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Freiheit und Neckt!"

^ g Wiesbaden. Donnerstag, 4. Januar ISS®.

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* Einige Worte über die sogenannteUn. reife des Volks" und den sogenannten

Pöbel.

Wiesbaden, 2. Januar.

Das Volk ist noch nicht reif"! Wer hat diesen AuSspruch noch nicht gehört und wie oft ist er nament­lich in neuester Zeit gethan worden !

Vor allen reden die stets von den Volkes Uneife, denen überhaupt an dem Wohl und Wehe des Volkes gar nichts gelegen ist, denen es in der That ganz einer­lei, sowohl ob das Volk Ht reif oder unreif ist, als auch ob das Volk je reif wird Diese Menschen, innerlich überzeugt von ihrer eigenen Unfehlbarkeit, bieten Alles auf, daß das Volk sich nie selbst regiere; sie selbst halten sich nun einmal in Folge ihrer soge­nannten Bildung zur Herrschaft über ihre Brüder be­rufen, und suchen stets mit Fleiß die Meinung zu ver­breiten, daß das Volk, durchaus verderbt und roh, nur allein durch die Zügel ihrer Faust gelenkt werden könne.

Es sind also Selbstsüchtlinge, in den Reihen der hö­her«^ sogenannten gebildeten Klassen, welche mit widri­ger Beharrlichkeit Euch stets vorjammern:Das Volk ist noch nicht reif." Wir wissen zu gut, daß es leeres Stroh dreschen heißt, wenn man sich die Mühe nimmt, zu diesen eigennützigen Seelen zu reden: wir wissen, daß diese Leute unverbesserlich, und daß für diese Be- jammernswerthen der süße Zauber der Menschenliebe nie aufgeht. Aber eine Frage wollen wir noch an sie richten: sagt doch an, ihr Gebildeten, die ihr dasrohe Volk" so scheut, die chr schon Schrecken bekommt, wenn ihr die Männer mit den schmutzigen Blousen erblickt, die ihr schon vornehm die Nase rümpft, wenn einmal nicht die süßen Gerüche eurer Salons zu euch dringen, sagt doch an, wenn das Volk so ungebildet, so gemein ,st, wie ihr behauptet, wanun sucht ihr das Volk nicht aus seiner Rohheit herauszureißen, warum sucht ihr ihm nicht eure Bildung beizubringen ? O lächerliche Frage! Was geht das euch an, ihr fühlt ja nichts für eure Ncbenmenschen, ihr bekümmert euch ja nur um eure Genüsse, und diese dürfen durch den Anblick deS Elends und des Jammers nicht getrübt werden. Jbr seid ja eben die Selbstsüchtlinge, die die menschliche Gesellschaft nu- alS bequemen Fußschemel zu gebrauchen pflegen. Aber wahrlich, es wäre klüger von euch: Ihr, die ihr dem Volk den Rücken kehrt, sprächet weniger von des Vol­kes Rohheit: denn je ungebildeter das Volk ist, d sto größer ist eure Schuld, daß ihr es nicht von den Fes­seln derselben befreit. Es sind aber nicht nur jene Selbstsüchtlinge, welche des VolkesUnreife" zu ihren Zwecken auszubeuten suchen: nein, auch Männer von ächter Gesinnung, deren Herz warm und begeistert fürs deutsche Volk schlägt, hört man jetzt zumal häufig kla­gen:was helfen alle unsere Bemühungen, das Volk ist noch nicht reif, cs versteht uns nicht." An sie möch­

ten wir uns wenden, und daß ihnen der warme Strom Der Begeiflrung nicht vertrockne möchten nur zu er­wirken versuchen.

Ja, ihr ächten Männer des Volkes, ihr habt trau­rige Erfahrungen machen müssen aber dürst ihr deß­halb verzweifeln?

. Haltet doch fest, daß das deutsche Volk vor dem Jahr 1848 in der Blindheit wandelte, und daß es dann, als ihm die Binde abgenommen ward, sich nicht sofort an den Lichtstrom des öffentlichen Lebens ge­wöhnen konnte.

Ihr klaget über Gleichgültigkeit in politischen Din­gen, über Mangel an Gemeinsinn. Nun wohl! hat das Volk Gelegenheit gehabt, diese Tugenden früher zu bethätigen? Mst den Tugenden des Menschen geht eS wie mit seinen übrigen Fertigkeiten: mit der bloßen Lehre" ist's hier nicht gethan, der Mensch muß von dem Leben erfaßt werden, damit er in ihm die Lehre durch die öftere That beweisen und innig erfassen kann.

Ihr klaget, daß das- Volk vielfach so verkehrt auf­trete, daß es Männern sein Vertrauen schenke, die es nicht im mindesten verdienten, und daß es solche zurück- setze und geringachte, die ernstlich bemüht sind, ihren Mitbürgern nützliche Dienste zu erweisen.

Nun wohl so sagt doch an wo soll sich denn bisher der politische Blick der Menge geschärft haben?

Und wollt ihr denn, daß dem Volke, weil es diese oder jene Freiheit, die es von Anfang an nicht gleich voll erfaßt, diese Freiheit überhaupt entzogen werde?

O nein, das könnt ihr nicht wollen, denn ihr müßt wissen, daß der nie ein kühner Schwimmer werden kann, der sich nicht in die brandenden Wogen wirft; und daß der Schütze nie das Ziel wird erreichen kön­nen, welcher sich scheut, von Anfang Fehlschüsse zu thun.

Weun der Mensch laufen lernt, so wird er manch­mal fallen wollt ihr ihn deßhalb nicht bas Laufen lehren?

Wir sind davon überzeugt, daß ihr nicht die große Menge für schlecht und verderbt haltet. Aber wenn eS wahr wäre, daß die Verderbtheit schon in erschrecken­dem Maße zugenommen hätte, müßtet ihr nicht eine um so größere Aufforderung darin finden, den Rath­losen rathend und helfend zur Seite zu stehen?

Aber nein, die Verderbtheit des Volkes ist nicht so groß, als dieß die Aristokraten unaufhörlich zu behaup­ten nicht müde werden.

Wir definiren den BegriffPöbel" nicht, wie dieß die feinen Herren aus den privi'egirten Ständen zu thu ; pflegen: wir stimmen vielmehr der Auffassung bei, welche davon einer unserer größten Publizisten, Dit be­rühmte Lehrer des öffentlichen Rechts Joh. Ludwig Kl üb er, hat. Dreier meint: der Pöbel befände sich in allen Ständen, selbst in Den höchsten nicht weniger, als in den ti-fsten, und der gehöre zu ihm, welcher sich durch Gemeinheit Der Gesinnung auszeichne.

Es ist wahr, die niedern Stände schrecken diezar- ten Seelen" durch ein ungeschliffenes Aenßere ab: aber :

tiefe rohe Schale birgt häufig einen .kostbaren Kern, unb Guimüthigkeit finden wir bei denselben ebenso häufig, als eigentliche Heuchelei und raffinirte Verstel­lung leiten bei ihnen sind. Wir sind deßhalb nicht so phantastisch verkehrt zu behaupten, die Männer aus den niedern Ständen seien Alle gut: bewahre wir wollen bloß die harte Meinung bekämpfen, daß aus diesen Ständen nichts Gutes hervorgehen könne. Die höher» Stände sind äußerlich gutpolirt: aber die schöne Schaale birgt oft einen giftigen Inhalt.

Freilich die Leute dieser jStände raufen sich nicht, betrinken sich weniger und zeigen überhaupt seltener Ausbrüche Der rohen Leidenschaft: aber man hat schon oft behauptet, daß Die Treue bei dielen Ständen eine sehr verbrauchte Münze sei.

Der Pöbel und das arme Volk ist also nicht einer­lei. Gar manche Brust, die ein grober Kittel bedeckt, sch'ägt warm und begeistert für alles Schöne und Er­habene : lasset nicht ab, ihr ächten Freunde des Volkes, das edle Feuer zu schüren, und pflegt sorgsam die hei­lige Flamme.

DeÄtfchSOuH.

Kirberg, 29. Dezbr. (Die Wahl Der Ge­meinderäthe und des Bürgermeisters.) So sind wir denn aus dem Stadium Der Wahlen der Ge- meinderäthe und des Bürgermeisters und der dadurch veranlaßten Wahlkämpfe herausgetreten und zu schönen Resultaten gekommen. Die hiesige Gemeinde hatte sich schon in der Eomiteperiode in zwei Parteien gespalten, in die des damals abgetretenen SchuIthcisereiverwalterS die Partei des StabiliSmus und in die, welche die Ten­denzen der Märzrevo'ution anerkannten und verfolgten die Partei der Demokratie. Es war vorauszusehen, daß beide ihre Kandidaten zu den Wahlen aufft Uten. Die demokratische Partei hielt Vorberathungen und Vorwahlen, bei welch letzteren fast mit Stimmeneinheit die Hervorragendsten auS ihrer Mitte aus der Urne kamen, solche, Die es sich zur schönen Aufgabe gemacht, mit allem Eifer die faulen Zustande im Gcmeindever- waltungswesen wegzuräumen, und dieses nach dem de­mokratischen Grundsätze der Gleichberechtigung aller Bürger mit der Devisezum Wohle Aller" zu organi- sieen. _ Aus diesen Grundzügen ihres für den Leseverein aufgestellten Programms wird jeder Leser, der den ge­sunden Sinn Der Kirberger kennt, im Voraus schließen, daß beschriebene Partei bei weitem die Mehrzahl für sich haben und bei den Wahlen sieben mußte. Und so geschah es denn auch. Sie brachte ihre Kandidaten glücklich durch und wir können den Kirbergern nur gra- tülnen , daß sie solch rüstige, wackere Männer an die Spitze ihrer Verwaltung gestellt haben. Die andere die stabile Partei besteht aus Anverwandten und guten Freunden des abgetretenen Schnitheißcrcivcr- walters resp, stark besteuerten Bürgern. Dieie hatte

So lebt und stirbt der Arme.

Erzählung aus dem Leben des Volkes.

Bon

Grnst Willkomm.

(Aus denRheinischen Jahrbüchern".)

(Fortsetzung )

V.

r Arme Leute, Die genöthigt sind, für die kümmerliche Nahrung des nächsten oder gegenwärtigen Tages zu sor­gen, haben nicht einmal Zeit, bei ihren Vergnügungen und Festlichkeiten lange zu verweilen. Die Ruhe, jenes behagliche Sichgchcnlassen und süße Schwelgen des gan­zen Menschen in einem angenehmen, erheiternden und stärkenden Nichtsthun kennt der Arme nicht. Er ist nur da, um zu arbeiten, sich abzumüden und im Schweiße seines Angesichtes, unter der nie verschwindenden Angst vor noch größerer Noth, sein Brod zu erwerben, damit Andere desto sorgenloser und schwelgerischer leben können. Aus diesem Grunde gingen Mosers Gäste bei Zeiten auseinander und der Weber hatte nichts Eiligeres z», thun , als Die Lampen anzuzünden, sie über dem Webe- stuhle an einen von der niedrigen Decke herabreichendcn Blcchhäken zu hängen und die Trittbretter wieder in Bewegung zu setzen. Es war neun Uhr Abends, im Dorfe erstarb schon das Leben, nur dann und wan»

hallten ndch Tritte aus der Gasse heraus oder der fröh­liche Gesang einiger lustiger jungen Burschen, die aus der Schenke heimkehrten und ihre Matchen begleiteten, ließ sich hören. Das ist die Zeit, wo der Arme die Versäumnis des Tages wieder nachholt, damit er beim Mvrgcngruß der neuen Sonne aus genügsamen Herzen rufen kann: Ich danke Dir, Gott, daß Du mir für heute meinen Bissen Brod wieder in Gnaden gegeben hast.

Susanna heuchelte, wie gewöhnlich, einen festen Schlaf, obwohl sie vor Beknmmcrniß um ihren Mann, vor Sorge um die Zukunft der beiden hülflvscn Kinder und vor oft wicderkehrendem stechenden Brustschmerz nicht schlafen konnte. Gertrud war in ihr ödes, kleines Käm­merlein unter Dem Fenster des engen Häuschens hmauf- geklommcu, die Kinder schlummerten Brust an Brust in glücklicher Bewußtlosigkeit in der alten, großen Wiege, die der Vater durch einen Bindfaden von Zeit zu Zeit in schnelleren Schwung setzte.

Obwohl Moser alle Kräfte anstreugte, um recht schnell Den Rest des Gewebes aufzuarbeiten, fühlte er doch bald eine Mattigkeit in allen Gliedern, der zu wi­derstehen er sich vergeblich abmühte. Er vermochte kaum, taktmäßig die schweren Füße zu heben und zu senken, das Schiffchen glitt machtlos aus Der zitterudru Hand, fuhr durch den Zettel und zerriß, indem cs klir­rend zu Boden fiel, die dünnen, buntfarbigen Garn­fäden. Alle Augenblicke mußte er inne halten, um den

Schaden wieder auszubessern, was ihm heute unsäglich schwer fiel. Es flirrte ihm vor den Augen, daß er i mehr seinem Gefühl, als dem Gesicht vertrauen mußte.

Indeß quälte sich der arme bedaueruswerthe Mann bis gegen Mitternacht, ohne kaum Den dritten Theil seines Ziels erreicht zu haben. Er hörte die Thnrmuhr von fern die zwölfte Stunde schlagen, der Wächter stieß jetzt in der Ferne, dann näher in's Horn unD sagte den Beginn des neuen Tages an, ach, und die Arbeit wollte nicht fördern! Auch Susanna, die vergeblich den Schlaf suchte, bemerkte mit wachsender Unruhe das unsichere, zögernde Weben ihres Mannes. Verstohlen schielte sie zuweilen aus der Decke nach Dem Schlafenden hin und sah, mit Thränen im Auge, daß der von vielem Nachtwachen Erschöpfte über der Arbeit einschlicf, und sich nur ermunterte, um von Neuem und länger in bleiernen Schlaf zu fallen. Endlich hörte Die Wiege auf, sich zu bewegen, die Lade am Wcbstnhle schlug noch einige Male dumpf an und stand dann ebenfalls still. Moser war fest eingescklafen. Das Schiffchen in Der rechten Hand haltend. Die linke auf der Lade ruhend, Den Kopf zur Brust herab senkend, so schlummerte Der todtmüde Weber. Susanna freute sich darüber, denn sie wußte Nichts von dem Serfpredieu, das er Dem Fabrikherrn gegeben hatte, und so siel cs ihr nicht ein, ihn durch Anrufen zu wecken und zu neuer Thätigkeit anznfeucrn. Nach einiger Zeit war sie selbst ebenfalls cingeschlummert.

Ein klirrendes Geräusch, verbunden mit einem lauten