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Fmk Ztilung.

Freiheit und t

M 263» Wiesbaden. Freitag, 18. Dezember I8L8.

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Herbftgedarrken ans der Einsamkeit.

III.

^ Von der Weil, Anfangs Decbr. Da hast du deine Einkommensteuer, liebes Vo'k, deine vielbesprochene heißersehnte wachsende Einkommensteuer! Da hast du sie noch in diesem Jahre. Weil du aber deine vier Simpel schon lange bezahlt hast, so machst du ein etwas schiefes Gesicht, und behauptest gar, eine Einkommen­steuer, die vernünftigste Besteuerungsweise, tauge nichts. Aber besinne dich auch einmal aus die Heldenthaten, welche du seit dem März vollbracht hast und bedenke, daß Heldenthaten kostspielig sind. Erinnere dich an die schweren Kriege, welche du zur Erringung deiner Frei­heit und Einheit geführt bast; zum Kriegführen aber das hat dich schon Napoleon gelehrt gehört Geld und Geld und abermals Geld! Welche Kriege? fragst du. Nun du hast den, gegen dein Parlament rebellirenden, Dänenkönig bekriegt, ihn zu einem für dich vortheilhasten Friedensschlüsse und zur Aufhebung des dir nachtheiligen Sundzollcs gezwungen; du hast die österreichische und preußische Negierung zur Unter­werfung unter deine Centralgewalt und zur Freigebung Italiens und Polens gezwungen; du hast Rußland ge- demüthigt und mit dem befreiten Polen und Ungarn ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen; du hast dein Zaaren die Donauländer abgenommen und dir dadurch eine Handelsstraße von unberechenbarer Wichtigkeit er­öffnet, du hast dir eine großartige republikanische Ver­fassung gegeben: du stehst da, im Freundschaftsbunde mit Frankreich, groß und geehrt unter allen Nationen, als ein freies einiges Deutschland, stark wie seine Berge! Du hast deine Gesandten in allen Staaten der civili- sirte» Welt; die Schiffe deiner Flotte durchkreuzen alle Meere, deine Vereine fürRuhe, Gesetz und Ordnung" haben dafür gesorgt, daß deine Industrie in höchster Blüthe und alle Geschäfte in vollem Gange sind! Um alle diese hohen Güter zu erringen, dazu war natürlich eine Vermehrung deiner stehenden Heere und ein öfte­res Ausrücken derselben nothwendig. Das Alles aber kostet Geld, viel Geld! Ja, antwortest du, von diesen Dingen hat man mir im März wohl viel vor­geschwatzt, aber es ist bei den bloßen Worten geblieben ; ich nehme Nichts davon wahr. Ganz wohl, deut­sches Volk, anders mein' ich das auch nicht. Du hast noch niemals Etwas anders, als in Gedanken, in der Phantasie, in der Einbildung gehabt; denn du bist eben ein Volk von Denkern", wie das Römische ein Volk von Königen" genannt worden ist, und daß du dieß bleibst, dafür sorgen deine geistlichen und weltli­chen Vormünder sehr gut.

IV.

Da es Herbst geworden ist im deutschen Reiche und soeben Winter werden will, da wir also nur die trübste Zukunft vor uns sehen, so drangt es nns gleichsam

mit Gewalt zu der Vergangenheit zurück, wir möchten uns ganz versenken in die Erinnerung an unseren Früh­ling, Aber auch dieser, auch unser kurzer Freiheits« frühling erscheint uns jetzt, aus der Ferne betrachtet, ganz anders, als damals, da wir mitten in demselben lebten. Wir erkennen es jetzt mit unzweifelhafter Ge­wißheit, daß die Blüthen, an welchen wir uns damals erfreuten, schon den Wurm des Verderbens in sich tru­gen, daß sie, ohne Früchte zu bringen, verdorren muß­ten, daß jetzt nur das gekommen ist, wogegen anzu­kämpfen vergebens war. Ihr frellich, die die März­tage nicht unvorbereitet trafen, die ihr längst die Idee in euch trüget, deren Verwirklichung ihr nicht mehr zu erleben.gehofft hattet, und von der ihr nun auf einmal glaubtet, sie solle Wahrheit, mit Einem Schlage Wahr­heit werden, die ihr mit vollem klarem Bewußtsein von dem, was geschaffen werden sollte, in die Bewegung hineintratet, euch selbst wird immer eine erhebende Erinnerung sein, wenn ihr daran zurückdenket, was euch damals bewegte, wie unter den von dem Himmel des Geistes herabzuckenden Blitzen alle Fieber eueres Seins erbebten, wie all eure Pulse jubelten und laut auf­jauchzten, ihr werdet es nie vergessen, wie ihr damals vor dem zerrissenen Vorhänge des Allerheiligsten stan- det, verloren in dem Anschauen des Absoluten. Es war einer jener Momente, woDenken und Sein" in Wahrheitidentisch" zu sein, wo Idee und Wirklichkeit nicht mehr unterschieden werden zu können scheinen, einer derSilberblicke des Lebens", wie sie nicht jedes Men­schenleben aufzuweisen hat! Und etn Silberblick, der für den einzelnen Menschen nur einmal kommt, dessen Wiederholung ebensowenig möglich ist, als eine Wieder­holung der ersten Liebe und ihrer Offenbarungen, die nicht zweimal kommen können, weil es eben Offenba­rungen sind; aber auch ein Moment, der eben des­halb unverwischbar in der Seele fortlebt, der wie ein goldner Saum den dunklen Horizont der Erinnerung ewig begränzt! Indessen, wir wissen schon von un­serer Philosophie her, daß die Idee ihren ganzen Reich­thum niemals in eine einzelne Gestaltung der Geschichte ausschütten kann! Die große Masse des deutschen Volkes war zu wenig vorbereitet, und deswegen war das, was durch sie vollbracht wurde, eigentlich keine Revolution. Wir müssen, wenn auch mit schwerem Herzen, alle Illusionen aufgeben. Wir suchten freilich nachträglich der Märzerhebung den Charakter der Re­volution aufzudrücken, wir suchten unablässig, die Fol­gerungen aus derselben herznleitan, als wenn dieselbe eine wirkliche, vollständige Revolution gewesen wäre. Aber blicken wir einmal zurück auf die Bewegung, die das meiste Blut gekostet hat, auf den Beiliner Straßen- kampsvom 18. und 19. März: warum stand das Volk hinter den Barrikaden ? Aus keinem andern Grunde, als weil das­selbe, das seinem König ein Hoch hatte bringen wollen, von einer wilden Soldateska mörderisch angefallen, und dadurch gezwungen wurde, sein Leben zu vertheidigen. Die unmittelbare Folge seines Sieges war daher auch

keine andere, als daß es nun ruhig herging und sein Lebehoch ungehindert darbrachte! Verdient ein solcher Kampf den Namen einer Revolution? Und was sahen wir in den übrigen deutschen Staaten? Wir sahen Nichts, als daß große Massen von Menschen vor den Schlössern der Fürsten ssch sammelten und sich die Versprechungen, die ihnen schon vor 30 Jahren gegeben worden waren, noch einmal geben ließen, und dann mit schwarz-roth-goldenen Kokarden geschmückt, ruhig wieder nach Hause zogen. Es wurde keine wirk­liche Aenderung des Regierungssystems vorgenommen, es wurden die Beamten des alten Systems nicht ent­fernt, man dachte nicht an eine Reorganisation und Deinokratisirung des Militärs; man that alles Andere, nur nicht das, was eine Revolution erfordert. Man ließ mit wenigen Ausnahmen die Menschen und In­stitutionen bestehen, durch welche es dem alten System leicht wurde, sich, wenn auch etwas erschüttert und durchlöchert", wieder zu befestigen. Hören wir also auf, vonunsern Märzrevolutionen" zu reden und begnü­gen wir uns mit dem einzigen reellen Gewinn, daß durch die mit dem März faktisch eingetreten?, aber durch keine Gesetze und Institutionen gesicherte und deßhalb schnell vorübergehende, freie Bewegung des Volkes die politische Bildung desselben um ein Bedeutendes gewach­sen ist. Entweihen wir nicht ein Wort, welches uns an das Größte und Erhabenste erinnert, das die mo­derne Menschheit vollbracht hat! Es nützt uns doch nichts, da die Feinde der Freiheit sich dadurch nicht im Mindesten abhalten lassen, dieselbe durch alle Mittel zu unterdrücken, und wir bestärken nur die Unwissenden unter dem Volke in ihrem Wahne, eine Revolution machen, heiße soviel als einen Krieg gegen die unschul­digen Haasen, Wälder und Schultheißen führen! Wir sollten aber jetzt doch gelernt haben, daß wir vor Allem den großen noch ungebildeten Theil des Volkes von seinen verkehrten Meinungen und schiefen Ansichten hei­len müssen, ehe wir hoffen können, das rückgängig ge­wordene Rad der Zeit wieder vorwärts zu drehen. '

N a ssa u i sch e r Landtag.

64te Sitzung vom 14. December.

Anwesend die Regierungs-Commissäre Werren, Giesse, Bertram. Der letztere übergibt eine An­forderung von 10,000 fL für eine zwischen Bleidenstadt und Langenschwalbach herzustellende Chaussee.

Jung fragt sodann bei der Regierung an, ob der ordnungsmäßige Gang der Geschäfte bei dem Staats­ministerium durch die längere Abwesenheit des Staats­ministers Hergenhahn nicht leide.

Bertram gibt die Antwort,, der ordnungsmäßige Gang der Geschäfte sei durch Hergenhahns Abwe­senheit nicht gestört worden. (So erlauben Sie uns die bescheidene Betrachtung, daß wenn die Geschäfte, trotzdem daß Hergenhahn abw.sond ist, ihren gere-

ZR Die Commission zur Organisation des nassauischen Forstwesens.

Endlich ist znr Befriedigung eines lang gefühlten Bedürfnisses von unserer Regierung eine Commission von fünf nassauischen Forstmänner ernannt worden, welche der nächsten wieder zusammcntretendcn Ständekammer, einen Entwurf zu einer vollständigen Organisation des Forstwesens vorlegen soll. Da diese Commission in der Mehrzahl ihrer Zusammensetzung das Vertrauen des Landes, und namentlich der Forstleute nicht besitzt,*) die­selbe olso nur als ein Organ der Regierung, einer Re­gierung, die vor und nach den Märzereignissen so bitter wenig für das arme Forstfach gethan hat, angesehen werden darf und kann, so sind sowohl den Forstmännern selbst, als anch namentlich unseren Volksvertretern, heilige Pflich­ten auferlegt, Ersteren dieser Regierungscommission, die namentlich in ihrer Mehrheit sich durchaus nicht von dem alten büreaukratischeu Zopswesen trennen will, die For­derungen der Zeit sowohl, wie aller Forstleute die es mit dem Lande und sich selbst wohl meinen, offen darzulegen, den Landständen aber, nicht zu glauben, daß Alles was vielleicht in der Commission beschlossen werden wird, Auö-

*) Die Commission hätte wenn das Princip einer freien Ver- fassiuig gewahrt werden soll, aus freier Wahl der gormmnuu-r Nassaus, oder wenigstens der vom Volke bestimmten Vertreter, hervorgehen sollen, und würde dann gewiß anders und besser aus­gefallen sein.

druck bet Gesinnungen und Wünsche aller Forstleute Nassau's sei.

Um Einiges hierbei näher auszuführen, bemerke ich noch unter Anderem, daß die Aufhebung der Oberforst­ämter, eines Instituts das sich selbst überlebt hat, und dessen Wirksamkeit bei den meisten, die in nähere Be­rührung mit demselben kamen, entweder ein kaltes Frö­steln, oder mitleidiges Lächeln Hervorrufen mußte, bei i einigen der fraglichen Herrn Commissäre harten Wider­spruch finden soll. Das Warum ist leich erklärlich. Einige derselben sind durchdrungen von ihrer Unfehlbar- fahrkeit, und möchten das schöne Worthöherer Forst- beamte" für sich, die sie als Träger der forstlichen Bil­dung in Nassau zum Glück mit Unrecht ansehen, und für eine andere bevorrechtete Kaste, auch fernerhin vindiciren. Glücklicherweise soll jedoch unsere Regierung hierbei selbst die Unzweckmäßigkeit der Oberforstämter eingesehen, und den Kommissären eröffnet haben, daß die Basis der geforderten Organisation, Aufhebung die­ser Stellen sei. Gewitz hat sie hierbei und mit Recht den Wahlspruch vox populi, vox dei berücksichtiget.

Es ist schon so vieles von der Ueberflüsigkeit (resp, auch dem daraus entstehenden Schaden) der Oberforst- ämter gesprochen unb geschrieben worden, daß es nicht ganz »»nöthig erscheint, den Grund des Widerwillens der jetzt so allgemein dagegen herrscht, hier hervor zu- ' heben. Es ist dies einzig und allein außer dem noto- : risch anerkannten Ueberfluß dieser Stellen im OrganiS- .

mus des Forstwesens, der bisherigen Art der Besetzung derselben zuzuschreiben. Sie sollten sein und waren größ- tentheils Sinecuren für adeligen Herrn, ja man scheute sich sogar nicht, solche aus dem Auslande herbeizurufen wenn es im Jnlande daran mangelte. Wenn ich auch die Weise der Behandlung die von diesen Herrn im Allgemeinen den bürgerlichen Verwaltungsbeamte» zu Theil wurde, nicht gerade inhuman nennen will, so war sie doch überall und immer so, daß Letztere den Ab­stand des Bürgers von der Adelskaste fühlen mußten. Wie >ah es weiter aus mit der forstlichen Bildung vieler unterer Oberforstbeamten gegenüber ihren Untergebenen? Wie oft mußten sich letztere in stillem Ingrimm verzeh­ren, wenn denselben ihre heiligste (nicht selten die beßte) Ueberzeugung, durch individuelle Ansicht des Oberen streitig gemacht, und letztere anfgevrnngcn wurde. Wo sollten sse sich Rechts erholen? Nirgends! denn die Meinung des höheren Forstbeamte« war unfehlbar. War ein Bür­gerlicher durch Connexionen, oder sehr selten durch wirk­liches persönliches Verdienst, endlich znr Staffel eines Oberforstbeamten gelangt, so vindicirte er dieselbe Un­fehlbarkeit für sich, welche feine früheren Vorgesetzten ihm gegenüber geübt hatten*), und des Princips halber, bekam auch er immer Recht und wurde bestärkt in seinem Eigendünkel. (Schluß folgt).

*) Hieraus entspringt beim Forstfache die s. g. Gamaschen- knopferei.