M 274
Wiesbaden. Donnerstag, 28. Dezember
I8L8
Die , Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. - Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem - Erfolge. — Die Znserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
Die Bestellungen auf das mit dem 1. Januar 1849 beginnende neue Vierteljahr bitten wir gefälligst recht bald zu machen, hier in Wiesbaden bei den Buchhandlungen von Heinrich Fischer und H.W. Ritter, auswärts bei den zunächst gelegenen Postanstalten.
Die vormals Kammer-Liberalen,
oder
die Herren Gagern, Hergenhahn und Welcker.
(Ein Nachtrag zu dem Artikel in,No. 261 d. Bl.)
E Vom Taunus, Mitte Decbr. ES ist ein höchst verderblicher Irrthum, welcher unter dem Volke weit verbreitet ist, daß die Männer, die durch die Märzbewegung an die Spitze der Staaten gestellt wurden und jetzt eine der Freiheit feindliche Stellung eingenommen haben, ihre Meinungen völlig geändert hätten, daß sie politische Apostaten (RockuuMender) seien. Dieser Irrthum raubte dem Volke DWMlauben an die Freiheit, das Vertrauen in die Wir sind daher immer dieser falschen Ansicht eiWtzMetreten, indem wir die Halbheit, den Doktrinärisinnsdieser alten „Kammer-Liberalen", wie er sich von Anfang an bei ihnen zeigte, in sein wahres Licht zu setzen suchten. Man muß dies aber auch an dem Beispiel der einzelnen Individuen thun. Eine kmze politische Lebensgeschichte derselben, ein kleines curriculum vitae, würde in dieser Beziehung für das Volk sehr heilsam sein; indessen so weit wollen wir uns für jetzt nicht versteigen, wir wollen nur einige Züge von einigen Exemplaren dieser Gattung aufführen.
Voran stehe der „edle" Gagern, der Erfinder der „kühnen Griffe". Man hat niemals im Reiche der Gedanken, da wir noch ausschließlich auf dieses beschränkt waren, einen wirklichen „kühnen Griff" von ihm thun sehen. Er war immer, wenn auch in etwas freierer Weise, adelig, vornehm, pries das konstitutionelle System, das doch Nichts ist, als eine Uebergangöstufe, ein Stadium des Kampfes, immer als ein Definitivum, als ein Non plus ultra, als einen befriedigenden Endzustand. Alles andere geht über seinen Horizont. Schon wer nur seine Physiognomie ansicht, diese groben Züge, die so Vielen als Ausdruck geistiger Kraft gelten, in Wahrheit aber nur physische körperliche Kraft bezeichnen, indem sie aller feineren Beweglichkeit, jedes edleren geistigen Ausdrucks entbehren, — der muß mischen , daß aus diesem Haupte der Gedanke eines wahrhaft „kühnen Griffs" nie hervorspringen wird. Dem Manne ist indessen viel Weihrauch gestreut worden, und mit daher mag in seinem Benehmen dieses zuversichtliche Selbstvertrauen rühren, welches, wenn es sich um einen Borerkampf handelte, gerechtfertigt sein würde. Aber „Gott hat nicht Lust an der Stärke des Rosses, noch Gefallen an Jemandes Beinen."
Als der zweite in unserer Gallerie folgt für uns Nassauer natürlich unser Hergenhahn. In einem, pnft sehr lesenswerthen, Artikel in Nro. 172 der
„Reichstags-Zeitung" („Ministerzustände in Nassau" überschrieben) wirdHr. Hergenhahn dem „politischen Jackumwender" Jordan von Berlin an die Seite gestellt, wodurch demselben aber offenbar Unrecht geschieht. Denn der Berliner Jordan ist, wie dies seine Schriften, z. B. die früher von ihm herausgegebene Monatsschrift: „die begriffene Welt" beweisen, ein Mann von vielseitiger namentlich auch philosophischer Bildung. Was aber das Letztere, die Philosophie betrifft, so hat sich unseres Wissens Hr. Hergenhahn niemals mit dergleichen abgegeben, wenigstens niemals wM davon in seinem öffentlichen Wirken wahrnehmen lassen. Ein hervorstechendes Werk von ihm in der vormärzlichen Zeit war unstreitig der Ausschußbericht in der Angelegenheit der Altlutheraner $u. Stecken, welcher von ihm in der landständischen Diät von 1847 verfaßt wurde. Der geneigte Leser wird sich erinnern, baß damals die Run- kel'schen Altlutheraner um die Erlaubniß petitionirten, unter ihrem Führer, Kaplan Brunn, eine eigene getrennte Gemeinde zu bilden, von welcher mit Festhaltung des alten strengen Lutherthums alle Andersgläubigen ausgeschlossen sein sollten. Hr. Hergenhahu wies aber die guten ehrlichen Leute ohne Weiteres ab, und als Hauptgrund dieses abschläglichen Bescheids führte er unter E'tirung vieler Bibelstellen an (hört! hört!) unsere Verfassung garantire „Glaubensfreiheit", die Stectener Petenten aber wollten „Glaubenszwang", da sie ja Alle, die nicht mit ihren Glaubensanfichten übereinstimmten, von ihrer Gemeinschaft auöschlössen, folglich (!!) dürften sie in unserem Staate nicht geduldet werden! Viele meinten hiergegen freilich, dann dürfe man folgerichtig auch die evangelische Kirche nicht dulden, da diese ja auch die Juden und alle Nichtprotestanten von sich „ausschließe", die vom Staate ga- rantirte Glaubensfreiheit bestehe aber vielmehr gerade darin, daß derselbe alle Sekten, auch solche, die die exklusivsten Glaubenssätze für sich ausstellten, dulden müsse. Indessen Hr. Berichterstatter Hergenhahn drang mit seiner jedes Haltes entbehrenden Beweisführung in der Kammer durch. Die Altlutheraner, welche für ihren Glauben Alles zu opfern bereit waren, welche aus ihren eignen Mitteln sich ein kirchliches Lokal und eure Pfarrwohnung einrichten, und ihren Prediger Brunn besolden wollten, wurden abgewiesen, und nach wie vor auf eine wahrhaft empörende Weise in ihrem Heiligsten mißhandelt. Hr. Hergenhahn aber und die Majorität dieser sogenannten „liberalen" Kammer bewiesen durch diesen Einen Beschluß, daß ihnen nicht klar sei, was Freiheit und was Achtung vor dem heiligen Menschenrecht heißt!
Der Dritte im Bunde sei für heute der ehemalige Bundestagsgesandte Welcker. Der Mann hat in seinem Leben schon mehr „rothe" Reden gehalten, als er Haare auf seinem Kopfe hat. Indessen schon
vor langen langen Jahren, da man noch Nichts wußte von der „rothen" Republik und dem schrecklichsten der Schrecken, dem Kommunismus, fand einmal eine, damals natürlich geheime Zusammenkunft der Liberalen in Ufingen statt, bei welcher sich einer unserer damaligen nassauischen Demokraten einen ganzen Abend lang mit Herrn Welcker herumstreiten mußte.
Halb und ungenügend war der nachher so berühmt gewordene Volksvertreter, ausweichend und prinziplos, so bald das Gebiet der bloßen Phrasen verlassen werden sollte! Er hat später in der badischen Kammer viel fulininirt, aber immer nur wo er sich'r war, daß die Worte sich nicht in Thaten verwandeln würden. Wo Thaten selbst nur zur Kritik vorlagen, z. B. die erste französische Revolution, da war keine Spur von einem Begreifen der weltgeschichtlichen Nothwendigkeit. Ueber die französische Revolution, diese größte That der neuern Geschichte, schimpfte er, wie sein Kollege, der selige Hr. von Rottek, der jetzt, wenn er noch lebte, ebenfalls unter dec Fahne der Reaktion stehen würde. Die moderne Philosophie, die Mutier der wahren deutschen Demokratie, feindete er aufs heftigste an, eine Thatsache, an welcher allein der Kundige schon genug hat! —
Man rede also nicht so ohne Weiteres von Apostasie. Diese vermeintlichen Abtrünnigen waren im Wssentli- chen immer dasselbe, was sie auch jcht sind, mit dem einzigen Unterschiede, daß man damals seine Leute nicht so leicht erkennen konnte, weil keine Thaten zu vollbringen waren, ^weil das eigentliche Volk gar nicht aktiv war. —
Deutschland.
S Von der Ems. (Wahrheit und Freiheit — Lüge und Knechtschaft.) Ich weiß es recht gut, daß es nicht der Zweck dieses Blattes, das daraus ausgeht, die Idee und die Prinzipien der Volks feeih eit zu verbreiten und zu verfechten, Scandale und Persönlichkeiten auSzubeuten. Dessenungeachtet berühre ich einen Gegenstand, welcher auf den ersten Augenblick und für den oberflächlichen Beurtheiler dies zu thun scheint — aber auch nur scheint.
Ich meine damit die neulich von einem Correspon- denten d. Bl. erörterte Sache des Hrn. Lehrer Rühl und seiner Verfolger."
Letztere haben ihren Kampf und ihre Verfolgungen gegen Hrn. Rühl, so wie ihre Anarchie, d. h. Mißachtung der dermalen bestehenden Regierung und ihrer Verfügungen noch nicht eingestellt. Vielmehr haben sie das Alles auf die Spitze getrieben.
Nicht begnügen sich jene finstern Gewalten mch-, in hohem Rathe beisammen zu sitzen, und ihre Pläne
.So lebt und stirbt der Arme.
Erzählung aus dem Leben des Volkes.
Von
E r u st W i l l k o m m.
(Aus den „Rheiligchcn Jahrbüchern".)
(Fortsetzung.)
Moser unterdrückte einen Seufzer, zog seine Jacke wieder an und nahm die Müße von dem Stangenende, die im Viereck den Ofen umgaben. „Mutter," sagte er, „Ihr thut meinem armen Weibe wohl eine Handreichung, wenn sie's bedarf. Ich gehe, ihr Hülfe zu holen."
Gertrud steckte die Spindel in ihren Nocken, nickte dem Sohne freundlich zu und rückte dann auf der Bank fort bis zu ihrer Schwiegertochter, die sie mit ihren hageren, zitternden Armen umfing und nöthigte, den matten Kopf an ihre Brust zu lehnen. Moser aber verließ eiligen Schrittes seine ärmliche Wohnung um der Kreisenden !>en nöthigen Beistand herbeizuschäffen.
III.
Arme haben selten Glück. Es ist, als entsetzte sich die heitere Göttin vor dem Anblick der Elenden, und
weiche ihnen aus, um sich ihr schönes, heiteres Dasein nicht trüben zu lassen. Der arme Weber sollte dies zu seiner namenlosen Bestürzung jetzt, wo er doch des Glückes so sehr bedurfte, mehr denn je erfahren. Die Hebamme war vor Kurzen, zu einem reichen Bauern des Dorfes geholt worden, dessen junge Frau ihrer Niederkunft entgegen sah. Moser lenkte seine Schritte nach dem Bauernhöfe, denn er kannte den Besitzer, er hatte seine Frau unzählige Male auf der Schaukel geschwenkt. Sie war damals ein munteres, lebenslustiges, gefälliges Mädchen gewesen. Bei ihrem Vater stand er ehemals als Ernte- arbeiter in Diensten und hatte ihm manche kleine Gefälligkeit erwiesen, manchen Gang für ihn um ein vergelt' es Gott gethan. Er hoffte Theilnahme, vielleicht sogar Unterstützung zn finden.
Als Moser in die Wohnstube des Bauers trat, saß die Hebamme am gedeckten Tische, trank Kaffee und aß dazu große Stücke frisch gebacknen Kuckens. Die junge, hübsche Frau lag im Bette und plauderte gemüthlich mit der Alten. Ihre Niederkunft war noch fern. Der Weber hörte mit freudigem Dankgefühl diese Nachricht und bat darauf die schmausende Kinvermutter, ihn wo möglich sogleich zu begleiten, um Wer armen Frau bciznstehen. Die Alte schlürfte gelaßen ihre Tasse aus und sah den Armen mit großen Augen an.
„Zu Eurer Suse?" sagte sie. „Weun ich bei der Jungefrau nickt mehr werde nöthig sein, will ich kommen."
„Das würde zu spät sein, gute Frau," versetzte der
Weber. „Mein armes Weib ist krank und obendrein gebricht cs ihr am Besten. Die Zeiten sind schlecht, ein armer Weber verdient sich kaum noch bas täglige Brod, und wenn gar Krankheiten einreißen — "
„Ihr seid sehr zu beklagen," unterbrach ihn die Hebamme, auS der blanken zinnernen Kanne von Neuem ihre Tasse mit dem Absud der braunen Boyne füllend, „aber Ihr seht^selbst ein, daß ich die junge hübsche Frau nicht allein lassen kann. Es wäre gegen Gewissen und Pflicht, und wir geplagten Fraucu werden bei jedem kleinen Unglück sogleich zur Verantwortung gezogen."
„Ach, bleibt ja, gute Ebcrtcn!" bat die Bäuerinn und nahm eine recht leidende Miene an. Moser's Blick fiel wie eine Feucrstamme auf sic.
„Dorel," sagte er, „Ihr könnt mich doch nicht ganz vergessen haben die paar Jahre her, daß ich nicht mehr bei Eurem Vater auf Arbeit gegangen bin? Ich war Euch immer gefällig in allen Dingen und kletterte Euch zu Liebe am die höchsten Obstbäume, wenn Euch gerade ein rothbäckiger Apfel oder eine goldgelbe Birne in die Augen stack. Denkt daran, Dorel, ich bitt' Euch, lind seid barmherzig gegen einen recht elenden Mann! Wenn Ihr der Ebcrtcn ein gutes Wort gebt, so schlägt sie mir's gewiß nicht ab. ES ist gar so dringend!"
Die Bäuerin wollte sich jedoch all der kleinen Gefälligkeiten nicht mehr erinnern, die der Weber anführte. Sie wußte, daß Mofer arm war und sich ganz der Weberei ergeben hatte, sie sah nur den ärmlich gekleideten, macht-