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M 6 Wiesbaden. Sonntag, 7. Januar 18LA.

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* Die Idee eines erblichen Kaisers und ihre Aufnahme in Preußen.

Wiesbaden, 4. Januar.

Die intelligenten Preußen, d. b. Diejenigen, welche nicht das Haus Hohenzollern mit dem großen und höchst achtbaren Volk der Preussen verwechseln die intelligenten Preußen, welche recht gut wissen, daß die Bildung des preußischen Volkes Deutschland beherr­schen wid: beherrschen muß und sich nicht veheh- len, daß gerade dieseHerrschaft der Preußischen Bil­dung" durch die Einführung eines erblich'n Hohen - zollern'schen Kaisers aushören würde diese intelli­genten und vorurtheilsfreien Preußen si iden die von den Frankfurter Professoren ausgebackene Idee eines erblichen Kaisers höchst lächerlich.

Hören wir zum Belege des eben Gesagten, wie sich über diesen erblichen Kaiser eines der geachtesten Organe der öffentlichen Meinung in Preußen dieT iersche Zeitung" ausspricht:

Der blinde, berauschte Enthusiasmus des März schlug falsche Bahnen ein. Man wollte in Frankfurt durch daS Neichsparlamcut vor Allem die Einheit Herstellen und erst dann die einige Freiheit errin­gen. Was aus diesen Bestrebungen geworden, wohin schon das Frankfurter Vorparlament gerathen und auf welchem Punkte der politischen Erbärmlichkeit jetzt der Redeübungsverein der Paulökirche steht der Leser erläßt uns wohl die peinliche Aufgabe, durch ausführ­liche Geschichtserzählung ohnedem Hinlänglich bekannter Vorgängezu erneuern den unsäglichen Schmerz" blu­tig getäuschter Hoffnungen, in ihrer Blüthe geknickter Illusionen. Nur Eins wollen wir nochmals kvnsta- tiren. Für den FreibcitSkämpen ist seit der fluchwür­digen Frankfurter Abstimmung des 16 September und den Ereignissen der unmittelbar darauf folgenden Tage jede Hoffnung auf irgend ein Gutes, das auS Frank­furt kommen könne, unwiederbringlich entschwunden. Das ReichSparlament konnte nur dann zum Heile Deutsch­lands wirken, es wäre nur dadurchgroß geworden,

daß es ging mit dem Sturm des Volkes;

Der wehte es den lichten Sternen zu,

Und gab ihm Kräfte, seine gold'nen Tempel Inmitten dieser mürben Welt zu bauen."

Nur so lange, als die nach Frankfurt Abgeordneten wiiklich dem Willen ihrer Mandataren getreu handel­ten, nur so lange sic auf dem revolutionären Boden standen, nur so lange waren sie eine Macht, denn nur so lange galten von ihnen des eben zitirten Dichters Worte:

Uns regte an ein mächtiges Bewegen, Ein zeugender, ein frischer Lebensgeist;

Uns gegenüber war nur todter Stoff,

Nur Zahlen, Uniformen, Cabinete,

Und Fürsten ohne Völker. . . ;

Von dem Augenbl cke an aber, da die Frankfurter

statt des Volkes Willen und Interessen zu vertreten, nur noch ihre eigenen, selbstsüchtigen, ehrgeizigen Be­strebungen oderprofrssorischen Staatötdeorien und Hirngespinnste" vertraten und betrieben, hörten sie auf, eine Macht durch sich selbst zu sein. Wollten sie irgend etwas gelten, so mußten sie sich dem volksfeindlichen Fmstenthume zu gehorsamen Werkzeugen und Dienern hergeben. Das haben sie^ schmachvoll g-nug gethan, damit haben sie aber auch sich und ihre Werke gerichtet. Dadurch ist es nun dahin gekommen, daß im Volke daS gründlichste und gerechtfertigtste Mißtrauen gegen Alles herischt, was in Frankfurt ausgeheckt wird, w'il das Volk weiß, daß von U t freien nur Unfreies kommen kann.

Und darum wollen die ächten Demokraten, denen es vor Allem um die politische Freiheit und Selbst­ständigkeit des Volkes zu thun ist, weil nur in der Frei- Heit Heil für das Volk zu finden, j'tzt von den im Kaiser sich zusp tzenden Frauksu tee Einheitsbestrebungen duchaus nichts mehr wisse ,. Die Demokratie ist als solche und prinzipiell durchaus keine Feindin einer staatlichen Zentralisation, insofern dieselbe nur eine Zu­sammenfassung der aus dem Boden der freien KreiS« u iD Gem indeverwaltung naturwüchsig entwickelten Kräfte und Gewalten ist, und dazu dient, die zu gro­ßen politischen und sozialen Gestaltungen nöthigen Kräfte in einem machtvollen Brennpunkt zu vereinigen. Das beweisen schon seit langer Z it die Lokofokos, die ächt demokratische Partei Nordamerika's, welche im Gegen­satze zu den Whigs daselbst die Macht der Zentral- Erekutive geyenübet den Staatenregierungen zu stärken suchen, daS beweisen die neuesten Kämpfe der Pariser Assemblee nationale", wo es dieMoutagnarcs waren, die das Prinzip der Zentralisation gegen die Dezentra- lisationsgelüste der reaktionären Legitimisten vertheidig­ten. Aber zu einer Zentralisation der Knech­tung die Hand reichen, zu einer politischen Institution Bausteine tragen, die von vornherein, durch die ganze Natur ihrer Schöpfer und durch die Art ihres Ent­stehens, offen dazu bestimmt ist, eine große Zwingburg mehr zu sein; nein, das halten wir wenigstens mit den Pflichten eines Demokraten für unvereinbar. Die Spitze der politischen Pyramide Herstellen, noch ehe die schwere viereckige Grundlage ^vorhanden ist, heißt Hochverrath am Volke begehen. Ueberhaupt ist die Pyramidalform mit ihrer Kaiser spitze gar nicht diejenige, welche die Demokratie dem Staate geben will. Der Kreis mit seinem Zentrum, in dem alle Radien convergiren, daS aber ohne den Radius, durch dessen Bewegung der Kreis erst entstanden, gar nicht denkbar ist, das ist ein Ideal und Bild demokratischer Staatsformen und In­stitutionen, die nicht ihr L ben nur durch die Bethelli- gung eines JPen Einzelnen erhalten sollen, in denen auch jeder Punkt der Staatsperipherie von den Zen- tralkräften in gleicher Abhängigkeit und Nähe sein soll.

Um uns also zu resumiren: Die Demokratie will ein freies, selbstständiges Volk, einen Staat mit radien-

förmig fnach einem Zentrum converqirenden Institutionen, die von allen Punkten der Peripherie auSgehen, durch

âlso alle am Staate Betheiligten gleiche Rechte, Kelche Pflichten, gleiche Garantien erhalten. In einem Kasserthume, zumal in einem erblichen Kaiserthume, um­geben von einem solchen Reichstag, wie man ibn in Frankfurt jetzt zusammengeleimt, steht die Demokratie eine Ga antie der Freiheit durchaus nicht. Darum protestier sie gegendas deutsche Kaiserthum. Die Demokratie kann für jetzt nur das Ziel erstreben durch alle möglichen Mittel die deutschen Staaten in wirklich freie, demokratische umzuwandeln. Die Föde- lirung, die Einigung wird dann schon kommen. Frei­heit geht über Einheit."

Fragen wir nun, wer denn eigentlich einen erblichen deutschen Kaiser wolleso müssen wir uns antworten: die große Masse der deutschen Nation will von einem solchen ungemein kostspieligen, und die Frei­heit gefäbrdenten Institute durchaus nichts wiff n.

Ebensowenig mögen die deutschen Fürsten in ihrer großen Mehrheit einen erblichen Kaiser: und hoffentlich werden die meisten wohl lieber ihreSouve­ränität" derSouveränität des Volkes" zum Opfer bringen wollen falls sie überhaupt je geneigt sein werd.m, Opfer zum Besten von Deutschlands Größe und Ruhm zu bringen als der Macht eines einzel­nen deutschen erblichen Kaisers, welcheralle ihre einzel­nen Souveränitäten verschlänge, aber bloß zu seinem .Vortheil und zum Nachtheil der Freiheit des Volkes.

Der einsichtsvolle Theil des preußischen Volkes selbst wirft die Idee eines solchen Kaisers von sich.

Als Anhänger dieser Kaisersivee bleiben also bloß noch übrig:

D^die Frankfurter Professoren, welche ihre auf der Studirstube ausgeheukten Theorien gerne an Mann bringen möchten;

2) .die Preußen-Junker und ruhinlüsternen Lieutenants, welche nicht zufrieden sind, für ihrenguten Kö­nig" ihr ^Blut v'rsprützen zu dürfen: sondern welche gerne für einenKaiser" in der allertief, sten Demuth ersterben möchten;

3) die der Freibeit feindlichen Beamten und Geld- säcke, die einenrecht starken" Kaiser wünschen, damit dieserStarke" die Freiheit des deutschen Volkes in seiner Umarmung erdrücke;

4) die sogenannten guten Patrioten, welche noch in dem Jahre 1806 mit ihren verrosteten Joeen mir jein, diese Phantasten, welche mit langen Haaren, schwarzrothgoldnen der» und himm­lisch-vorgerücktem Antlitz durchs Leben schleichen, welche von einem christlich-germanischen Staate faseln, aus dem alle Juden verbannt werden müßten, und welcher eingeklammrrt pt in die engen Schranken eines kirchlichen Dogma'S.

^ Ulrich Hutten.

Gebt mir ein Schwerdt in meine Hände, Wie ich's geführt, ein treues Schwerdt! Die Scheide schnallt mir um die Lende: Wohl hab' ich tapfer mich bewährt! Von Neuem muß ich wieder ziehen Zum heißen Krieg, zum blut'gen Streit, Daß nicht die treuen Kämpfer fliehen, Wenn, ach, ihr Heiligstes entweiht!

Wohl schwebt der Knechtschaft düst're Wolke Db meinem armen Vaterland, Doch hält in unser'm deutschen Volke Noch mancher Kämpe muthig Stand. Noch schlägt manch Herz so feurig glühend Für seiner Freiheit Heiligthnm, Noch funkelt manche Lanze sprühend Für ihres edlen Führers Ruhm.

O haltet fest ihr treuen Seelen, Und blickt mit Muth zum stolzen Ziel'. Wer mag den schweren Streit verhehlen ? Doch ewig lebt, wer kämpfend fiel! Hier winkt der Freiheit goldene Blume Dort Tyrannei und bhitge Schmach ! Von eurer Schande, eiierm Ruhme Tön' euch der Fluch der Jubel nach!

Wer kämpfen will am großen Tage, Entfalte muthig sein Panier;

Kein deutsches Männerherz verzage, Und schwanke feig bald dort und hier! Schon hör' ich dumpf die Donner rollen, Und mahnend tönt der Ruf der Zeit: Auf, auf, meiN-Volk, zum stürmevvllen; Mein Volk, zum heißen Freiheitsstreit!

So lebt und stirbt der Arme.

Erzählung aus dem Leben des Volkes.

Von

E r n st W i l l k o m m.

(Ans denRheinischen Jahrbüchern".)

(Fortsetzung.)

Und die Verachtung der Freien, der sogenannten ehr­lichen Leute, die jeden Verbrecher unausbleiblich ereilt, konnte sie fühlbarer sein, als jenes Stirnrunzeln, womit der Besitzende dem Bettler ausweicht, als jene harten Worte, die man dem um Almosen Flehenden gleich bren­nenden Flüchen vor die Füßen schleudert? Konnte sie empfindlicher quälen, unauslöschlicher beleidigen, als die Benennung elender Lump, Bettelhund, Vagabond, die

der Arme ja täglich hören muß oder doch in den Blicken so Vieler lesen kann! Moser mußte all' seine moralische Kraft aufbieten, um nicht dem Gelüst zu erliegen, daS ihn beim Erscheinen des Voigtes wie ein Fieberanfall ergriff, nämlich den freundlichen Mann an der Kehle zu packen und bis zum Ersticken zu würgen! Noch besaß er Selbstüberwindung genug um den Dämon, der in den finsteren Schluchten seiner Seele sich zu regen begann, zu besiegen und seine Strafe zu überstehen, ohne auf's Neue und diesmal mit Vorbedacht zu sündigen.

Als er nach vierzehntägiger Haft entlassen ward, kam er sich wie ein Fremdling auf Erden vor. Er war fertig mit sich, mit dem Leben! Er konnte sich ruhig beide Hände abhacken, denn er bedurfte ihrer nicht mehr, da Niemand Arbeit von ihm begehrte.

Mit diesem Gefühl gänzlicher Unbrauchbarkeit ging er schwermülhig nach Hause, nicht wissend, was er jetzt anfangen, wie er sich ehrlich ernähren sollte. Ohne Weib und Kind würde er trotzig in die Welt gelaufen und sehr wahrscheinlich die gewöhnlichen Wege des Verbrechens gewandelt sein. Der Reiche sagt: Armuth demoralisirt! und wendet sich von jedem Nothleideuden mit Wider­willen ; aber er bedenkt nicht, daß die wegwerfende Be­handlung der Armen von Seiten der Reichen jene mit der Zeit erfolgende, nicht wegzulâugnende Demoralisation hervorruft! Wer den Armen als einen Wegwurf der Menschheit, als einen Räudigen betrachtet, den man aus- scheiden muß von allem Volk, der vergiftet die Unschuld