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Wiesbaden. Mittwoch, 13. Februar
„âeihekt und Recht!"
1850.
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 ff 45 fr. auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. - Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirk- samem Erfolge. - Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile 3 Kreuzer. 9 " "
t O hoffet! hoffet!
Was ist euch widerfahren, daß ihr mitunter jo kleinmüthig seid, und denkt, weil heute die Knute herrje könne morgen nicht die rothe Müye der Freiheit auf euern Köpfen prangen? Was ist euch zugestoßen, daß ihr wagt zu glauben, es sei des Allmächtigen Wille, erst jenseits der Gräber zu richte»? Was bedeutet der Zweifel der euern Eifer oft erkalten und euch zurücksinken läßt in den Sumpf der Selbstsucht, zurück vom leuchtenden Gipfel der herzbegeistcruben Idee? O gebt eine Antwort auf diese Frage, damit ich den Glauben hebe, den Zweifel verscheuche, den Willen stärke
Du Flüchtling, verstoßen vom Vaterlande, gehcyt, verfolgt verflucht von der Gewalt, bettelnd in der Fremde um Brod, Freiheit, Vaterland, o wir verstehen die Thräne, die dein Auge netzt, wenn es denkt an die ^eimath, die unglückliche, geknechtete Heimath, wir ver» 'stcheii die Thräne; — den nagenden Unmuth, den guä- lende» Zweifel verstehen wir nicht .... hoffe! hoffe!
Du Gefangener hinter dem Gitter, in der Jacke des Züchtlings, des Verbrechers, verlassen von aller Welt, fern von Weib und Kind, von keinem Händedruck getröstet einsam und allein: Dein Schmerz ist riesengroß, dein Gebet um Erhörung ist herzzerschneident, — und dennoch rufen wir dir zu durch die Eisenstäbe deines Kerkcrö hoffe! hoffe!
Du Geknechteter, verdammt ein Freier gegen die Freiheit zu kämpfen, verdammt, dem Boden der Heimat!) entschleppt, in eiserner Disziplin schmachten zu müssen, weil du, getreu deiner Ueberzeugung, deS Volkes Recht du deiner Parole erkorst, du Geknechteter der selbst des Schmerzes erleichternde Thräne im Stillen weinen muß, auch zu dir klingt mein Ruf: hoffe! hoffe!
Und du endlich, Sohn der bleichen Sorge, Sprößling jenes „großen Volkes von Enterbten", du, der alle seine Hoffnungen wie Blumen im Herbste verdorren sah, für den sie jetzt, wie vorher, nichts haben, als den Trost eines besseren Jenseits, du, der noch nicht lange berauscht war vom Nektartranke göttergleicher Zukunft, und der sich nun besinnend über die Stirne fährt, ob nicht Alles ein Traum gewesen: — hinweg mit dem Zweifel, der Sorge, hinweg, daß sie wieder Play machen der Hoffnung!
Ja euch Allen, deren Trauer die Trauer der gemordeten Freiheit ist, euch Allen, in deren Herzen die Idee der Brüderlichkeit eine Stätte fand, euch Allen, die denen fluchen, so den Messias des Jahrhunderts kreuzigen halfen, — euch Allen rufe ich zu: hoffet! hoffet!
Nicht im Himmel, nicht über den Sternen wohnt die Freiheit, um von dort herabzusteigen zur Erde, zu den Menschen, sie wohnet nur allein und nirgends», als __ in euren Herzen! Wollt ihr glauben lernen an sie, ihre Macht, ihren Sieg, so sucht euch ein Herz, das
von ihr durchdrungen ist, das sie allein als das Höchste feiert, dem alles Andre nur Mittel ist, um zu ihr zu gelangen, ihr Anerkennung überall und ewigen Triumph zu sichern, ein Herz so groß, stark mächtig, wie die Freiheit selber. —
Um für die Freiheit zu handeln, bedarf es nur an sie zu glauben; — gläubige Herzen, und das Heer der Helden steht gerüstet da, und harrt nur der Parole! Mit Recht konnte der Dichter sagen:
„Noch ist die Freiheit nicht verloren, Solang Ein Herz sie noch begehrt!"
Ein Herz ist im Stande, mit der Gluth der heißesten Liebe die Menschheit zu umfassen, Del zu tröpfeln in ihre nagende Wunde, Trost in ihre zweifelnde Brust, Ein Herz vermag mitten im Unglauben, in der öden Hoffnungslosigkeit das Panier des Glaubens aufzustecken, daß bald Unzählige, von seiner Wahrheit ergriffen, ihm zueilen. . . .
Um wie viel näher erst ist der Tag des Sieges, wo so viel Unrecht und Schmach , soviel Haß und Verfol- gung, soviel Blut und Thränen der Menschheit innerstes Herz empört, iw sie den Glauben an die Freiheit, die Aufopferung für sie, gewaltsam hervorgerufen; um wie viel näher, wo aus tausend geheiligten Tempeln schon daS große Loblied, die gewaltige Hymne der erhabenen Göttinn ertönt . . . .?
Das Höchste, woran wir glauben, wir nennen es Gott. Die leuchtenden Grundsätze der Demokratie, die Freiheit für die Verfolgten, die Gleichheit für die Bedrückten , die Bruderliebe für Alle: — sind unseres Gotteö. Wille, unsre Religio», unser Alles! Darum ist es nur die innere Stimme Gotteö, wenn wir euch zu- rufen: hoffet! hoffet!
Diesen Glaube» diese Hoffnung aufgeben: es hieße sein Heiligthum vernichten, seinen Gott, seine Religion zu Grab tragen, es hieße die Menschheit, sich selber auf- geben !
Ihr habt zu wählen zwischen diesem Glauben, und dem Glauben unsrer Bedränger, zwischen unserm Gott und ihrem Gott, unsrer Hoffnung und ihrer Hoffnung; — ihr habt zu wählen zwischen dem Glauben an die Selbstsucht, die niedrige, gemeine, sinnliche, nur i h r Glück wollende Selbstsucht; und dem Glauben an daö Glück der Menschen durch die Freiheit und die Bruderliebe . . .
Wählet!
Assisenverhandlungen zu Wiesbaden.
Sechzehnter Proceß.
Anklage gegen Correktor und Sprachlehrer- Carl Schapper von Weinbach, Bergmann Dr. Joh. Baptist Mayer von Kayenell endogen, Hofgerichtspräsident Adolf Raht von Dillenburg, Amtssekretär Karl Aug. Heh- u e r von N e n n e r o d, Prokurator Friedrich Lang von Wiesbaden, Pfarrer Friedrich
Heinrich Snell von Langenbach, Advok'at F r l e d r i ch Müller von Nastätten, Liaueur- fabrikant Gustav Justi von Idstein, Land- oberschultheiß Ludw. Wenkenbach von We- Hen und Nedakteur Julius Oppermann von Wiesbaden, wegen Hochverraths.
(Fortsetzung.)
$ Wiesbaden, 11. Februar. Zeuge Dekan Kcl- ler von Idstein: Er sei am Samstag, Abends um yalb 9 "hv von 2 Bürgern um die Einräumung der Kirche zur Abhaltung des Landescongrejjes ersucht worden, babe diesen aber erwiedert, daß er für seine Person die Kirche zu diesem Zwecke nicht gestatten könne; er halte dies nicht für schicklich und wünsche, daß man sich nach einer anderen Lokalität ninsehen möge, etwa nach dem Schulsaal oder einem größeren Wirthshaussaale. Die Versammlung könne ja aber auch km Freien abgehalten werden, da ja der Parlamentsbeschluß, der solche 5 Meilen im Umkreis von Frankfurt verboten habe, nicht mehr gelte. Auf die Entgegnung, es sei der Wunsch der Stadtgemeinde, die Versammlung möge in der Kirche gehalten werden, da die Zahl der Fremden zu groß sei, um sie in einem andern Lokale fassen zu können, habe er erwiedert, wenn es sich nicht anders mache, dann möchte man ihm bis des andern Tages Morgens 8 Uhr Nachricht geben, er wolle dann den Kirchenvorstand versammeln und darüber abstimmen lassen. Bis 9 Uhr des andern Morgens habe er vergebens auf Antwort gewartet. Endlich sei ihm ein Schreiben zugekommen, daß der Kirchenvorstand die Kirche von 11 bis halb 2 Uhr bewilligt habe. Dies sei ganz ohne seine Einwilligung geschehen, er ser davon sehr überrascht worden, und nun nicht mehr im Stande gewesen, den Kirchenvorstand zusammenzurufen. Am Schluß des Gottesdienstes sei eine große Menschenmenge in die Kirche geströmt. Um dieselbe Zeit seien die Herren Justi, Snell und Bartel in seine Wohnung gekommen und hätten ihn gebeten, er möge doch den Nachmittagsgottesdienst aussetzen/ da voraussichtlich die Verhandlungen den Morgen nicht beendigt werden könnten. Dies habe er nicht zugeben können, nach 3 Uhr könnten sie die Kirche wieder be- kommen. Justi sei hiermit einverstanden gewesen. Der Angeklagte Justi fragt, ob der Herr Dekan nicht freiwillig die Catechismuslehre ausgesetzt habe? Zeuge. Die eiste hätte erst am nächsten Sonntage stattslnden sollen. Justi: Ob sich der Zeuge nicht erinnere, gesagt zu haben: was er thun könne, thue er gerne, er würde auch, ohne dazu aufgefordert zu sein, keine Anzeige machen? Zeuge: Ja, das habe er ge- 1.^3 b ju|tH Und doch habe er sofort an den bischöflichen Commissarius die Anzeige gemacht.' Zeuge: Erst nachdem er aufgefordert worden sei. Justi: Ob er sich nicht erinnere, ferner gesagt zu haben: Herr Justi, Sie können ja in der Kirche bleiben, ich lasse um halb 2 Uhr läuten und wenn Ihre Versaminlung
Leben und Abenteuer des John Davys.
Von Alexander Dumas.
(Fortsetzung.)
Bei der nächsten Ladung, die wir erhielten, stürzten zwei Mann, die ich sogleich über Bord werfen ließ.
Unterdeß hatten wir den äußersten Punkt unseres Striches erreicht und wir waren, wie ich gehofft, aber jetzt waren wir auch einander so nahe, daß ein kräftiger Mann einen Stein von einem Schiffe zum andern hätte werfen können. Ich hielt es für die rechte Zeil, jetzt auch Kleingewehrfeuer geben zu lassen und das Schießen begann nun auf beiden Seiten ohne Unterbrechung. Die Seeräuber folgten uns jetzt dicht und donnerten mit ihren beiden großen Geschützen auf dem Vorbertheile uns nach. ,
„Jetzt beginnt das Kugelwerfen, sagte der Steuermann , und wehe unsern Kegeln!"
Unsere Rosalie wurde auf daS Hindertheil des Schiffes gefahren, aber ehe sie wieder geladen werden konnte, schossen die Feinde von neuem und der obere Theil eines Mastes wurde uns abgeschossen, der auf das Verdeck stürzte und alles mit Segeln und Tauwerk bedeckte. Das Schiff, seiner wichtigsten Segel beraubt, fing sogleich an langsamer zu gehen."
„Alles abgehauen und in das Meer damit!" rief ich.
Die Arbeit war bald gethan, aber ich sah auch ein,
daß wir dem Entern nun nicht entgehen konnten. Ich sah mich um und bemerkte, daß wir noch keine große Verluste erlitten hatten. Drei bis vier Matrose» waren geblieben, eben ,so viele waren kampfunfähig, die übrigen Verwundungen waren nur leicht, so daß uns die Passagiere mitgerechnet, nur 25 bis 30 Mann blieben, die sich vertheidigen konnten. Ich ließ alle diejenigen Oeraufrufen, welche vom frühen Morgen Patronen ge- madu hatten, nahm Apostoli bei Seite, der keinen Augenblick von mir gewichen war und sagte:
„Bruder, wir haben Widerstand geleistet; jetzt ist es zu spät, uns zu ergeben; was meinst Du wohl, was mit uns geschieht, wenn das Schiff genommen wird?"
„Wir werden niedergemachl, oder gehangen," antwortete mir ruhig der junge Mann.
— „Aber hast Du als Grieche keine Aussicht ihnen zu entgehen, da Du doch ihr Landsmann bist?"
„Ein Grund mehr, mich nicht zu schonen. Selten gewährt man dem Gnade, üer darum in gleicher Sprache bittet."
— „Du bist von dem, was Du da sagst, überzeugt?"
„Vollkommen."
„So verlange von dem Bootsmann eine brennende Lunte, gehe, wenn Du mich rufen hörst: „cs ist Zeit!" hinunter und wirf die Lunte in die Pulverkammer. Verstehst Du mich?"
„Vollkommen," antwortete Apostoli mit seinem sanften
und traurigen Lächeln, als gäbe ich ihm einen gewöhnlichen Befehl; cö soll geschehen."
Ich reichte ihm die Hand, er drückte mich an sein Herz. Ich gab neue Befehle und gebot, daß jeder sich ' zum Entern bereit halte.
Die „schöne Levantinerin" gehorchte dem Manöver fuhr langsamer und zeigte ihre Flanke der Feluke, die mit doppelter Schnelligkeit heran kam und sich an uns festlegte. In derselben Zeit, als hätten die beiden Schiffe durch die Berührung sich entzündet, erhob sich eine Rauchwolke, der ein so schrecklicher Donner und eine so fürchterliche Erschütterung folgte, daß unser Schiff durch und durch erzitterte. Die Seeräuber hatten so ganz in der 9tähe ihre zwölf Stücke auf einmal gegen uns abgebrannt. Zum Glück hatte ich vorher noch Zeit gehabt zu rufen: „Alle platt nieder!" denn mir waren so nahe, daß ich den Rauch vom Zündkraute sah. Alle die welche meinem Rufe folgten, waren gerettet; die andern die eö nicht thaten, wurden durch die Kartätschen nieder- geworfen. Als wir uns in der Rauchwolke, welche uns umgab, wieder aufrichtete», sahen wir, gleich so vielen Dämonen, die Seeräuber auf unser Schiff herüberklettern. Jetzt war kein Befehl m hr zu geben, keine Regel konnte mehr befolgt werden; ich warf mich den Piraten .entgegen und spaltete dem Ersten, auf den ich traf, mit einem Beile den Kopf.
Unmöglich würde cs sein, d,e Auftritte, die nun folgten, im einzelnen zu beschreiben; jeder begann einen