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â' 243. Wiesbaden. Mittwoch, 22. November 18â8.

DieFreie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme deS Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 ff. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Znserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Wiesbaden, 20. November.

In der Stunde der Gefahr erkennt man seine Freunde! An diesen Satz wurden wir in diesen Tagen öfter erinnert, wenn wir die leitenden Artikel derkölnischen Zeitung" lasen. Diese Zeitung, welche es sich bisher vorgestzt hatte, das konstitutionelle Königthum zu vertheidigen , läßt in der Stunde der Gefahr das Königthum im Stich! Hört es, Ihr Könige, das sind Eure Stützen!

Was mußte diese Zeitung thun, wenn sie männlich in der Entscheidung ihr Wort einigen sollte? sie durfte nicht schreiben:die Krone der HohenzoUern rollt am Abgrund" undist der Augenblick gekommen, so können wir unsere Entschließungen nur noch aus der Gefahr des Vaterlandes schöpfen" nein nimmer! wenn die Zeitung männlich und fest ihr Prinzip vertrat, so mußte sie schreiben:da jetzt der Kampf gekommen scheint, wo es sich fragen wird, R-Publik oder Monar- chie, so schaart Euch alle, ihr Royalisten, um Eures Königs Fahne unbeschadet jeder RechtsauSlegung der Befugnisse des Monarchen."

Die Kölnische Zeitung will aus derGefahr des Vaterlandes ihre Grundsätze schöpfen," das heißt, ww wollen abwarten, wie die Dinge sich gestalten, und dann pfeifen, wie die große Menge will. Das ist die Politik der Feigheit, welche Deutschland an den Ab­grund des Verderbens gebracht hat! Das ist die Po- Iltis der Prinziplosigkeit, der Unentschiedenheit, welcher huldigend Frankfurts Parlament die deutsche Freiheit hat verhungern lassen.

So sehen wir denn, wie gerade diejenigen Blätter vor Allem ängstlich lauschen, wie der Würfel fällt, ehe sie eine eigene, feste Meinung fassen, welche so häufig den demokratischen Blattern d,gs Buhlen mit derPopularität" vorwerfen.

In der That, diese Haltung der Kölnischen Zeitung beweist, mehr als alle Versicherungen der demokrati­schen Blätter, daß glücklicherweise für den Sieg der Demokratie inPrcußen viele Aus­sichten sind; sie beweist, daß allerdings das Königthum am Rande des Abgrunds steht.

Der König ist ein tauber Mann!Doch das war stets das Unglück der Könige, daß sie des Volkes Stimme nicht hören wollten." Der Königwar auch taub für diese Worte Jakob i's. Er vernimmt nicht den immer näher und näher heranbrausenden Donner des Jahr­hunderts der König empfängt keine Deputationen mehr der König hat sich mit seinem Gotte verstän­digt was braucht er da sein Volk zu hören? Der König aber steht einsam auf einer schwindelnden Höhe. Das ganze Volk mit Ausnahme einiger Städte, wo abgedankte Rittmeister und wohlöcsoldete Pfaffen den Ton angeben -* hat sich für die Nationalvertreter erklärt. Doch der König droht mit seiner Ungnade hört cs, der Königâoht seinem Volke mit Ungnade!

O welche verrückten Rathgeber muß dieser König haben! Der König verspricht auch seinem Volke:ich will Euch nichts rauben, ich will Euch alles geben." O wie verfitzet dieser Mann die Wünsche der Völker! 0 wel­chen Begriff hat er von der Voskssouveränitât.

Nein, dieser übelberathene Mann weiß nicht, was Freiheit ist; er ahnt nicht, daß freie Männer die höchsten Güter des Lebens nicht als gnädiges Geschenk erhalten wollen; er ahnt nicht, daß nur die eroberte, nicht die geschenkte Freiheit die wahre Freiheit ist. Der König sieht den Abgrund nicht, ttnd seine Minister decken vor seinen Augen ihn zu, und behält der König diese Minister, welche er jetzt hat, so rcnnt ganz gewiß die Krone der Hohenzollern rettungslos in den Abgrund.

Die Nemesis.

Ein eignes Geschick waltet über dem Volke. Fast möchte man verzweifeln an der Demokratie, und mit Freiligrath ausrufen:Deutschland ist Hamlet!" Ober haben wir noch nicht genug der Treulosigkeit und des Verraths erlebt? Kein Tag fast, der und nicht neues Unheil gebracht, neue Schmach auf uns gehäuft hätte. Und dennoch will sich dies Volk erst überzeugen, wie Hamlet, der nicht glauben wollte an den Verrath seiner Mutter, den alle Welt wußte, und den die Schauspieler auf dem Theater aufführten; es will nicht glauben an den ungeheuern Betrug, der mit ihm gespielt wird, es will erst dann zur That schreiten, wenn das Feuer im eignen Hause gezündet. Vor Kurzem hatten wir es ausgesprochen:der gesetzliche Reichs­tag wird Wien der Allianz der Kamarilla und der Kroaten preisgeben." Wir fixten unsere einzige Hoff­nung auf die Entfchiedenheit der akademischen Legion, aus einen mit unumschränkter Gewalt bekleideten VolkS- ausschuß. Unsere Weissagung hat sich leider zum Schlimmen erfüllt, und unsre Hoffnung ist gescheitert. Der Reichstag hat unterhandelt und vermittelt, so lange, bis es zu spät war, und der vereinigte Feind vor den Thoren stand.

Aber gerade darin liegt der Wink der Nemesis. Denn die Monarchie hat sich nun vollkommen enthüllt vor den Äugen des Volkes, sie hat dem Blindesten die Augen geöffnet, sie hat sich gezeigt in ihrer furchtbar- sten erschreckendsten Nacktheit sie ist zernichtet vor dem Richterstuhle der Moral. Selbst ihre bisherigen Bundesgenossen sangen an, sich von ihr los­zusagen. DaS Volk ist geschlagen aber die Monarchie hat nicht gesiegt! Das Weltgericht wird über sie hercinbrechen, wie es auch über das Volk hereingebrochen ist.

Das sind die blutigen Früchte jener verruchten Po­litik der Volksverdummung, die verhängmßsollcn Folgen, die zunächst das Volk zu tragen hat. iMtr es hat die Geschichte zuerst geurtheilt. Aber die schwerste Anklage trifft nicht daS Vock selbst! Wir er­

blicken hierin nur eine gerechte Lenkung des Geschicks. Jene Politik hat sich furchtbar erfüllt am Volke nur um sich dereinst um so unerbittlicher zu erfüllen an ihren Urhebern!

Nachstehende Ansprache wurde der Redaktion von einem Mitgliede der Frankfurter Nationalversammlung zur weitern Verbreitung zugesandt:

Ansprache an das preußische Volk.

Die unterzeichneten Mitglieder der deutschen Reichs- Versammlung haben mit tiefstem Schmerze gesehen, daß die Mehrheit der Versammlung heute eine sofortige Berathung über di' Maßregeln abgelehut hat, welche zur Beseitigung des zwischen der Krone Preußen und der preußischen Nationalvertretung bestehenden Conflik- tes zu treffen sind. Wir sind innig durchdrungen von der Ueberzeugung, daß die Geschicke Preußens und Deutschlands an dem Wendepunkte angckommen sind, wo es sich entscheidet, ob in Deutschland Freiheit und Einheit in ruhiger, verfassungsmäßiger Gestaltung oder nach neuen vielleicht sehr langen und blutigen Umwäl­zungen gewonnen werden sollen. Wir sind uns bewußt, daß jetzt die Ereignisse eines Tages das Schicksal un­seres Volkes für eine lange Zukunft bestimme» können. Darum schweigen wir nicht; darum rufen wir dem edlen Volke der Preußen zu: Stehe fest wie ein Mann zu Deiner Nationalpertretung! Folge unverzagt ihren Beschlüssen! Opfere für sie Dein Theuerstes, denn es gilt Deinem Theuersten, der Freiheit!

Klar wie das Sonnenlicht ist das Recht auf der Seite Deiner Vertreter. Setzt man doch der National­versammlung, die in Fragen der Verfassung und ihrer eigenen Existenz gleichberechtigt neben der Krone steht, nur rohe Gewalt entgegen und höhnt also die Würd? des Volkes selbst! Weiß man doch zur Entschuldigung hierfür Uichts Anderes anzuführen, als einige höchst beklagenswerche Erzesse, deren Wiederkehr man immer­hin durch gesetzliche SicherheitSmaaßregeln, nimmermehr aber durch Antastung der Volksfreiheiten entgegen treten mochte.

Preußisches Volk! Deine Geschicke und die des übrigen Deutschlands sind ewig unauflösbar verflochten! Harre aus im gerechten Kampfe! Wir stehen treu zu Dir. Die Freiheit, die Einheit werden siegen!

Frankfurt a. M., den 18. November 1848.

Folgen die Unterschriften. (157)

Von den nassauischen Abgeordneten haben Hehn er aus Wiesbaden und Schenk aus Dillenburg obige Adresse mitunterzcichnct.

Nationalversammlung zu Frankfurt.

118. Sitzung.

Die Sitzung wird durch Verlesung des gestrigen Protokolls eröffnet, das ohne Reklamation genehmigt wird.j' y o

Robert Blums Kinder- und Wanderjahre.

(Aus demLeuchtthurm" von E. Keil.)

Der Mensch wird unter einem Gestirn geboren, das, in der Regel der Begleiter für das ganze Leben, fast den Glauben an die Allgcrcchtigkcit des höchsten Wesens in dem einzelnen Individuum wankend machen könnte. Der Eine, bestrahlt in der Wiege von der Sonne des Glücks, kennt das Unglück nur vom Hörensagen; das zeitliche Glück der Eltern vererbt auf den Sohn, der gewaltige Hebel der Erde, das Geld, fehlt ihm nicht, was fragt män da weiter nach Talenten? Seine Zn fünft ist gesichert, er wird ein angesehener Mann, er kommt zu Ehren und Ansehen und Würben, ohne die Weihe des Genius verdient und erhalten zu haben. Dies Bild hat eine Kehrseite, die nicht ganz so freund­lich aussieht: hier liegt das Kind in ärmlichen Windeln aus dünnem Bott, cs liegt auf hartem Lager und nagt an hartem Brode; der Horizont seines Lebens ist dun­kel, der Stern der Zukunft verschleiert. Indeß beweist die Ersalwmig, daß die Roth die Kraft stählt, daß Uebung zum Manne macht, daß Kampf zum Sieg führt, lind crC Geschichte lehrt, daß der Genins viel mehr in die Glitte des Armen einkehrt und das Talent weckt, als in den Palast des Reichen. Was ist die Weihe des Genius gegen die Schätze der Welt? Wer wagt es, das Talent mit Gold anfzuwicgcn? Des erstem sitt-

lieber Werth siegt über Alles, der göttliche Geist zerbricht die ärmliche Hülle, zeigt sich der Sonne des Tages und steigt jubelnd über die Erde zum Himmel empor.

Begleitet mich, meine Freunde, durch das Leben eines Mannes,dessen Raine im ganzen Lande nicht so ganz Unbekannt ist", ich will euch entführen in die ärmliche Wohnung der Eltern, zu der Wiege deS KindeS, beschaut mit mir das Auswachsen des Knaben und das Entwickeln der geistigen Kräfte.

Rodert Blum wurde am Geburtstage Luthers, den 10. November 1807 zu Cöln am Rhein geboren. Er war das Kind unbemittelter Eltern; sein Vater, ein verborgener Theologe, hatte das Studium mit dem Hand­werk vertauscht und ernährte sich kümmerlich durch Faß- binden, wobei ihm seine körperliche Schwäche nur ge­ringen Verdienst verstattete. Jahrelang verdiente der. Vater 7% Rgr. für den Tag, fast Alles, worüber die ganze Familie zu ihrem Unterhalt verfügen konnte; we­nig nur konnte die Mutter , ein Dienstmädchen vom Lande, durch Nähen dazu verdienen. Der Vater, wie schon gesagt, von schwächlichem Körper, mußte sein Hand­werk aufgeben und suchte Beschäftigung in einer Steck­nadelfabrik, wo er bis zu seinem Tode, der im Jahre 1815 eintrat, blieb. Die Mutter suchte ihr und das Leben ihrer drei Kinder durch Handarbeit zu fristen; krvtz der angestrengtesten Thätigkeit mußte die kleine Fa­milie oft HuugeL leiden, und der Knabe Robert, der sei­ner Mutter mit Stricken nnd Rahen fleißig zur Hand |

ging, auch nebenbei das kleine Hauswesen mit besorgte, erfuhr in seiner frühesten Jugend bereits alle Kraft des i Elends, alle Pein der Roth. Ein Jahr nach dem j Todte des Vaters verheirathete sich die Mutter zum zweiten 1 Male, mn einem Schifferknecht, einem Tagsarbeiter, der von reu tLchlperU zum Ein- und Ausladen der Schiffe ; für eine bestimmte Reise den Rhein hinab gedungeil wird und von dem Endpunkte der Reise zu Fuß zurückkehrt eine Beichästignng, welche einer großen Zahl von Menschen der armen Klasse am Rhein ein kümmerliches Brod giebt. Blums Stiefvater, gut von Herzen, aber dürch die Ge- sellichaft, welche seine Beschäftigung mit sich brachte, roh und verwildert, entbehrte der allergewöhnlichsten Bildung, nicht einmal lesen und schreiben hatte er gelernt. In seiner Jugend ein Schmuggler, hatte er später Kriegs­dienste genommen, die Feldzüge in Deutschland, Spanien und Portngal mit gemacht, und 1814 die Kriegsdienste verlassen. Diese zweite Ehe von B1 u m s Mutter war keine glückliche. Schwach und kränklich, launig in Folge ihres körperlichen Zustandes, dabei durch eigenes Nach­denken und Lesen einiger guten Bücher, die ihr zufällig in die Hände gefallen, ihrem Manne in jeder Beziehung voraus, konnte sic sich in beffen Eigenthümlichkeiten nicht fügen.

(Fortsetzung folgt.)