Freit Zeitung.
„âerheLL und Recht!"
^ 247» Wiesbaden. Sonntag, 26. Atovember 1848»
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Der Konflikt Deutschlands mit der österreichischen Dynastie.
□ Wiesbaden. Robert Blum, einer unserer tapfersten Kämpen für Deutschlands Freiheit ist gefallen. Das Schwerdt der Soldatenherrschaft kennt keine Schonung, die Blüthen der Freiheit müssen ihr zum Opfer fallen. Die alten Zeiten österreichischer Tyrannei kehren zurück, die Zeiten, wo unter der Herrschaft der Jesuiten Tausende für Religionsfreiheit verbluteten, denn ebenso wie damals die religiöse, vertilgt jetzt der Kaiser die bürgerliche Freiheit aus seinem Reiche. Sein momentaner Sieg über die Bürger Wiens wird ihn verleiten, weiter auf dieser unheilvollen Bahn vorzuschreiten und nachdem er seine Monarchie mit B!ut zusammengeleimt, wird er mit Deutschland den Kampf aufnehmen. Dedn die deutsche Nationalversammlung, sie mag es wollen oder nicht, wird mit Oesterreich in unvermeidlichen Konflikt gerathen, und dieser Konflikt ist bereits schon ausgebrochen.
Die Nationalversammlung hat Rechenschaft gefordert für die schmähliche Hinrichtung eines unverletzlichen Neichstagsmitgliedes, sie hat Bestrafung verlangt der mittelbaren und unmittelbaren Urheber dieser Schandthat. Die Kamarilla hat aber, gerade weil Robert Blum ein Reichstagsmitglied, und einer der hervorragendsten Männer Deutschlands war, zum Hohne der Nationalversammlung ihn zum Tode geführt.
Dieß ist die Antwort darauf, daß Oesterreichs deutsche Lände der Centralgewalt wie jedes andere deutsche Land untergeordnet sein sollen. Die jetzt dort herrschende Partei will nicht deutsch, sie will nur österreichisch sein, denn deutsch und frei sein ist in Wien gleichbedeutend. Der Kaiser hat daher für immer mit Deutschland gebrochen, und dieser Bruch wird unübersehbare Folgen nach sich ziehen. Nicht, daß die fetzige deutsche Nationalversammlung den Kampf aufnehme (dieß wird Niemand von ihr erwarten), aber daß dieser Kampf zwischen Oesterreich und Deutschland über kurz oder lang ausbrechen müsse, wird auch Niemand bestreiten; er wird die Auflösung Oesterreichs zur Folge haben und den Fall der kaiserliche Dynastie, die Sühne für Robert Blum.
Ansprache der in Wiesbaden anwesenden Nassauischen Landtagsabgeordneten
an die hohe verfassunggebende deutsche National - V e r s a in m l u n g.
Die unterzeichneten, gegenwärtig allein hier anwesenden Mitglieder der Kammer der Bolksabgeordneten des Herzogrhums Nassau erachten es, nicht blos im Drange ihres Gefühls, sondern auch im Bewußtsein
einer Pflichterfüllung, für geboten, auch an ihrem Orte vor der hohen verfassunggebenden Nationalversammlung Zeugniß abzulegen von der, daS ganz? Volk durchdringenden, höchsten Entrüstung über daS durch die Ermordung des Abgeordneten zur deutschen Nationalversammlung, Robert Blum, von der österreichischen Militärgewalt begangene Attentat gegen die gesetzgebende deutsche Reichsgewalt und gegen die Majestät der deutschen Nation.
Der Schmerz über diesen Verlust eines ManneS, der mit Unerschrockenheit, mit Geist und mit Kraft das Ziel der Größe, der Freiheit und der Ehre des deutschen Vaterlandes: erstrebte, wird geschärft durch die Gewißheit, daß eine volksfeindliche Parthei denselben gerade wegen seiner hervorragenden Eigenschaften und bedeutenden Wirksamkeit, ja wegen seiner Stellung i» der hohen Versammlung unter Tausenden als Opfer auscrsah, um dadurch das deutsche Volk nicht nur an seiner Ehre, sondern auch an seinen innigsten Gefühlen zu verletzen, und neben Befriedigung einer niedrigen Parthcnache der Sache des Volkes und der Freiheit die tiefste Wunde zu schlagen.
Gerade deßhalb fühlt sich das ^ Volk durch diesen Schlag unmittelbar getroffen, und betrachtet cs um so mehr als eine heilige Pflicht, mit den äußersten Mitteln volle Sühne und Genugthuung für diese blutige Beleidigung zu fordern. Befestigt wird dieser Entschluß durch daS im Volke lebende, auch bei der nüchternsten Betrachtung sich als vollkommen richtig bewâh ende Gefühl, daß die, durch diese mit kalter Berechnung vollzogene Mordthat, verlängnete Eristenz einer deutschen Reichsgewalt, — daß die damit als ein Unding verhöhnte Einheit Deutschlands nur durch die entschlossenste und rascheste Annahme dieser offenbaren Herausforderung und durch die völlige Niederwerfung dieses trotzigen Widerstandes möglich gemacht und her,gestellt werden kann. Nur ein ganz energisches und entschiedenes Handeln der Centralgewalt kann zugleich den ungünstigen Eindruck beseitigen, den die Erfolglosigkeit der Sendung der Reichs-Commiffarien zur Verhütung dieses Nationalunglücks im Volke Hervorgeb acht hat.
Bei keiner andern Veranlassung wird die hohe Versammlung willigere Hingebung, bei keiner ein sichereres Mittel finden, das erschütterte Vertrauen in die Lösung Ihrer großen Aufgabe wieder herzustellen.
Von den Beschlüssen der hohen Versammlung in dieser großen Angelegenheit und von deren ~ kräftigen und rücksichtslosen Durchführung wird es abhängen, ob dieses das Nationalgefühl mächtig erregende Ereigniß die Fieiheit und Einheit unseres Vaterlandes unmittelbar und durch die bestehende ReichSgewalt Herstellen, oder nur neue Ercesse herbeiführen wird, deren Ausgang keine menschliche DorauSsiut bestimmen kann.
Wiesbaden, den 17. Novbr. 1848.
Nationalversammlung zu Frankfurt.
121. Sitzung.
Nach Verlesung des Protokolls wollte Schott im Namen seiner Genossen eine Erklärung in Betreff der Abstimmung vom 20. in der preußischen Frage verlesen, was aber als verspätet zurückgewiesen wurde. Doch beschloß die Versammlung auf Mammen's Antrag, diese Erklärung (die ungefähr 180 Unterschriften führt) drucken zu lassen.
Der Präsident theilt der Versammlung ein Schreiben des Reichsverwesers mit dessen Ansprache an das deutsche Volk (vom 21. d. M.) mit, welche sofort verlesen wird. Unter den Flottenbeiträgen befinden sich 15,278 fl. 15 kr. von dem Verein in Oberbayern. Der Präsident zeigt an, daß für Robert Blum der Stellvertreter Dr. Wuttke eingetreten ist.
Der Legitim ationsausschuß trägt darauf an, die Abg. Löw aus Posen und noch vier andere als nichtlegitimirt auszuschließen und statt des Ersteren den Generalmajor von Brand einzubecufen.
Zachariâ ei stattet für den internationalen Ausschuß den Bericht über die limburgische Frage. Der Ausschuß beantragt, die Centralgewalt aufzufordern: 1) gegen den Vollzug des neuen Grundgesetzes für daS Königreich der Niederlande in Bezug auf Limburg Verwahrung einzulegen, und demselben in jeder sonstigen geeigneten Weise cntgegenzutreten, 2) insoweit bei Ausführung des Beschlusses der Nationalversammlung vom 19. Juli d. J. eine Verständigung oder Vereinbarung mit der limburgischen oder niederländischen Regierung erforderlich sein sollte, dieselbe schleunigst rinzuleiteu u d zum Abschluß zu bringen. Der Referent bemerkt, die Anträge seien nicht so scharf, um einen Krieg mit Holland befürchten zu lassen; jedenfalls müsse aber der Ausschuß wegen Dringlichkeit der Sache wünschen, daß dieselben auf die morgende Tagesordnung komme».
Höfken berichtet über die Eingabe eines Pfarrers im Nassauischen, die Seelenverkäuferei betreffend. Es handelt sich von den aus der Nhcingegend nach Eng. land wandernden Besenmädchen, und beantragt Verweisung an das Reichsministe ium.
Raveaur stellt den Antrag, die Nationalversammlung wolle das Andenken Robert Blum's durch eine würdige Todtenfcier ehren, und zu diesem Zweck eine Kommission von 5 Mitgliedern ernennen. Raveaur bemerkt, Blum sei sein Landsmann und Freund gewesen. Es sei ihm unmöglich, Gründe zu entwickeln. Die Nationalversammlung sei verpflichtet, die Feier anzu- ordnen und so würdig als möglich zu begehen.
V c n e d e y unterstützt den Antrag, und protestirt zugleich im Namm der Demokratie gegen die von de- mvkmtlscher Seite auögegangene schnöde Hinweisung auf einen Mann, welcher als der Mörder Blum's bezeichnet we>de.
Der Antrag von Raveaur wird fast einstimmig angenommen.
Robert Blum's Kinder- und Wanderjahre.
(Aus dem „Leuchtthurm" von E. Keil.)
(Schluß.)
Hier fand er seinen Stiefvater erkrankt, die ganze Familie nach wie vor im Elend, und er mußte nach dem ersten besten Brote greifen, was ihm geboten wurde — er wurde Theaterdiener beim Schauspieldircktor Ringelhardt.
Bereits in Berlin hatte Blum angefangen, dies und jenes für den Druck zu schreiben, unter Andern» hatte er damals der von Saphir redigirten Schnellpost eine Anzahl Gedichte von ihm milgcthcilt. In Köln machte er die Bekanntschaft mancher Literaten wie des Dr. Rave, Köhler und .Anderer, und dieser Umstand machte das in ihin schlummernde Talent mehr und mehr rege. Er arbeitete noch viel fleißiger, als er es bereits in Berlin gethan, er las und schrieb nach Leibeskräften. Das von ihm bekleidete Amt war ihm freilich sehr hinderlich. Ein Theaterdiener ist der geplagteste Mensch von der Welt. Ein solcher muß alle Bestellungen zwischen Directoren und Schauspielern übernehmen, demnach Rollen und Geld austragen, Vorstellungen und Proben ansage,», dem anmaßenden Künstler die Grobheiten des Direktors, dem zweiten Liebhaber die Ungezogenheiten des dritten Böjewichtü hinterbringcn, der Primadonna den Hund bewahren und was dergleichen Angelegenheiten
, mehr sind. Daß eine solche Thätigkeit nicht weniger als Muße zum Arbeiten — insbesondere für einen Autodidakten wie Bl um es war — übrig läßt, ist natürlich, umsomehr war sein Streben nach einer allgemeinen möglichst umfassenden Bildung anzuerkennen.
Die um jene Zeit herrschende politische Aufregung bemächtigte sich auch unseres BlumS, und zwar hauptsächlich mit dadurch, daß ihn die verschiedenen entstandenen Revolutionen zu glühenden Gedichten begeisterten. Insbesondere war es die polnische, der er fast Tag für Tag ein Gedicht darbrachte, Gedichte übrigens, die meistens nur für den Censor geschrieben waren, der endlich eine solche Wuth gegen Blu ms Schriftzüge bekam, daß er drei Mal ein Lied aus dem Gesangbuch strich, ,vcl- ches er des Scherzes wegen mit anderer Urberschrift, die sich auf die politischen Ereignisse bezog, cingesandt hatte. Um diese Zeit war er auch außerordentlich frucht- bar an Theaterstücken die regelmäßig durch dritte Hand dem Theater-Direktor mitgetheilt, eben so regelmäßig von ihm zurückgewiesen und vom Verfasser in fortgesetzter Consequenz ins Feuer geworfen wurden. In diesem Winter von 1830 — 1831 stand ihm denn zum ersten Male eine kleine Bibliothek — die des Theaters — Gebote, und kaum ein Buch davon blieb ungelesen.
Im darauffolgenden Sommer hörte das Theater auf, und somit auch Blums Verdienst, der sich in seiner Noth um eine Schreiberstelle bei einem Gerichtsvollzieher bewarb, die ihm monatlich die runde Summe von 6
Thalern einbrachte, seine ganze Einnahme! Im Herbst und Winter von 1831 — 32 nahm er seine Stelle als Theaterdiener wieder ein. Während deß übernahm der Direktor Ringelhardt bad Stadttheater in Leipzig und bot seinem Kölner Theaterdiener an, ihm in derselben Eigenschaft nach Leipzig zu folgen. Es war eine schlechte Dßcrte mdeß sie wurde angenommen; Ringelhardt ging nach Schluß der Theatersaison nach Leipzig, Blum sollte im Juli folgen.
Ganz unerwartet eröffneten sich um die angegebene Zeit unserm Freunde ein Paar andere Aussichten, eine ziemlich vortheilhafte und angenehmere Existenz sich zu begründen. Einestheils bot man ihm eine nicht eben untergeordnete Stellung bei einer in Köln erscheinenden Zeitung an, und auf der andern Seite suchte ihn die Schauspitlergesellschaft, welche abwechselnd in Köln und Aachen spielte, für sich zu gewinnen, zu einer Stellung, in der er wo möglich alles, ivie z. B. Theaterdiener, Cassirer, Sekretär u. dgl. mehr sein sollte. Blum nahm keines dieser beiden Anerbieten an, hatte indeß doch d e n Vortheil davon, daß seine Stellung in Leipzig eine bessere wurde als die ihm zuerst zugedachtc: erging dahin nicht als Theaterdiener, wie ihn Ringelhardt enga- girt hatte, sondern als Sekretär, Bibliothekar und Hülfs- kassirer, eine Stelle die er mit aller Freude angenommen. Im Jahre 1840 wurde er bei des Cassirers Tode erster Cassirer dcSL einiger StadttheaterS, eine Stellung, welcke Blum biS zum vorigen Jahre beibchielt.