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Jg 2Z1 Wiesbaden. Freitag, 1. Dezember 18L8.

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* Deutschland ein Kinderspott aller Stationen.

Wiesbaden, 29. November.

Wie groß war die Begeisterung in den Märztagen für Deutschlands Ehre, Deutschlands Größe!

Wie berauschten sich alle Träumer in dem köstlichen Labsale künftigen deutschen Heldenruhms! Wer denkt nicht mit Wonne an jene Tage des deutschen Vorpar­laments ? Mit welchem Stolze erhob sich damals die deutsche Brust, wenn von der deutschen Einheit und Größe gesprochen ward! Mit welcher wohlthuenden Genugthuung glaubte damals nicht der Deutsche von sich sagen zu können, daß er nun nicht mehr ein ver­achteter Knecht und Büttel Rußlands, sondern ein eben­bürtiger Genosse freier Amerikaner, kühner Franzosen und stolzer Britten sei!

Und jetzt--? Und jetzt--?

Jetzt lastet auf der deutschen Nation die schwere Wucht unsäglicher, unendlicher Schantze! Jetzt sind alle unsere frühlingsfrohen Freiheitsträume erstarrt unter dem eisigkalten Hauche der errichteten Militär- Herrschaft! Jetzt haben die Wrangel, die Win- dischgrâtz, die Jellachich und die Frankfurter Oberpostamtszeitung den deutschen Träumern ihrePossen" aus dem Kopfe getrieben. Jetzt haben wir die bodenlose Schmach erleben müssen, daß wir an Freiheit noch ärmer sind, denn vor den sogenannten glorreichen Tagen unserer Märzrevolution!

Jetzt sind wir uneins, geknechtet ein Hohn und Kinderspott fürs Ausland!

Ja, die deutschen Träumer und Phantasten haben erfahren müssen, daß Deutschlands Einheit und Freiheit nicht mit Redensarten, sondern nur durch Thaten er­richtet werden kaun;

die deutschen Träumer haben erfahren, wie man auf eineunverantwortliche Weift" die Größe Deutschlands befestigt hat;

die deutschen Träumer haben erfahren, wie durch die Halbheit und den Mangel an Mannhaftigkeit und Muth der Professoren und Kammer-Liberalen auS den unvordenklichen Zeiten vor dein 4. März Deutschlands Ehre allüberall höhnisch mit Füßen getreten ward;

die deutschen Träumer haben viel erfahren seit dem März, aber nur den Schimpf und Spott Deutsch­lands: werden die deutschen Träumer jetzt erwachen ?

Glücklich bist du zu nennen, Ludwig Börne, du treuer Sohn deines Vaterlandes, für dessen Wohl du mit deinem Herzblut schriebst, und das dich aus seinen Grenzen wie ein gehetztes Wild, gleich vielen andernEdlen", jagte und der du nun schläfst auf dem ruhigen Pore-Lachaise zu Paris, glücklich, drei­mal glücklich bist du zu nennen, daß du nicht diese un­geheure Schmach deines Vaterlandes erlebtest.

Aber, wehe uns, daß das zweischneidige Schwerdt deiner gewaltigen Rede, daß die tiefbohrenden Pfeile

deines Hohns, der die Feigen rüttelte, der die wol­lüstigen Träumer aufweckte vou ihren behaglichen Ruhe- fiffen, der die Tyrannen tief in ihren sichern Zufluchts­stätten erzittern machte, wehe uns, daß sie uns fehlen!

Denn im Innern sind wir wieder gefesselt, gekne­belt, und im Auslande haben wir eine Reihe der tief­sten Demüthigungen erfahren müssen. Die Erinnerung an denAberwitz des Dänenkriegs" dieletzte Polenschande" werden Euch Allen wohl noch die bren­nende Nöthe der Schaam ins Antlitz treiben. Ihr Alle werdet noch nicht vergessen haben, wie der kleine Dânen- prinz von einem deutschen Reiche nichts wissen mochte; wie einer der Abgeordneten der Reichsgewalt, einer der b e - rühmten Männer der Nassauer, vonSchleswig abzog, ohne auch nur in die Verhandlungen gerochen zu haben.

Dann stand der Herr von Raumer, der Abge­sandte des Reichs für Frankreich, lange vor der Thüre des Herrn von Bastide, und bat um die Erlaub­niß, sich als Abgesandter des deutschen Reichs präsen- tiren zu dürfen.

Die französische Republik, welche anfangs so enthu­siastisch Deutschland die Hand zum Bruderbünde ge­reicht hatte, konnte sich nunmehr eines deutschen Reichs nicht entsinnen.

Dann kommt die Reise des Herrn Heckscher, frühern Reichsministers, nach und durch' Italien.

Der Mann soll schon an mehreren Höfen zur Tafel geladen worden sein.

Hierauf entspinnt sich ein lächerlicher Federnkrieg mit der Schweiz: ein Krieg, in welchem die Republik Schweiz den deutschen Michel sowohl an Einheit, als an kräftigem Auftreten weit übertrifft, und worin sie so keck ist, ohne Weiteres zu erklären:daß sie dermalen vor dem Reich, sammt seinen Tippen, Minister» u. s. w. durchaus keine Furcht hege."

Noch nicht genug des Schimpfs? Das Maaß der Schande ist noch nicht vollgefüllt?

Nein, leider nein! Stromweis soll noch zuvor das Blut deutscher Brüder, tapferer freiheitsdurstiger Brüder fließen, und diese Blutströme der Wiener sollen erst mit feurigen Zeichen die Ohnmacht Deutschlands gleich einem ewigen Schandmal der' deutschen Geschichte aufdrücken.

Der Schulmeister Welker und Mosle reisen nicht nach Wien bewahre an Wien vorbei nach Ollmütz, und genießen da ebenfalls die Ehre, daß man sie zur königlich-kaiserlichen Tafel zieht.

Von Windisch.Grätz werden sie kaum angehört, kurz abgefertlgt: und auch in Ollmütz nimmt man ver­dammt wenig Rücksicht auf diese Neichskommissäre. Ein recht angenehmes Geschäft, so Neichokommiffär zu sein! Man reist hierhin, dorthin die Bürgerwehr marschirt auf, schwenkt die Fahnen und ruft: Hurrah es lebe Deutschland! dann laden die Könige die Neichskommissäre zur Tafel ein. Im Uehrigen hat

man als Reichskommissär wenig Arbeit, und. nachdem sich die Neichskommissäre gesättigt, reisen sie nach der Stadt am Mainstrom.

Während der Reise rauben, schänden, plündern die Kroaten in Wien doch darauf lautet ja der Auf­trag der Neichskommissäre nicht. Und doch noch nicht genug der Schmach! Erhebe dich aus deinem Grabe blutbefleckter Robert Blum, dessen Leib sie gleich dem eines Missethäters in Fetzen auf der Anatomie zerlegt haben und rufe dein Wehe ! Wehe! aus über dein erniedrigtes Vaterland, das dein Blut nicht sühnen kann, nicht sühnen will; rufe wach die deutschen Träumer, welche am Abgrund der deutschen Nation ruhig fortschlummern !

Durch den Tod Robert Blums wollten die Kroaten und Slaven Euch Deutschen beweisen, daß sie auf eure Einheit keinen Deut geben, daß sie Euch gering schätzen, gründlich verachten. Wen die Kroaten selbst verachten, wahrlich der muß tief, tief gesunken sein!

Kaiser Nikolaus freuet sich aber ungemein über die Siege der Slaven, welche seine und des Herrn Bas­sermann Freunde sind. Er belohnt mit Orden und Ehren den Vernichter deuts her Freiheit, den Fürsten Windischgräß.

Die Engländer aber jauchzen, daß die deutsche Größe absolut banquerott gemacht hat, sie rufen uns zu arme Nation du hast kein Geld arme deut­sche Kreatur! Die Engländer sagen: Robert Blum ist recht geschehen, wir würden auch so gehandelt haben, wie Windischgräß. Die Engländer freuen sich von Herzen, daß es noch kein deutsches Reich gibt, und daß sie noch lange uns ihre Fabrikate zuschicken können.

Habt Ihr aber schon je erfahren, was diese Eng­länder, welche Euch so verächtlich behandeln, thaten im Jahre 1739? Nun so hört: im Jahre 1739 wurde Jenkins, Kapitain eines englischen Kauffartheischiffes, in das britische Unterhaus eingeführt. Die Spanier hatten ihm, weil er mit ihren Kolonien Schleichhandel getrieben hatte, die Nase aufgeschlitzt und die Ohren ausgeschnitten; die Schiffsmannschaft war in Ketten, gelegt worden. Mit seemännischer Kürze erzählte er dem Unterhause die Geschichte seines Unglücks.Als man mich so verstümmelt hatte," das waren die Schluß­worte seines Vortrages drohte man mir mit dem Tode. Ich erwartete ihn, indem ich meine Sache Gott empfahl und meine Rache dem Vater­lande." Alles brach in einen Schrei des Ent­setzens und des Mitleids aus. Die Minister sahen sich genöthigt den Krieg zu erklären. So rächte die englische Nation den Schimpf, welchen die Spanier einein einfachen englischen Privatmann angethan hatten!

Uns hat man Robert Blum erschlagen; uns hat man einen Reichötagsabgeordneten ermordet. Aber wird Deutschland ihn rächen? Nein, o nein denn

Deutsche Treue, auf Latein:fides piinica geheißen.

Motto:Wahrlich, so ist» ist wirklich so! Man hat niir'L geschrieben!"

Rief der Pontifer aus, als er die Kunde vernahm.

Schiller.

Erster Theil.

Die Worte des Frühlings.

Treue Bewohner der Hauptstadt Wien,

Ihr sehet Fürst Metternich entflieh'»,

Der Euch und mich hielt gestrigen.

Von nun an soll Euch die Freiheit entsteh'»,

Auf meiner Hofburg in lustigem Weh'n

Soll die deutsche Standarte prangen."

So sprach zu dem österreichischen Land

Dergütige" Kaiser Ferdinand.

Sehet zur Kaiserstadt am Main

Wallen der Volksvertreter Reih'»,

Die deutsche Einheit zu gründen.

Einheit" sei unser Feldgeschrei,

Alle Befugnisse opfer' ich frei,

Die ihr im Wege stünden.

So sprach zu dem deutschen Vaterland

Dergütige" Kaiser Ferdinand.

Zweiter Theil.

Die Thaten des Herbstes.

Seh't, wie die Straße brennet und dampft,

Leichenberge, zusammengestampft,

Seht Ihr im Blute baden

Deu Bürgern den Tod, den Häusern den Brand, Den Gütern den Raub und den Frauen die Schänd!"

Ist das Feldgeschrei der Kroaten.

Das that für dasangestammte" Land

Dergütige" Kaiser Ferdinand.

Zwei Gesandte schicket dasdeutsche Reich,"

Man behandelt sie den Schulbuben gleich

Und schickt sie in Gnaden von hinnen.^

Und Einer, vom deutschen Volk gesandt

In der Brigitten- Aue Sand

Seht Ihr sein Herzblut rinnen.

Das that für das deutsche Vaterland Dergütige" Kaiser Ferdinand.

Quartus Martius.

Bericht des Abgeordneten Fröbel über die an ihm und Robert Blum verübte Gewaltthat.

(Schluß.)

Ich machte hiergegen die Einwendung, daß die Er­klärung des Belagerungszustandes in der Stadt nicht publicirt worden war, daß der Gemeinderath erklärt habe, die wenigen Exemplare, welche an den Straßen­ecken angeschlagen zu sehen gewesen sind, seien ihm ge­stohlen worden, und daß der Reichstag diese Maßregel als eine ungesetzliche erklärt habe. Es wurl^e mir ge­antwortet, ob ich nicht wisse, was ein Belagerungszu­stand bedeute, und daß mit ihm alle Civilbehörden, mithin auch die Autorität des Reichstages aufhöre. Nachdem die Sachen so standen, bemerkte ich den Richtern, daß ich, wenn keine mildernden Umstände vor diesem Forum in Betracht kämen, nichts mehr zu sagen habe. Ich er­hielt aber als Antwort, die humane Aufforderung, weiter zu sprechen, und Alles, was zu meinen Gunsten sein könne, zu sagen. Ich habe mich nun vertheidigt, so gut ich konnte, ohne auf der einen Seite meinen Prin­cipien etwas zu vergeben, und ohne aus der andern Seite die Unvorsichtigkeit zu begehen, meine Richter zu reizen. Bei der Vertheidigung bezog ich mich darauf, daß 'ich vor einigen Monaten in Wien gewesen sei, viel gesprochen habe, lind auch Einiges habe drucken lassen, und daß