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„âeiheit und Recht!"
M 273.
Wiesbaden. Mittwoch, 27. Dezember
IMS
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Die Bestellungen auf das mit dem 1. Januar 1849 beginnende neue Vierteljahr bitten wir gefälligst recht bald zu machen, hier in Wiesbaden bei den Buchhandlungen von Heinrich Fischer und H.W. Ritter, auswärts bei den zunächst gelegenen Postanstalten.
* Der deutsche Professorenkaiser.
Wiesbaden, 24. December.
Was wir von vornherein, schon bei dem Zusammen« tritt des Vorparlaments, erwarteten, ist denn auch geschehen: Professor Dahlmann hat nicht geruht, bis er von seiner Kaiseridee glücklich entbunden worden ist. Professor Dahlmann möchte uns um jeden Preis seine englischen Herrlichkeiten, seine Lords, seinen „gesunden Adel" — und daneben den unverantwortlichen, erblichen Herrscher aufbürden. Professor Dahlmann ist ein ehrlicher Konstitutioneller und ist Derjenige, welcher mehr wie irgend ein Anderer in Deutschland das zarte und feine Gewebe der konstitutionellen Monarchie zusammengefügt hat, und es ist .nur Jammerschade, daß das Gewebe nur für zarte Aristokraten- und Profefforenhânde begreiflich ist: denn allemal, wenn das Volk mit seiner derben Faust die;s Gewebe betasten will, so zerreißt es dasselbe. Dahlmann also bat zwei Schwärmereien: einmal die konstitutionelle Monarchie und dann den Musterstaat England. Die konstitutionelle Monarchie ist sein Ideal, sein höchstes Kleinod, dafür schwärmt er nicht minder, wie ein liebeberauschter Jüngling für die Auserkorne seines Herzens. Seine Begeisterung für diese beschränkte Monarchie kam aber besonders daher, weil er sie eben in seinem „Musterstaate" vorfindet, und er in ihr den Grund findet, warum diefer^Staat so frei, so groß, so mächtig dasteht!
Ja, Albion ist groß |unb frei! SeineZSchiffe beherrschen alles Meer, was das feste Land der Erde netzt; Urie Fahnen wehen keck auf allen Küsten des Erdballs ; seine Handelsleute stehen im Verkehr mit den Völkern jeder Zunge; seine Stimme gibt den Ausschlag im europäischen Großrathe. Aber diese Größe ist, wie die konstitutionelle Monarchie, selbst eine Lüge mit lieblichem Antlitz und gefälligem Aeußeren!
Diese Größe ist ein übertünchtes^Grab,' ein zierlich verdeckter Schutthaufen!,
Hebet den Deckel dieses sGrabes empor und mit Beben und Schaudern werdet ihr eure Blicke abseits wenden. Denn aus dem Schooße Englands grinzt euch an das nackte Irland, dieses unglückseligste aller Länder,', welches das stolze Albion nicht allein zu seiner Magd machte, sondern welchem auch das hundertjährige unverdiente Elend das nnauslöschliche Zeichen^grenzen- loser Verderbtheit ausgeprägt hat.
Und aus diesem Schooße erhebt sich, dumpf drohend, das ungeheure Proletariat Englands: und dieß und Irland rufen Fluch, dreimal Fluch über ihre Unterdrücker, über die Pfeiler der konstitutionellen Monarchie in England, und greifen mit der Kraft der Verzweif
lung zum Schwerdte, um die Sklavenkette zu^ durchhauen.
Aber dem schwachen Arm entsinkt wieder das Schwerdt: denn das ist ja gerade die Größe, das ist ja gerade der Triumph des freien, stolzen Albions: „die Aristokraten haben die große Masse deS Volks nicht nur arm, sie haben es auch feig und schlecht gemacht.
Ja, England ist ein glückseliges Land, und weil eS dieß ist, muß seine Verfassung auch die beste von der Welt sein. Aber wenn wir dem Herrn Professor nun auch zugeben, daß dem so sei, — wie kann man sich eine Monarchie ohne Adel denken? Dahlmann weiß dieß selbst sehr gut. Er lehrt selbst, ein König ohne Adel stehe in einer unheimlichen Größe da, die durch nichts vermittelt werde. Wollen die Herren also einen deutschen König machen, — überhaupt aber läßt sich ein König in unsern Tagen nicht mehr machen: das Volk, das ihn machte, kann und wird sich jeden Augenblick die Befugniß beilegen, ihn wieder abzufetzen — wollen sie einen deutschen König machen, so müssen sie erst einen deutschen Adel schaffen. Einen eigentlichen großen Adel, wie ihn England besitzt, haben wir nämlich nicht: wir haben statt dessen Fürsten. Glaubt ihr nun, daß diese Kaisersidee im Stande sei, diese Fürsten sammt und sonders — und Deutsch-Oestreich dürfen wir Deutsche um keinen Preis fahren lassen, dieß Oestreich, eines der herrlichsten deutschen Länder, welches ohne Deutschland eine Beute der Slaven sein würde, und ohne welches Deutschland ein lebensunfähiger Krüppel sein würde, — zu einfachen englischen LordS zu machen! Warum soll denn gerade Deutschland denselben Entwicklungsgang durchmacheu, wie England? Frankreich hat ihn auch nicht durchgemocht; es hatte auch keine englischen LordS, weil bei ihm das römische Erbrecht zu schnell und weit um sich griff.
Freilich kam die Französische Republik den deutschen Professoren und Geschichtsschreibern sehr unbeqnem. Sie machte alle ihre Berechnungen und Prophezeihungen zu Schanden. So hörten wir noch selbst vor einigen Jahren Herrn Professor Gervinus doziren: „die Republikaner in Frankreich hätten sich von der Straße und den Barrikaden in die Kammer geflüchtet, und hier beschränkten sie sich darauf, eine kleinliche Opposition zu machen, welche Niemand beachte."
Wie eines Andern ist der Herr Professor durch daS Jahr 1848 belehrt worden!
Aber der deutsche Kaiser soll ja die Einheit bringen; wenn er als der neue Barbarossa erscheint, so wird aus seinem Kopfe, gleich einer geharnischten Minerva, die deutsche Einheit fix und fertig herausspringen.
Ah! wir sind sehr begierig auf dies Schauspiel. Vorläufig sind wir aber der Ansicht, daß ein deutscher
König das Volk nicht allein viel, viel Geld kosten werde, so, wohl er mit seiner kaiserlichen Zivilliste, alS der nothwendige lange Schweif von Hofräthen, Räthen, Marschällen, I Läufern, Kutschern, Zofen und sonstigen unzähligen Hoflaffen —: daß wenn er auch die deutsche Einheit brächte, er dieß jedenfalls auf Kosten der Freiheit thun würde; daß aber überhaupt ein solcher die deutsche Einheit, weit entfernt zu bringen, geradezu unmöglich macht.
Einen erblichen Kaiser kann Deutschland recht gut entbehren, und doch stark und frei werden: ohne Oestreich ist nun aber ein Deutschland nicht möglich. Wir sagen „ohne Oestreich" weil die Partei, welche einen Kaiser fabriziren möchte, dabei den „edlen Hohenzoller" im Auge hat: welcher in seinem Edel« muthe noch kürzlich, als er die Volksvertreter heimschickte und seinem Volke eine Verfassung schenkte alles Recht det Seite setzte.
Die servilen Schmarotzer-Blätter nennen ihn jetzt einen „Edley", „weil er (hört!) weil er nicht Kaiser werden wolle, wenn es nicht seine übrigen Kollegen zufrieden wären." Das heißt aber auf gut deutsch: „Ihr lieben Professoren in Franrfurt, ich bin euch zwar sehr dankbar für eure guten Absichten; allein ich glaube, daß ihr weder befugt, noch mächtig genug seid, einen Kaiser zu machen. Einen Kaiser können sich die Fürsten selbst machen."
Wie man neuerdings vernimmt, hat denn auch die „ Kaisersidee" in Frankfurt wenig Aussichten mehr, durchzudringen.
Bewahret uns nur, ihr guten Patrioten und „Deutsche", wie ihr euch prahlerisch und dünkelhaft allein nennen wollt, bewahret uns nur vor einer Einheit um jeden Preis, und lernt doch einmal" begreifen, daß wenn Deutschland ohne Rückhalt durch, aus frei ist, die Einheit von selbst als eine reife Frucht in den Schooß fallen wird.
Nationalversammlung zu Frankfurt.
143. Sitzung.
Venedey und Genossen beantragen, von den Grundrechten, wie.fie vorgestern beendigt worden, 100,000.Eremplare abdrucken und durch dre einzelnen Abgeordneten in ihren Wahlbezirken vertheilen zu lassen. Nach einigem Widerspruch, wobei sich Schwerin dadurch auszeichnet, daß er die Kosten dafür nicht aufwenden will, worauf Venedey errllârt, er übernehme die Kosten allein, (Bei. fall) wird der Antrag zur Abstimmung gebracht und nach fruchtlos angestellter Gegenprobe mit 153 gegen 148 Stimmen ange- nommen. Die anwesenden Minister Sagern ‘unb' Beckerath so« wie Bassermann stimmen dagegen.
ES wird zur Tagesordnung übergegangen.
Auf dieser steht zunächst Art. VII. des Reichstags. §. 24. wird ohne DiScussion im ersten Satz angenommen, der zweite Satz verworfen, der Beisatz: ebenso seine Schriftführer, genehmigt. Ohne DiScussion wird weiter angenommen §425:
So lebt und stirbt der Arme.
Erzählung aus dem Leben des Volkes.
* Von
Ernst Willkomm.
(Auâ den „Rheinischen Jahrbüchern".)
. , (Fortsetzung.)
„Was gab's denn?" fragte die Kranke, verwundert aufsehend zn Moser, dessen Heftigkeit ihr seltsam und ungewohnt vorkam.
„Weun unser Einer fünfundzwanzig Jahre schlecht und recht ein eheliches Leben unter Sorgen und Mühen, unter Kummer und Thränen verbracht hat," erwiederte Moser, „oder seine silberne Hochzeit mit der Weblade feiert, da schlägt man an seine Brust, dankt Gott, daß es abge- gangcn ist, ohne gar zu aufffällige Noth und fällt Abends vor Sch>aft„gxhe„ auf seine Kniee, um sich durch Dank und Bitte zur Fortsetzung des schweren Lebens zu stärken. So macht's unser Einer, sag' ich, die Reichen aber die quirlen ein Dutzend Brühen ein, mit allen Gewürzen der alten und neuen 2ße[t versetzt, verschreiben sich ein halbes Schock vornehmer Schmarotzer und essen und trinken, biv sie Sonne, Mond und Sterne für Hcfeklöse und den Himmel iclbft für einen Dudelsack ansehen! Ich wollt', die Krank schlug der ganzen Clerisei in die Knochen!"
«""<n Gott, sie haben's ja!" sagte Susanna be
schönigend. „Laß sie's doch genießen, das liebe Gut; wo sollen sie hin damit!"
„Wohin damit?" fuhr Möser auf. „Weib, Du bist nicht recht klug! Wohin damit! — Ei, dahin, wo man alle Finger nach einer Faser kräftigen Fleisches leckt! Dahin, wo der Arme im Elende verkümmert, wo der redliche Arbeiter die Sündenmast verdienen hilft! — Gott soll mich bewahren, meine Hand nach fremden Gut ans- zustrecken oder dem Reichen sein Vermögen zu beneiden! Ich bin nicht habsüchtig, nicht nach eitlem Gelb und Gut geizig. Aber essen will ich, weil mich hungert, und weil ich nicht essen kaun, ohne zu arbeiten, so fordere ich Arbeit und Lohn für meine Arbeit. Wenn mir aber weder das Eine, noch das Andere gegeben wird, blos weil es die Prasserei stören würde, siehst Du, Fran, so wollt' ich, alle Karpfen und Hechte, die bei Endermanns heute gesotten und gebraten auf den Tisch gekommen sind, hätten sich in giftige feuerspeiende Drachen verwandelt und die ganze Gesellschaft in Brei zermalmt!"
Moser setzte sich den beiden Frauen gegenüber auf den Tisch und schlug seine Arme über die Brust. Der Zorn des Firmen, der sich seiner Ohnmacht wohl bewußt war, hatte einen fast komischen Anstrich, obwohl hinter der drolligen MaSke das Schreckensantlitz des fürchterlichsten Ernstes, der hoffnungslosesten Verzweiflung grinste.
Gertrud schüttelte den Kopf, um ihre Mißbilligung über die heftigen Worte des aufgebrachten Sohnes zu erkennen zu geben, und Susanna seufzte, da sie wohl
einsah, daß ihr ergrimmter Mann Recht habe. Die Stubenthür ward aufgestoßen und der Besitzer des Hänschens, Fürchtegott, trat ein. Der kräftige überaus robuste Mann ging barfuß in zerrissenen Schuhen, die er sich aus abgetragenen Stiefeln zurecht geschnitten hatte. Eine Leinewandhose, die kaum bis über's Knie herabreichte, schlotterte um das muskulöse Bein. Darüber trug er nach Art der Weber eine vielgewaschene Schürze, die ehedem blau gewesen sein mochte, jetzt aber mehr in's Aschgraue schimmerte. Ein schwarzes Lederkäppchen saß ihm schief auf dem starken, struppigen, mit Garnstaub gepuderten Haar.
„Guten Tag, Nachbar!" sagte der Häusler. „Warum so verdrießlich?"
„Hätte ich einen guten Tag, so würde ich nicht so verdrießlich sein."
„Werft's hinter Euch, Moser, wenn Euch 'was drückt. Leichtes Blut und resolutes Wesen hilft über vieles hinweg. Vordem, seht Ihr, trieb ich's gerade wie Ihr und hatte keine frohe Stunde. Alles schmeckte mir nach Galle. Seit ich mich aber bei der Arbeit auf's Singen gelegt habe und manchmal einen „Dünnen kippe")", seitdem scher' ich mich den Teufel um die Welt! Hat der Herr mit Euch gezankt ?"
Moser schüttelte den Kopf und sah finster vor sich hin.
*) Ein Glas Kvrnbrauntwcin trinke.