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âeiheit und Recht !"

â' 3, Wiesbaden. Samstag , 6. Januar Z8LN.

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BL. Das Pädagogium zu Dillenburg.

Wenn man an den Staat der Gegen vart mit Fug und Recht die Forderung stellen kann, daß er mit be. sonderer Rücksicht auf die Bildung der Heranwachsenden Generation, in welcher er seine Garantie suchen muß, für neue Erziehungsanstalten sorge, sie gehörig einrichte und mit hinlänglichen Mitteln ausstatte, so wird sich aber auch auf der andern Seite rechtfertigen lassen, wenn man den Wunsch hegt, daß bestehende Schu­len, die den Anforderungen aus mannigfaltigen Grün­den nicht mshr genügen können, entw-der aufgehoben oder gänzlich verändert werden. Wir leben ja wahr­lich nicht in der Zeit, wo man aus Privat» ückfichten große Summen verausgaben darf bei der offenbaren Voraussicht, das Ziel nicht zu erreichen, während man gleichzeitig die wohlbegründeten Bedürfnisse aufs ange­legentlichste beschneiden sieht. Ein Institut der Art, welches eine Masse Geld verschlingt, ohne seinen ur­sprünglichen Zweck zu erreichen, ist unser Pädagogium, noch allein übrig unter diesem Namen, seitdem Wies­baden und Hadamar sich zu Gymnasien erweitert ha­ben. Diese unsere Anstalt wird im Laufe des gegen­wärtigen Schuljahrs von 43 Schülern besucht, welche von nicht weniger als 11 Lehrern unterrichtet werden. Darunter sind 6 Philologen, obschon, wie wir unten zeigen werden, der Charakter einer gelehrten Schule ganz geschwunden ist: Der Rektor mit 1300 fl. ®e« Halt, 2 Conrektoren mit 1000 und 900 fl. und 3 Colla­boratoren mit 400, 300 und 200 fl.; die übrigen 5, sind der evangel. Pfarrer, dessen Remuneration von den Landständen gestrichen wurde, der Zeichen- und der Musik- lehrer, ciu jeder mit ungefähr 250 fl., Schreib- und Gesanglehrer. Den Pedellen nicht vergessen, werden diese Zahlen allein schon hinreichen, um den Fortbestand einer Anstalt in Zweifel zu ziehen, wenn nicht noch an- dere Umstände hinzu kämen. Bon den 10 Schülern der 1ten Klasse lernt nämlich kein einziger die griechische Sprache, studirt also keiner fort und von der größeren Mehrzahl der Übrigen kann dasselbe behauptet werden. Die Anstalt wird auch meistens nur von Einheimischen besucht, welche die gebotene Bildung gerade mitnehmen, weil sie mit großen Kosten nicht vci knüpft ist. Die l. Klasse besonders hat nun auch ganz den Charakter einer Realklasse angenommen, so daß die griechischen Stunden sämmtlich, die lateinischen größtentheils mit französischen und englischen vertauscht sind und daß die sogenannten Realfächer glciches Gewicht bei der Ent­scheidung über die erworbene Fähigkeit haben wie die gelehrten. Wenn nun so das Gepräge der gelehrten Schule blos im Namen besteht, was thun wir dann hier mit 6 Philologen, die dem Lande 4100 ff. Besol­dung kosten? Erwägt man diesen gegenwärtigen Zu­stand und bedenkt man, daß bei der jetzigen Stellung der Staatsdiener der Zudrang zu den gelehrten Schu­len auf lange Zeit nicht übermäßig groß sein wird, so

scheint uns die Frage über den Fortbestand unserer An­stalt entschieden, daß sie sobald als möglich aufzulösen sei. Es entsteht da freilich eine neue Verwicklung, wie die bisherigen Lehrer sonst unterzubringen sind, weil die Regierung eine wahre Sündfluth von Ausländern über unser Nassau hat Hereinbrechen lassen; indessen, da sie so scharfsinnige Verträge mit den Einzelnen abgeschlossen hat, so wird sie auch wohl hier eine Auskunft finden; sie wird ebenso den Beweis führen können, daß eine Versetzung nach Dillenburg keine Zurücksetzung ist, ob­gleich man hier das nicht glauben wird und für die Hl'erherkunft eines jeden einen guten Grund weiß. So haben wir hier Pietisten und Rationalisten, sogar einen Ultramontanen, mit dem uns das Gymnasium in Ha­damar beglückt hat. Wenn aber die Lehrer des hiesigen Pädagogiums in ihrer Stellung eine Zurücksetzung sehen, so hat das, abgesehen von der Richtigkeit oder Falsch­heit dieser Ansicht, auch darin seinen Grund, daß kein Collaborator oder Conrektor so unbedeutend ist, der nicht vermöge seiner GymnasialprariS auf seine Collegen am Pädagogium mit einem gewissen Dünkel herabsah'. Dieß nur im Vorbeigehen. Sollten wir nun dieses kranken" Pädagogiums entledigt werden, so sind w'r durchaus nicht gew llt, eine leere Stelle in dieser Hin­sicht bestehen zu lassen, um so weniger, weil Dillen­burgs Einwohner vorzugsweise auf ihre Gerichte und Anstilten angewiesen sind. Der Ort eignet sich aber vv!trefflich, wie keine Stadt im Lande, zu einer Real­schule der wir das günstigste P ognost kon stellen dürfen ohne bedeutende Kosten, weff alle Reliquien des Pädagogiums benutzt werden könnten; und wurden die nöthigen Parallelklassen eingerichtet zur Erlernung der alten Sprachen, wozu nur 1 Philolog nöthig wäre, so würden die Vorzüge eines Pädagogs mit denen der Realschule vereinigt sein. W r wollen unsere Land­stände darauf aufmerksam machen, damit die Fondsgelder eine bessere Verwendung finden, als bisher, und damit eine Anstalt'verschwinde, die nur als Strafanstalt an­gesehen wurde, wie dieß auch vom Lehrercollegium selbst ausgesprochen worden ist.

SR Zur Medizinal-Reform.

Endlich ist uns denn einmal das Protokoll der Bi'cb- richer Versammlung der Aerzte vom 23. Septbr. 1848 zugekommen. Wir erwarteten eigentlich ebenso den Ab­druck des Protokolls der Limburger Versammlung, da­mit alle Aerzte des Landes mit den verschiedenen Wün­schen bekannt würden, und bei einer künftigen General­versammlung alle diese Vorschläge schon im Voraus von Allen überlegt wären, damit sich die Diskussion nicht zersplittere und wirkliche Beschlüsse gefaßt werden könnten. Das Protokoll der Biebricher Versammlung ist sehr mager und dürftig ausgefallen, und wir hätten gewünscht, daß die Verhandlungen ausführlicher wären mitgethcilt worden, namentlich bezüglich des Medizinal-

collegs, bcr Selbstregierung (darüber vergl. Nr. 238 d. Fc Ztg.) und des Subordinationsverhältmsses. Es ist im Allgemeinen auffallend, wie wenig von Seiten der Aerzte selbst für die Medizinalreform gethan wird. Es ist dies sehr charakteristisch für die nassauischen Aerzte. Wahrend Alle unzufrieden sind, Alle nach Verbesserung rufen, bleiben sie öffentlich unthätig, und es ist dies ein Beweis, wie tief die Büreaukratie durch ihr 30jähriges Bestehen gewurzelt ist. Während Apotheker und Thier­ärzte Generalversammlungen gehalten, und Petitionen und Vorschläge an die Stände, das Ministerium nid die Regierung gesandt haben, warten die Aerzte es ru­hig ab, auf welche Weise die Regierung wohl das Me- dizinalwesen neu orgamsiren möge. Schon am 20. Septbr. hat ein Arzt vom Fuße des WesterwaldeS in der Nass. Allgem. Ztg. den sehr zweckmäßigen Vorschlag gemacht, ein Reformblatt für das nassauische Medizinal­wesen zu gründen, da dieses ja eine so ganz eigenthâm- liche Gestaltung habe. Allein es ist eben so wenig zur Ausführung gekommen, wie der Vorschlag zur Grün- dung eines Vereins nassauischer Aerzte. Möchten wir u s doch ein Beispiel an den Schulmännern nehmen! Diese haben eine Rssormschnft gegründet, sie haben durch Eingaben ihre Wünsche zu erkennen gegeben, und daß diese Art und Weise etwas gefruchtet, beweist bt Umstand, daß die Regierung von den Lehrern selbst eine Commission erwählen läßt, die den Plan zu einer neuen zeitgemäßen Schulorganisation ausarbeiten soll. Dahin müssen auch wir Aerzte es bringen, und da uns das Glück so günstig ist, einen sehr achtbaren Me. diztner, der die besten Wünsche für die Medizinalreform hat, tu der Kammer zu haben, so wird es uns jetzt desto leichter werden, unsere Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen. Mit einer Generalversammlung, selbst mit bevollmächtigten Vertretern, werden wir nicht so zum Ziele gelangen, als mit einer auS freier Wahl sämmtlicher Aerzte He-vorgegangeuen Commission, die einen Ent-vurf für die neue Medizinalorganisation aus­arbeitet, und dem Publikum, wie der Regierung vor­legt. Dahin müssen wir jetzt streben, und möge der Herr Med.-Rath Heydenreich seine Stellung in der Kammer dazu benutzen, diesen Vorschlag der Regierung zur dringenden Pflicht zu machen! Und möge jeder Arzt die freie Presse zum Besten der Reform ge­brauchen !

Anmerkung. Es möchte von besonderem Werth sein, wenn alle jene Aerzte Nassaus, die für die Wahl einer solchen Commission find, ihren deßiallsigen Ent­schluß an einen der Vorsitzenden jener Versammlun­gen gelangen ließen, damit diese die Stimmung der Aerzte bezüglich dieses Punktes erführen, und dem­gemäß eine Eingabe an das Ministerium zur baldi­gen Ausführung machen könnten.

So lebt und stirbt der Arme.

Erzählung aus dem Leben des Volkes.

Von

E r n st W i l l k o m m.

(Aus denRheiiiijche» Jahrbüchern".)

(Fortsetzung.)

Auch auf Bauernhöfen, wo er in früheren Jahren für Wochen und Monate als Hülfsarbeiter häufig Beschäftigung gefunden hatte, meldete sich Moser und bot sich zur nahenden Ernte als Mäher, ja, wenn cs sein müßte, sogar als Abraffer an, was doch nach altem Gebrauch nur eine Arbeit für Knaben und Mägde ist Einige Wochen früher würde er vielleicht irgend einen mild gesinnten Bauer durch Zureden und Schildern seiner Noth erweicht haben, jetzt aber, so kurze Zeit vor der Ernte, hatte jeder seine bestimmten Leute schon gedungen, auf die er sich verlasstu konnte. Dies waren kräftige, gesundheitstrvtzendc junge Männer, oder doch solche, die, mit der Feldarbeit seit langen Jahren vertraut, auch die schwerste bei drückender Schwüle wie ein Spiel ver­richteten.

Mosers verfallenes Aussehen, sein schwächlicher, ge­krümmter Körper, das ewige Hüsteln, das von schwacher Brust zeigte, die gebrochene Stimme, waren für den Bauer keine empfehlende Eigenschaften. Unb so blieb

denn auch dies Bemühen des vom grausamsten Geschick Ergriffenen ohne Erfolg! Jetzt war er genöthigt, sich selbst unter die völlig Mittellosen, unter die notorisch Armen des Dorfes zu zählen, und mithin auch gleiche Wege mit ihnen zu wandeln. Der brodlose Weber, dessen Frau daheim fortwährend siechte, dessen beide Kinder aber wie zum Hohn, trotz der elenden Nahrung, die man ihnen reichen konnte, sichtlich gediehen, gesellte sich zu den zer­lumpten Kindern, Weibern und kraftlosen Greisen unb ging mit diesen auf die Stoppelfelder, um Achren zu lesen!

Bei dieser mühcscligen Beschäftigung gericth Moser eines Tages auf die herrschaftlichen Aecker. Es ward eben Waizeu aufgebunden und ein bedeutender Troß Armer, selbst aus der Nachbarschaft, lagerte auf den Rainen, um das Feld nach erfolgter Abschleppung, wie ein Schwarm gefräßiger Heuschrecken zu überfallen. Der Verwalter ritt durch die Reihen der Arbeiter und sendete bisweilen sehr ungnädige Blicke den harrenden Lesern zu, die, von andern Acckern kommend, bereits manchesAehren- sengel" zusamwengebuuden und jeyt neben sich liegen hatten. Moser hielt sich im Hintergründe des Trosses, da ein peinliches Gefühl der Schaam ihn beschlich, wenn er dachte, daß er aus Mangel an jeglicher Arbeit ge­zwungen war, auf so erbärmliche Weise sich und den Seinen kümmerlich das Leben zu fristen.

Endlich war abgeräumt, die Garben standen in Mandeln aufgeschichtet und mehrere große Wagen erschienen, um

den Erntcsegen in die Scheuern zu führen. Der Ver­walter gab den Armen die Erlaubniß, die zerstreut auf den Stoppeln liegenden Aehren einsammeln zu dürfen. In einigen Minuten war nun der große Acker mit den Aehrenlesern überschwemmt. Unter ihnen bückte sich fleißig der verarmte Weber. Bald hatte der Verwalter ihn be­merkt und lenkte sein Pferd gegen ihn.

Wer hat Euch Erlaubniß gegeben, auf den herr­schaftlichen Feldern zu lesen?" redete er ihn barsch an. Schämt Euch, Moser! Ein Mann in den besten Jah­ren läuft Kindern unb Weibern den Rang ab und stiehlt ihnen das Brod vom Munde weg!"

Ein kleinesScugel" in der Hand richtete sich Mo­ser auf, zog seine Mütze und versetzte:Ich habe we­der Brod noch Arbeit, Herr Verwalter, und weit ich doch nicht betteln und stehlen mag, suche ich mir ein paar Krummen da zusammen, wo sie für jeden Armen liegen. Arm aber, Herr Verwalter, daß es Gott er­barm', arm bin ich!"

Weshalb schafft Ihr-nicht mehr am Webffnhle?"

Weil es Gott gefallen hat, mir eine Prüfung auf« zulegen."

Ihr wäret nachlässig, Moser, säumig und unordent- lich, ich habe es gehört! Herr Endermann entläßt Niemand ohne Verschuldung aus seinen Diensten."

Moser zuckte mitleidig die Achseln und bückte sich, ohne Antwort zu geben, um wieder Aehren cinzusammeln.

ES ist freilich kein Wunder, wenn man Euch ent-