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âeißeit und Recht!"

32 A Wiesbaden. Donnerstag, 11. Januar L8LN.

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* Die bisherige Thätigkeit der nassanischen Volkskammer.

^Wiesbaden, 8. Januar.

II.

(Schluß.)

Wir kommen nunmehr zu dem andern Theil unse­rer Betrachtungen: zu drn von der Kammer nicht er­ledigten Fragen. ES sind solche Fragen, von denen wir im Interesse des Landes wünschen mußten, daß sie schon lange erledigt seien, und welche auch bei Entwick­lung einer größern Thätigkeit zu einem nicht unbedeu­tenden Theil hätten erledigt werden können.

Wir verwahren unS hier zum Voraus gegen einen etwaigen Vorwurf der Härte des Urtheils , und wollen nicht unberührt lassen, daß die Lösung mancher der schwebenden Fragen durch die Entscheidungen des Parlaments in Frankfurt bedingt war.

Feind allen allgemeinen Phrasen, wollen wir auch hier die Sache im Detail einer nähern Beleuchtung unterziehen.

ES ^thut unS nun leid, unumwunden gestehen zu müssen, daß die Anzahl decunerledigten Landes­fragen, von denen gewiß schon manche in dem langen Zeitraum hätten beseitigt werden können, gerade nicht gering ist, und noch mehr: daß unter diesen Fragen einige von einer großen, unendlichen Bedeutung.

Unerledigt ist vor Allem noch bis auf diesen Tag die Domänen frage.

ES gibt Manche, auch unter den Abgeordneten, welche die Domänenfrage für gelöst erachten. Wir können diese Ansicht nicht theilen: wünschten aber von Herzen, daß dem so wäre, da daS Land leicht jetzt Er­fahrungen zu machen Gelegenheit haben wird, die kei­neswegs erfreulich sein möchten, die aber nicht gemacht worden wären, wenn die Domänenfrage eben als eine erledigte schon längst dastünde. Wie kann man aber nur behaupten, die Domänenfrage hat ihre Erledigung gefunden, da die Cioiliiste noch nicht geregelt ist?

Soviel steht freilich unzweifelhaft fest: Die Do­mänen Nassaus sind Eigenthum der StaatSgesellschaft der Nassauer: allein die Kammer hat nicht bestimmt, wieviel Geld der Herzog von Nassau für die Bestrei­tung seiner Hofhaltung zukünftig verwenden kann: und ehe dieß geschehen, istj die Domänenfrage nicht vollständig zum Abschluß gebracht.

Das Land mußte aber in seinem wohlverstandenen Interesse wünschen, daß dieser Abschluß bald nach den Stürmen des März erfolgt wäre: er wäre zuver­lässig anders ausgefallen, als es jtzt vielleicht, wo iu Folge der siegreichen Entfaltung des Banner der Re­aktion durch die Helden der letztern Wrangel und Windischgrätz, deren Siege nicht allein die Aktien der Börse, sondern auch die Civillisten der Fürsten der kleinern und größern Staaten von Deutschland in die Höhe trieben, der Fall sein möchte. ]

Wenn die Regierung keine Vorlagen gemacht hätte bezüglich der letzten Frage, so hätte die Kammer selbst die Jnitative ergreifen müssen.

Auf dem großen Gebiete der Polizei und auf dem der Rechtspflege müssen ebenfalls noch viele faule Stellen ausgeschnitten werden.

Die Reformfragen in diesen Gebieten hängen freilich zunächst von der Erledigung dec Organisationsfeage ab und endlich ist denn auch in letzterer Beziehung von Regierung und Ständen ein Anfa ig gemacht worden, und diese Organisationsfrage wird wohl zunächst jetzt die Thätigkeit der Landstände in Anspruch nehmen.

Die von der Kammer ernannten drei Mitglieder haben insbesondere einen sehr sorgsam und erschöpfend ausgearbeireten Organisationsenkwurf nunmehr beendigt: nachdem sie zuvor manche lästigen Hemmnisse, welche nothwendig entstpen mußten, weil die Regierung keine durchgreifenden Vorlagen gemacht und kein genügendes Material beschafft hatte, glücklich beseitigt.

Was die Polizei (im weitern Sinne des Worts) namentlich anlangt, so müssen insbesondere daS Medi- zinalwesen und die Forstverwaltung, nicht weniger auch die Berg- und Baupolizei durchgreifenden Reformen unterworfen werden.

Bezüglich der Rechtspflege hat die ^Regierung Ge­setzesvorlagen über die Einfüprung von Schwurgerichten und Competenz der Gerichte gemacht, und das hessische Strafgesetzbuch zur Annahme empfohlen.

Diese Vorlagen sind nichts weniger als freisinnig: und die Stände haben daher in dieser Beziehung ganz neu von Grund auf bauen müssen, sodaß es also nicht den Ständen, sondern der Regierung, welche so un­brauchbare Vorlagen machte, zur Lat gelegt werden muß, wenn wir noch keine Schwu"gerichte und kein neues zeitgemäßes Strafgesetzbuch in Nassau besitzen Den Arbeiten deijenigen Kammermitglieder, welchen Die' Begutachtung der letzten Gesetzvorschläge anver traut ist, kann jedoch das Land mit Ruhe und Vertrauen ent- gegens-hen.

; Der Landwirth verlangt vor Allem Befreiung von den auf dem Grund und Boden ruhenden Feudallasten des Mittelalters: mit der Zehntablösung ist noch nicht alles für Befreiung des Bodens geschehen, auch an eine Beseitigung der Laudemialpflicht, der Gilten und Grundzinsen auf dem Wege, der Gesetzgebung muß gedacht werden.

Der Handwerker will ein geordnetes Gewerbewesen: auch hierin ist noch nichts geschehen; jedoch auch hier­durch einen Gesetzentwurf, der die Prüfungen bei den Handwerkern einführt und regelt, ein Anfang wenig­stens gemacht worden.

Die Forderungen derSchule" sind ebenfalls noch einer befriedigenden Lösung entgegenzuführen.

Und schließlich ist noch eine neue Verfassung für Nassau, anstatt der alten zusammengebrochenen, perzu- stellen. Anstatt darüber Worte zu verlieren, ob in Nassau die alte Verfassung noch zu Recht beständig 00er

lucht: hatte die Kammer gleich bei ihrem Zusammentritt eine Commission zur Entwerfung einer Verfassung er­nennen sollen. So wäre der alte Unrath gleich von vornherein von Grund aus aus dem Staatsgebäube hiuausgekehrt worden. Denkbar bleibt es immer, daß die jetzt zu entwerfende Verfassung mehr oder weniger von den Einflüssen der eben überall siegreich berischen- den Reaktion zu leiden haben wird.

Wir sehen also, es öffnet sich der Kammer noch ein großes Gebiet für ihre Thätigkeit, und sie hat noch oft Gelegenheit, ihre Tüchtigkeit uud ihr Interesse für des Volkes Wohl zu bethätigen.

Wir wissen recht gut, baß, wenn man Klage führt, über den schleppenden Gang, welcher in nassauischen StaatSfeagen eingehalten wird, man Unrecht thäte, wollte man bloß die Kammer für die Saumseligkeit verant­wortlich machen; wir räumen gerne ein, daß die Re­gierung mehr Gesetzesvorlagen, und zum Theil bessere, hätte machen müssen; wir vergessen mit dem ganzen Lande nicht, daß oer Chef unserer jetzigen Verwaltung, Herr Hergenhahn, in Diensten jenes Reichs, daS, mit dem Mönche in Wallensteins Lager zu reven, hei­ßen sollte:Römisch Arm" abw send war wir haben es aber hier mit einer Kritik der Kammerthät-g- keit zu thun und wir glauben die allgemeine Stimme des Landes auSzuspcrchen, wenn wir behaupten: die Kammer hätte bei weitem mehr erledigen können und sollen, als sie bis jetzt, beim Beginn des JahreS 1849, zur Erledigung gebracht hat.

Ja es bleibt eine unleugbare Thatsache die Kam­mer Pat wenig ausgearbeitet während ihrer Sitzungs- perivve und unter DemWenigen" befindet sich nicht wenig Unhaltbares. Manche Mitglieder haben lobenS- weupen Eifer und ausgezeichneten Fleiß entwickelt, von der Kammer als solcher, kann man solch s nicht be­haupten. Fragt uns aber Jemand ob die Kammer freist mig ober reaktionär sei so ist dies eine schwer zu beantwortende Frage. Die Kammer hat viele Mit­glieder in ihrer Mute, die gar kein bestimmtes Prinzip verfolgen, sie w rd daher selbst natürlich prinziploS, ohne entschieden hecvortretende Färbung, ohne klar aus­geprägten Charakter sein muss n. Conseqaente Köpfe, die mit eiserner Stirne ihre Fchue aufrecht halten, und fleißig bedacht sind, ihre Ansichten rückhaltöloö durchzu- fechten, sind sehr wenige in cer Kammer. Sie Zahl der sogenannten entschiedenen Rechten ist ebenso gering, als die der entschiedenen sog Linken. So kommt eS denn, daß heute der Würfel l nks, morgen rechts fällt, und an sogenannten Centrumssreten ist unsere Kammer ungemein reich.

Dieselbe Kammer, welche auf den Antrag deS Hrn. Fresenius ein Held DerRechten"! Dm Ti­tel:von Gottes Gnaden" strich dieselbe Kammer benahm sich bei dem Einmarsch der ReichStruppen in Wiesbaden, so klein-, de- und wehmüthig, wie kaum eine zweite in Deutschland es wohl gethan hätte. Wie ganz anders war da der Empfang der Reichstruppen

J Sylvesterabendbetrachtungen.

Usingen. Es gibt Zeiten welche die Geschichte mit ehernem Griffel in ihre Tafeln gräbt, damit ihr Ge­dächtniß nie erlösche. Sie sind, wie alles Große selten. DaS scheidende Jahr stellt sich in dieser Beziehung neben alle Zeiträume, Großes barg eS in seinem Schooße. Große Dinge geschahen im Lause desselben. Der Strom der Zeit, des Menschen- und Völkerlebens ging in dem­selben nicht seinen gewöhnlichen Gang, sondern wild und unwiderstehlich durchbrach er die Dämme, an welchen fleißige und leider zu kunstgeübte Hände Jahrhunderte gebaut. Kein Jahr hat reichere Ernten zerstört, als dieses, weil keines reichere Hoffnungen und grünendere Säten genährt und gepflegt. Als vor dem erwachen­den Frühling die eisigen Bande der Natur schwanden, da brachen auch die eisernen Fesseln, Absolutismus, Ari­stokratie und ein finsteres Pfaffenthum daS nach freier Entwicklung strebende Völkerleben eingeengt.

In unserm westlichen Narhbarlanve, in Frankreich wurde der erste Funke gelegt zu den Revolutionen, welche noch nicht so bald geahnte Umwälzungen in Europa hervorgerufen. Dort stürzte unter der Last der darauf gehäuften Verbrechen ein alter, morscher vor 18 Jahren mühsam und dürftig zusammengeflickter Königsthron. Mit ihm fiel ein stolzer Bvurgcviskönig, mit ihm seine Dynastie. Ganz Europa - Fürstenthum, Aristokratie

und ihre Schleppträger ausgenommen jubelten dem willkommenen Ereigniß Beifall. Alle glaubten des Des­potismus letzte Stunde sei gekommen. Und von dem ungewohnten Genuß der jungen Freiheit berauscht jauch- zeten alle darnach dürstenden Völker. Es janchzete Da» vielfach zerrissene, widerrechtlich geknechtete Italien; eS janchzete der hcldenmüthige Stamm der Magyaren, eS janchzete daS einer schmachvollen Politik des Aus-, inS- besvnvere deS Knutenlandes geopferte Volk, welches nim­mer vergessend seiner verderbten Freiheit erhabnes Gold, sich in end- aber fruchtlosen Zuckungen verblutete eS jauchzete daS unglückliche Polen Dem Tage entgegen, an dem daS Lied seiner Hoffnung zur Wahrheit werden sollte:Noch ist Polen nicht verloren." ES janchzete vor Allen Deutschland, daS unglückliche, zer­rissene geknechtete Deutsch land, weil glaubte, die 39 und m ehr lappigen Fetzen, welche ihm die starkcn Glieder beengte 11, end­lich vertauschen zu können, mit einem eini­gen, starken und passenden Kleide, daS ihm freie Entwicklung und Bewegung gestattete. O großer, erhabner Völker- und FrciheitSfrühlinq! Wie groß waren deine Hoffnungen, wie büchend deine Saaten! Sie sind verdorret, Alle vervorrrt,nd uns ist keine Ernte, uns sind keine Früchte geworden!

DaS heldenmüthige Volk der Franzosen hat sich be­trügen lassen von einer gleisnerischen, falschen Bour­geoisie. ES hat seinen Irrthum zu spät und zu theuer

mit edelstem Blute gebüßt, und mehr Blut wird leider erst daS Feld noch düngen müssen, ehe eS ihm der Frei­heit gvldne Gaben trägt. Ströme BluteS sind in Italien durch einen dynastischen Feldherrn ungestraft vergessen worden, und immer noch seufzen seine Völker unter dem eisernen Joch. Noch immer nicht ist für Polen daS Wort zur Wahrheit geworden und immer nur bleibt ihm als letzter Trost der falsche Schimmer einer schon oftmals trügerischen Hoffnung.

In Deutschland aber haben seit dem Ausbruch der Revolution Fürstenthum und Aristocratie. Die in ihrem innersten Herzen verwundet, bereu stolzer Bau in seinen Grundfesten erschüttert, einenen verzweifelten Kampf be­gonnen. Der bis dato abwechselnd mit den feinen Waffen einer abgefeimten Diplomatie und mit starrenden Bajonet­ten und kartätschensprühenden Feuerschlünden fortgeführt wurde. Zahlreich sind sie vertreten in der Nationalver- sammlnnq kräftig werden sie unterstützt durch eine Partes welche sich früher Verdienste erworben, indem sie Oppo­sition machte gegen das vormärzliche Willkürsystem, die aber zu ehrgeizig und stolz, um auch nur ein Jota von dem längst fertigen Plan ihrer cöustitntoneslen Monarchie, umstrahlt von dem alten deutschen Kaiser- und R ichs- glanze glorreichen Andenkens auszugeben, sich zu einer persönlichen P.irtcischrvffi)tit und einer systematischen Oppo- fitioii gegen die Linke verleiten ließ, wodurch Die ganze Versammlung in ihrer dermaligen Zusammensetzung un­tauglich geworden, wodurch das Deutle Volk um alle