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„âeiheit und Neeht!"
^ 2^2. Wiesbaden. Dienstag, 21. November 18L8.
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Die Centralgewalt in Wien und Berlin.
T Aus der Provinz. Scho-, seit längerer Zeit haben einsichtige und chuiche Männer vor der Reaktion gewarnt, allein eö wurde immer eiw dert, alle Gewalt- maßregeln galten nur der Anarchie, den Bestrebungen einer kommunistischen Partei, die Volköfreiheiten wurden nicht gefährdet, im Gegentheil, sie sollten nur gefördert werden. Die neuesten Ereignisse in Wien und Berlin haben nun selbst dem blödesten Auge den wahren Zustand gezeigt, selbst die optimistischen Träumer, die in allen Handlungen der Fürsten und Regierungen nur einen edlen Zweck erblicken wollten, müssen jetzt zugeben, daß das ganze Bestreben der Diplomaten da- hin gerichtet ist, die Gewalt der Bajonette an die Stelle deS Rechts zu setzen. In Oestreich hat eS eine verabscheuungswürdige Kamarilla wagen dürfen, eine Völkerhetze anzustellen, durch dieselbe den der Freiheit am meisten ergebenen VolkSstamm zu unterdrücken, und mit ihm selbst die Freiheit zu Grabe zu tragen; ja ein Windiichgrätz hat sich nicht geschaut, der Centralgewalt offen Hohn zu sprechen; er hat ein Frankfurter Parlamentsmitglied, dessen Unverletzlichkeit garantirt ist, durch ein Kriegsgericht verurtheilen und erschießen lassen; er hat gezeigt, welche Achtung er vor deutscher Einheit und Macht hat. Dieser herrliche Erfolg in Wien hat nun auch den Preußenkönig ermuthkgt, er hat sich auch einmal ermannt, und durch ein Ministerium Brandenburg der Nationalversammlung und somit dem Volke den Fehdehandschuh hingeworfen. An der Spitze von 50,000 Bajonetten und 200 Feuerschlünden fragt er nichts mehr nach der Verfassung und den konstitutionellen Rechten, sondern handelt nach seinem Gutdünken, nach reiner Eigenmacht. Doch darin hatte er sich verrechnet, daß er Wiener Scenen erwart te; das Volk griff nicht gleich zu den Waffen, und nahm auf diese Weise einer fluchwürdigen Kamarilla auch den letzten Schein von Recht, eS hatte wohl genug vernommen, wie die Wiener Bewegung allgemein als eine anarchische verschrieen wurde, und dadurch der heldenmüthigen Stadt so manche Sympathien geraubt wurden, die ihr sonst sicherlich zu Theil geworden wären. In Berlin kann auch der größte Sophist keine Anarchie hcrauS- buchstabiren, Jeder muß den ruhigen, würdevollen Widerstand der Nationalversammlung bewundern, die Herzen des ganzen preußischen Volks werden auf diese Art der Handlungsweise des Königs entzogen werden, die selbst beinahe von sämmtlichen Beamten für ungesetzlich erklärt wird. Unter solchen Umständen kann der Sieg nicht zweifelhaft sein; der Gott der Völker, der auch der der Gerechtigkeit ist, wird Preußen nicht im Stiche lassen, er wird es zum Siege führen, zu dem es berechtigt ist '), und wer weiß, ob der König auf
*) Wenn man die „Nass. Allg." als politischen Barometer an- uehmcn könnte, wozu sic freilich bis jetzt die gehörige Weisheit noch nicht entwickelt hat, so muß es um'die Sache der
dem betretenen Wege sich nicht einen Erfolg bereitet, wie ihn Freiligrath in seinem berühmten Gedichte vor- auSgesehen hat. Was thut nun in diesen wichtigen Verhältnissen das Reichsministerium? Was thut das Parlament in Frankfurt? Der 3icichsmiuister Schmer - ling hat zwei Commissäre nach Oestreich geschickt, von deren Wirken jedoch die Geschichte nichts berichtet; man kann es freilich dem langjährigen Freiheitskämpen Welker auch nicht verargen, daß er im Hoflager zu Ollmütz einmal seine alten im Kampfe ermatteten Glieder hat ausruhen lassen! Schmerling selbst hat, in einer Interpellation befragt, welche Schritte er zur Wahrung des gefährdeten Deutschthums und der Freiheit in Oestreich eingeleitet habe, außer der Sendung der zwei Commissäre nichts zu antworten gewußt, als daß er seitdem unendlich viel gelitten habe, was seine nähere Umgebung ihm bezeugen könne. Bei dieser Gelegenheit habe ich zum Erstenmal erfahren, daß die Minister des Leidens halber am Ruder sind, ich war bisher immer der Meinung, sie seien zum Handeln da, und gerade bei solcher Veranlassung am thatkräftigsten.
Doch wenn es die Nationalversammlung, wenn es das deutsche Volk nicht thut, so werden es die Mauen Blums thun, siewerden Schmerling und Welker vor Gericht fordern und Rechenschaft verlangen über ihre Thätigkeit resp, ihre Versäumuiß, sie werden nicht ruhen, bis Alles gesühnt ist! Und dazu ist jetzt die beste Gelegenheit in Preußen gegeben; jetzt zeige einmal die Centralgewalt, daß es ihr Ernst ist mit der Unterdrückung der Anarchie; sie hat bis jetzt nur Muth gehabt, dieselbe nach unten hin zu zügeln, sie hat in jedes Städtchen 1000 Mann Reichstruppen gelegt, in dem man einmal Hecker hat hochleben lassen, jetzt widerstrebe sie auch der weit gefährlichern Anarchie, die von den Thronen ausgeht; sie lenke mit aller Entschiedenheit den König von Preußen von seiner gesetz- und freiheitswidrigen Bahn ab, sie ruse dah^r vor allen Dingen den Uuterstaatssekretär B a s s e r m a N N (nicht zu verwechseln mit dem früheren Badischen Abgeordneten, denn das sind, wie sehr viele frühere Liberale, die jetzt Ministersitze einnehmen, zwei ganz verschiedene Personen) der den König noch in seinem Vorhaben bestärkt, und ihm nöthigenfalls Truppenhülfe zusichert, schleunigst von Berlin zurück, und ersetze ihn durch einen andern energischen, wahrhaft freisinnigen Mann *). Auch die Nationalversammlung trete einmal offen und ohne Scheu auf! In der österreichischen Angelegenheit hat sie alle Anträge die auf den Schutz der Deutschen und der Freiheit berechnet waren, für nicht dringend erklärt;
Freiheit so schlimm nicht stehen, denn das genannte Blatt fängt auf einmal an, liberal zu werden, und sehr sich dadurch in starken 'Kontrast mit der Zeit des Einzugs der Reichstruppen in Wiesbaden und des mißglückten Frankfurter Barrikadenkampfs. Slum. d. Eins.
[*) Ist schon geschehen, und eS sind zwei Andere (Simson u. Hergenhahn) shört!) hingeschickt, von denen wir jedoch durchaus nicht glauben, daß sie Energie und Freisinn entwickeln werden. . Aom. d. Red.
auch sie hole jetzt das Versäumte nach; jetzt könnte sie sich das Vertrauen Deutschlands wiedergewinnen, das sie sich schon so lange verscherzt hat; benutzt sie diese Gelegenheit nicht, so wird wohl keine mehr widerkehren! Deutschland wird sich von seinen Vertretern ab, und denen Preußens zuwenden, von denen es sieht, daß sie die Sache der Freiheit besser fördern! Und dann?!!
Robert Blarn's letzte Stunden.
In der Dresdner Zeitung veröffentlicht ein Freund des Gemordeten, L. Wittig aus Dresden, welcher in Wien anwesend war, Folgendes: Was ich an Ort und, Stelle trotz der bestimmtesten Versicherungen der Offiziere, trotz der damit verbundenen Details, bezweifelte, weil ich es wohl für möglich, aber nicht für wahrscheinlich hielt, die standrechtliche Verurtheilung und Hinrichtung unseres Robert Blum, das hat die offizielle Wiener Zeitung in ihrem amtlichen Theile heute bestätigt. Dem sächsischen Volke, das in ihm einen redlichen, bis zum Tode getreuen Vorkämpfer seiner eignen und der Heiligsten Wenschenrechte verloren hat, werden diese Mittheilungen über seine letzten Tage gewiß willkommen sein; um so willkommener, als bereits die Gemeinheit das Grab des Mannes begeifert, dessen Leben sie nicht begriff, dessen Todes sie unwürdig ist.
Am 1. November früh, als die Stadt bereits gefallen war, gingen R. Fränzel und ich zu Blum, der mit Fröbel im Gasthause zur Stadt London wohnte. Der Neichstagsabgeordnete Hartmann kam ebenfalls dahin mit der Warnung an Blum, sich zu hüten, er glaube ihn gefährdet, wenigstens in diesen Tagen sich nicht öffentlich zu zeigen. Blum und Fröbel befolgten diesen Rath, ohne daß Einer von uns an eine wirkliche Gefahr glaubte, trotz der Militärdesvotie. de^ Wien unter dem Kartâtscher Windischgräß verfallen war. Wir blieben bis zum Abend vereint, und Blum äußerte noch scherzweise, selbst vor dem Kriegsgerichte werde er leicht beweisen können, daß er den kaiferlichen Truppen keinen Schaden gethan habe, indem er einen Befehl Messenhausers besitze, wonach er als Befehlshaber der kleinen Nußdorfer Linie von seinen fünf Geschützen keinen Gebrauch machen durfte. Auch am folgenden Tage waren wir früh und Abends bei Blum und versprachen am dritten wieder zu kommen; an diesem Tage waren aber früh 6 Uhr beide Abgeordnete mit 30 Mann Militär gefänglich eingezogen worden. — Die beiden Mitabgeordneten der Frankfurter Linken, Hartmann und Tram pusch, begaben sich sofort zum Stadtkommandanten General Cordon, um ihn auf die Stellung der Verhafteten und ihre gesetzliche Unverletzlichkeit ausmerksam zu machen. „Ich habe nur dem Befehle gehorcht — antwortete dieser — die Stel- lu»g eines Abgeordneten kommt jetzt nicht in Betracht; eigentlich jollten auch Sie verhaftet sein, ich habe cs
Robert Blum.
(AuS der „Neuen Rheinischen Zeitung").
Vor zwei und vierzig Jahren war's, da hat mit Macht geschrieen Ein siebentägig Kölner Kind auf seiner Mutter Knieen; Ein Kind mit breiter, offener Stirn, ein Kind von heller Lunge, Ein prächtig Proletarierkind ein derber Küferjunge.
Er schrie, daß in der Werkstatt rings des Vaters Tonnen hallten; Die Mutter hat mit Lächeln ihn an ihre Brust gehalten: An ihrer Brust, auf ihrem Arm hat sie ihn eingesungen: — Cs ist zu Köln das Wiegenlied des Knaben hell erklungen.
Und heut in diesem selben Köln zum Wehn des Winterwindes Und zu der Orgel Brausen schallt das Grablied dieses Kindes. Nicht singt die Ueberlebeude, die Mutter, eö dem Sohne: Das ganze schwerzbewegte Köln singt eS mit festem Tone.
Es spricht! Du, deren Schoos ihn trug, bleib still auf deiner Kammer!
Vor deinem Gott, du graues Haupt, ausstrüme deinen Jammer! Auch ich bin seine Mutter, Weib! Ich und noch Eine Hohe — Ich und die Revolution, die grimme, lichterlohe!
Bleib du daheim mit deinem Schmerz! Wir wahren seine Ehre — DeS Robert Requiem singt Köln, das revolutionäre!
So redet Köln! Und Orgelstnrm entquillt dem Kirchenchore, Es stehn die Säulen des Altars umhüllt mit Trauerflore, Die Kerzen werfen matten Schein, die Weihrauchwolken ziehen, Und tausend Augen werden naß bei Neukomms Melodien.
So ehrt die treue Vaterstadt des Tonnenbinders Knaben — Ihn, den die Schergen der Gewalt zu Wien gemordet haben! Ihn, der sich seinen Lebensweg, den steilen und den rauhen, Auf bis zu Frankfurts Parlament mit starker Hand gehauen! (Dort auch, was er allstüudlich war, ein Wackerer, kein Ver- râther!) —
Was greift ihr zu den Schwertern nicht, ihr Singer und ihr Beter?
Was werdet ihr Posaunen nicht, ihr eh'rnen Orgeltube», Den jüngsten Tag ins Ohr zu schrei» den Heukern und den
Buben?
Den Henkern, die ihn hingestreckt auf der Brigittenaue — Auf festen Knieen lag er da im ersten Morgenthaue!
Dann sank er hin — hin in sein Blut — lautlos! heut vor acht Tagen!
Zwei Kugeln haben ihm die Brust, eine das Haupt zerschlagen! Ja, ruhig hat man ihn gemacht: — er liegt in seiner Truhe! So schall' ihm denn ein Requiem, ein Lied der ew'gen Ruhe! Ruh' ihn, der uns die Unruh' hat als Erbtheil hinterlaMn : — Mir, als ich heut im Tempel stand in den bewegten Massen,
Mir war's als hört ich durch den Sturm der Töne ein Geranne: Dn, rechte mit der Stunde nicht! die Orgel wird Posaune! Es werden, die du singen siehst, das Schwert in Händen tragen — ®enn Nichts als Kampf und wieder Kampf entringt sich diesen Tagen!
Ein Requiem ist Rache nicht, ein Requiem nicht Sühne - Bald aber steht die Rächerin auf schwarzbehangener Bühne! Die dunkelrothe Rächerin! Mit Blut bespritzt und Zâhren, Wird sie und soll und muß sie sich in Permannen; erklären! Dann wird ein ander Requiem den todten Opfern klinge» — Du rufst sie nicht, die Rächerin, doch wird die"Zeit sie bringen! Der Andern Greuel rufen sie! So wird es sich vollenden — Weh' Allen, denen schuldlos Blut klebt an den Henkerhänden!
Vor zwei und vierzig Jahren war's, da hat mit Macht geschrieen Ein siebentägig Kölner Kind auf feiner Mutter Knieen!
Acht Tage sind's, da lag zu Wien ein blut'ger Mann im Sande — Heut scholl ihm NeukomniS Requiem zu Köln am RbeineSstrande.
16. November. F. Freiligrath.