„Freiheit und Recht!"
Jg 13, Wiesbaden. Montag, 13 Januar K8LS
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Zur Jndrtstriefrage.
II. Artikel.
£ Von der Weil, Anfangs Januar. In meinem ersten Artikel über vorbezeichnete Frage (f. 4 No. der Freien Zeitung) habe ich darzuthun gesucht, daß die Industrie die Völker zu höherer Bildung und somit zur Freiheit führt. — Aber, könnte man hier fragen, warum Petition ircn denn j gt auch die Volksfeinde und deren Vereine, die doch die Freiheit nicht wollen, um Schutzzölle für die Industrie. — Dieses Bedenken ist leicht zu beseitigen. Die Aristokraten gehen hiermit den Demokraten Hand in Hand, weil sie nur das Nächste, die blühende Industrie, aber nicht die Folgen derselben sehen. Eben wegen dieser, nicht blos hierbei, sondern in jeder Beziehung heroortretec den, ihnen eigenthümlichen Kurzsichtigkeit, — grade deshalb sind sie gegen die Freiheit. Wenn diese Leute den Einfluß, den die politischen und ökonomischen Einrichtungen auf das geistige Leben der Völker ausüben, einsähen und begriffen, wenn sie tiefer in das ganze innere Getriebe der StaatSgesell- schaft hineinblickten, so wären sie keine Aristokraten, so würden sie die Freiheit wollen, würden sie wollen müssen, so wären sie Demokraten. Da sie aber Aristokraten und keine Demokraten sind, so reicht ihre politische Einsicht nicht über die Vornirtheit des Aristokratismus, nicht über daS Nächste, vor Augen liegende hinaus. Wenn ihr Demokraten unter den Consumen« ten nun auch nur darauf sehen wolltet, daß die Schutzzölle vielleicht diese oder jene Waare etwas vertheuern werden, so würdet ihr auch nur an das Nächste, vor Augen liegende denken, so würdet ihr euch jenen glcich- stellen. Dagegen wenn ihr in der vorliegenden Frage mit ihnen gehet, wenn ihr sie für eure Zwecke benutzet, grade denn zeigt ihr, daß ihr über ihnen stehet. Ihr werdet sittlich entgegnen: wir können auf so weit aussehende Maßregeln (denn nahe liegen jedenfalls diese Folgen nicht, da sie sonst auch verkürze Bestand eines Heiopopeiomenschen erkennen würde) unS nicht einlassen, unsere unmittelbare gegenwärtige Noth ist zu groß, wir sind außer Stand, die Gegenstände, welche wir jetzt vom Auslande billig beziehen, plötzlich theurer zu bezahlen. — Niemand weiß besser, als wir, daß dieser Einwand wahr, nur allzu wahr ist. Eben deshalb darf aber auch der nothwendige umfassende Zollschuß nicht als eine für sich allein stehende Maß egel ringesührt werden, sondern es muß — und das bitten wir die Konsumenten wohl zu bedenke ! — es muß die Einfuhr der Rohprodukte und des Kaffee's, Zuckers, Thee's, kurz aller Colonialwaaren, die unentbehrliche Lebensbedürfnisse sind, wenn nicht völlig freigegeben, dann doch wenigstens mit einem geringern Zoll belegt werden.
Die lächerliche Ansicht, daß diese Kolonialwaaren, deren jeder Proletarier jeden Tag bedarf, gleichsam als Luxusartikel zu betrachten seien, ist doch jetzt übrrwun-
den und macht sich höchstens noch in unserm Kalender breit. Diejenigen aber, die noch immer in ihrer kleinen abstrakten Weisheit klüger sein wollen, als die Klugheit des natü'lichen Volksinstinktes, verweisen wir auf die Wissenschaft, z. B. auf den großen Liebig, dem sie doch hoffentlich nicht zu widersprechen wagen werden, wenn er ihnen beweist, daß der Volksinstinkt recht hat, daß z. B. der Kaffee und Thee wirk ich wahre Nahrungsmittel sind. Hätte man freilich faon bisher von der W ffenschaft sich leiten lassen, anstatt von einer sich selbst überhebenden Unwissenheit, die in ihrer herab- sehenden Vornehmheit den unverdorbenen Tri b und Sinn des Volkes schulmeistern zu können glaubt, so hätte man schon in dem jüngsten Hungerjahre den Arinen wohlfeilen Kaffee geschifft, anstatt ihnen Blätter und Graswurzeln a!6 Brodsurrogat von AmtSwegen zu rekommandiren. Doch die Zeit, in der büreaukratische Ignoranten an der Noth des Volkes ihre Experimente machen durften, ist hoffentlich auf immer vorbei! Hoffentlich wird jetzt in solchen Dingen die Stimme des Volkes selbst gehört. Und gerade über die vorliegende Frage spricht sich die Stimme des Volkes mit seltener Einstimmigkeit aus. Das Volk verlangt, daß die ersten Lebensbedürfnisse ihm nicht länger vertheuert werden. DaS Volk verlangt, daß die Steuerkassen nicht länger durch Abgaben gefüllt werden, welche vorzugsweise die Armen treffen, weil diese ihren Bedarf an verzollten Artikeln im Kleinen und von geringer Qualität kaufen müssen.
Aber/sagen achselzuckend unsere Finanzmänner, wenn dies Alles auch richtig ist, womit den Ausfall in den Staatskassen decken? — Hierauf ist zu antworten: erstlich wird bekanntlich durch die Herabsetzung des auf einem Handelsartikel liegenden Zolles der Verbrauch desselben vermehrt und so der Betrag der Einnahme doch wieder in die Höhe gebracht, und zweitens müßt ihr sparen, müßt ihr die Staatsausgaben vermindern. Habt ihr dazu nicht die Macht, so habt ihr auch nicht die Macht zur Verwohlseilunq der Le- bensbedürsmsse des Volkes, so habt ihr auch nicht die Macht zur Einführung eines energischen Zollschutzes für die vaterländische Industrie, welchen sich das Volk nur unter jener Bedingung wird gefallen lassen, so habt ihr auch nicht die Macht, das gesammte Vaterland unter den Hut Eines großen Zollvereins zu bringen, so habt ihr überhaupt nicht die Macht, etwas Neue- zu schaffen, so bleibt vorläufig Alles beim Alten, und Alles, was über die Hebung der vaterländischen Industrie geredet wird, ist nur — für die Zukunft geredet!
Nationalversammlung zu Frankfurt.
150. Sitzung.
(Schluß )
ReichSsinankminister Beckerath fecutibirt in einer langen blumenreichen Rede den bedrängten Gagern.
Wydenbrngk: Die Hauptfrage sei eine Verfassungsfrage, und setze eine
Eventualität voran», von der man nicht wisse, ob sie eintrete. Man sollte die Verfassung vollenken, und erst dann, wenn sie sich als uuausfüij.bnr <eige, dies dem Hause mittheilen, und dann neue Beschlusse daselbst hervorrufen. Ganz unpassend sei eS, eine Minist: rfrage daraus zu machen und auf diese Weise auf eine Angelegenheit, die so tief einschi.eidet in das Leben DeueschlaudS, einen solchen Einfluß geltend zu machen. Ich würde bedauern, mich von einem Manne trennen zu müssen, mit dem ich noch lange V gehen hoffte, aber mehr als die Person gilt mir die Sache. Er begreife nicht, wie man auf das BundeSverhältniß von 1815 zuruckkommen könne. Entweder bestehe eS noch, dann wissen wir, woran wir sind. Wie aber dieses Bundesverbältn-ß aus einer Seite aufgehoben, auf der andern noch als bestehend betrachtet werden kann, dafür habe ich kein Verständniß (Beifall). Oesterreich muß entweder aus Deutschland auSscheiden oder es m iß in den neuen organische i Bundesstaat ein treten, ein drittes gibt eS nicht. Man svricht so viel von einer Union mit dem gesonderten Oesterreich; aber man hat Ihnen noch nichts klares darüber sagen können, und das darum, weil man sich noch nichts klares darüber gedacht hat (Beifalls. Es bleibt auch nichts übrig, als die lare Idee eines völkerrechtlichen Bündnisses, ebenso gut, wie wir es mit Dänemark oder jedem andern nuSwältigen Staat« schließen können (Beifall).
Er erinnert ferner an Gagern'S Worte, die er bei Uebernahme des Präsidiums gesprochen: daS deutsche Voll will die Einheit, und die Einheit soll ihm werden durch uns, soll ihm werden durch die Kraft deS Volkes, und fragt: bat daS Volk uns einen Auftrag gegeben, Deutschland zu verstückeln? (Beifall) Wir können uns der Nothwendigkeit beugen, daß die Verfassing nicht überall sogleich eingeführt werden kann, aber von dem R cht, daß jede Macht sich unserer Verfassung beugen müsse, dürfen wir nun und »immerhin etwas aufgeben. (Beifall.) — Oesterreich will der Redner folgende Stellung anwffsen: zunächst müsse er sich dagegen erklären, daß auch die nichtdentschen Länder dieses Staates in den deutschen Bundesstaat ein treten können. Dann sei eS undenkbar, daß die deutschen Länder Oesterreichs zugleich organische Glieder eines gesummten Deutschlands und organische Glieder eines gesummten Oesterreichs sein könnten. Deshalb erkläre er sich für eine Modifikation der §§. 2 und 3 dahin, daß nicht mehr von Oesterreich verlangt werde, als daß es in feinen Besitzungen, welche Glieder des deutschen Bundesstaates sind, die Verfassung in ihrem vollen Umfange zur Ansführung und Geltung bringe. Sei das geschehen, so könne Deutschland und Oesterreich in die innigste Verbinduug treten, beide sich gegenseitig ihre Besitzung garantiert und so auch die Gleichberechtigung der Nationalitäten in Oesterreich zur Wahrheit gemacht werden.
Im Gegentheil würde Oesterreich, einmal aus seiner innigen Verbindung mit Deutschland gerissen, nicht nur eine gleichgültige sondern eine feindselige Stellung diesem gegenüber einnehmen und das junge neue Deutschland sowohl in Bezug auf seine politische Freiheit als in Be^ug auf seine materiellen Interessen in größte Gefahr bringen. Und will man Oesterreich gegenüber den alten Bund in neue Anwendung bringen, so würden Dänemark und die Niederlande dasselbe verlangen; und die ganze Verfassung würde gar nicht zu Stande kommen. Und fängt man an mit Oesterreich zu sonderbündeln, so wird eS Baiern auch wollen, und die ganze Einheit wird zu Grunde gehen. (Bttfall.) Und wissen Sie denn, ob Sie das, was Sie mit der Losreißung Oesterreichs bezwecken, erreichen, ob der Staat, den Sie im Auge haben, sich an die Svitze Ihres Deutschlands stellen will? Es wäre eine furchtbare Ironie deS Schicksals, wenn Sie Ihren Beschluß zurücknehmen müßten. Dann hätten Sie den alten Bundestag wieder oder etwas noch Schlimmere». (B-.ifall.)
Zum Schliiß warnt er, bl cken Sie mehr auf den Boden: als auf d e Spitze. Die Säume wachsen vom Boden gegen den Himmel nicht vom Himmel zum Boden, und haben Sie einen guten Boden so bringen Sie einen gesunden Stamm und eine mächtige strone. Darum beschwöre ich Sie zerreißen Sie den Boden Ihres Vaterlandes nicht! (Rauschender anhaltender Beifall.)
Die Braut des Rekruten.
(AuS dem „deutschen Bauernbuch" von C. A. Schloenbach).
(Fortsetzung.)
Die rauhe Hand des Jakob konnte so sanft die rothen Wangen der Gertrud streicheln, daß die meinte, es fielen ihr Blüthcnflockcu vom Apfelbaum ins Gesicht und sein harter Mund konnte sich so weich und süß und warm auf ihre Lippen drücken, daß sie meinte, sie sauge Honig aus der jungen, frischen Wabe. Schon als Kinder hatten sie sich geliebt; da theilten sie sich immer ihre Butterbrodc oder aßen sie miteinander, so daß Jacob da abcißen mußte wo Gertrud zuvor abgebissen hatte und so wewselwcis. In der Schule machte der Jacob der Gertrud immer die Exempel und dafür legte sie ihm Bänder und Bilder in das Lesebuch und wenn sie zusammen saßen, hielten sie unter dem Tische sich die eine Hand fest und arbeiteten bloß mit der andern Hand, worüber der Schullehrer oft sehr böse wurde.
Sv wuchsen sie groß mit ihrer Liebe und wußten noch nicht was Liebe war; da las die Gertrud einmal in einem Buche (sie hatte es von des Pfarrers Tochter), darin die wahre Liebe ganz genau und gar so schön ge- schiltert war und siehe da: das traf grade mit dem zusammen was sie fühlte; nun lief sie gleich zum Jacob und fragte den ganz genau, wie es ihm eigentlich bei ihr um’s Herz wär: auch bei ihm war grade so, aber
eigentlich noch schöner, als im Buch und nun wußten sie, daß sie Beide sich liebten und nahmen sich vor, sich auch recht brav und rein zu lieben, wie die in dem schönen Buch; und daS hielten sie auch fest und wurden immer glückseliger.
Diese Glückseligkeit sollte nun auf einmal zerstört werden; der Jacob fort! drei lange, bange Jahre! 0 das mußte ja beide Herzen zum zerspringen anschwellen! und dann hatte ja der Jacob auch noch die armen. alten Eltern ; — er hatte geglaubt dadurch los zu kommen; aber der Oberschultheis erklärte daß die Eltern noch rüstig und zwei Geschwister schon groß genug seien selbst zu arbeiten und zu verdienen. So recht streng, nach der möglichsten Beschränkung des über solchen Fall bestehenden Gesetzes, konnte kein Gegenbeweis geführt werden! es lag nur am Ausspruch des Oberschultheis. Der Jacob und seine Eltern waren schon einigemal mit allen möglichen Bitten bei ihm gewesen; aber sie hatten anders nichtS als Bitten, — da mußte er streng sein Pflicht erfüllen. Endlich ging auch die Gertrud, verschämt und schluchzend; zu ihm und bat so rührend, so rührend daß auch wirklich der Mann gerührt wurde Er zog der Gertrud die Schürze vom Gesicht, faßte sie bei der Hand unb tröstete sie mit freundlichem Wort; seine Rührung ging sogar so weit, daß er sic küssen und umarmen wollte; aber da schaute ihn das Mädchen so strafend und ermt an und stieß ihn so kräftig zurück, daß er ganz verwirrt wurde. Er sammelte sich indessen bald
und erklärte nun der Gertrud rund heraus, daß der Jacob frei werden sollte, wenn fie sich ihm ergeben würde; — da stüryle die Gertrud, über und über roth, zur Thür hinaus. Sie sagte Niemand davon, nicht einmal dem Jacob, denn sie schämte sich zn sehr; aber sie weinte nun noch mehr als früher! es war ja nun auch die letzte £ Öffnung gescheitert.
Näher und näher rückte indesien die Zeit heran wo der Jakob fort sollte; da faßte Die Gertrud den Muth und ging noch einmal zum OberschultheiS; aber nicht iu's Haus, sondern mie er an der Kirchthür stand; da sonnte er ihr doch nichts Böses sagen und thun und sie dachte auch, daß sein schlechter Antrag nur ans einem bösen Augenblick, nicht aus seinem Herzen hervvrgekommcn sei, denn er war ja als ein besonders braver Mann bekannt. Der Oberzchultheis hörte sie freundlich an und erwiederte laut: „Hm! Hm! ei — nu — es geht zwar nicht; aber, — doch nein! — indessen"' — und leise: „wenn Du thust was ich Dir gesagt;" — trostlos und bestürzt ging Gertrud fort. In banger Verzweiflung vergingen noch zwei Tage, — den andern Tag sollte Jacob fort, und er ging verstört, schluchzend, zornig umher. Da stürzte Abends die Gertrud zu ihrem Vater in's Zimmer und rief :
„Vater! Later! und wenn Ihr mich auch noch einmal schlagt, — ich sag's noch einmal: kauft den Jakob frei!" Sie hatte darum schon zweimal gebeten und dafür jedesmal von dem erzürnten Vater Ohrfeigen erhalten;