„âeiheit und Recht!"
Dienstag, 3v. Januar
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ip Die Nothwendigkeit der Parteinahme.
„Partei, Partei, wer müßte sie nicht nehmen?" Georg H e r w e g h.
Wenn man bei uns noch so oft Aeußerungen hört, „daß man ganz für das Volk sei, daß man sich aber keiner der politischen Parteien anschließen wolle, weil man fürchte, dadurch seiner inneren Ueberzeugung Zwang anthun zu müssen", so ist dies ein Beweis, daß wir in den politischen Kinderschuhen stecken", so lange noch Jemand wagt, eine solche sinnlose Aeußerung zu thun und so lange er noch Jemand findet, der sie ihm glaubt. Wenn z. B. in Nordamel ika Jemand sagen wollte, er interessire sich sehr für Politik unD verstehe auch etwas davon, er könne sich aber weder der Partei der Loko- foko's (Demokraten), noch der Partei der Whigs (Aristokraten) anschließen, weil er sonst in die Gefahr koinme, seiner „inneren Ueberzeugung" Zwang anthun zu müssen, so würde man einem solchen Menschen, statt ihn einer Antwort zu würdigen, mit verächtlichem Lächeln den Rücken kehren. Denn man glaubt dort, daß wer nicht über politische Dinge eine scharfe und entschiedene Uebeizeugung hat, also nicht einer Partei an- gehölt, über politische Dinge nicht mitsprecheu dürfe; man glaubt dort, daß überhaupt eine jede Ueberzeugung sich nicht anders aussprechen könne, als durch daS beharrliche Anschließen an eine der Ueberzeugung entsprechende Partei, und daß Jemand, der beständig von einer Partei zur andern schwankt, gar keine Ueberzengung hat. Diese einfachen Sätze, welche so fest stehen sollten, wie das Einmaleins oder das ABC, scheinen bei uns noch nicht zur Anerkennung gekommen zu sein. Denn wir finden, wie gesagt, immer noch Leute, welche, wenn's Nutzen bringt, demokratisch, und wenn's Nutzen bringt, aristokratisch oder bürokratisch sind, beides fast in einem Athem, und zur Entschu'di- gung für diese ihre Treulosigkeit gegen ihre Partei auf ihre „Ueberzeugung" pochen, während doch gerade ihr Verfahren beweist, daß demselben wohl Gründe, aber nicht Ueberzeugungen unterliegen.
Bei Privatleuten ist eine solche überzeugungslose Ueberzeugung und parteiische Unparteilichkeit eher spaßhaft, als schädlich. Im höchsten Grade schädlich ist aber sie in Parlamenten oder Abgeordnetenversammlungen. Wer hier nicht einer bestimmten Partei an gehört, von dem kann man dreist behaupten, dâß er entweder von der ganzen Sache nichts versteht, oder, daß er Sonderinteresse verfolgt. Und ich weiß nicht, was von dem Beiden am schlimmsten ist. Eine Ab- geordnètenversammlung, welche aus solchen „Unparteiischen" besteht, ist ein Spiel deS WetterS und der Winde. Sie beschließt Gesetze, in welchen der erste Satz demokratisch, der zweite geldaristokratisch, der dritte bürokratisch und der vierte zur heiteren Abwechselung als einmal wieder demokratisch ist. Sie könnte, zur großen
Er'parniß von Zeit und Kosten, viel besser die Entscheidung über die Gegenstände ihrer Berathung dem Fall der Würfel anheimgeben, als der Besprechung und Abstimmung. Denn der Fall der Würfel und die Beschlüsse einer solchen Versammlung sind im besten Falle doch nur Spiele des Zufalls. Von ihr gilt die Beschreibung jener Kammer:
„Wo links ein kleines Häuflein ficht,
Und rechts ein kleines Häuflein spricht;
Doch in-'dem Sumpf, der mitten her
Sich dehnt, da sehen wir die Massen,
Die von der Consequenz nichts fassen, Jirllchteliren hin und her."
Ich bin demokratisch gesinnt und halte es also mit der Linken. Aber es wäre mir lieber, daß solche „unparteiische" Parteigänger sich ein Brett an die äußerste Rechte aunagelten und darauf Platz nähmen, als daß sie durch ihre bisherige Haltung die wichtigsten Fragen der Beantwortung durch den Zufall preisgeben.
Eine solche schwankende Haltung ist aber nicht nur dem öffentlichen Wohl nachtheilig, sondern auch ihnen selbst nicht von Nutzen. Bedenkt das selbst! Ihr schwankt so lange, auf welchen Stuhl Ihr euch setzen sollt, bis am Ende alle Stühle besetzt sind und Euch nichts übrig bleibt, als der bekannte Platz zwischen zwei Stühlen.
Ihr seid bloß wichtige Personen, so lange die Entscheidung der Sache zweiselhaft ist. Denn alsdann wird Euch jede Partei durch Zuvorkommen, Schmeicheleien, Eröffnung von vortheilhaften Aussichten u. s. w. für sich gewinnen und durch Euch den Sieg zu erringen suchen. Ist der Sieg aber von der einen oder der andern Paitei durch Euere Beihülfe errungen, dann sinkt Ihr schnell von der erträumten Stufe der Wichtigkeit, die Euch ein so schmeichelhaftes Wohlbehagen bereitete, zurück in das Nichts eines verbrauchten Mittels. Die unterlegene Partei wird Erich hassen, die siegreiche aber Euch nicht achten. Und wenn Ihr bei solchen Gelegenheiten vielleicht auch nebenbei ein kleines Vortheilchen für Euere Wähler in Kauf bekommen, glaubt mir, die Wähler nehmen's recht gerne, aber sie danken's Euch nicht. Sie nehmen's, als wenn es ihnen von Rechts wegen zukäme, daS Gedächtniß Euerer Bemühungen wird schnell vergessen sein, das Gedächtniß dessen, was Ihr gegen daS Vortheilchen preisgegeben habt, wird bleiben. Keine Partei wird, wenn's wieder an'S Wählen geht, auf Euch ihre Hoffnungen stellen, keine für Euch arbeiten. Ihr seid eine Karte, auf die Niemand mehr setzt. Euere Mitbürger werben Euch die kürzlich in diesen Blättern zitirten Worte entgegenrufen: Wehe Euch, die Ihr weder kalt noch warm seid; ich werde Euch ausspeien aus meinem Munde!
Ihr werdet mich zum Schluß fragen, — wen denn diese Strafpredigt treffe. Ich antworte: Sie trifft Viele, und die sie trifft, die werden's wissen; und wenn sie in sich gehen und sich bessern, (was freilich einigen beim besten Willen nicht möglich ist),
freuen, und wir wollen ihnen gerne die Verlegenhei fparen, die ihnen aus der Nennung ihrer Namen erc n?ai^|eu würde. Ich trug diese Bemerkungen schon lange im Herzen. Der Funke, der sie zur Explosion brachte, war die Erklärung, mit welcher sich ein Abgeordneter unter dem 23. d. M. in den „Sprechsaal" des Regierungsblattes verirrt hat.
Deutschland.
^ Wiesbaden, 27. Jan. (Die Aufhebung der Hazardspiele und deren Folgen für Wiesbaden.) Die Nationalversammlung hat vom
Mai d. 3. die Hazardspiele in Deutschland aufgehoben, und das Reichsblatt hat das deshalbige Gesetz vor einigen Tagen verkündigt. Die Zeitungen haben uns die Nachricht gebracht, daß die Hamburger, die schon vor dem Beschluß durch ihren D pntirten Vene- dep dagegen remonstrirten, eine Protestation an die Reichsversammlung haben gelangen lassen; aber sie ist, wie das vorauszusehen war, nicht berücksichtigt worden und hat den Abdruck des Gesetzes nicht aufgehalten.
Unter vielen deutschen Cnrorten wird namentlich Wiesbaden bedeutende Nachtheile erleide», und zwar weniger dadurch, daß künftig die Spieler von Profession, deren Zahl doch immer im Verhältniß zu der ganzen Fremdenzahl klein war, fern bleiben, als durch die Wirkungen, die sonst die Folge von dem Aufhören der Verpachtung des Spiels sind. Der Cursaal, mit dem die Berechtigung zum Spiel vertäuten war, ist nämlich lediglich aus dem Pachtertrag deß letztem unterhalten worden, sowohl in baulicher Hinsicht, als auch rücksichtlich der Ausmöblirung, ebenso die Anlagen in der Umgebung; die Musik zu den Bälle» und zur Unterhaltung ist von dem Spielpächter gestellt und bezahlt worden und cs unterliegt keinem Bedenken, daß der Ertrag der Eintrittskarten zu den ersteren die Kosten bei weitem nicht gedeckt hat. Die Verpachtung der Wirthschaft im Cursaale hat bisher gar keinen oder nur einen unbedeutenden Ertrag geliefert und wird wahrscheinlich für die nächste Zukunft noch weniger einträglich werden, so lange nicht für einen Ersatz des künstlichen Laziehungs- mittels, des Spiels nämlich, auf andere Weise gesorgt ist. Die Eigenthümer des Eursaals und der Spielberechtigung werden, nachdem die letztere aufhört, nachdem damit ihre Einnahmen weggefallen sind, ohne Zweifel sich nicht mehr verpflichtet halten, zum Nutzen der Stadt und zur Annehmlichkeit des Curpublikums Aufwand zu machen.
Was ist aljo sttzt zu thun, um den Cursaal in seinem Zustand fort zu erhalten?
Diese Lebensfrage für Wiesbaden sollte unseres Erachtens sofort in einer, allen hiesigen Einwohnern zugänglichen, Versammlung besprochen und zur Theil- I nähme an der Berathung die von dem Wahlbezirke dann soll's unö ' Wiesbaden gewählten Volksvertreter ausdrücklich einge-
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Eine Morgenbetrachtung im Winter.
Von L. Heinrich.
Doch auch kein Wölkchen Rauch aufsteigen Sieht man aus jenem Häuschen, klein; Die Armuth muß im Kalten keuchen, Wie elend muß die Armuth sein!
O wol ist's hart, das Hungerleiden tUrd dus im Kalten noch dazu — 2ch weiß man darbt beim Hungcrleidcn Doch wer erfriert hat gleichfalls Ruh'.
Kein Holz, kein Brod— -und Menschen alle So gut, wie jeder Andre auch,
Wir All' verwandt von Adams Falle Gebildet all' aus Erd' und Rauch; Und Jedem doch ein Recht gegeben.
Das Recht von Allnatur, Ein Recht im Leben auch zu leben.
— Doch unbarmherz'ge Unnatur! —
Wer hat die Unnatur geschaffen? Gewiß nicht Mutter Allnatnr;
Die Menschen selbst, die Schicksalsafsen, Als Menschen nicht, aus Ichsucht nur!
O Jchsncht, mit dem Eisenherzen, Mit Satans Bosheit, Teufels Stolz, Nicht achtend auf des Arme» Schmerzen, — Noch grünes Holz, einst dürres Holz! —
Wenn doch die Menschen menschlich waren, Wie selig wâr' die Erde dann!
Den Himmel würde sie gebären Mit Allem, was er bieten kann; Daß nicht dort hinter jenen Sternen Die Seligkeit uns nur erfreut, Daß nah', und nicht aus weiten Fernen Sie »ns des Himmelsnectar beut!
H(? Ein Mährchen aus der Gegenwart.
Auf der „Zeit," dem größten Dampfschiffe der Welt, trafen einmal drei seltsame Reisende zusammen: Madame Monarchia, Fräulein Res publica und — der deutsche Michel.
Michel, immer artig gegen das schöne Geschlecht, wenn er ausgeschlafen hat, unterhielt sich mit den Frauen
ganz angenehm, und nachdem man vom schönen Wetter und der neuesten Moden längere Zeit gesprochen hatte, kam cs endlich auch zur gegenseitigen Erörterung der eigenen Persönlichkeiten.
Das Kleeblatt war darauf nicht wenig erstaunt, sich so wunderbar zusammen zu finden, und der Michel war ganz verblüfft, die beiden weltberühmten Damen vor sich zu haben, von denen er schon so Vieles gehört hatte.
Seine Mutter Gerinnia hatte mitunter so viel davon geplaudert, daß er zuletzt eigentlich gar nicht mehr wußte, wo ihm der Kopf stand; aber das war der Wille der Alten, daß er sich endlich einmal nach einer Lebensgefährtin nm sehen solle, um eine Weckerin zur Seite zu haben, damit er nicht mehr in die alte Schlafsucht verfallen und eine tüchtige Hauswirthschaft beginne.
Michel wollte immer nicht so recht dran; cs ging ihm dabei, wie vielen Heirathscandidaten. Jeyt aber, beim Anblick dieser beiden berühmten Damen, fühlte sich sein Herz plötzlich gar wunderbar ergriffen. Stumm sah er bald die eine, bald die andere an und seufzte tief auf; und da auch die Damen überrascht waren, den weltcr- schüttcrndcn Wann vor sich zu sehen und in der ersten Verwunderung kein Wort hervorbringen konnten, so trat eine so allgcincine Windstille ein, daß man hätte Hafer säen könne», wie Michels Großmutter sprichwörtlich zu sagen pfegt.
Wahrlich, aber auch ein seltsamer Anblick!