„Freiheit und Recht!"
M 276» Wiesbaden. Samstag, 30. Dezember ISIS.
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Die Bestellungen auf das mit dem 1. Januar 1849 beginnende neue Vierteljahr bitten wir gefälligst'recht bald zu machen, hier rm Wiesbaden bei den Buchhandlungen von Heinrich Fischer und H. W. Ritter, auswärts bei den zunächst gelegenen Postanstalten.
Was man in Berlin unter der deutschen Freiheit und deutschen Einheit versteht.
Zugleich eine Probe aus der königl. preußischen Rückschrittspresse.
■ff Vom linken Rheinufer, 24 Decbr. Wer den Geist gründlich kennen lernen will, welcher jetzt in Preußen das Ruder führt, der muß die Flugblätter, Flugschriften und Zeitungen lesen, mit welchen das Ministerium Brandenburg-Manteuffel das Land überschwemmt. AuS diesen kann man besser die wahre Richtung des angeblich konstitutionellen Systems kennen lernen, als aus den königlichen Patenten, den Verordnungen und Kundgebungen des Ministeriums, den Mittheilungen an die Centralgewalt, den Reiseberichten eines Bassermann u. s. w. Mögen alle die letztgenannten Nachrichten noch so „befriedigend" lauten, wir können ihnen nicht den allergeringsten Glauben scheu, ken, so lange man sich bemüht, durch Druckschriften, welche von dem Ministerium mittelbar oder unmittelbar ausgehen, das Volk in einem Sinne zu bearbeiten, der nicht bloß inkonstitutionell, sondern geradezu den Volks- freiheittn entschieden feindselig und absolutistisch im äußersten^ Sinne des Wortes ist.
Wir glauben zwar nicht, daß diese Bestrebungen große Wirkungen bervorbringen, trotzdem daß sie sich in den verständlichsten und schmeichelndstcu Tönen an die niedrigsten Neigungen und Leidenschaften der Masse, an den Eigennutz, die bornirt- stockpreußische Dünkelhaftigkeit, den Mil tär-Hochmuth, wenden und ihr Gift nnter die ausgesuchtesten Redeblumen verstecken. Das Volk hat in der kurzen Zeit deutscher Preßfreiheit schon viel gelernt und kann die zur Wachsamkeit aufrufenden Signale seiner wahren Freunde schon sehr wohl unterscheiden von den verdummenden Schlafliedern seiner falschen Freunde. Es liest die Blättchen und legt sie mit den Worten: „das kommt aus Berlin", oder: „den Pfiff kennen wrr schon", oder: „das ist gelogen, w'e gedruckt, und gedruckt, wie gelogen, und wir sind so dumm nicht, als bie in Berlin glauben", ruhig bei Seite. Wenigstens ist dies bei uns in der Rhein- provinz so, und die Wahlen im Januar werden es zeigen, wie fruchtlos alle diese Bestrebungen waren, welche, da das Zeug auf Staatskosten gedruckt und umsonst »ertheilt wird, das Land eine so ungeheuere Summe kosten. Wir fürchten also di-se vergeblichen Arbeiten gar nicht, aber wir halten sie für sehr wichtig und beachtenswerth, weil sie nicht nur für Preußen, sondern für ganz Deutschland den sonnenklaren Beweis liefern, daß man in Berlin, statt sich auf dem konstitutionellen Boden zu bewegen, wieder dieselbe Stellung einzunehmen bemüht ist, die man vor der Märzrevolu-
I und zum Rechten sieht, was ihm alle vernünftige Leute i herzlich Dank wissen."
Danach ist also fbeS Volksrecht nur ein höchst gnädiges und höchst widerrufbares Geschenk; wir haben inehr Freiheiten (— diese Herren sprechen überhaupt immer nur von einzelnen „Freiheiten" und Freiheitchen, nie aber von dem obersten Grundsatz, der einen und untheilbaren Freiheit —), als uns eigentlich gut sind; und die Preßfreiheit wär' ein sehr mißlich Ding, eigentlich bloß gut für „die Juden und Demokraten", nicht aber für ordentliche brave Bürger, so daß wie wohl am Besten daran thaten, wenn wir sie in die gnädigen Hände des gütigen Gebers zurückstellten.
Oh, Ihr Herrn in Berlin, für wie dumm haltet Ihr das Volk. Ihr habt nichts gelernt und nichts vergessen und werdet von dem 9. November 1848 an so lange wieder an den „beschränkten Nnterthanenver- stand" glauben, bi« das Volk Euch wieder einmal einen schlagenden Gegenbeweis liefert.
Ueber Oesterreich sagt das liebe „Sonntagsblatt" folgendes:
„In Österreich, wo die Juden und die Wiener Studenten im Oktober eine abscheuliche Revolution gemacht haben, ist jetzt auch wieder Ordnung. Der tapfere Feldmar- schall, Fürst Wtndisch-Grätz, hat Wien mit Sturm erobert, die Rebellen beim Kopf genommen und einige zum wohlverdienten Erempel todt schießen lassen. Das hat gezogen! Die österreichische Nationalversammlung ist auch nicht mehr in Wien, sondern in dem Städtchen Krem ficr, was eine Stadt ist, ungefähr so wie unser Brandenburg."
Kann man aus diesen Zeilen nicht den verbissenen Nerger klar herauslesen, daß es in Berlin nicht grade so gegangen, wie in Wien, uud daß man nicht, wie hier ein Kremsier, so dort ein Brandenburg, zu Stande gebracht hat? Man hält es gar nicht" mehr für der Mühe werth, diese früher geheim gehaltenen Gedanken zu verbergen, und es sollte uns gar nicht wundern, wenn dem Orden und dem gnädigen Belo- bungöschreiden, das der Czar Nikolaus an ^Windisch- Grätz geschickt hat, bald auch ein Gleiches von deS Czaren Schwager nachfolgte.
Wollt Ihr wissen, was man in Berlin von dem deutschen Reichstag, von der Centralgewalt, von der deutschen Frage überhaupt, hält? Nun, hört! H'er könnt Ihr es besser erfahren, als von Herrn Friedrich Daniel Bassermann, welcher Friedrich Wilhelm „deutscher fand, als er es gehofft". Hört, was daS vjfizielle königlich preußische Sonntagsblatt sagt:
„Ja Frankfurt, wo der deutsche Reichstagist, sehen sie endlich ein, daß es ohne den König von Preußen nicht geht, daß ihre ganze Sache Nichts ist ohne Preus- sen. Wenn wo Spektakel ist, gleich schreien sie nach preußischen Soldaten; wenn kein Geld mehr da ist,
- hon inne hatte. In diesem Sinne also möchten wir auch Euch, ihr deutschen Mitbürger aus anderen Land n, aufmerksam machen auf diese offizielle königlich preußische Tagespresse, welche alltäglich ihre Erzeugnisse von Berlin aus bis in die entferntesten Theile der Monarchie in Tausenden von Eremplüren, die umsonst ver- theiit werden, ausströmt. Wir wollen, statt weiterer Schilderungen, bloß eine Probe mittheilen, die uns gerade in die Hand fällt.
Die „Neue Preußische Zeitung", die berüchtigte Kreuzrittern,, die Lobrednerin des Belagerungszustandes, der Bürjjerwehr- Auflösung und der Vertreibung der Nationalversammlung, hat sich ein Wochenblatt, betitelt: „Neues Preußisches Sonntagsblatt" zugelegt. Als Titelbild trägt dasselbe einen Holzschnitt am Kopf, Wicher darstellt, wie ein Adler eine sich vergeblich wehrende Schlange in Stücke reißt. Die Unterschrift: „Der 9. November 1848" läßt keinen Zweifel darüber, daß der Adler den König vorstelle» soll, und die Schlange die Preußische Nationalversammlung oder das Preußische Volk, das sie vertrat. Damit steht der Inhalt in Uebereinstimmung. Es wird versichert, die ganze Revolution sei bloß von „den Juden" gemacht worden, die Nationalversammlung habe aber nur deßwegen bei einander bleiben wollen, weil „drei Thaler Taglohn gar zu gut schmeckten."
WaS aber diese Leute für Begriffe von konstitutionellen Volksrechten haben, was sic z. B. von der Preß- frciheit halten, das beweist am Klarsten folgender Satz:
„Darauf wurde am 5. December die.ganze Nationalversammlung nach Hause geschickt, und der König gab uns eine Charte, nennt man das, das heißt: ein großes Gesetz, in welchem alle die vielen Freiheiten festgessllt werden, die das Preußische Volk künftig habe« soll. Wir müssen dem Könige sehr dankbar sein für diese Charte, denn er gibt uns darin viel mehr Freiheiten, als uns eigentlich gut sind.
Zweierlei aber macht mich traurig bei diesem großen Geschenk. Erstlich, daß die Juden und die Demokraten doch noch nicht zufrieden sind, sondern immer noch mehr haben wollen. Zweitens aber, daß diese schlechten Kerle überall die Freiheiten mißbrauchen werden. Denkt euch mal, jetzt kann Jeder drucken lassen, was er will. Preßfreiheit nennt man das. Nun paßt mal auf, was die Revolutionsmacher jetzt für schändliche Lügen in die Welt schicken werden, nehmt euch in Acht, daß" ihr nicht an- gelogen werdet an allen Ecken und Enden! Seht, ich bin traurig, daß unser König so gut gewesen ist. Die Ränkemacher im Lande werden'« ihm mit Undank lohnen. Wir aber, wir woll m nun erst recht zu unserm Herrn halten mit Gut und mit Blut, in Noth und in Tod. Sonst ist's im Ganzen jetzt ruhig und still im lieben Preußenlande, und absonderlich in Berlin, wo der alte tapfere Wrangel mächtig auf Ordnung hält, '
Herr Professor, Landstand Bellinger und der Redacteur der Freien Zeitung.
Eine Geschichte aus der man sieht, wie entschieden die Ultra- montanen in ihren Forderungen sind.
Zur Würdigung der nachfolgenden Acten stücke nehme der geneigte Leser, die Nummern 259 und 269 der Freien Zeitung zur Hand. In Nro. 259 findet sich ein Evrre- spondenzartikel (S 'M.), welcher den Herrn Bellinger uni sanft berührt und in 269 befindet sich ein landstänbiger Bericht, welcher den offenen Zorn des Herrn Professor erregte.
' ,21m 26tcn L M erhielt die Redaktion folgenden Brief von Herrn Bellinger II:
An
Herrn J. Oppermann, Redakteur der Freien Zeitung.
Einliegendes werden Sie in Ihre Zeitung, aber nicht als Inserat, aufnehmen. Sollten Sie jedoch, trotz meiner glimpflichen Behandlung Ihrer Verdächtigungen, die Aufnahme weigern, so rcmittircn Sie meine Erklärung, umgehend ; ich werde dann die nolhwendigscheinendeu Maßregeln ergreifen.
Hadamar, den 26. December 1848. Bellinger.
An die Redaction der Freien Zeitung.
Herrn Oppermann!
Sie haben die Verdächtigungen, wclcl)c Sie gegen
mich in Nro. 269 Ihres Blattes ausgedrückt haben, auf die am 20stcu d. M. von mir gehaltene Rede gegründet. Wenn Sie als Ehrenmann gelten wollen, so werden Sie diese Rede in Ihrer Zeitung abdrucken lassen, damit das Nassauische Volk selbst urtheilen kann, ob ich die Wahrheit spreche, wenn ich sage: I ch habe die religiöse Freiheit des ganzen Volkes, aller Konfessionen vertheidigt. Sie aber sind für eine die Freiheit der einzelnen Con- fcssionen bedrückende und darum gehässige Maßregel des a l t c u P o l i z c i st a a t c s in die Schranken getreten.
Bellinger II.
Auf diese beiden Briefe des Herrn Bellinger II. ergeht an denselben von dem EndeSlniterzeichnëtcn nachstehendes offenes Sendschreiben:
Mein Herr!
Haben Sic den konfessionellen Unterricht vertheidigt? Antwort: Ja! Haben Sie cs mit Emphase (mein Wörterbuch übersetzt dieß Wort mit Nachdruck) und gelehrte» Randglossen gethan? Antwort: Ja! Weiter habe ich von Ihnen nichts behauptet. — Was wollen Sie also? Hernach kommt in dem Berichte die Behauptung: „die Buß und Eonsorten tauchten in unserer Kammer auf", wenn Sie diese Behauptung auf sich selbst bezogen haben, so begreife ich nicht, wie Sie solches verletzen kann, da Sic vielmehr nach Ihrem Standpunkte eine etwaige Vergleichung mit Buß sich zur Ehre rechne» mußten. [ Ich kann mir also nicht denke», wie diese Behauptung |
Sie schmerzen könnte. Oder haben Sie vielleicht vor Buß keine Achtung? Wie? Das wäre mir in der That eine ganz neue Erscheinung. Sodann folgen weitere Glossen von mir über die „Bestrebungen" der ullra- montanen Parthei. Diese Glossen gehen eben auf tic Parthei der Ultra mott tauen und nicht auf Sie. Halten Sie es jedoch für eine Verdächtigung, wenn man Sie zu den Ultramontancn zählen würde und gehören Sie in der That nicht zu derselben, so werde ich mit Freuden unvmvcilt erklären, daß ich mich in ihrer Partcistcllung geirrt habe. Meine Ansicht ist nun zweifelsohne, daß, wenn nach den Wünschen der ultramou- tauen Parthei, der konfessionelle Unterricht hergestellt wird: Unfriede und Haß zwischen Katholiken und Protestanten entsteht. Ich habe also gesagt „wenn wir den konfessionelle» Unterricht erhalten, wie ihn die ultra- montane Parthei wünscht, — so entsteht Unfriede, nicht aber, wenn wir den konfessionellen Unterricht nach des Herrn Bellinger Ansichten erhalten, entsteht Unfriede. — Allerdings habe ich Sic bisher und nicht erst, wie Sie anzunehmen scheinen, seit SicJhie letzte betreffende Rede hielten, zu den UÜramontauen gerechnet; und ich dachte Sie würden es sich zur Ehre rechnen zu dieser Parthei zu gehöre«, wie das ja jeder Mann von Gcsinnuugstrcuc mit seiner Parthei thut.
Im klebrigen muß ich Ihnen wiederholt er» klären, daß der Passus „diese Partei schiebt jetzt u. s. w." klar auf diese Parthei eben sich bezieht, Sie also auch