„âeiheit und Recht !"
â 249» Wiesbaden. Mittwoch, 29» November ISIS»
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0 èer Reichstags-Abgeordnete Schepp und seine Wähler.
Langenschwalbach, 26. November. Unser (wenn ich ihn so nennn darf) Reichstags-Abgeordneter, Herr Schepp, hat j'ßt fast von allen Wahlmännern seines Bezirkes Mißtrauens-Adressen erhalten; nur eine, die aus dem Amte St. Goarshausen, soll noch zur Untex- 'schrift zirknlir.en. Die Streiter für Herrn Schepp aus den Lahnthälern rc. sind verstummt. Sie mögen wohl MâMft. haben, daß die Stimmung in dem ganzen Wahstechk zu sehr gegen ihren Schützling ist, als daß ihre juristischen Deduktionen oder ihr moralisches Gewicht irgend einen Einfluß enthüben könnten. Herr S ch e pp kann hiernach nicht mehr im Zweifel darüber sein, daß er das Vertrauen seines Wahlbezirkes, wenn er es überhaupt je hatte, verloren hat, daß er also seine Wahl einem Irrthum der Wähler über seine Eigenschaften und Ansichten verdankt.
Dennoch aber will er nicht, wie einige leichtgläubige Seelèn von seinem Gefühl für Anstand erwarteten, seinen Sitz in der Versammlung aufgeben und sich. einer neuen Wahl unterwerfen; denn He,r Schepp fängt jetzt du, sich zu rechtfertigen. Das wäre recht gut, wenn die Art und Weise der Rechtfertigung 'picht so verdammt verkehrt wäre.
Seit einiger Zeit schickt unser Reichstags-Abgeord- Ni'te.r, der früher seinen Wahlbezirk ganz ignorirt hat, zuweilen Cxlra-Beilage» zu den bekannten Flugblättern auS der Nationalversammlung zur Vertheilung unter seine Wähler in denselben.
0 So hat er auf die erste Mißtrauens-Adresse der Dählmänner geantwortet mit der Darstellung derFrank- ssurter 'Ereignisse vom 18. September, wie sie die ge- ' yamften Vlätt r gebracht haben, und mit der famosen Antwort auf die Ansprache her Linken an das deutsche Volk. So hat er weiter vor einiger Zeit die von Bassermann erfundene Darstellung der Zustände in Berlin, welche die genannten Blätter in einer Extra- Beilage veröffentlichten, zur Vertheilung in seinen Wahlbezirk gesendet.
„Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich sage Dir, wer Du bist." Herr Schepp rechtfertigt sich mit den Flugblättern aus der Nationalversammlung; man jung also annkhmen, daß er mit denselben ganz und gar einverstanden ist. Diese Flugblätter sind wohl unter die reaktionärsten Blätter, die gedruckt werden, zu rechnen. Ueber alles VolkSthümliche fallen sie her mit dem wüthcndstin Zorn. Wenn aber irgend Jemand einen entschiedenen Schlag gegen die Fortschrittspartei führt, dann wird das in einer Extra - Beilage zu den Flugblättern veröffentlicht. Und diese Beilagen schickt dann Herr Schepp in seinen Wahlbeziik!
Ich weiß in der That nichts ob ich mehr die auffallenden Ansichten des Herrn cschepp beklagen, oder über dessen Taktlosigkeit mich wundern soll. Fast der
ganze Wahlbezirk spricht seine Unzufriedenheit mit der Wirksamkeit des H^rrn Schepp aus und gibt seine Spmpathie mit der Linken kund; Herr Schepp antwortet mit jenen Anklagen, die gegen die Linke geschleudert wurden, mit einer Extra-Beilage zu den Flugblättern aus der Nationalversammlung, worin die Linke des Lugs, Trugs und sogar geradezu der Urheberschaft und Mitwiffenschast an dem Mord- von Auerswald und Lichnowsky beschuldigt wird. Das deutsche Volk und mit ihm Herrn Schepp's Wahlbezirk ist enthu- siaSmnt über die kräftige und zugleich ruhige Haltung der Berliner Nationalversammlung und spricht seine Zustimmung in zahllosen Adressen aus: Herr Schepp aber schickt in seinen Wahlbezirk eine von Bassermann erfundene Schilderung der Berliner Zustände, welche die NationalvwsammluUg als einen Haufen wüthender, unsinniger Menschen darstellt, die nicht wüßten, was sie wollen, und damit schließt, daß von der Berliner Nationalversammlung weder für die Einheit Deutschlands/ noch auch für die Freiheit irgend etwas zu erwarten sei.
Wenn ich nicht wüßte, daß Herr Schepp ein im Allgemeinen sehr gutmüthiger, mit dem Leben aber ganz unbekannter Mensch wäre, ich würde glauben, er wolle seinen Wahlbezirk verhöhnen. Denn mit seiner Rechtfertigung, wenn man es so nennen darf, schlägt er der öffentlichen Meinung in seinem Wahlbezirk geradezu ins Angesicht.
So ist denn auch eine der Mißtrauens-Adressen gerade durch die mit den genannten Flugblättern *) versuchte Rechtfertigung veranlaßt worden; denn: „Sage mir, mit wein Du umZehst, und ich sage Dir, wer Du bist.",
Deutschland.
FH Kirberg, 21. Nov. Das tragische Lebensende Robert BlumSIHat auch in unserem sonst so stillen Flecken eine außerordentliche Aufregung he, vorgerufen, und man verhehlt sich nicht mehr, daß die deutsche Einheit durch das zögernde Auftreten der Centralgewalt nie und nimmer geschaffen werde.
Der hiesige erst vor Kurzein gegründete Leseverein hat auf den Antrag eines Mitgliedes einmüthig beschlossen: eine Todtenfeier für den gemordeten Reichs- tagsab^eordneten Robert Blum abzuhalten und zugleich den hier schon längst bestehenden Gesangverein zur Mitwirkung eingeladen.
Möge der junge Verein blühen und Frucht treiben zum Wohl und zur Zierde der Gemeinde und des großen deutschen Vaterlandes!
V Aus dem Emsthal. Mehrfach wurde der Un= glückssatz in §. 18 der Grundrechte: „die Gemeinden „*) Die Namen der Verbreiter dieser Aktenstücke sollen nach cin- gezogener Erkundigung öffentlich genannt werden.
wählen aus den Geprüften die Lehrer," in der Freien Zeitung besprochen. Auf einen Umstand glauben wb indeß noch aufmerksam machen zu müssen. Man mahnt nämlich, das demokrätische Prinzip fordere diese Folgerung. Der Umstand indeß, daß Jesuiten und Aristokraten ebenfalls diese Lehrerwahl fordern und wie in Frankfurt und in Belgien und Frankreich durchsetzten, machte viele wahre Demokraten bedenklich und ließ sie auf die Erfahrung achten. Diese aber lehrt, daß überall, wo die Gemeinde unbedingt die Lehrer wählt, das Volk trotz freier Verfassung nicht frei Miro. Demokratische Naturen erklärten sich deßhalb zufolge ihrer Natur, gleichsam aus Instinkt, gegen die Lehrerwahl. Mode-Demokraten nannten dieses inkonsequent, wenn sie auch zugaben, daß in der Wirklichkeit die Wahl nachtheilig.
Aber waS in der Idee wahr ist, muß sich in her Wirklichkeit bewähren; jede Idee, die L der Wirklichkeit nicht die Folgen, welche in der Idee erwartet wurden, zeigt, beweist, daß die Idee eine falsche Auffassung des Natürlichen, eine Einseitigkeit war. Dieses muß besonders bei der Wahl der Lehrer durch die Gemeinde der Fall sein, falls man diese ans dem demokratischen Prinzip folgert, da die Früchte in der Wirklichkeit den Feinden der Demokratie zu gute kommen.
Das demokratisch? Prinzip verlangt gleiche Berechtigung Aller an dem Scaatszwecke. Der Staatszweck ist Ausbildung der menschlichen Kräfte und Sicherung der Existenz oder geistige Vexvollkoinmnnng und materieller Wohlstand für alle Staatsbürger. Alle Staatsbürger haben also ein Richt' auf Bildung, folglich hat dieses der Staat zu gewährleisten.
Dieses Recht hat der bisherige Staat nicht für Alle anerkannt; denn er wollte die Freiheit Einiger, nicht Aller, er wollte den Wohlstand Einign-, nicht Aller, daher wollte er auch nur die Bildung Einiger, nicht Aller, tzvo lange man dem Volke aber eine freie, allseitige Bildung vorenthält, so lange wird es nicht frei. Wie Pater Rodin im ewigen Juden, sucht deßhalb die Aristokratie das Volk durch seine eigene Leidenschaft zu verderben. Man überträgt das höchste Recht und die höchste Pflicht der ganzen Gesellschaft auf untergeordnete Theile, damit der Partikularismus sich einmische, eine möglichst gleichheitliche und nationale Bildung unmöglich mache. Nicht die einzelnen Gemeinden sind souverän, sondern die Gemeinde aller Gemeinden, das ganze Volk oder der Staat. Die Gemeinde als organischer Theil des Ganzen kann nur die Selbstständigkeit des Theiles in Anspruch nehmen, d. h. die Gemeinde ist selbstständig in allen Angelegenheiten der Gemeinde, wählt sich ihre Gemeindebeamten auS ihren Bürgern, wie j der Verein seinen Vorstand aus seinen Mitgliedern. Da aber die Bildung nicht eine Gemeindeangelcgenheit, sondern allgemeiner Staatszweck und Bedingung des Staates selbst ist, so gehört die Schule nicht der Gemeinde, sondern dem Staate, das heißt dem ganzen Volke, damit sie vom Geiste des
Bericht des Abgeordneten Fröbel
über die an ihm und Ro'bert Blum verübte
Gewaltthat.
(Fortsetzung.)
Durch den genannten Commandanten dieses Corps, welches aps vier Compagnien bestand, sind wir zu Hauptleuten ernannt, worden. Blum hatte die erste, ich die dritte Com- pagM. Nach dem Organisativnspatcnte war dieses Corps dazu bestimmt, die Ruhe und Ordnung in der Stadt zu sichern, ßg war dies eine höchst wichtige und nicht minder gefährliche Aufgabe, als -den Truppen gegenüber zu stehen. .Schon Tags vorher ist aus mehreren Häusern auf Vorübergehende geschossen worden, man stürmte die Häuser, ergriff Personen, welche man in ihnen fand, und wollte sie ohne Weiteres aufhängen. Es wurden an jenem Tage aste Männer, die unbewaffnet auf den Straßen an- gotrvffcn wurden aufgegriffen und gezwungen, in irgend ein Corps der mobilen Garde zu treten. Auf diese Weise war Änösicht vorhanden, daß in der Stadt selbst Unruhen ausbrechen würden, und die Aufgabe unseres Corps, Rühe und Ordnung zu handhaben, forderte, wie ich schon erwähnte, ebenso viel Muth und Energie, als selbst vor den Truppen zu stehen. Wir glaubten als Fremde, welche in der schwerbedrängtèn Stadt uns als Gäste aufhielten, die Pflicht zu haben, und es unserer Ehre schuldig zu sein, an den allgemeinen Lasten Theil zu nehmen, und namentlich, da man uns gesagt hatte, daß man zur
Unterstützung der Absicht auf unsere Namen werth lege. Das Corps wurde aber sogleich auf andere Weise verwendet, die uns selbst in hohem Grade überrascht hat. Blum und ich wurden von einander getrennt. Wir kamen an die äußersten entgegengesetzten Punkte der Stadt, wo Barrikaden gebaut waren, an die gefährlichsten Orte, die überhaupt möglich waren. Ich will sie nicht mit den Details dieser einige Tage andauernden militärischen. Laufbahn unterhalten, sondern zur Hauptsache übergehen. Wir hatten die Ueberzeugung, die sich nachher als richtig bestätigt hat,-daß die Stadt sich nicht werde halten können, weil sie verrathen war.
Ich brauche diesen Ausdruck ohne Rücksicht auf ir gend eine Partei, einfach.zur Bezeichnung einer. Zweideutigkeit in der Leitung der Dinge, welche nicht bestritten werden kann. $d) will Ihnen nur einige Thatsachen anführen, und Sie werden bei stimmen, daß es kein anderes Wort gibt/ um dieses. Verfahren zu bezeichnen, als das Wort Verrath. Robert Blum stand- den Kroaten gegenüber. Er hatte fünf Kanonen, aber den strengsten Befehl in der Tasche, sie nicht zu gebrauchen. An der Barrikade, wo ich stand, hatte man meinen Leuten Patronen ohne Kugeln ausgethejlt. Jch selbst habe Kanoncn- Patconcu abgeliefcrt, die mit Sägspänen gefüllt waren. 'JiMy solchen Thatstuchen können Sie wohl denken, daß wir von dem Kampfe abstehen wollte». Unsere Aktivität Wie am Wstcu begonnen; am Wsten Abends beschlossen mir,. unstrgDemission einzureichen. Am 2Ästcu früh 6
Uhr ist dies von nns schriftlich geschchen, nnd die Demission ist vonssdem'Eomandirenden des Corps angenommen worden. Nachdem dieses vorüber war, haben wir an Dem, was weiter geschah, seinen Antheil genommen. Ich muß Sie hierauf aufmerksam machen, weil ich ge- bört habe, daß in Zeitungsberichten gesagt wurde, Bluni hätte noch nach der Kapitulation nnd während der Einnahme der Stadt unter Waffen gestanden, und gefochten, das ist eine Niuvahrheit. Wir haben die ganze Zeit, vom 29ften Oktober, bis zum 4. November in unserem Gasthause zugebracht, mit wenigen Ausgänge» in die Stadt. Am ersten Tage nämlich haben wir es noch mehrmals gewagt, ans die Straße zu gehen. Da aber in der Stadt Greuel verübt wurden, und man Gefahr lauf n konnte, massacrirt zu iverden, weil man eine Plrysigno- mie hatte, die den Soldaten nicht gefiel, entschlossen wir uns, nicht mehr auSzugchen, und haben uns ruhig zu Hause gehalten. Wir haben während dieser Zeit, ich ; Imbe das Datum nicl-t, es wird wabrscheinlich am 2. gewesen sein, ein Schreiben an den General Tschoritsch gerichtet, von dem wir hörten, daß er Commandant per Stadt geworden sei. In diesem Schreiben erklärten wir, daß wir in Wien durch die Ereignisse gegen unsre Absicht znrückgehalten seien, und st schnell als möglich nach Frankfurt znrückreistn möchten, nnd wir baten ihn um den Noihwendigei? Geltitschcin, lüh bie Reise imt Efcher- beit machen zu ^WieiL WisteèhiMn als Antwort ein Schreiben, welches uns an dèn Gemval CöÈn wies.