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M 261

Freiheit und Recht!"

Wiesbadon. Mittwoch, 13. Dezember

IMS

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ip Die vormals Kammerliberalen.

Eine historische Untersuchung von Q u a r - tuS Martius.

Motto:

O' Frankreich, du gelobtes Land, Gegeben in der Philister Hand, Verendest du früh oder spat; Männer und Männlein rings umher, Doch nirgends keine Kraft nicht mehr, > Kein Mann, kein Arm, keine That. Sie tragen für dich weder Frost noch Glut, Sie können nur Tinte verspritzen statt Blut, Statt Schwerdter nur Ränke schmieden. Ans, jage die Schwätzer zum Tempel hinaus, Sie gehören, statt iu's Repräsentanten­haus, In das Haus der Invaliden.

Fr. Dingelstedt.

Erster Artikel.

Betrachten wir die öffentlichen Zustände, w-'e sie sich in Deutschland seit der Revolution bis jetzt gestaltet haben, so finden wir, daß überall, sowohl in den Ein- zelstaaten als bei der Centralgewalt und in dem Par­lament, diejenigen Männer zur Leitung der Geschäfte und an die Spitze der politischen Gewalten berufen waren und größtentheils noch sind, welche früher in den einzelnen landständischen Versammlungen an der Spitze der Oppositionspartei gestanden haben und unter dem gewöhnlichen Titel derKammerliberalen" zusam- menbkgriffen wurden. So hat Baden seine Wel­cker, Bassermann, Mathy; Würtemberg seine Römer, Pfizer; Hessen-Darmstadt seine Ga- gern, Jaup; Kurhessen seine Jordan, Wip. Permann; Sachsen seine Braun, Oberländer; Preußen seine Camphausen, Auerswald, Hansemann, Beckerath, Schwerin, Vincke; Hannover seinen Stüve; Nassau seinen Her­genhahn gestellt, und Oesterreich ( tu selix Austria) seinen Schmerling; denn auch Schmerling war (in der Zeit vor der Sündfluth) Mit­glied des kaiserlich königlich niederösterreichischen Land, tags, und rühmt sich, als solches Opposition gemacht zu haben gegen Metternich. Zwar wollen sonst wohlunterrichtete Leute von dieser Opposition nichts bemerkt haben, eben so wenig wie von der von Herrn Ritter Anton von Schmerling selbst behaupteten That­sache, daß er in den Märztagen in eigener Person auf den Barrikaden Wiens g'standen habe. Doch das sind ungläubige, wühlerische Seelen. Wir sprechen mit An­tonius in ShakespearesCäsar":

Denn Schmerling sagt's,

Und Schmerling ist ein--ehrenwcrther Mann."

Wir glauben es also und gehen damit weiter in unse­ren Betrachtungen.

Die Adelsreunion.

(Nach der Mel. die Leineweber haben eine saubre Zunft).

(Aus einem stark verbotenen Buche).

Die Adeligen sehen keinen bürgerlichen an, Harum bidscharnm!

So lang er ihnen nicht nützen kann.

Harum bidscharum!

Echter Adel ohne Tadel! dschupp, dschupp, dschnpp!

Helm und Wappen, Lump und Lappen! dschnpp, dschnpp, dschnpp!

Arm oder Reich, Alles Gleich!

Aller Adel ohne Tadel, dschnpp, dschnpp, dschnpp!

Die Adeligen freien gern ein bürgerliches Kind,

; Harum bidscharnm!

Wenn sic bis über die Ohren in Schulden sind

Härmn bidscharnm!

Echter Adel ;c.

Die Adeligen sind gar höflich und nett

Harum bidscharum!

Sie schöpfen von jeglicher Suppe daS^Fett.

Harum bidscharnm!

Echter Adel re.

Da also dieser Inbegriff von Staatsmännern, wel­chen man vormals unter dem Ausdruckdie Kammer- liberalen zusammenzufassen pflegte, in der Geschichte der Gegenwart eine so ausnehmend wichtige und eirfluß- reiche Rolle spielt, so wundert es uns, das es unserer Zeitungsliteratur noch nicht eingefallen ist, das gemeinsame Band, welches früher diese Männer zusammen unter dem Zeichen der, Opposition vereinigte, einer genaueren Betrachtung zu unterwerfen und (wie früher Sieycs zur Zeit der ersten französischen Revolution die Frage Quest ce que le tiers état? aufwarf und be­antwortete), die Lösung der Frage zu versuchen:

Was war der Kammerliberalismus?

Wir wollen es versuchen, in den nachstehenden Zei­len einigen Stoff zu, einer Physiologie und Pathologie des deutschen Kammerliberalismus zusammenzutragen, indem wir es einer günstigeren Zeit Vorbehalten, den­selben zu einem geschichtlichen System auszubilden. Wir versichern dabei, daß wir uns bestreben, bei dieser un­serer geschichtlichen Untersuchung über die Natur des Kammerliberalismus, uns, ohne Rücksicht auf die ein­zelnen, zum Theil sehr untergeordneten Persönlichkeiten (unter welche wir u. A. auch das Sternlein rechnen, das am Himmel des herzoglich nassauischen Kammei. Liberalismus flimmerte), lediglich an die Natur und die Erscheinungsform des Begriffs zu halten und alle der Geschichtsforschung fremde Parteileidenschaft bei Seite zu setzen. Als Beweis des letzteren möge es gelten, daß wir in die dem Kammerliberalismus gemachte Be­schuldigung, er sei seit der Märzrevolution seiner Sache untreu und fahnenflüchtig geworden (abgesehen von einigen Einzelnen, bei welchen ein gänzlicher Uebergang in das Heerlager der unverschleierten Reaktion nicht zu leugnen ist), im Großen und Ganzen nicht etnstimme» können. Wir behaupten vielmehr, sie w are« früher dieselben, die sie auch jetzt sind. Nicht sie haben das Volk getäuscht, indem sie vorgaben, etwas Anderes zu sein, als Das, wie sie sich jetzt zeigen, sondern das Volk hat sich selbst in ihnen getäuscht, indem sie es für etwas Anderes hielt, als Das, was sie waren, sind und bleiben werden.

Nachdem die Schwingungen, welche sich seit dem Juli 1830 von Paris, dem Heerde der Revolution, aus über Deutschland, ja über ganz Europa, verbrei­teten, in Folge der künstlichen Unterdrückung und Be­wältigung, welcher ihr Ausgangspunkt in Frankreich durch die perfide Politik Louis Philipps und seiner Helfershelfer unterlag, in machtlose Zuckungen und endlich in die Thatlosigkeit der politischen Ohnmacht sich verlaufen hatten, da begann in Deutschland erst die eigentliche Glanzperiode des sogenannten Kammerlibe­ralismus. Da in Folge der Wiener und Karlsbader Beschlüsse und der ihren Vollzug begleitenden Gewalts­maßregeln für Deutschland die absolute Fürstensouverä­nität sestgestellt und den Landtagen nur noch derstän­dische" Charakter (im Gegensatz desrepräsentativen"),

Die Adligen essen alle gerne das Mark Harum bidscharnm!

Und denken: ihr Anderen fresset den Quark!

Harum bidscharum!

Echter Adel re.

Die Andern haben gemerkt das Ding:

Harum bidscharnm!

So geht es nicht mehr, wie'S anno Tobak ging Harum bidscharnm!

Echter Adel re.

Die Adeligen machen nun ein Zetergeschrei:

Harum bidscharnm!

Mit unseren Privilegien ist eS vorbei!

Harum bidscharnm!

Echter Adel rc.

Die Adeligen haben drum anjetzo studirt,

Harum bidscharnm!

Wie der Adel sich am besten selber restraurirt

Harum bidscharnm!

Echter Adel re.

Und sie haben gestiftet eine herrliche Zunft

Harum bidscharnm!

Am ersten April ist Zusammenkunft

Harum bidscharum!

Echter Adel re.

d. h. bloß die Befugnisse einer aus den privilegirten Klassen der Staatsgesellschaft zusammengesetzten, for# trolii enden, berathenden und bittstellerischen Versamm- lung verblieben waren, und da dieses Verhältniß durch die Besiegung der Einflüsse der Julirevolution nur eine neue Befestigung erhalten hatte, so blieb den Landtagen nur noch eine Art der Wirksamkeit übrig, nämlch die Worte zu machen. Diese Art der Wirksamkeit war allerdings in Staaten, welche keine freie Presse und kein freies Vereinigungsrecht hatten, eine verhält- nißmäßig sehr wichtige. Denn es war dies der einzige Weg, auf welchem sich politische Ansichten über innere Angelegenheiten, über die Verfassung und die Verwal­tung der Staaten, frei und ohne polizeiliche Beschrän­kungen geltend machen konnten; der einzige Weg, auf welchem das freie Wort seine wunderbaren Wirkungen zu äußern im Stande war. Allein eben weil die ab­solutistische Partei, welche im vollen Besitz aller politi­schen Gewalt war, diese Wirkungen nur zu wohl kannte, wußte sie Dieselben durch Gegenmittel unschädlich zu machen. Unter diese Gegenmittel rechnen wir einerseits die Beschränkung der Oeffentlichkeit der landständischen Verhandlungen und die Einengung der Mittheilung derselben durch die Presse, andererseits aber die Art der Zusammensetzung der landständischen Versammlungen aus den ausschließlich privilegirten Ständen, nämlich aus der Geistlichkeit, dem Adel, der Gelehrtenkaste und der Geldaristokratie.

Das ist die Physiognomie unserer alten Kammern, zu welchen in neuester Zeit noch der berüchtigtever­einigte Landtag" in Berlin hinzugekommen war. Die Blüthe, welche diese Versammlungen trieben, war der Kammerliberalismus, und man muß gestehen, daß er die deutlichsten Spuren der fehlerhaften Zusammensetzung d?s Bodens trägt, welchem er entsprossen ist.

Die Kammer-liberalen sind, was ihre Persönlichkeit anlangt, sammt und sonders nicht aus dem Schooße des Volkes, sondern aus den privilegirten Klassen, als solchen, hervorgegangen, nämlich

1) aus dem Adel (Freiherr von Gagern, Graf Schwerin, Freiherr von Vincke, Freiherr v. Auerswald, Ritter Anton v. Schmrx- l i n g u. A.

2) aus dem Beamten - und Advocatenstand, (Welcker, Jaup, Römer, Jordan, Wip­permann, Hergenhahn u A.)

3) aus dem Geldadel (Bassermann, Hanse­mann, Camphausen, Beckerath.)

Sie saßen alle auf den Landtagen, nicht trotz­dem daß sie Adelige, Beamten, Advocaten und reiche Leute waren, sondern weil sie es waren; darnach waren die Wahlgesetze der deutsch"« Verfassungen, welche trotz der Revolution großentheilS noch zu Recht bestehen sollen, eingerichtet.

Bei dieser Zusammensetzung des Inbegriffes des Kammerliberalismus" ist die Art der Opposition, welche er gegen die Krone richtete, sehr begreiflich. D a

Eine herrliche Zunft, eine Reunion

Harum bidscharum!

Vater Adam ist ihr Schutzpatron Harum bidscharum!

Echter Adel rc.

Vater Adam, der hat der Kinder noch mehr, Harum bidscharum!

Und schüttelt den Kopf; daß ein Narr ich wär! Harnm bidscharnm!

Echter Adel rc.

Vater Adam die Sache gar nicht cinlcuchten will, Harum bidscharnm!

Und deukt: kommt ihr mir nur zum ersten April! Harum bidscharum!

Echter Adel :c.

Die Adeligen kamen zum besprochenen Zweck Harum bidscharnm!

Und dachten: Wir haben's und hatten einen (Dreck) SchmauS Harum bidscharum!

Echter Adel, ohne Tadel rc.