt suspendirte. Er führt aus, wie we- I nig er an der ganzen Sache betheiligt gewesen wäre,

wie ganz und gar straflos es aber auch sei, selbst, wenn er Handelns in Idstein aufgetreten wäre. Er, sllë zweiter Präsident, würde, wenn er funktionirt hatte, gerade so geyaiwelt haben, wie der Angeklagte Raht; er will indessen, so wenig er auch bei der «Lache betheiligt sei, alle Verantwortlichkeit mit über­nehmen, ganz straflos wurde er übrigens nicht blei­ben,^ wenn er auch wieder angestellt werden würde, so müße er wahrscheinlich an einer schlechten Stelle büßen rc.

M ü l l e r tadelt entschieden das Verfahren der Staatsanwaltschaft, die, weil sie keine stichhaltigen An­klagepunkte finden könne, sich in einer Kritik über die Idsteiner Beschlüsse ergehe. Dies gehöre in die Zei­tungen rc. Sie seien so unglücklich gewesen, das Ver­trauen des Volkes zu besitzen, darum säßen sie nun hier, die Furcht der Gegner, die eine Furcht vor der Wahrheit, eine Furcht des Gewissens sei, habe sie hier­her gebracht, das Volk würde-aber entscheiden, ob Streben nach Anordnung ihr Zweck gewesen wäre oder ob sie, im Dienste des Volkes für seine Freiheit unb sein Recht gestritten hätten.

Bittere Wahrheiten hat heute die Staatsbehörde hören müssen. Die Vertheidigungen von Justi Snell, und Meyer, die an innerem Gehalte den übrigen nicht nachstanden, haben daß Maß voll gemacht. Mor­gen sprechen noch die drei Vertheidiger,' (Wenckenbach hat verzichtet) und es folgt dann die Replik des Staats- antwalts, auf die Alles im höchsten Grade gespannt ist.

(Fortsetzung folgt.)

Deutschland.

Berlin, 8. Februar. Die ministerielleKonstitu­tionelle Korrespondenz" bringt heute Folgendes: Nach den neuesten Berichten soll in der sozialistischen Partei eine bedeutende Veränderung vorgegangen sein. Unter Louis Philipp und noch einige Zeit nach der Februar- Revolution war Sozialismus mit Communismus. iden­tisch und Vieles in ersterem erinnerte an den St. Si­monismus und Fourrierismus. Daher der Schein der Lächerlichkeit und Abgeschinacktheit, der, ungeachtet aller von dieser Partei drohenden Gefahr, auf ihr lag. Der kommunistische Anstrich machte es dem Sozialismus unmöglich, sich unter dem Landvolke auszubreiten, da der französische Bauer eher Alles als Communist ist. Er beschränkte sich auf die städtischen Proletarier. Jetzt soll diese Partei deu kommunistischen Utopien entsagt und einen rein politischen Charakter angenommen ha­ben. Der Sozialismus, wie er sich in der letzteren Zeit in Frankreich ausgebildet, ist nichts als eine Er­neuerung des Jakobinisiniis von 1793, eine Partei, die es sich zur Aufgabe macht, die demokratische Repu­blik zur herrschenden Staatsform im größten Theile von Europa zu machen. Indem sie sich von den un-

Lebett und Abenteuer des John Davys.

Lon Alexander Dumas.

(Fortsetzung.)

Der Capitain befahl" augenblicklich eine Schaluppe auszusetzen und Apostoli erbot sich, mich aufzusuchen. Jin Scheine der Bliye hatten die nach mir Ausgesendeten etwas Weißes schwimmen sehen und dassdlbe ausgefangen; es war meine Fustanelle. Sie ruderten kräftig nach der Insel zu; nach einer halben Stunde aber zeigte ihnen ein zweiter Blitz einen Mann, der mit dem Tode rang; sogleich waren sie nach nur hingerudert und gerade in dem Augenblicke »»gekommen, in welchem ich wahrschein­lich auf immer verschwunden wäre.

Als Apostoli mir dies erzählt hatte, wurde die Thüre geöffnet und der Capitain trat ein, in welchem ich so­gleich meinen Gegner erkannte, obgleich der Ausdruck seines Gesichtes ein ganz anderer und jetzt so niederge­schlagen, als vorher schrecklich war. Er kam nicht mehr als Feind, sondern als Bittender. Als er sah, daß ich wieder zu mir gekommen war, eilte er an mein Lager und rief mir in der Frankensprache zu:Um Gottes Willen! im Namen der heiligen Jungfrau, Herr Arzt, rette meinen Fortunato und verlange, was Du willst."

Ich weiß nicht, ob ich Deinen Sohn werde retten können," antwortete ich,vor allem aber verlange

td), daß Du keinen Deiner Gefangenen ums Leben bringst; das Leben Deines Sohnes bürgt mir für das Leben des geringsten Matrosen."

Reite Fortunato!" rief der Pirat zum zweitenmale, und id) erwürge den mit eignen Händen, welcher ein Haar der Gefangnen zu berühren wagt; aber auch Du mußt mir etwas schwören."

Was?"

Daß Du Fortunato nicht verlassen willst, bis er genesen oder todt ist."

Ich schwöre es Dir."

So komm," sagte der Pirat."

Ich sprang von meinem Lager auf und folgte dem Capitain mit Apostoli in die Cajüte des Kranken.

Sogleich erkannte ich in ihm den, welchen ich verwun­det hatte. Er war ein schöner junger Mann von 18 bis 20 Jahren, mit schwarzem Haar und dunkler Ge­sichtsfarbe. Die Lippen des Kranken waren bleifarbig; kaum konnte er klagen; von Zeit zu Zeit verlangte er zu trinken; denn das Fieber brannte in ihm. Ich trat an das Bett, hob die Decke auf, welche ihn verhüllte und sah, daß er im Blute schwamm. Die Wunde lief etwa fünf Zoll in der Länge am obern Theile des Schenkels hin und war vielleicht anderthalben Zoll tief. Eine Schlagader war nicht verletzt und ich schöpfte also Hoffnung. Ich behandelte die Wunde, so gut, als ich es vermochte, legte Charpie auf und dann einen Ver­band darum, befahl dann, die Wunde von Stunde zu

Stunde mit Wasser zu befeuchten und verordnete die strengste Diät. Als dies geschehen war und da sich vor- auSsehen ließ, daß der Verwundete eine Nacht haben würde, ersuchte ich den Capitain um die Erlaubniß mich entfernen zu dürfen, denn man wird mir wohl glauben, daß ich nach einem solchen Tage der Ruhe be­durfte. Ich erhielt die Erlaubniß unter der Bebingnng, daß man mid) sogleich wecken werde, wenn dem Kran­ken sich etwas zustvße.

Ich war nun mit Apostoli wieder allein und da erst erfuhr ich die ganze Größe feiner Hingebung und Geistes­gegenwart. Ohne ihn würde zu dieser Stmidc mein Leichnam von Woge zu Woge geworfen und endlich an einem Felsen den Raubvögeln zur Beute geworden sein. Wir umarmten uns noch einmal als Mäiinnr, die sich eigentlich nicht Wiedersehen sollen und die ein Wunder von neuem vereiniget hatte; dann fragte ich ihn nach der Maimschaft. Es waren nur dreizehn Mann und fünf Passagiere übrig geblieben; alle Verwundeten von beiden Parteien waren in das Meer geworfen worden und unter denselben hatte sich der arme Steuermann be­funden.

(Fortsetzung folgt.)