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Freit Ztilung.

âeLHeit und Recht!"

M 2^8. Wiesbaden. Dienstag, 28. November 1848<

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fL 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnihmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

st st-Es ist schwer, keine Satyre zu schreiben!

(Difficile est, satyram non scribere.)

Mitten unter all den traurigen und versängnißvollen Ereignissen, unter den Verhaftungen, Verurtheilungen, der Aufhebung des Versammlungsrcchtes, Beschrän­kung der Preßfreiheit, Unterdrückung von Zeitungen, NerchStruppen-Promenaden, Belagerungszuständen, Bas- sermännifchen und Waffermännischen Reden, Schmer- lingischen Beantwortungen und Nichtbeantwortungen von Interpellationen, Bombardement, Kartätschen, Raketen und Shrapnels und den übrigen Errungenschaften der Reform", welche den Errungenschaften der März- revolution auf dem Fuße nachgefolgt sind und die letz­teren verschlungen haben, wie weiland die sieben mage­ren Kühe Pharaonis die sieben fetten Kühe Pharaonis verschlungen haben, unter allem Dem taucht manchmal als ein seltener Brocken i» der großen Brühe des Jammers (rari nantes in gurgite vasto, um mit dem Lateiner zu sprechen) doch ein kernhafter Witz auf, welcher geeignet ist, auch in dem Leibe des größten Hypochonders uad Staatöhämorrhoidarius das Zwerch­fell erschüttern zu machen.

Wir haben solche Witze in unserem lieben Lande Ngssau schon mehrere erlebt.

Wir wollen schweigen von dem Feldzug, den, auf Anrufen des Herrn Ministers Hergenhahn, der Ncichskriegsministee von Peucker mit 2000 Mann österreichischer und preußischer Reichstruppen (d. h. Stock-Tschechen und Waffeipolacken) und einem ganzen Artilleriepark, mit geladenen Gewehren,haarscharf ge­schliffenen" Sabeln und brennenden Lunten gegen Wies­baden ausgeführt hat, in der Absicht, einen jungen Baukaudi­daten einen jungen praktischen Arzt und einen alten Uhr­macher zu verhaften, und wie trotz all dieser Säbel und Ka­rtonen u. brennenden Lunten diese kühne Absicht nicht erreicht werden konnte, sondern die zu verhaftenden drei Misse­thäter sich die Freiheit nahmen, ihre Häuser durch die Hinterthüre zu verlassen,. während sich die Reichsarmee mit Säbel, Gewehr, Kanonen und brennender Lunte vor der Vorderthüre aufpflanzte.

Wir wollen schweigen von der Untersuchung, von jener Riesenuntersuchung, welche mit Aufwendung aller Kräfte des Polizeiamtes und des Criminalgerichtes, unter Vernehmung Hunderter von Zeugen und unter Verstärkung des Untersuchungspersonals geführt worden, deren Aktenstoß zu einem Berg angeschwollen ist, den ein wohlbeleibter Staatshämorrhvidarius nicht mehr überspringen kann, von jener Untersuchung, welche kei­nen andern Gegenstand hatte, als die schreckliche That­sache, daß ein Redner in einer Volksversammlung die entsetzlichen Worte gesp ochen:Dann wissen wir, wo­ran wir sind, und was wir zu thun haben", und sich soweit vergessen hat, hierbei eine Faust zu machen, eine wirkliche, sichtbare Faust, nicht bloß die bekannte deutsch-

micheligeFaust im Sack", (entern eine Faust in der Luft, Angesichts der ganzen Volksversammlung!

Wir wollen schweigen von dem Verfahren gegen einen jungen Arzt, den man auf den Grund einer ge­heimen Denunziation bei dem Minister, daß er sich zu demokratischen Gesinnungen" hinneige, die naive Er­öffnung machte: man hoffe, daß. er sich auf denkon­stitutionellen Boden" stelle, und daß, um ihn hierin zu überwachen, ein besonderer geheimerVertrauensmann" ( sans comparaison! in Wien hatte man frü­her die beliebtenPolizei-Spitzel") über ihn gesetzt sei; wir wollen davon schweigen, daß gegen denselben jun­gen Arzt nun ebenfalls eine Niesenuntersuchung im Gang ist, weil er vor länger als einem Vierteljahr NachtS um die zwölfte Stunde" undim Kreise fro­her kluger Zecher" ein Glas geleert hatauf den Un­tergang der absoluten Gewalt der Fürsten", was natür- lich in einemkonstitutionellen Staat auf breitester demokratischer Basis", in welchem der Anführer der März-Revolution, oder, nicht doch!, der Leiter der verfassungsmäßigen März-Bewegung" an der Spitze des Ministeriums steht, offenbar den Thatbestand des höchst peinlichen Verbrechens eines mit MajcstätSbelei- digung cumulirten Hochverraths, sowie gleichzeitig der Aufreizung zurMißvergnüglichkeit" und derProvo­kation zum Umsturz" enthält.

Alles das sind Ereigniss-, welche neben den Schlag­schatten, die sie auf den Zustand unserer sog.März­errungenschaften" werfen, auch unstreitig ihre lustige und ergötzliche Seite haben und, Dank dem Eifer der Producenten, könnten wir die Zahl derselben um ein Erkleckliches vermehren.

Allein das Spaßhafteste, was bis jetzt geschehen, ist eine Erfindung oder, wie man will, auch eine Ent­deckung , welche kürzlich eine überhaupt als erfindungs­reich und novellistisch-poetisch-theatralisch bekannte Zei­tung unserer lieben Stadt gemacht, und wodurch sie sich ohne Zweifel eine Bürgerkrone von blauem und oran­genem Löschpapier, zusammengenäht mit der kornblum­blauen Seide ächt-constitutionellen. Rückschritts, verdient zu haben schmeicheln darf.

Diese Zeitung hat nämlich---man höre, denke und staune! einenNassaui­schen " Lichnowsky erfunden!!! Und dieser Lichnowsky ist der bekannteVolksbote" Zollmann aus Limburg!!!!!!

Alle diejenigen deutschen Reichsbürger, welche von dem Fürsten Felir Lichnowsky und dessen beklagens« werthem Ende in Frankfurt gehört haben, dagegen von demVolksboten" Zollmann noch nichts wissen, ( und wir haben Grund zu vermuthen, daß die meisten deutschen Reichsbürger sich in diesem Falle be­finden werden) alle werden uns erstaunt fragen: Ist etwa dieser Herr ein Fürst, eine hochstehende Person?

O nein, der Herr ist Weinhändler in Limburg an der Lahn und einfacherVolksbote".

Hat er etwa, wie Lichnowsky, in Spanien für Don Karlos gefochten, in Portugal unter Maria da Gloria glänzende Abenteuer erlebt, in Deutschland sou­veräne Fürsten beleidigt und zahllose Duelle bestanden?"

O nein, nein, nichts von diesem Allem!

Hat er etwa, wie Lichnowsky, in der Literatur sich ausgezeichnet?"

O nein, auch das nicht!

Nun denn, worin gleicht er denn Lichnowsky? Ist er etwa gleich diesem scheußlich er,nordet worden? *

Nein, auch das nicht, er befindet sich, Gott sei Dank, im erfreulichsten Wohlsein.

Nun, bei Sanct Velten, das ist zu bunt", wer- den uns alle deutschen Reichsbürger entgegenrufen, welche den Fürsten Felir Lichnowsky kennen und den Herrn Zollmann nicht,warum denn nennt Ihr dèn Herrn Zollmann den nassauischen Lichnowsky, wenn er doch in keinem Punkt Aehnlichkeit mit demselben hat?!"

Liebe Freunde und deutsche Reichsbürger, das ist eS ja eben, worin daS Verdienst jener Zeitung besteht. Aehnlichkeiten und Gleichheiten hervorzuheben, wo sie un­verkennbar zu Tage liegen, das kann eben ein Jeder. Aber eine Llehnlichkeit zu apportiren, wo gar keine be­steht, das ist eine Kunst, die Belohnung verdient, be­sonders unter gewissen Umständen.

Und diese Umstände waren folgende:

Nassau ist bekanntlich ein sehr reiches Land. Seine Berge strotzen von Erzen; auf seinem Boden erheben sich stolze Wälder, wogen reiche Saatfelder und ranken üppige Weinberge; in seinen Thälern sprudeln heilende Quellen; und seine Badeorte sind reich an Eseln. Wa­rum sollte nun ein Land, das so reich ist an Allem, nicht auch seinen Lichnowsky haben? Besonders wenn ein Lichnowsky so gute Dünste leistet. Hat nicht daS beklagenöwerthe Ende LichnowSky's in Frankfurt Hun­derte schwache Seelen, welchen man das Schreckbild der rothen Republik, der Anarchie nnd des Umsturzes in grellen Baffermann'schen Wasserfarben vormalte, ver­anlaßt, sich aus Furcht vor diesem vorgehaltenen Popanz, gleich schwachen Kindlein, in die stets mütterlich geöff­neten Arme der Restauration (des Rückschritts) zurück- zuflüchten? Hat man nicht dadurch jene vortreffliche Kriegslist erhalten, daß man Jeden, der nicht die Wege des Rückschritts wandern will, in eine Klasse wirft mit denMördern Lichnowsky'S", um unbarmherzig den Stab über ihn zu brechen? Hat man nicht dadurch Veranlassung gefunden, einen Jeden, der für das gute Recht des Volkes kämpft, einenAnarchisten" zu schim­pfen und einen Banus Jeüachich und sonstige Halbwilde und Barbaren (wie dies der Unterstaarssecretär Basser­mann gethan), alsApostel der Humanität" zu preisen, trotzdem daß dieleApostel der Humanität" sengen und brennen, morden und plündern, daß vor f^hett, wie der Kapuziner in Wallensteins Lager sagt:

Das Geld nicht sicher ist in der Truh' Und das Kalb nicht sicher in der Kuh."?

Bericht des Abgeordneten Fröbel über die an ihm und Robert Blum verübte

Gewaltthat.

In der Sitzung der Nationalversammlung vom 18. Nov. erstattete der aus Wien zurückgekehrte Abgeordnete Fröbel folgenden Bericht:

Meine Herren! Sie haben beschlossen, den Bericht, welchen ich Ihrer Versammlung angeboteir habe, anzn- hören. Befürchten sie nicht, daß ich in demselben weit­läufig sein, und mich auf Schilderungen von Einzelheiten, die nicht im Zusammenhänge mit der Hauptsache stehen, einlassen werde. Es ist ein einziger Punkt, welcher vor diese hohe Versammlung gehört, ob und inwiefern das Rcichsgcsctz vom 30. September durch die Verwickelungen, in die ich in Wien in Gemeinschaft mit Robert Blum gekommen bin, verletzt worden ist. Ich werde meine ganze Darstellung in diesem einzigen Punkte concentriren, und von den Einzelheiten nur das anführen, was Sie in den Stand setzt, genau zu sehen, inwiefern das später Erfolgte motivirt war. ES ist Ihnen bekannt, ich brauche darüber kein Wort zu verlieren, was die Veranlassung meiner und BlumS Reise nach Wien war. (Stimmen von der Rechten: Nein!) Ich habe die Bekanntschaft damit voranssetzen zu können geglaubt. Wenn das nicht der Fall ist, werde ich in der Kürze diese Veranlassung erzählen. Nachdem der Antrag des Abgeordneten Ber­ger gefallen war, daß die Nationalversammlung aus­

sprechen solle, die Stadt Wien habe sich durch ihre letzte Erhebung um das Vaterland verdient gemacht, beschloß die linke Seite dieser Versammlung von sich aus eine Deputation nach Wien zu senden, um die Erklärung ihrer Sympathie mit der Wiener Revolution auszuspre- chen. Die beiden Fractionen der Linken, welche imDon- nersberg" und imDeutschen Hof" ihre Zusammenkünfte halten, vereinigten sich zu diesem Zwecke. Von der einen wurde Robert Blum, von der andern ich gewählt, um eine kurze Adresse im Sinne Dessen, was ich gesagt habe, nach Wien zu bringen. Zwei andere Mitglieder, die Herren Hartmann und Trampusch, haben uns be­gleitet, und sich unserer Deputation angeschlossen. Wir sind am 13. von hier abgereist, und am 17. in Wien angekommen. Dort haben wir diese Adressen dem per­manenten Ausschuß des Reichstages, dem Obercommando, dem Gemeinderath und dem Studentenausschuß mitge­theilt. Der permanente Ausschuß des Reichstages hat noch am gleichen Tage, eine Stunde später, in seinem täglichen Rechenschaftsbericht unsere Adresse dem Reichs­tag selbst mitgetheilt, der dieselbe mit allgemeiner Accla- mation ausgenommen hat. Nachdem wir die Tage des 17., 18. und 19. October dazu verwendet hatten, unsern Auftrag zu vollziehen, waren wir am 20. bereit, Wien wieder zu verlassen. Ich muß auf diesen Umstand auf­merksam machen. Ich selbst bin mit Robert Blum bei dem sächsischen Gesandten gewesen, wo sich Blum einen Paß hat geben lassen, was auch.ich beabsichtcte, weil

mir die Legitimationskarte als Mitglied der National. Versammlung nicht sichernd schien, da selbst Wiener Ab­geordnete wegen dieser Eigenschaft auf der Reise vom Militär mißhandelt worden waren. Der Paß wurde mir verweigert, weil ich kein Sachse sei. Ich bin hier­auf zum Obercommando gegangen, und habe für mich und meine drei Begleiter Passirscheine erbeten, die auf drei Tage lauteten, und die ich bei mir führte, weil wir immer mit den: Gedanken umgingen, Wien zu verlassen. Wir führten ihn nicht aus, weil wir fortwährend hör­ten, daß es unmöglich sei, ohne Mißhandlung durch das Heer zu kommen. Die Tage vom 20. bis zum 26. vergingen auf diese Weise in der Ungewißheit, ob cs möglich sei, abzureisen. Ich werde in meinem Berichte ganz offen sein, auch in den Beziehungen, welche mich bei der rechten Seite dieses Hauses in ein nachtheiliges Licht stellen. Ich bemerke also offen, daß, nachdem wir uns überzeugt hatten, daß es nicht möglich sei abzureisen, ich mich entschlossen habe, an dem Kampfe Theil zu neh­men. Ich bin in der weiteren Erwartung der Dinge gewesen, und es war am 26., wo Blum und ich durch einen Hauptmann außer Diensten, Namens Hauk, wel­cher beordert war, ein Elitencorps zu bilden, aufgefordert wurden, diesem Corps beizutreten.

(Fortsetzung folgt.)