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reit Zeitung.

âeiHeit und NeehL!"

M 267

Wiesbaden. Mittwoch, 20. Dezember

18448

Wiesbaden bei den Buchhandlungen von Heinrich Fischer und H. W. Ritter, auswärts bei den zunächst gelegenen Postanstalten.

^ Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand,

Wem Gott mehrere Aemter gibt, dem gibt er auch mehrere Verstände??

Wir sehen es immer mehr, wie wir mit jenen Männern daran sind, welche in den alten Abgeordneten« Versammlungen dieFreisinnigen" spielten und jetzt, nachdem sie zu Aemtern, Titeln und wills Gott auch Orden gelangt sind, das arme hungernde und ge« drückte Volk versichern, wir hätten statt zu wenig Freiheit, viel zu viel Freiheit, das Volk verstehe von Staatsangelegenheiten nichts und solle sich um nichts kümmern, und es werde nicht eher besser,als bis das Volk ein gründliches Mißtrauen gefaßt habe gegen die freie Presse und gegen seine Führer." Letzteres sind'die Worte eines gewissen Mannes bei Gelegenheit der Vetofrage, eines Mannes, der sich auch in den Tagen des März dem Volk zumAnführer" aufdräng, und von dem dankbaren Volk, von dem er selbst behauptet, daß es sich leider durch seine Anführer gar zu leicht täuschen lasse, so hoch gehoben wurde, baß er seine Hand mit Erfolg nach dem Ministertische ausstrecken konnte.

In der badischen zweiten Kammer saßen zum Beispiel auch früher drei Männer, die waren überaus freisinnig mit Worten; die rückten den Ministern ganz schreck­lich zu Leibe mit Worten; daß sie mit Leib und Seele für das Volk seien, bewährten sie stets mit Worten. Diese drei Männer hießen Welcker, Ma thy und Bassermann. Welcker war der wildeste. Wenn das Ministerium ihm seinen Willen nicht thun wollte, dann pflegte er jedesmal mit schrecklichen Revolutionen zu drohen, mit den Ellenbogen zu zappeln und mit den Fäusten auf die Tribüne zu schlagen, daß wir in un­serer Unschuld glaubten, der jüngste Tag des Despotis­mus sei schon da. Mathy war der Finanzmann; er legte der Regierung unablässig vielgliederige Reche, - erempel als Schlingen, worin sie sich fangen sollte, und rechnete unermüdlich, wo man sparen könne zum From­men des armen, hungernden und gedrückten Volkes. Bassermann endlich sagte den Fürsten bittere Wahr­heiten, verlangte zuerst ein teutsches Parlament ( viel­leicht hat er sich darunter nur eine Gesellschaft zum Parliren gedacht?!?) und meinte, seit man am 24. Februar in Paris den Louis Philipp zum Teufel ge­jagt, seien auch in Deutschlanddie Aktien der Freiheit bedeutend in die Höhe gegangen!"

Diese drei Männer (die sonderbarer Weise, viel­leicht auch natürlicher Weise, nicht in Baden, wo man sie persönlich genau kannte, sondern an andern Orten, wo man sie nur aus ihim großmächtigen Wor­

ten kannte, in das Parlament gewählt wurden) sind | seitdem zu hohen Posten gelangt.

Welcker ist

1) Parlamentsmitglied,

2) badischer Bundestagsgesandter,

3) badischer Bevollmächtigter bei der Cen­tralgewalt,

4) babischer Geheimerath,

5) Gesandter der deutschen Centralgewalt bei Seiner Majestät dem König Oskar von Schwe­den und Norwegen,

6) deutscher Reichscommissär in Wien wollt' ich svgen: in Olmütz, und noch einiges andere, geworden; er hat mit dem König Oskar von Schweben, mit dem vormaligen Kaiser Ferdinand von Oestreich (den man vormals den Gütigen" nannte), mit dem jetzigen Kaiser Franz Jo« ;eph von Oesterreich und sonstigen derartigen Personen zu Mittag gespeist u. s. w. Allein seitdem hat er von Freisinn und Volksrechten nichts mehr hören lassen; er hat von all den Ministerien, mit welchen er in Berüh­rung gekommen, entweder nichts verlangt, oder wenn er etwas verlangt hat, dann hat man ihm doch nicht sei­nen Willen gethan; dann hat er aber keineswegs mit den Ellenbogen gezappelt und noch viel weniger mit den Fäusten aus den Tisch geschlagen und geschrieen, am allerwenigsten aber hat er mit Revolutionen gedroht, denn er hält dieselben nunmehr für schändliche Misse­thaten.

Mathy ist

1) Parlamentsmitglied)

2) badischer StaatSrath,

3) Unterstaatssekretar im Finanzministerium des provisorischen d ntschen Reichs geworden, und sonst noch Einiges man kann daS nicht All behal­ten. Leider hat man seitdem nicht bemeekt, daß etwas zum Frommen des armen hungernden uno gebrückten Volkes gespart worden wäre. Im Gegentheile sind die deutschen Reichsbürger mit vielen Steuererhöhungen über­rascht worben, obgleich von diesem neuen Artikel in den. Forderungen des Volks" und in denMârzerrungen- schaften" gar nichts geschrieben stand. Auch hat Mathy mit seinen Rechenerempeln Niemand gefangen. Nur den Republikaner Fickler hat er gefangen, weil schriftliche Beweise des LandesverratHS gegen ihn vorlägen. Letz­teres ist nun zwar nicht bestätigt worden. Allein Fick­ler sitzt seitdem doch wohlaufgehoben in einem still» n Kämmerlein.

Bassermann ist

1) Parlamentsmitglied,

2) Unterstaatösekretär im Ministerium des Innern des provisorischen deutschen Reichs,

3) Reichscommissär in Berlin geworden.

Er hat seitdem den 24. Februar vergessen; er hat zwar mit einem großen Fürsten einmal zu Mittag ge. speist, alletu es unterlassen, ihm bittere Wahrheiten zu sagen, denn erstens wäre das gegen seinen Wirth nicht schicklich gewesen, und zweitens fand er ihn bekanntlich deutscher, als er gehofft"; er glaubt, früher seien die Revolutionen im Recht gewesen, aber seit er (Basser­mann) Unterstaatssekretär ist, seien sie im Unrecht; er hält jede Hand, die nicht Glacs-Handschuhe trägt, für eineMörderfaust" und jeden, der nicht einen Rock an hat, für eineGestalt, die Schauder einfloßt."

Aber, du mein Golt, die guten Herren haben ja auch mit ihrer Anzahl Aemter, Titel unv (will's Gott) auch bald Orden soviel zu thun, baß sie an bas Volk, dem sie wohl früher in freien Ständen etwas vor­schwatzten, gar nicht mehr denken können, selbst beim besten Willen nicht.

Man sagt sonst: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Aber diese Herren haben so viele Aemter auf einmal bekommen, daß wirk ich unser Herrgott selbst l» Verlegenheit kommen muß, woher er in der Eile alle diese verschiedenen Sorten von Ver­stand nehmen soll.

Wir könnten neben den obigen Beispielen noch ein viertes aufführen von einem Manne, welcher

1) Parlamentsmitglied,

2) Ministerpräsident,

3) Bevollmächtigter bei der Ceutral- gewalt,

4) Reichscommissär in Berlin,

5) Prokurator,

6) Präsident eines Sicherheits-Comite's, daS sich aufzulösen vergessen hat,

7) zeitweise auch Badegast in Ostende,

8) vielleicht auch demnächst Inhaber eines schwarzen oder eines erröthenden Aoierordens,

ist. Aber wir fühlen unS nicht im Stanve, die Größe dieses Mannes zu ermessen unv zu schildern. Wir legen im Gefühl unserer Unzulänglichkeit un;ercn schwachen Gänsekiel bei Seite, und hoffen, daß dieser Mann noch seinen Homer finden wird.

Deutschland.

Wiesbaden , 18. Dez. sWie ein Gemein- devorstand nicht sein soll] Wre ein hochlöblicher Stabtvorstand sein soll, ist ein leichtes zu sagen; aber wie ein solcher nicht sein soll, ist noch weit leichter, denn wie brauchen nur die Thaten des jetzt abtreten­den zu betrachten. Von der Reorganisation der Bür- gerwehr, die er auf eine ganz eigenmächtige, nicht zu rechtfertigende Weise vornahm, zu geschweige», wollen wir nur einmal in Betracht ziehen, wie er das Jnte-

So lebt und stirbt der Arme.

i Erzählung aus dem Leben des Volkes.

Von

Ern st Willkomm.

(Aus denRheinischen Jahrbüchern".)

(Fortsetzung.)

Als er der Schule erwachsen war und nun am Ge­schäft des Vaters Theil nahm, mußte er auf dessen Ge­heiß das gesammelte und gewissenhaft sortirte Garn auf dem Schiebkarren in die Bleiche fahren und zwar vier Meilen weit auf Wegen, die man heutigen Tages für uubctretbar halten würde. Der Vater gab ihm zu acht­tägigem Zehrgelde einen halben Thaler mit und die Mut­

ter einen Laib Brod, und damit konnte Gotthardt sehen, wie er auskam, denn Schulden pflegte Endermann nicht ZU bezahlen.

Auf diesen Schiebkarrcn-Reiscn in die Bleiche lernte dee junge Endermann eine Menge Fabrikanten kennen, mit denen er sich in Gespräche über das Gewerbe cin-

Er lernte dadurch manches Gute, allein noch weit mehr schlechtes. Es war die Zeit, wo mancher Linnen- abnkant Versuche im Schuellblcichen machte. So gc- blcid)tev Garn hatte ein weit schöneres Ansehen, als das auf te althergebrachte Weise zubereitete. Die Leincwand m Weiße und fühlte sich zugleich

1 " *u^ )""e Gotthardt, daß ungleich mehr

durch die Schnellbleiche zu verdienen sei und daß so ge­bleichte Linnen so zu sagen reißenden Absatz fänden.

Gotthardt theilte diese Erfahrungen gelegentlich dem Vater mit, fand jedoch bei dem starren Manne zu seinem Leidwesen kein Gehör. Endermann hielt es mit dem Hergebrachten, weil er dieses für gut erkannt hatte.

Gotthardt mußte sich gedulden. Nach einigen Jahren aber vermochte er den Vater zu überreden, daß er ihm ein kleines Capital vorschoß, mit dem er auf eigene Hand nach Belieben wirtschaften konnte. Endermann nahm keine Zinsen von dem Söhne, doch genehmigte er, daß ihm derjelbe im Fall guteu Glückes einige Proeente vom reinen Gewinn auszahlen solle.

Nun handelte Gotthardt auf seine Weise. Er sanfte Garn von geringerem Werthe, bas aber ebenso schön aus­sah, wie das seines Vaters. Auch erlaubte er sich unter dem Vvrgeben, daß der Linnenhanbel ein unsicheres Ge­schäft sei, die Spinner ein klein wenig zu drücken, was ihm dadurch gelang, daß er seine Einkäufe immer baar bezahlte. War es ihm irgend möglich, so geschah dies in damals noch gebräuchlichem Conventionögelde. Dann zog er den Spinnern von jedem Thaler fünfzehn Pfen­nige ab. Wie diese armen Leute im Gebirge, bie sich Brod und Kartoffeln meilenweit aus der Ebene holen mußten, zu ihren Verlnstcn kamen, das kümmerte den klugen Speculanten wenig. Er befolgte den weisen Grund- jaß, den er hänsig hatte anpreisen hörenHandel und Wandel duldet keine Freundschaft!"

Und siehe da, des jungen Envermann's Geschäfte blühten zu seines eigenen Baters Erstaunen. Sein kleines Capital kehrte verdoppelt zurück, die Bestellungen mehrten sich. Es wäre unklug, ja in Gvtthardt's Sinne gradczu lästerlich gewesen, hätte er aus Liebe zum Alten das zu allen Fensterscheiben Hercinlächelnbe Glück mit der Faust in s Gesicht schlagen und für immer vertreiben wollen. Deßhalb gab er jetzt Arbeit aus dein Hause, nahm da und dort, wo er sie recht billig haben konnte, Weber in Lohn und ließ so viel wie möglich arbeiten. Ohne Wissen seines Vaters erlaubte er sich auch, bei sehr feinen Leinwänden den Schuß mit Baumwolle zu veseycn.. Den schlauen Betrug merkte Niemand, selbst nicht der Kenner, und Gotthardt, ober wie sich jetzt auf Anrathen des spc- culativen Sohnes Garn-Endermann nannte,Endermann und Sohn" verdienten in wenigen Jahren ungeheure Sum­men.

Da Gotthardt inzwischen mündig geworden war und sich verheirathet hatte, konnte ihm der Vater nicht billig Vorschriften machen, wie und nach welchen Grundsätzen er die Weberei betreiben sollte. Der alternde Mann blieb sich selbst treu. Er webte nach wie vor blos auf solide Bestellungen die solidesten Linnen auf seinen eigenen Stühlen, konnte es aber nicht hindern, daß der Sohn sich zu einem Weltkaufmann ausbilbete. Die bescheidene BezeichnungWeber" hatte Gotthardt mit dem eines Fabrikanten vertauscht, das einsache Weberhaus in ein Etablissement ^verwandelt. Er baute große Gebäude,