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Freiheit und Neeht!"

Jg 21» Wiesbaden. Donnerstag, 23. Januar 18LS

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Wiesbaden, 24. Januar.

* Die Oppositionsmitglreder der nassauischen Volkskammer

haben bisher in einem Verhältnisse zu einander gestan­den, welches einer genau bestimmten Organisation ent­behrte.

Diese Mitglieder waren zwar bisher schon in den Hauptprinzipienfragen völlig einig, und stimmten und handelten demgemäß auch meistens einmüthig: allein eine förmliche Organisation mit gewissen Schranken und Formen lag wie gesagt nicht vor.

Dieser Mangel der Organisation mochte theils in zufälligen Gründen zu finden sein, theils in dem Um­stände, daß manche Mitglieder der Linken der Ansicht, eine rundheraustntendc und scharfabgegrenzte Absonde, rang möchte manche der schwankenden Mitglieder, an welch letztren unsere Kammer, wie männiglich bekannt, sehr reich ist, zu Zeiten vor einem Eingehen auf die von der linken Seite verfochtenen Maßnahmen abhalten. Die für Ictztre Ansicht cinstanden, haben jedoch nun­mehr, namentlich in letzterer Zeit, zu Genüge die E 5 fahrung machen müssen: daß leider nicht wenige Kammer­mitglieder oft bei ihren Abstimmungen von reinen Zufälligkeiten geleitet werden: und mithin einge- sehen, daß eS da am unrechten Platze sei, ein Opfer zu bringen,wo nicht selten sehr unklare, oder an sich geringfügige Umstände die Motive zum Handeln abgeben.

Auch hat sich bei der Linken die gewiß richtige Ueberzeugung befestigt, daß eine Parthri, welche in sich selbst einig und in ihren Zielen sich klar bewußt, auch wenn sie die Majorität nicht zu erlangen vermöchte, mehr zu wirken vermag, sei es auch nur für eine bes­sere Zukunft, als eine solche, welche ohne ent­schieden ausgesprochene Anhaltspunkte bei Haupt­fragen nicht wie ein Mann auftritt.

Wir unserer Seits können eine kompakte Gliederung nur mit Freuden begrüßen. Männer, welche in den Hauptfragen einig, werden schon von selbst in einen engern Kreis zusammengefüh t. Die Erfahrung lehrt jedoch, daß große Erfolge selten erzielt werden im Le« ton überhaupt, wie insbesondere auch im parlamentari­schen Leben, wenn nicht mit Plan und Umsicht, mit einem Wort mit Organisation die Erfolge erstrebt werden.

DaS Volk selbst in Nassau ist der Halbheit und Lauheit vieler Kammeruntglirder schon seit lange herz, lich satt. Das Volk verlangtEntschiedenheit" und grade ihm kann cS nur willkommen sein, wenn sich seine Abgeordneten vor dem ganzen Lande verbind­lich machen, bestimmte Grundsätze unter allen Umstän. den zu verfechten.

Auch sind wir der U-berzeugung, daß eine unum­wunden aufgestellte Parteigliederung weit eher im Stande sein möchte, eine Majorität im Sinne des entschiedenen

Fortschrittes hervorzurufen, als ein immerwährendes Vereinbaren und Paktiziren.

Wer sich selbst fest stellt, zwingt andere heranzukommen, wer aber keine festen Stellung hat, wird angezogen, zieht aber Niemanden an.

Nimmer darf das Streben einer gesinnungstüchti- gen Opposition aufhören, der Opposition die Majorität zu unterwerfen; allein die Opposition muß siegen wollen, ohne ihrer eigenen Ueberzeugung und ihrer ei­genen Stellung überhaupt hn Mindesten Abbruch zu thun.

Scheitert aber auch vielleicht der Sieg der Opposi­tionspartei in der Kammer selbst: und bei der «udiffe- renten Anschauungsweise in politischen Dingen so man­cher Kaminerglteder wäre dieß nicht unmöglich, nun so ist der Sieg der Ideen, für welche die Oppositions- Mitglieder kinzustehen feierlich zugesagt haben, im Volle selbst nicht zweifelhaft.

Die Oppositionspartei hat immer die Ausgabe: die Gegenwart der Herrschaft ihrer Ideen Unterthan zu machen, und wenn sie dieß auch nicht vermag, so doch dem Volke ein klares, scharfgez ichnetes Bild einer bes­seren Zukunst vorzuführen.

Namentlich jetzt, wo so viele wichtige Fragen an der Schwelle der endlichen Lösung stehen, ist es von großer Wichtigkeit, daß sich die entschieden freisinnigen Männer in einen engen festen Bund schaareu; und na­mentlich j'tzt, wo hier und da Manche wegen des großen Sieges der Reaktion verzweifeln, rst es nothwendig: daß m't unerschütterlicher Eons.quenz und unermüdlicher Beharrlichkeit die heilige Fahne der Vockssouverämtät aufrecht erhalten wird.

Was nun die Organisation, deren wir gleich im Anfang Erwähnung thaten, zunächst airgeht, fo haben wir in Erfahrung gebracht, daß*folgende Kammermit- glieder: Müller 11., Jung II, Hehner, Ereutz, Raht, Justi, Lang, Wenkenbachl., Lotichius, v. Gödecke, sich über gewisse höchstleitende Grund­sätze, welche ihre Handlungen, in ihren letzten Gründen beherrschen sollen, bestimmt verständigt und geeinigt.

Diese Grundsätze, in deren Besitz wir gelangten, und deren Kenntniß dem Lande unseres Erachtens nur wünschenswerth sein kann, sind aber folgende:

1) Endziel ist die Einheit Deutschlands und die vollständige bürgerliche und politische Freiheit des Vol­kes; nicht blos etwa die zugesicherten einzelnen sogenann­ten Freiheiten, sondern eine solche Freiheit, wie sie nach dem Prinzip der Volkssouveränität das Urrecht der Nation ist, welche zu deren Verwirklichung die Revolu­tion gemacht hat, und nur mit den von dieser selbst be­stimmten Grenzen.

2) Die Gesammtheit d.S deutschen Vo ks u id die jedes einzelnen deutschen Landes gibt sich selbst die Veifassung und beschließt deren Veränderung oder Um- gesta'tung auf dem in der VerfaffungSui künde offen zu haltenden gesetzlichen Wege.

Die in dem Gesetze vom 2. September 1814 be- l^âne Verfassung des Herzogthums Nassau ist durch die Mai Revolution und durch den auS derselben her­vorgegangenen Untergang der Herrenbank, durch die Umgtstaltu g der zweiten Hammer zur einzigen Volks- kamnur und durch die llnterorDnuna des Regenten un­ter die deutsche Reichsgewalt aufgehoben. 6

4) D:e dermalige Versammlung der Volksabaeord- neten des Herzogthums ist die Verfassung gebende und hat die einer solchen zukom nenden Attribute der Uu- auflösbarkeit und Selbstbestimmung über Art und Dauer ihrer Sitzungen bis zur Vollendung des Ver- fassungswerkes einschließlich eines auf der Grundlage direkter Wahlen ohne Zensus ruhenden Wahlgesetzes.

5) Da die Eigenschaft der Domäne als Staats- klgenthum mit der am 4. und 5 März vor. Jahres ausgesprochenen Zustimmung des Herzogs anerkannt worden ist, so wird eine mit den Kräften des Landes im Behältniß stehende Civäliste von der Versammlung der Abgeordneten bestimmt.

7) In Folge dieser Eigenschaft der Domänen kön­nen dieselben, sobald es das Interesse des Landes oder einzelner Landestheile, sowie richtige Staatshaushaltunas- grundsätze erfordern, veräußert werden Bei den Wal­dungen tritt jedoch die Rücksicht auf Sicherung des Be­dürfnisses der Laudeseinwohner ein.

8) Die von der konstitairenden Nationaloersamm­lung beschlossenen Grundrechte fiuD nur das geringste 'âaß von Recht und Freiheit des Volks; die Landes- Versammlungen können in den von ihnen zu errichten­den Verfassungen und organischen Gesetzen weiter gehen.

8) Eine durchaus volkstümliche Herstellung des Schwurgerichts durch freie Volkswahl der Geschwornen und dur.p Erstreckung der Aburtheilung durch dasselbe auf alle Vergehen, soweit dies irgend ausführbar ist; ebenso

9) ein den Forderungen der Zeit, namentlich in Beziehung auf politische Vergehen, entsprechendes Straf-

An den Forderungen unter 8 und 9 ist weder aus Rücksicht auf eine vorgestellte provisorische Eigenschaft des Gesetzes, noch auf eine mittelst der Gleichförmigkeit der Stcafgesetzgebnng zu er­zielenden politischen Verbindung mit einem Nach­varstaate irgend etwas nachzulassen.

10) Der Volköunterricht ist Sache des Staats und als die Grundbedingung der Heranbildung des ganzen Volks zum lichtigen Verständniß und zum würdigen Gebrauch der Freiheit mit allen Mitteln zu befördern, und ebenso wie

11) die Organisation der Civilveiwaltung durch volksthumliche mitwirkende Elemente gegen bureaukrati- sche En flüße sicher zu stellen.

12) Die Staatödiener aller Klassen müssen als ger in die mit ihren Dissiktverbaltuisseu sehr wohl vetcinbare Unabhängigkeit als Vollsticcker der Gesetze nach eigner gewissenhaften Ueberzeugung gesetzt und dem

Durch die höchst ancrkennenswerthcn Bemühungen des Herrn Pfarrer Fr. W. Schellenberg zu Cleeberg ist die j (Seelen verfâ uferet welche mit nanssauischen Staatsange- ! hörigen betrieben wurde: vor dem Parlament zu Frank- ; furt zur Sprache gebracht worden. [

Wir sind der Meinung die auf diese Seelcuverkäuferei , bezüglichen Aktenstücke müßten allgemein mit großem Zn- 1 teresse gelesen werden und bringen demnach folgende vor die Oeffentlichkeit.

I.

Bericht des völkerrechtlichen Ausschusses über ein Gesuch des Pfarrers Fr. Wilh. S ch e l l c n b e r g zu Cleeberg, herzogl. Nassauischen Amtes Usingen, Scelenverkänferei betreffend.

Berichterstatter: Abgeordneter Höfken.

Der Bittsteller, bewogen durch traurige Vorgänge in seinem eigenen Pfarrkreise und aufgefordert durch einen geistlichen Freund in Loudon, weist mit zahlreichen Be­legen auf einen schreienden Mißbrauch hin, der in einer Art Men,chcnhandcl besteht, auf verschiedene ländliche Bezirke sehr entsittlichend einwirkt und den deutschen Namen im Auslande mit Schmach bedeckt. Achnliche Thatsachen, wie sie die Anlagen zur Bittschrift enthal­ten , sind in englischen und deutschen Blättern schon häufig zur Sprache gekommen, ohne daß dem Uebel

Seitens der deutschen Regierungen mit Ernst cntgcgeu- gctrctcn wäre. Vielmehr scheint dasselbe, namentlich im Hessischen und Nassauischen, in der Wetterau, noch fort­während um sich zu greifen und auf die Sittlichkeit gan­zer Gemeinden verderblich einzuwirken.

Es wandern nämlich aus jenen Gegendcu Schaareu von Knaben und Mädchen in alle Welt, besonders nach England, aus, angeworben meistens bei gewissenlosen Eltern oder ältern Geschwistern von schändlichen Speku­lanten, die sich mit den armen, ihnen preivgegebenen Ge­schöpfen jeden Mißbrauch erlauben. Die unglücklichen Kinder verfallen in der Fremde entweder der ! Schm ach und kommen im jämmerlichsten Elende um, oder sie kehren an Leib und Seele verdorben, mit schmutzigen Krank­heiten behaftet, bettelnd in ihre Heimath zurück, nachdem ihre Herrn sich an ihrem Lastviehdienst oder ihrer Schande bereichert, und ihre Verwandte dafür einen Sündenloh» empfangen haben. Eine sehr zahlreiche Klasse dieser Opfer der niedrigsten Spekulation bilden die Fkiegcnwcdler und diehessischen Besenmädchen" (hessian broom girls, wie man sie in England nennt, weil sie gewöhnlich kleine Besen zum Verkauf anbieten), über deren Loos und Ge­werbe jedem in England reisenden Deutschen das Blut ins Gesicht steigt.

Das Uebel scheint sich hauptsächlich in einzelnen Theilen des Großherzvgthnms Hessen eingewurzelt zu habe», namentlich im Kreise Friedberg, Landgericht Buy­bach, Nieder- und Hochweisel, Hausen, Maibach, Ost.

heim rc.; sodann im preußischen Kreise Wetzlar, Amt Atzbach, im Amt Braunfels, im Nassauischen Amte Usin­gen nud andern der Wetterau, besonders auch im Kirch­spiel Cleeberg mit seinen eingepfarrten Orten Espa und Weiperfelden. Nach den Mittheilungen des Bittstellers ans den Kirchenbüchern ist das Wte Kind der zu Espa ©ehernen unehlich, das 9te Kind aber im Ausland ge­boren ; von 25 in der Fremde gcboruen Espaer Kindern waren 12 in England, 5 in Frankreich, 4 in Rußland 1 in Belgien geboren. Von der Schule entwachsenen Katechumenen gingen 1843 nach England von Clee­berg 8 männlichen und 6 weiblichen Geschlechts, von Espa 7 und 5, von Weiperfelden 3 und 2, zusammen 31 junge Leute; 1844 schon 34 und 1846 sogar 23 Söhne und 17 Töchter, zusammen 40 Katechumenen!! Es wird weiter ein schauderhafter Fall, das Loos mehrerer Mädchen bei einem deutschen Drehvrglcr in England betreffend, erzählt, über ivelcheu das Mor- n iug Chro n icle unter der Aufschrift:Deutsche Scla­ven (german slaves) berichtete nud dieser Aus­druck war noch zu mild für jenen abscheulichsten aller Mcnschenvcrkäufe, sofern der Sclave, der Leibeigene nur zu ehrenhaften Arbeiten verwendet wird.---

Wenn nun der Bittsteller wünscht, die hohe National- versammlnng möge die Seelenverkäuferei mit Strafen belegen und das Verleiten, das Wirthen oder Vermuthen Minderjähriger zum Bettel, zum gcwerblvscn oder musi- circuden Umherziehen, zum Stehlen, zur Unzucht rc. streng