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Wiesbaden. Sonntag, 10. Dezember
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* Der König von Preußen und sein Volk.
Wiesbaden, 8. December.
" ^DaS Unglaubliche ist also wirklich geschehen! Der König von Preußen hat un- eingedenk seiner gegebenen Zusagen, un- eingedenk seiner Pflichten gegen sein Volk, in desscnNamen und durch dessen Willen er bloß und allein König ist — nneingedenk der Geschichte der Bourbonen und des Orleans, deren Throne, weil sie ihre Verheißungen nicht erfüllten, das Volk der Franzosen in den Gafferkoth schleuderte, un- eingedenk des GotteS, der in der Weltgeschichte lebt — die konstituirende Nationalversammlung aufgelöst und seinem Volke gnädig eine Verfassung gegeben.
DieS Erekgniß ist von ungeheuren, unberechenbaren Folgen. Mit dem einfachen "Motte des Königs, „die Nationalversammlung ist aufgelöst", sind wir an dem Wendepunkt der deutschen Bewegung angelangt, dieses einfache Wort wird früher oder später die zweite, die eigentliche Revolution heraufbeschwören.
Der König hat sein Wort nicht erfüllt! Die Hohenzollern haben einen Staatsstreich gewagt! O ihr Verblendeten! Der Staatsstreich von oben gibt dem Volke unten das Recht der Revolution.
Als die Revolution hn März. siegreich geschlagen war: als der König vor den Leichen des Volkes demüthig den Hut abgezogen hatte: da wurde der soge. nannte vereinigte Landtag zusammengcrufen. Dieser ging bald auseinander und eS trat die nun aufgelöste Nationalversammlung ytfammen, um mit dem Könige in dem Wege des Vertrags — hört es wohl, ihr deutschen Biedermänner — im Wege des Vertrages, die Verfassung des preußischen Staates zu vereinbaren.
Also zwei Parteien standen sich gegenüber: der König (den, das Volk aus Gutmüthigkeit t'm März nicht entfernt hatte) und das preußische Volk. Diese beiden Parteien hatten sich geeinigt, sich vertraglich über die Rechte deS Volkes und die Rechte der Krone zu verständigen.
Der König war gebunden an diesen Vertrag durch sein Wort und seine Handlungen, welche ein Eingehen auf diesen Vertrag bekundeten.
go. stand ftaatsgrundgfseylich die Sache in Preußen!
An sich ist es aber nur lächerlich, wenn man sich einigen will über Rechte eines Hauses, wie etwa der Hohenzollern gegenüber den Rechten des preußischen Volkes.
Das preußische Volk ist allein berechtigt, sich eine Verfassung zu geben, welche es will, — es ist berechtigt sogar — hört, ihr Biedermänner! — das Haus Hohenzollern von der Regierung zu entfernen, wenn die Mehrheit es will! Denn die Regierungen sind nur des Volkes wegen da, und die Könige als Partei dem Volke gegenüber aufzufassen, ist an sich Unsinn:
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Die zwölf Apostel.
(Aus dem »Deutschen Bauernbuch" von C. A. Schloenbach.)
(Schluß.)
„Za, darum sind wir hier; wir wollen ja eben Arbeit holen."
„Sucht nur, bann findet Ihr schon. Und soll ich's , Euch sagen was schon für Euch gethan ist?"
„Wann Ihr die Gefälligkeit haben wollt, daun hören wir's doch auch."
„Sind nicht viele Zentner Kartoffeln weit hergeholt und vertheilt?,,
„Ja! aber Zhr wißt doch Herr Landrath, daß das lauter faule Kartoffeln waren; unser Gottesherr hat ja ausgerechnet, daß von den gesunden Kartoffeln auf jeden armen Mann im Kreise ein Stück kommt."
„Dafür kann ich nicht; und habe ich nicht gesorgt, daß im Früjahr Saatfrüchtc zu dem allcrniedrigsten Preise ausgetheilt werden?"
„Bis die kommen oder gar gewachsen sind, sind wir Alle verhungert."
f „^Larum habt Ihr nicht bei gutem Vr:dienst ge-
„Jhr seid verteufelt spaßig, Herr Landrath."
„lind wird nicht auch dafür gesorgt werden, daß kleine Kapitalien, bei hypothekarischer Sicherheit, gegen höchstens
da das Volk allein Machthaber, Herrscher ist — und wenn dies Volk sich einen König setzen will, so kann es von' ihm geschehen. Allein der von ihm gesetzte König hat dann nur seine Machtbefugnisse, durch das Volk: — nicht weil er König ist, sondern weil das Volk sie ihm gegeben hat, und er behält diese Befugnisse, mit deren Ausführung ihn das Volk beauftragt Hai, auch nur solange, als das Volk es will.
So lehrt es das ewige Recht der Vernunft: so lautet das Recht, waS allen Menschen, ja allen, ins Herz von der Gottheit gegraben ist: so will es die Theorie der sogenannten Volkssouveränität, welche sagt: „daß alle Gewalt im Staate nur durch die Gesammtheit und für die Gesammtheit des Volkes ausgeübt werden dürfe."
Nach dieser richtigen Theorie konnte also von Vereinbarung zwischen dem Volke, dem Herrn und dem Könige, seinem Diener, eigentlich gar keine Rede sein. Der König hätte sich mit der Macht begnügen müssen, welche ihm das Volk durch seine Nationalvertreter zu gewiesen hätte.
Und nun kommt dieser König, und gibt seinem Volke, während er doch nur durch dieses sein Volk König ist. Dee König steht, wenn er schenkt, rein auf dem Boden des Absolutismus, und das Prinzip der Volkssouverâuität ist mit Füßen getreten.
O es ist verdammt närrisch! der König, der froh sein muß, wenn ihm sein Volk diese oder jene Befugnisse schenkt, gnädig schenkt — will seinem Volke die Freiheiten schenken. So steht dann wieder das Königthum allein in der Macht da und läßt huldreich die Ströme der Gnade über das Land fließen.
Und wenn der König die beste Verfassung von der Welt seinem Volke schenkte: der König darf nicht schenken; das Volk aber, das Geschenk annehmend, erklärt nur damit, daß die Gewalt über die 14 Millionen Preußen in dem HauS Hohenzollern, und nicht in der Gesammtheit dieser 14 Millionen ruhe; das Volk ei klärt damit, daß es nicht selbst der Schöpfer seiner Freiheit sei, sondern jener Hohenzollern, und räumt damit ein, daß dieser die Freiheit, die er schenkte, weil es ihm beliebte, sie auch wieder nehmen kann, wenn es ihm beliebt.
Und nun, ihr Constitutionellen, die ihr immer steht auf dem durchlöcherten Boden des bestaubten historischen Rechts: wer hat denn jetzt diesen Boden von sich geschleudert, daS Volk oder sein König ? Wenn ihr ehrlich seid, so werdet ihr gestehen, die Theorie des Con- stit utionalismus ist eine Theorie der Heuchelei.
Und nun, ihr Heuler, ihr Fanatiker der Ruhe, — was sagt ihr denn dazu? Sagt uns doch, ihr Unverbesserlichen, wer am ehesten den Bürgerkrieg heraufbeschwört, wer am nachhaltigsten wühlt?
O es ist schlimm, daß cs so in nnserm armen Vaterlande kommen mußte!
1% Procent, zur Wiederanschaffung von Vieh u. s. w. ausgeliehen werden?"
„Ach Herr Landrath! das ist wieder so eine Einrichtung, die bloß für die Reicheren ist, wir haben Nichts davon. Fürs Erste können wir keine Hypothek stellen, und die etwas höher stehen als wir, grad uns zunächst und die Hypothek so eben stellen könnten, und es grad am nothwendigsten haben, an die kommt das Gesetz so gar nicht; von oben her kvmml'S in manche Händ' und da wird schon damit Wucher getrieben, wenn's am nöthigen Ort ist, das haben wir schon gesehn; für's Zweit können wir gar kein Zins herauskriegen, sind froh wenn die Steuern heraus sind und zum dritten: wir wollen jetzt für den Augenblick zu essen haben und für das Essen arbeiten; nicht gut essen mir Haferbrod und Kartoffeln und nur einmal des Tages und arbeiten, arbeiten bis wir schwarz werden."
Der Landrath wurde immer ärgerlicher; er glaubte sich schon zu viel vergeben zu haben, daß er so mit den Leuten gesprochen und sie so habe sprechen lassen und wollte dieß nun wieder gut machen, indem er kurz und barsch die Leute zur Thür hinauSwies, Die folgten aber der Weisung nicht; sie hatten sich jetzt vollkommen gesammelt und ein Rückblick auf das grenzenlose Elend was sie daheim erwarte, gab ihnen fieberhaften Muth; sie blieben stehen und sahen aufmunternd ihren Sprecher an. Dieser versuchte nun noch einmal zu bitten, erklärte aber daun, daß sie nicht weggingen, bis der Herr Landrath
Aber die März-Revolution ist zu einer lächerlich"» Fratze und die Volkssouvcränität, aus der das Parlament in Frankfurt hervorgegangen ist, ist zu einer hohlen, inhaltslosen Phrase geworden.
Was jetzt kommen wird, wird Kampf sein, leider Brudcrkampf! Mögen ihn die verantworten, di? durch ihre Feigheit, ihr unerbittliches Schreien nach Ruhe, da noch nichts geschehen, um die Freiheit zu befestigen, die Freiheit verlotterten, und jene elenden Halbmeuscheu, ohne Grundsatz, ohne Ziel, ohne Streben — die für ihr Volk nichts fühlen, für ihr Volk nichts wagen, und nur dann herbeischleichen, wenn die Schlacht geschlagen, und die Früchte des Sieges gekostet werden sollen.
Nassau ifcher Landtag.
62te Sitzung vom 9. December.
Die Interpellationen, sowie deren ausgezeicht ete Beantwortung durch den Regierungskommissär Werren werden wir in der nächsten Nummer mittheilen.
Für heute beschränken wir uns darauf, zur Kenntniß unserer geehrten Leser zu bringen, daß die Kammer ein von der Regierung vorgelegtes Gesetz über die Abschließung eines Staatsanlehens im Betrage v.l,200,000^. einstimmig genehmigt und ferner auf den Vorschlag Laug's beschlossen hat, drei Sachverständige auszuwählen, welche als Vertrauensmänner bei der durch die Generaldomäneudirection zu vollziehenden Abschließung des fraglichen Anl'ehens thätig sein sollen.
Die endliche Abstimmung in der Zehntfrage wurde auf den Vorschlag von Eck's nochmals, hoffentlich zum letztenmal! verschoben.
Von Bedeutung erscheint noch der Antrag von I u n g (Amtsiek.), Gergens, Habel, Heydenreich, Schmidt, Lang, Lotichius:
Einen Ausschuß zum Zwecke der Derabfassung einer neuen Verfassung der Nassauer sofort aus der Mitte der Kammer zu ernennen.
Der Antrag wurde für dringlich erkannt und be- schlosseu, ihn in Betracht zu ziehm. (Schluß folgt.)
Nationalversammlung zu Frankfurt.
131. Sitzung.
Nach Vorlesung und Genehmigung des gestrigen Protokolls protestircn Detmold, Gombart, Philipps, ' Notenhan, Saucken-Tarputschen, Wulffen, Bally, Linde gegen alle aus der Abschaffung des Adels als Stand zu ziehenden Folgerungen.
Wir folgern, daß mit dem Stande auch das Zeichen desselben, das „von" abgeschafft sei, ebenso wie dw mit keinem Amte verbundenen Titel: Fürst, Graf, Baron u. s. w. und lassen daher von heute an diese nichtssagenden Bezeichnungen weg.
ihnen Arbeit zugewiesen oder doch für die nächsten Tage versprochen habe.
-- Das war das Entsetzlichste, was dem Landrath je vorgekommen war: er fuhr auf mit einem scbrecklichen rauche und hielt dann eine kernige Rede von Lumpenpack, Canaille, nichtswürdigem Volk, Gefängniß, Hundc- loch und Prügel; aber der Hunger in diesen Leuten war stärker als diese Rede; sie blieben fest an ihren Plätzen stehen und riefen wild durcheinander: „Arbeit! Arbeit! Brod! Feuer! Wir verhungern! wir erfrieren!" Das war offenbare Rebellion: „Hallunken! ich will Euch schon sättigen und befeuern!" schrie der Laudrath und klingelte; ein riesenmäßiger GenS'darme trat ein: „Nehmt die Canaillen hinaus und haut jedem 25 Stockprâgcl auf, da werden sie schon satt und warm werden", mit diesen Worten jlürmte er hinaus. Der GenS'darme trat gravitätisch vor die Leute hin — und die 12 starken Männer, die eben noch so ingrimmig und kühn waren dem Königlichen Landrath zu trotzen, die wol einen Kampf mit 50 ihres Gleichen begonnen hätten, standen jetzt bleich und zitternd vor dem einzigen Gcns'darmen da; ließen sich von ihm hinauSlreiben wie eine Schaafheerde und geduldig die schrecklichsten Mißhandlungen an sich vollziehen. DaS ist der totale Gens'darmcn-Gcist, der im schönen Vaterlande wie die Kuhpockcn eingeimpft wird, oder besser gesagt: das ist die schrecklichste Entsittlichung des rohen Volkes, die aber ihren Fluch einst noch furchtbar auf ihre Urheber zurückschleudern wird.