„Freiheit und Recht!"
Jg ?â> Wiesbaden. Freitag, 3. Januar MâU.
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Zur Jnduftriefrage.
„Gut ist, was die Thätigkeit befördert." Spinoza.
£ Von der Weil, Ende Drebr, Gleich nach der Märzerhebung haben wir nach Kräften für das Eist? und Nothwendigste, für die Befreiung deS Bodens von den Feudallasten, gearbeitet. Wir haben damit bei Vielen, namentlich der Gewerbtreibenden , wenig Dank geerntet, weil sie nicht sogleich erkannten, daß die Entlastung des Grundeigenthums die GruntzLedineu-g ihrer eigenen Eristenz ist, weil sie sich weiß machen ließen, daß sie, wenn z. B. der Zehnte aufgehoben würde, 8 oder 10 Steuersimpel zahlen müßten, und wie die Vorspiegelungen der Reaktionäre weiter lauteten. Wir lassen uns natürlich weder durch die E-solglosisseit jener unserer Bemühungen, noch durch diese Verkennung von Seiten dieser Irregeleiteten, die ohnehin mehr und mehr schwindet, nicht abbalten, nun auch für sie zu sprechen und über die Mittel ihrer Hebung und Befreiung nach bestem Wissen und Gewissen unsere Stimme abzugeben, selbst auf die Gefahr hin, nun von der andern Seite, von den Kurzsichtigen unter der ackerbautreibenden Klasse, angefahren zu werden. Denn wir wissen ja: „Ehrlich währt am längsten", und „Gerechtigkeit für Alle" ist der einzige Grundsatz, der uns nie im Stiche läßt, und der sobald noch nicht veraltet, weil er sobald noch nicht erfüllt sein wird.
Die Frage, welche an der Spitze dieser Zeilen steht, ist in der „Freien Zeitung" noch .wenig erörtert worden, was freilich seinen guten Grund hatte. Jetzt aber drängte dazu unter Anderm auch die Bewegung, in welcher wir gegenwärtig unsere Industriellen im Anschluß an den zu Frankfurt gegründeten „allgemeinen deutschen Verein zum Schützender vaterländischen Arbeit" begriffen sehen.
Doch zur Sache! Will man die Nothwendigkeit, die deutsche Industrie zu schützen, begreifen, so muß man sich vor Allem von der Nothwendigkeit der Industrie selbst überzeugen. Viele aber, besonders unter der ackerbautreibenden Klasse, sind davon nicht überzeugt. Sie sind vielmehr der Meinung, wenn jeder Staatsbürger für sich (im Kleinen) seinen Beruf, seinen Ackerbau oder sein Handwerk betreibe und dabei sein Eisen, sein Wollenzeug und alle Jndustrieerzeugnisse da kaufe, wo er sie am wohlfe.lsten bekommen könne, ohne sich darum zu kümmern, ob sie im Inland fabrizirt oder aus dem Ausland eingeführt seien, so lebe man am billigsten und glücklichsten. — Aber ihr, die ihr so rechnet, ihr irrt euch gewaltig! Wenn ihr die vaterländische Industrie zu Grunde gehen lasset und mit euerm Bedarf euch selbst auf das Ausland anweiset, so weidet ihr eben vom Ausland abhängig, so kommt ihr in die Gewalt der fremden Waarenerzeuger: wie wollt ihr euch ihnen dann widersetzen, wenn sie ihre Preise allmâlig steigern? Ihr seid in ihrer Gewalt, und mit
der gepriesenen Wohlfeilheit wird es dann bald ein Ende haben. Denkt einmal, um ein recht krasses Beispiel anzuführen, an ganz unkultivirte, z. B. an die afrikanisch!'» Negervölker! Diese haben natürlich keine Industrie, und die Folge davon ist, daß sie den englischen Kaufleuten für ein paar bunte Glasperlen, die einige Kreuzer werth sind, ein Stück Elfenbein, Ebenholz, kurz e'n Produkt ihres Landes geben müssen, das ost so viel Gulden werth ist, als die eingehandelte Waare Kreuzer. Sie sind von den fremden Händlern schlechterdings abhängig, weil sie selbst solche Waaren nicht verfertigen können. Man wende nicht ein, dieses Beispiel pass? nicht, theils weil für Deutschland schon daS Ausland sich selbst Konkurrenz mache, theils weil die Deutschen keine solche Dummköpfe seien, wie die wilden Neger in Akrika. Das Beispiel ist freilich kraß, aber nicht im Wesen der Sache liegt der Unterschied, sondern nur im Grade der Ausbeutung und llebervortheilung. Ihr würdet euer Korn und Vieh, eure Milch und Butter sicherlich nicht mehr an Weith bringen können, wenn ihr in industrieller Beziehung gänzlich vom AuSlande abhängig wäret! Und waS die Dummheit der Negervölker betrifft (mit Verlaub zu reden), — nun was nicht ist, kann noch werden! Ein Volk, welches nur auf einerlei Beschäftigung angewiesen ist, welches in einförmiger Thätigkeit sein Leben verbilligt, ein solches Volkk wild, oder bleibt allerdings dumm, es kann sich nicht zu einer höhern Stufe der Bildung erheben. Wo die Industrie, welche auf dem materiellen Gebietedie höchste menschliche Thätigkeit ist, indem hier eines- theils eine sogenannte Theilung der Arbeit, anderntheils eine Anwendung der Maschinenkraft statt findet, — ich sage, wo die Industrie nicht blüht, da treibt auch daS geistige Leben nur sparsame Blüthen. Wo dagegen überall sich Fabrik n erheben, wo die Räder rollen, die Dampf- Maschinen draußen und die Hämmer gehen, wo große Massen von Menschen sich auf Einen Raum konzentriren und in ununterbrochenem Verkehre stehen, da lebt es und webt eS, da entfaltet sich die höchste intellektuelle und sittliche Kraft, da erheben sich die Massen zum Bewußtsein ihrer Menschenwürde. Denn „gut ist, waS die Thätigkeit befördert", und zwar nicht allein gut in materieller Begehung, sondern auch sittlich gut, so meint der un- sterbliche Denker, dem wir dieses Motto entlehnt haben. Nur ein Industrie treibendes Volk vermag, sich zur höchsten sittlichen Stufe, zur Freiheit zu erheben, das lehrt unwidersprechlich die Erfahrung, wie das philosophische Eingehen auf den Begriff der Sittlichkeit.
Gesetzt aber auch, diese Ansichten seien Träumereien, wie man dieselben von gewisser Seite ansieht, — kü n- nen wir in Deutschland denn überhaupt die Jndustiie entbehren? 'Klagt ihr nicht beständig über die schreckliche Uebervölkerung? Wollt ihr alle diese „unzähligen" Menschen auf Staatokosten nach Amerika schaffen? Dann müßtet ihr viel überzähliges Geld haben! Vom Ackerbau können sie unmöglich alle leben, da in vielen
Theilen Deutschlands schon jedes Stückchen Erde ange- baut ist. Wollt ihr über dieser Erde, auf welcher wir leben, nach Art der hängenden Gärten der SemiramiS noch il»e zweite Erde in der Luft anlegen, um auch sie zu bebauen? — Und doch, ihr könnt es! (Was ist dem Menschengkiste unmöglich?) Ihr müßt's nur richt'^ d. h. bildlich verstehen! Laßt überall Fabriken sich l' die Lüfte erheben, steigt hinunter in die Erde und pflanzt in deren Eingeweiden die Fahne der Arbeit auf, dann le^t ihr Kornfelder an, wo auch kein Halm sich erheben kann, dann zieht ihr Brod über und sogar unter der Erde! Denn der Mensch vermag auch „zu diesen Steinen zu sprechen, daß sie Brod werden!" Der Eiftnstiin, der von dem Proletarier aus dem Schacht hervorgeholt, auf der Hütte geschmolzen, in der Werküatt veraibeitet, als Sichel in die Hand des Baue s wandert und d.ssen Korn abfchieidet, er kehrt als Brod von dem Bauer in die Hand dessen, der kein Korn zu schneiden hat, wieder zurück! Wenn ihr Land- leute, aber statt dessen von den Engländern eure Sicheln und Sensen kauft, so müßt ihr euern verarmten deutschen Brüdern euer Korn dennoch uid zwar umsonst geben, d. h. sie kommen vor eure Thüre» oder fallen den Geincinden zur Last. Ihr müßt also das umsonst geben, wofür ihr hättet Sicheln und Sensen bekommen können, wenn ihr unsere Eisenwerke nicht hättet zu Grunde gehen lassen. „Umsonst aber ist der Tod!" ja euer eigener Tod, euer eigener Ruin! — Oder meint ihr, die 1000 und aber 1000 Menschen, welche durch den Untergang d.r vaterländischen Industrie brodlos werden würden, würden ruhig verhungern? Eine solche Resignation ist heutigen Tages in der Welt nicht Mehr üblich! —
Darum laßt uns klug sein, wenn durch den ewigen Anblick der Gewaltthaten u d Ungerechtigkeiten, die im deutschen Reiche Vorgehen, die Menschenliebe etwaS erkaltet ist! Laßt uns unsere Industrie heben und die vaterländische Arbeit schützen, laßt uns den Engländern, die schon mit lüsternen Blicken in unser Haus hineinschauen, die Thüre vor der Nase zumachen! Laßt uns eine allgemeine Agitation um Schutzzölle erheben!
Nationalversammlung zn Frankfurt.
145. Sitzung.
Es ist drei Viertel 10 Uhr; die Versammlung ist vollzählig und ruhig. Präsident S im svn verkündet die Eröffnung der Sitzung und sofort beginnt der übliche Lärm, mit dem die Verlesung des Protokolls zu begleiten die Versammlung seit einiger Zeit unwiderruflich beschlossen zu haben scheint.
Nachdem das Protokoll stillschweigend genehmigt worden, zeigt Präsident an, daß er mit dem Bureau dem ReichSverwesec die üblichen ehrfurchtsvollen Gratulationen zum neuen Jahre zu bringen die hohe Ehre gehabt habe u. s. w. und verkündet einige Bekanntmachungen, Austritte, Bertheiliing in die Abtheilungen, Flottenanträge it. dgl.
Beseler zeigt an, daß der Bericht des VerfassungSauS- schnffes über das Reichsoberhaupt fertig und in ter Druckerei sei; was er bringt, wird verschwiegen.
So lebt und stirbt der Arme.
Erzählung aus dem Leben deS Volkes.
Von
E r n st Willkomm.
(Aus den „Rheinischen Jahrbüchern".)
(Fortsetzung.)
Moser kehrte sehr müde und wo möglich noch nie- dergcschlagener, als er am Morgen ansgegangen war, Abends in sein Sorgenstübche» zurück. Es war ihm nicht möglich, in dieser Nacht wieder zu weben, auch mack te er nicht einer Versuch. Hiutcr'm Ofen auf harter Bank brachte er den größte« Theil der Nacht fest schlafend zu.
Erst Nachmittags, als er feine Unterthaucupflicht erfüllt hatte, begann er wieder für sich zu sorgen, und jetzt förderte die Arbeit auch wieder so gut, da» er «och vor Abend damit zu Stande kam und sic an dem nämlichen Tage zu Eudermanu tragen konnte.
Dieser ließ den Wortbrüchigen gleich beim Eintritt hart an, riß ihm das gefertigte Zeug hastig aus den HLndeu und ging cs mit ter größten Aufmerksamkeit durch. Der unglückliche Oelfleck sonnte seinem scharfen Blicke nicht entgehen. Er fragte mit zürnender Stimme, was geschehen sei und wer dafür entstehen solle? Moser
läugnete nicht. Er erzählte ruhig und gelassen den Hergang der Sache, bat, ihm das unverschuldete llnglück nicht entgelten zu lassen, er wolle gern von seinem Verdienst späterhin Entschädigung dafür geben, nur jetzt, wo ihm jeder Pfennig von unschätzbarem Werthe sei und wo er täglich Ausgaben zn bestreiten, habe, Die bei regelmäßige», Lebelisgange wegfielen, nur jetzt bäte er flehentlichst, ihn durch keine Lvhnverkürzmig z» strafen miD unglücklich zu machen.
„Ihr habt Ellch vermuthlich beim Kindtanfessen, das Ihr von meiner inseitigen Freigebigkeit Herrichten konntet, bctrtmkcn;" entgegnete darauf Herr Eudermanu. „Nein, Moser, das muß ein Ende nehmen! Von Eurer Wort- brüchigkei) will ich gar nicht reden, ich hätte sie vorans- schcn sönnen ; daß Ihr mir aber durch viehische Völlerei und Unmâßigkeit ein ganzes Stück Der theuersten Waare in Grund und Boden hinein verderbt, das kann ich nicht gutmüthig mit ansehen! Von späterem Verdienst wollt Ihr mir Den Schaden wieder ersetzen? Ha, ha, ha, ha, wie lange soll ich Denn da warten, ehe ich nur zu incinc» baaren Auslagen kommen dürfte! Die Webe i|t mehr werth, als Ihr bei wackerem Fleiß in zwei Jahren erwerben föntet. Und werdet Ihr denn überhaupt noch etwas verdienen, Moser? Ich zweifle daran. — Ein Weber, Der sich nähren und gut beschäftigt sein will, muß ordentlicher, solider, sparsamer, arbeitsanier 'Mann jein. Seid Ihr ein solcher, he? Nein, sag' id) ! Ihr habt Die Vollere', die Genußsucht, Die Licbestândclei im
Sinne, und weil Ihr Euch Darin nicht zu mäßigen wißt, verfallt Ihr und magert ab, daß man Euch als Vogel- seheuche in's erste beste Schvtcnfcld stellen konnte! Ich brauche aber kräftige Arme, zuverlässige Köpfe, keine Schlasmützen: Darum geht in Gottes Namen, Moser, und dankt Gott, daß ich Euch laufen lasse, ohne anf Ersatz zu bringen, Den ich von Rechts wegen verfangen könnte! Geht und kommt mir nicht mehr vor's Gesicht!"
Der Wcber bat um Verzeihung, versicherte mit tausend heiligen Eileen, daß er gänzlich schuldlos sei und nur das entsetzlichste Unglück sich an seine Fersen geheftet habe.
„So macht ja, daß Ihr a»S meinem Hause kommt!" schrie ihn Enbermaun giftig am Unglück ist wie Die Pest, wer mit ihm in Berührung kommt, Der ist seines Glückes nicht mehr sicher! Ich mag und will mit unglücklichen Leuten nichts zu thun habe»!"
„Bedenken Sie, Herr Endermanmmc'n Weib, meine Kinder!"
„Wer heißt Ench heirathen, wenn Ihr Frau und Kind nicht ernähren könnt. Sollte ich für all' das Bcttel-
i vvik sorgen, das sich paart wie Die Sperlinge auf Den Dächern, ich würde meine paar sauer ersparten Thaler bald los sein."
„Ich muß verhungern, wenn sie mich ablvhncn!" stieß Moser heraus.
„So brau.bt Ihr nicht mehr zu essen/ entgegnete E'idermann, Den Dir Zorn über Gebühr hart und unmenschlich machte.