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Wiesbaden. Dienstag, 12. Dezember

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W Die Thatlosigkeit der deutsche» Spieß­bürger.

In keinem Lande mag die Rolle eines Volksfreundes, der nicht allein Mann des Wortes, fonvern auch Mann der That ist, schwieriger sein ais in diesem Deutsch­land, dessen Volk das größte und muthigste der Erde ist, wenn es gilt bei einem Festessen auf das Wohl des Vaterlandes zu trinken, Toaste auszubringen auf Einheit und Freiheit, die nur in den benebelten Köpfen eristirte, oder wenn es gilt, Adressen zu unterschreiben, worin Gut und Blut versprochen wird, in der Voraus­setzung, daß diese Phrasen stets Phrasen bleiben, nie Thaten werden. Werfen wir zum Beweise dieser Be­hauptung einen Blick auf Preußen, das Land der In­telligenz. Die ehrenhafte preußische Nationalversammlung stemmte sich mit allen ihr zu Gebote stehenden gesetz­lichen Kräften gegen eine übermüthige Gwalt, der diese freisinnige Versammlung schon lange eine unein­nehmbare Barrikade auf dem Wege zur Despotie war. Wie Wild im königlichen Wald wurden diese Ehren, männer von HauS zu Haus gejagt und ihnen nicht einmal das Recht der freien Vereinigung als Privat­männer gestattet. Sie kämpften einen ehrenhaften Kampf für die Sache eines Volkes, das diese Aufopferung kaum verstehen mag. Denn so lauge sich die preußische Versammlung damit begnügte nur Reden zu halten, hatte sie die große Mehrheit des Volkes auf ihrer Seite; als sie aber endlich von der Gewalt der Verhältnisse zum Aeußersten getrieben, das Wort zur That werden ließ, als die Versammlung die Steucrverweigcrung ve- cretirte, da zitterte das elende Spießbürgerthum, das erst kurz vorher noch diese wüthenden Beifallsadressen an die Versammlung geschickt hatte, es zitterte vor dem Gedanken, Se. Maj stat sönne seine Allerhöchste Ungnade aussprechen, wenn es sich einfallen ließe,so frei zu sein, frei zu sein." Und von nun an war es nur noch das kleine Häuflein der Demokratie, welches nach wie vor auf Seite der Versammlung stand.

Die Früchte seiner erbärmlichen Thatlosigkeit hat das preußische Volk geerntet. Der allergagernste Cou- ssitutionelle wird einsehen, daß der Constitutionalismus in Preußen nur noch im Kopfe hirnloser Romantiker besteht, daß in Preußen der Absolutismus von neuem seinen Thron befestigt, und daß dies von der unheilvollsten Rückwirkung auf daS gesummte Deutsch­land sein wird.

Wie in Preußen so im übrigen Deutschland. Ueber- Schreier, die auf der Wirth -bank, in Volksversamm­lungen und in hen Kammern viel Worte machen, schöne Reden halten, aber nie und nimmer Männer der That sind.

Dieses ganze Deutschland ist nur eine große Phrase, darin besteht wenigstens einigermaßen die deutsche Ein-

Hilt und so schließe ich denn mit des Dichters Worten an Hecker:

Doch war zu diesem Volk zu hoch dein Glaube, Statt Männer hast Bediente du gefunden;

-Noch nicht genug ist dieses Volk geschunden."

Nassauischer Landtag.

62te Sitzung vom 9. December.

(Schluß.)

Nach Eröffnung der Sitzung übergab Regierungs- Commissär Werren die Akten, welche sich auf die Beschwerde des Pfarrers Snell, wegen der über ihn verhängten Haussuchung beziehen, und theilte ferner mit, daß sich nunmehr Gründe nachweisen lassen, aus welchen die Geistlichen in Idstein, die daselbst den Re­ligionsunterricht am Seminare ertheilten, für diesen Dienst 300 fl. Zulage zu erhalten berechtigt seien.

Keim wünscht sodann eine Petition zu verlesen: es wird das Lesen ihm aber nicht gestattet. (Es wäre doch höchst lächerlich, wenn jeder Abgeordnete die Peti­tionen, die er erhielte, auch immer vorlesen wollte: woher soll dann die Kammer die kostbare Zeit nehmen? zumal die Kammer noch so viele wichtige Lebensfragen für Nassau vor Allem die Domänen,frage nicht erledigt hat.)

Auf die neuliche Anfrage von Müller II., ob und warum den Nassauischen Soldaten verboten worden sei, sich an Volksversammlungen zu betheiligen erwiedert der redeferuge Negierungskommissrr W e r r e n t

Er habe Erkundigungen eingezogen, sowohl offizielle, wie auf dem Privatwege', und eS sei ihm versichert worden, es bestehe kein Verbot für die Soldaten, an Vo'ksversammlungen sich zu beteiligen. Er erklärt die Behauptung von Müller II. in Betreff dieser Sache aus einer Mystifikation.

Müller II. behält sich vor, seine Behauptungen später durch Thatsachen zu bekräftigen.

Wiuipf fragt hierauf an, warum Auditeur Ent­min gHaus in Ruhestand versetzt worden sei?

Herr Werren: Herr Auditeur Emminghaus sei wegen eines Vergehens dessen rubrum er nicht genau im Augenblick wisse, (wenn er nicht irre, wegen Aufreizung zum Aufruhr) in Untersuchung. Durch die Gerichte sei übrigens Herr Emminghaus vorläufig suspeiidirt. Die Kammer habe aber selbst die Stelle des Herrn Emminghaus als überflüssig gestrichen. Die Sache ginge eigentlich die Kammer nichts an, ebensowenig wie die Regierung: sie gehöre vor die Gerichte.

Wimpf erwcdert ihm, gegen bisherigen Brauch sei Auditeur in Ruhestand versetzt worden, und wie sich von selbst verstehe, sei die Stelle blos abgeschafft da­mit aber nicht die Person, die jener Stelle vorgestan­den, in Ruhestand versetzt.

Justs meint, in andern Dingen habe sich die Re­gierung doch durchaus nicht beeilt, die Wünsche der Stände, welche sie bei Gelegenheit des Militärbüdjets kund gegeben, zu berücksichtigen. Die Stellen der Herren O.Stabsarzt Ebhardt und v. Hadeln eristirtcn noch.

Heck Werre u läßt sich nunmehr herab: den Stän­den zu erklären, wie einige Wünsche erfüllt seien, andre aber nicht, weil es nicht angehe, und weil das Reichs- ministecium im Wege stehe, und weil das Generalkom­mando nicht drauf eingehen wolle. (Kostbare Erklärun­gen! Herr Werren trug sie ziemlich barsch vor, und jedem der Anwesenden kam wohl der Gedanke: wozu beschließen denn die Stände, wenn die Regierung oder das Generalkommando sich nicht bemüßi j sehen, die Beschlüsse auszuführen, und Jeden besch'ich wohl das unheimliche Gefühl, daß der von Windischgräß-Wrangel angeblaskne Reaktivussturm in ganz lieblichem Geflüster sich auch bereits im Saale der Standefißungen deutlich vernehmen lasse.)

Justi behält sich vor, auf diese Erläuterungen Be­treffs des Militärbüdjets zurückzukommen.

Wimpf rügt, baß Emminghaus bis jetzt erst ein einziges Mal vernommen sei und behält sich vor, nach gefälltem Urtheil nochmals auf diesen Gegenstand zuruckzukommen.

Naht findet es auffallend, daß die in Ruhestand- versetzung von Emminghaus öffentlich sei im Ver­ordnungsblatt bekannt gemacht worden , und setzt noch­mals auseinander, daß die Kammer die Stelle, nicht aber die Person entfernt habe. Herr Werren läßt sich aber nicht überzeugen.

Den verehrten Leseru dürfen wir auch die Nachricht nicht vorenthalten, daß das Deficit in dem Finanzbe­stand des Nassauisch.n StaatS sich für dieß Jahr auf 937,000 fl. herausstellt. Die Mehrausgaben sind haupt­sächlich veranlaßt durch die Mobilmachung der nass. Truppen (329,920 fl.), den Ankauf neuer Gewehre und die sog. Reichskosten. Der Ausfall in den Einnahmen beträgt pro 1848 437,000 fl. Wir werden auf diese Zahlenverhältnisse später zurückkommen.

Am Samstag Nachmittag wurde eine weitere Sitzung gehalten und in dieser die Abstimmung über das Zehnt- gesetz definitiv vorgenommcn. Mit 19 gegen 18 Stim­men erklärte die Kammer bei ihrem frühern Beschlusse, der die Ablösung im 12fachen Betrage vorschreibt, be­harren zu wollen.

Wir hätten am ehesten eine progressive Ablösung für die gerechteste erachtet: eine Ablösung, wonach etwa Leute wie Herr v. Walderndorff, Herr v. Ritter und andere bedeutende Gutsbesitzer, (die sich gewiß är­gern werden, daß die Ablösung so gering ausfällt und aus glühendem Patriotismus, wohl doch freiwillig im 24mchen Betrage ablösen werden) immerhin im 24;achen Betrage hätten abtragen müssen, während mittlere Säuern eine mittlere Summe abgetragen hätten und die armen Bauern ganz frei ausgegangen w â ; e II.

Znr Todtenfeier Robert Blums (in Idstein am 26. November 1848).

Kaum erloschen sind die Frendeufeuer Auf den Bergen zu der Freiheit Gruß, Und zur inhaltschweren Todtenfeier Ladet uns der deutsche Genius! Furchtbar, ein Volk, von Schmerz erfüllet, Einem Todten Trauerkränze, flicht, Wenn der Volksgeist sich in Trauer hüllst, Und die ernste Leichenrede spricht!

Thränen, die auf solche Kränze träufelt, Keimen in der tiefgefurchten Zeit, Und sie werden rasch zu Thaten reifen, Männcrthalen der Unsterblichkeit! Thränen mag Germania drum weinen, Daß Despotenmacht sein Recht zertrat, Sich zur Todtenfeier einen, Aber pflegen auch die blut'ge Saat!

Jene Saat, die rohe Fürstenknechte Dort auf der Brigittenau gestreut, Wo gemordet man des Volkes Rechte, Und des Mordes sich die Blutgier freut. Wo die Schergen Robert Blum erschoßen, Wo die Kugeln in sein Herz getaucht,

Wo des kühnen Streiters Blut geflogen, Wo den freien Geist er ausgehaucht.

Doch dem Schmerze Sprache zu verleihen, Wie im eigenen Herzen er auch glüht, Blnmen jenem Todten auszustrencn, Heute nicht des Dichters Geist sich müht. Schildern nicht will er des Helden Größe, Nicht die reiche Fülle seiner Brnst, Nicht des Feindes Wnth, weil seine Blöße Er vor solchem Geiste sich bewußt.

Will nicht mahnen an die Doppelwunde Jener weiten, vollen, deutschen Brust, Die so warm, so innig tief empfunden, Die der Freiheit sich so voll bewußt! Nicht das Haupt, das blut'ge, will er zeigen, Einst au göttlichen Gedanken reich, Nicht die Wunde an der todtesbleichen Hohen Männerstirn' beschreiben euch!

Nein, nicht euren Jammer will ich wecken Der zu mächtig schon die Herzen füllt! Erde mag die theure Leiche decken, Und verhüllen dieses Schreckensbild. Will zu jenem Hause euch nicht führen, Wo die Gattin sitzt mit ihrem Gram, Nicht durch ihrer Kinder Schmerz euch rühren, Denen Blutgier ihren Vater nahm.

Eine Thräne nur fei seiner Hülle, Sei des Edlen Asche noch gezollt; Denn uns blieb sein Geist voll Gottesfülle, Blieb, was er gedacht, erstrebt, gewollt. Horcht, noch lebt der Blum, gewaltig rauschen Seine Reden, tönt sein freies Wort, Und die Völker stch'n und lauschen, Nennen Vlnin der Freiheit höchsten Hort'.

Seht, sein Geist, befreit von Erdenbanden, Rauscht in Lüften jetzt durch Hain und Flnr, Ist in tausend Herzen anferstanden, Löset neu der Freiheit seinen Schwur! Wollt ihr dieses Geistes Wch'u verstehen, Blickt zurück auf seine Erdenbahn, Schauet, was für Freiheit der Ideen, Was für Bürgerfreiheit er gethan !

Wie der Freiheit Banner er getragen, Wie gekämpft er in den Vorderreih'n, So auch müssen Alle Alles wagen, Soll der Freiheit stolzer Ban gedeih'n. Denn die Freiheit wird durch Kampf errungen; Doch wer als Geschenk sic feig' begehrt, Ist vom Sklaventhume tief durchdrungen, Ist der holden Freiheit nimmer werth.

Joseph Rühl.