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Freit Zeitung. Freiheit und 1

2L8. Wiesbaden. Samstag, 8. Dezember 18L8.

Die Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. - Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Herbstgedanken ans der Einsamkeit.

1.

$ Bon der Weil, Ende November. Trüb' und öde wirds in Wald und Flur; die Blätter rauschen unter den Füßen des einsamen Wanderers und in den Stiften ziehen die Schneegänse und rufen ihm ihren Reisegruß zu. Die bunten Kinder der Flora sind ver- schwundeu vor den rauhen Stürmen des Nordens, kaum daß noch ein einsamer Mohn sein nacktes Haupt über die kahlen Triften erhebt. Es ist dein Bild, mein deutsches Vaterland! In Süddeutschland und in allen kleineren Staaten sind die Blüthen der Freiheit zer­knickt nnd vom Sturm zerweht; in Preußen und in Ungarn wird soeben daö traurige Werk vollbracht. Die Besiegung Ungarns ist die vollständige Besiegung der österreichischen Demokratie. So rächt sich's wenn man nur für sich die Freiheit sucht und sie andern vorent- hält. Eine Freiheit, die nicht gerecht zu sein versteht, ist nicht die wahre Freiheit. Wien hat es geduldet, daß dasjenige, waö es für sich selbst ansprach, der Lom­bardei wieder entrissen wurde; der größte Theil seiner Bevölkerung hat eingestimmt in den perfiden Ruf der Kamarilla, man müsse zuvordie Ehre der österreichi­schen Waffen" rächen, ehe man Italien die Freiheit und den Frieden geben könne: als ob es eine andere Ehre gäbe, alö die Gerechtigkeit! Zuerst wurde Italien unterjocht, dann fiel Wien selbst nnd zuletzt kommt Ungarn an die Reihe, und immer gehen dem Volke die Augen noch nicht auf! Und die Magyaren selbst, der edelste Stamm unter den nichtdeutschen Völkerschaften der österreichischen Monarchie, auch sie wollten frei sein und verstanden nicht, gerecht zu sein! Seit Jahren haben sie die fremden Volksstämme bedrückt; sie sonn« 1en sich nicht zur Anerkennung dergleichen Berechti­gung aller Nationalitäten" erheben und so haben sie's mit zu verantworten, daß dieses Wort nun der scheuß­lichsten Reaktion zum Aushängeschild dient! Es ist uns leid um dich, du jugendkräftige Donaustadt, wir haben große Freude und Wonne an dir gehabt"; aber du konntest deinem Schicksal nicht entgehen. Darum

Discite justitiam, populi, nec temnere Divos!

Die Weltgeschichte ist das Weltgericht, und sollten die Jünger M e t t e r n i ch' s deren Richtersprüche vollstrecken! Wien in seinem unklaren jugendlichen Freiheits­rausche erkannte eS nicht, daß jeder Schlag gegen Ita­lien ein Schlag gegen seine eigene Freiheit war; es er­kannte eS nicht, bis- es zu spät war, bis das Trium­virat Jellachich, Radetzky, Windischgrâtz es mit seinen Netzen umgarnt hatte!

Es wird immer düsterer und herbstlicher im hei­ligen deutschen Reiche", und immer vollständiger erfüllt es sich, wasdie Todten an die Lebenden" aus ihren Märzgräbern heraufrufen:

Schon fiel Las Korn, das keimend stand, als wir im Märze starben:

Der Freiheit Märzsaat ward gemäht noch vor den andern Garben!

Ein Mohn im Felde hier und dort entging der Sense Hicbeiu"

Ja, nur noch Eine Mohnrose, vom Sturme hin- und hcrgezauèt und schon ihrer meisten Blätter beraubt, steht noch auf der öden nordischen Au.

Kennst-Du die einsam glühende Rose?

Ach, nach der Freiheit Frühlingsgekose Bricht sie der Volksschmach herbstlicher Wind:

Auch die kluge Spreestadt, die Metropole der In­telligenz, die die Shrapnell-Reorganisation Posens und all' die Greuel der vierten Theilung Polens geduldet hat, dulden mußte, sie kann, trotz ihres Systems des passiven Widerstandes, ihrem Geschicke nicht ent­gehen. Berlin und mit ihm ganz Preußen sinkt zu­rück unter die Herrschaft des alten Absolutismus. Bald ist das Werk vollbracht und dann wird man sich rüh- men und sprechen:es herrscht Ruhe im deutschen Reiche!" die Ruhe des Herbstes, die Ruhe des Gra­bes! O chc leicht beschwingten Wanderer dort oben in den Lüften, die ihr jauchzend dem schönern Süden zuziehtt, wenn der eisige Tyrann, dec Winter, sein weites Leichentuch über euer Vaterland ausbreitet, wer doch mit euch ziehen könnte dahin, wo's keine Shrap- nellö, keine W in di schgr âtz' und keine Manteuffel, dahin, wo's keine Dummheit und keine Bosheit gibt!

II.

Was wir jetzt um uns her Vorgehen sehen, daS ist nur in Deutschland möglich. Alle anderen Völker, Jta- liäner, Polen, Ungarn u. s. w. würden sich schon vor Jahren frei gemacht haben, wenn sie nicht durch fremde Bajonnette niedergehalten worden wären. Deutschland, auf sich selbst hingewiesen und von keiner auswär­tigen Macht gehindert, vermag dennoch nicht zur Frei­heit zu gelangen. Das Volk derDenker" und der Intelligenz" kann die Realität, die Praxis nicht fin­den. Ein Windischgrâtz mordet und wüthet aus Befehl einer über dem Volke stehenden Kamarilla und versichert dabei, Oesterreich sei einkonstitutionelles" Kaiscrthum; die preußische Krone nennt sich konstitu­tionell und treibt die konstituirende Versammlung mit Bajonnetten aus einander: der deutsche Michel aber glaubt das AllcS. Wenn man den Michel mit der einen Hand prügelt und ihm mit der andern ein Stück Papier vorhält, auf welchem geschrieben steht:die Prü­gelstrafe ist abgeschafft", so freut sich der Gute könig­lich, daß er dasRecht" habe, nicht mehr g prügelt zu werden. Michel ist ein geborner Idealist, ein wun­derlicher Träuiner und Nachtwandler! Er wandelt, wie ein Betrunkener in ewigem Dusel daher und guckt nach den Sternen und fällt dabei in jede Kothpfütze, die vor seinen Füßen äst! Er läßt sich ruhig das Brod von den hungrigen Lippen wegnehmen und begnügt sich

mit demBrode des Himmels", mit dein Brode, das er nur in Gedanken verzehrt. Michel sieht sogar außer sich nur seine eigenen Gedanken, er sieht Wind­mühlen für Ritter und den krassesten Absolutismus für eine konstitutionelle Regierung an! Dafür hat er aber auch den Ruhm, einen Fichte und ein System des Idealismus producirt zu haben! Was mögen wohl die Franzosen, die seit dem März ein bischen Respekt vor uns bekommen hatten, jetzt denken? Da ist Hopfen und Malz verloren, werden sie ausrufen!Ja wahr­lich, eS gehört eine große Ausdauer und Zähigkeit dazu, sich für den seltsamen Kauz noch zu bemühen und er wird noch manchen Rippenstoß bekommen müssen, bis er aus seinen Träumen erwacht! bis man ihm zurufen kann: Guten Morgen, lieber Michel! bist du endlich wach? Sieh' einmal, wo die Sonne steht! Dann aber, glaube ich, wird der Gute sehr zornig werden, und seinen starken Fäusten wird Nichts zu widerstehen vermögen. Bis dahin muß man sich darauf beschrän­ken, den Träumer unaufhörlich unter der Nase zu kitzeln und ihm starke Riechfläschchen vorzuhalten! Wie lange derselbe wieder schlafen wird, ob abermals ein halbes Menschenalter oder kürzere Zeit, das hängt allein von Frankreich ab, ohne das er keine Bewegung zu machen wagt. Andere Völker würden sich gerne frei machen, wenn sie nicht von fremder Gewaltherrschaft niedergebeugt würden; der deutsche Michel will von den Fremden frei gemacht sein. Sonderbare Jdiosyn- fräste.

N ationalversammlung zu Frankfurt.

130. Sitzung.

Auf der Tagesordnung steht die zweite Lesung der Grundrechte.

Nachdem Deiters für den Verfassungsausschuß der Versammlung angezeigt, daß derselbe nicht blos die Redaktion, sondern auch den Inhalt abändern zu müssen geglaubt habe, wobei er die Befürchtung aus- spricht, daß dem einen zu viel, dem andern zu wenig gethan, und sehr naiv zu der Resignation auffordert, das anzunehmen, was nicht gefalle, stellt Venedey folgenden dringlichen Antrag:

In Erwägung, daß es nicht die Absicht der Reichsversammlung sein konnte, dem Versaffungs- ausschuß das Recht zuzugestehen, die Grundrechte unter dem Vorwande einer Redaktion und Revision in allen Hauptfragen grund­sätzlich vollkommen umzugestalten und zwar stets im Sinne der vorrevolutionären polizeistaatlichen Auffassungsweise; in Erwägung, daß der Ver- fassungsausschuß durch den Mund seines Bericht­erstatters erklärt hat, er beabsichtige eine Revision nurin materieller Beziehung über einzelne Punkte, wenn der Zusammenhang des Inhalts und die wahrscheinliche Absicht der Versammlung

Die zwölf Apostel.

(Aus dem -Deutschen Bauernbuch" von C. A. Schloenbach.)

Mit den so aufgefundenen Kehricht-Schätzen, halb­verhungert und erfroren, zogen die 12 Männer nun wie­der fort, vor Ingrimm wie Wölfe heulend, wenn sie prächtige Schlitten mit Hollah und Hurrah, Peitschenge­knall und Schellengerassel vorbeifahren und darin die reichen, vornehmen Herrn nnd Damen sahen, die in kostbaren Pelzen der herrlichen Schnee- und Eisbahn sich freuten und hernach beim guten Punsch und Thee meinten,daß das Volk doch gar zu zudringlich und doch wohl gar nicht so bedürftig sei, wenn es nur arbeiten und nicht so gemein sein wolle." Während dem kamen die zwölf Männer zu ihren Wohnungen zurück. Diese waren von Lehm aufgeführtt 10 Fuß hoch, lang und breit, mit losen Brettern überdeckt (die Ritzen zwischen denselben mit Stroh und Lehm ausgefüllt) und bildeten immer einen einzigen Raum, dessen Fnßbodsu sonst gespalteter, jetzt aber durch die Kälte aufgesprungener, feuchter und beeister Lehm bildete.

In diesem Raume waren sonst das kleinere Vieh (Schwein, Ziege, Katze und Hund) und die Menschen zu­sammen ; jetzt aber nur Menschen da, denn das Vieh war theils gefallen und theils verzehrt oder verkauft. Im Hintergrund hing von der Decke (d. h. von dem Bret­

terdach) herab eine lange, eiserne Kette, an derem hoch und nieder zu gliedernden Hacken der Kochtopf über drei breite Steine schwebte, die den Heerd bildeten. Der Ranch von diesem Heerd zog beliebig durch die einzige Thür der ganzen Wohnung oder durch die drei Schiebfenster derselben; jetzt aber war kein Nauch da, denn es war lange nicht ge­kocht. In der Nähe des improvisirten Heerdes lagen längs der Wand Strohbündcl und darüber sonst grobe, leinene Tücher ausgebreitct, als Schlafstellen; jetzt aber lag blos eine halbverfaulte und angefrvrene Strohmasse da; denn die Tücher hatte man theils zu Hemden und Nacken zerschnitten, theils übergespannt, damit es an den Plätzen nicht hineinschneie wo die Dachbretter weggenom- men waren, um damit zu heitzen. Die Dreibein-Stühle und die an der Wand festgenagelte Bank, darauf sonst die Hausgeräthschaften standen, waren auch ichvn ver­brannt oder verkauft unb nun kauerten die Leute in dem halbverfaulten und beeisten Stroh und die wenig übrig­gebliebenen Hausgeräthe standen auf dem fast gar nicht mehr gebrauchten Familien-Speisetisch. Den bildete auf einem Kreuzgestell ein breites, dickes Brett in der Mitte eine weite Vertiefung, wo das Essen hineingeschüttet mürbe und an den Ecken kleinere Vertiefungen, darin jeder sein besonderes Theil vom großen Ganzen that ; ans diese Weise ersparte man Schüsseln und Teller. Als später ein großer Herr aus der Residenz die Komödie der Befreiung un­serer Provinz spielte und solch einen Tisch sah, war er so gnädig äußerst witzig zu bemerken: daß man denselben

auch als Spieltisch brauchen könne, worüber sich sein Begleiter sogleich einen Orden anzulachen bemühte.

Das Alles, wie es hier beschrieben ist, trat den zwölf zurückkehrenden Männern auf einmal so recht grell ent­gegen, als Gegensatz zu dem was sie in der Stadt ge- schen uud da rollten wol wilde Augen, da krampften sich trotz des Frostes starre Fäuste; hier stand auch Einer und ichaute starr unb leblos vor sich nieder, oder auf irgend ein liebes Angehöriges (Frau, Kind, Mutter oder Schwester), das während seiner Abwesenheit im vvllen Sinne des Wortes verhungert oder erfroren war; dort breitete Einer das aus dem Kehricht Aufgefundene vor den gierigen Augen seiner Lieben aus und da ging so' ein Häringsschwänzchen rasch von Mund zu Mund, cm Jeder sog daran; und dann wurde Altes zusammen ge­than und gekocht, d. h. wenn noch irgend etwas Holz aufzutreiben war.

Es mußte und mußte nun noch etwas Anderes ver­sucht werden; da fiel es einem der Zwölfe ein, wieder nach der Stadt, zum Landrath, zu gehen, der war hinge- stellt als Schutzherr, der war ein König in seinem Kreis, der konnte und mußte helfen. Den andern Tag gingen sie hin, kamen auch wirklich vor ihn! d. h. nachdem sie wol zwei Standen im Hausflur gestanden hatten. Es war zwar auch ein Wartzimmer vor dem Bureau, aber daS durften sie nicht betreten, sie sahen ja gar zu arm und schlecht aus. Wie sie zum Landrath eintraten, schüttete der sogleich Räuchcrpulvcr auf den Ofen und fragte: