Frm Ztilung.
„âeihett und Recht!"
M 2/40, Wiesbaden. Samstag, 18. November 18L8.
Die , Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 ff. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei wer großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
tp Die „rothe Monarchie."
Eine Erfindung des Windischgrätz.
Deutsche Reichsbürger! Ihr habt Euch bisher von den verkappten Wölfen in Schanzkleidern, vor den mit der Rosenfarbe des Fortschrittes übertünchten Gräbern der schwärzesten Reaktion stets in das Bockshorn jagen lassen. Man hat Euch stets vorgepredigt, wenn Ihr nicht sesthieltet an allem Bestehenden, an all der erbärmlichen Bisherigkeit, wenn Ihr nicht sesthieltet an dem Ministerium Schmerling-Penck, r, an den „Reichs- truppen" und „Reichskommissären", an all den übrigen Reichspolizeimaschmen M Herstellung von „Ordnung und Gesetz", dann sei alles verloren, dann breche die „zügelloseste Herrschaft der wühlerischen Partei" los, daun komme die „Anarchie", dann komme „die rothe Republik". Ihr habt Eueren Predigern geglaubt, das Ministerium „Schmerling-Peucker" hat seit dem Frankfurter Belagerungszustand seine Stellung wieder befestigt und sich sogar von seinenFreunden in der Paulskirche einen besonderen „Schutz für die Reichsbeamten" — so eine Art „Ministerinajestätsbeleidigungsgesetz" — dekretiren lassen, die Reichskommiffäre sind gereist, die Reichstruppen sind marschirt, die demokratischen Vereine sind aufgelöst, die Häupter derselben eingesteckt, der Fürst von Hohenzollern - Sigmaringen ist durch die Reichsgewalt auf seinen kleinen Thron wieder eingesetzt, und allerdings ist „die rothe Republik" nicht gekommen.
Aber liebe deutsche Reichsbürger! Statt der „rothen Republik" ist etwas anderes gekommen, wovon man Euch gar keine Ankündigung gemacht hat, und das ist die rothe, die blutigrothe Monarchie. Man sprach Euch von einer „konstitutionellen Monarchie auf breitester demokratischer Grundlage", und statt dessen naht eine unumschränkteFürstengewalt, die keine andere Grundlage kennt, als die Macht des Schwertes und der Kugel. Seht Ihr die „rothe Monarchie" in Wien ihren festlichen Reigen tanzen? Seht, wie die halbwilden Kroaten dort morden, brennen und plündern, und dem großen souveränen deutschen Volke sogar die Ehre erweisen, seine Frauen und Jungfrauen zu schänden. Hört, wie der Croatenhäuptling Jellachich, den der große deutsche Patriot Bassermann, (nunmehr mit dem aus der nassauischen Kammer geschiedenen, viel besungenen Damian von Schütz in Compagnie in Berlin wirksam, um den Reichstag zu bewegen, von Ehre, Pflicht und Gewissen zu weichen) einen „Apostel der Humanität" genannt hat, wie dieser Banus Jellachich den Beschwerde führenden Deutschen die liebreiche Antwort gibt: „seiner Kroaten Plündern und Morden sei eben nur Kriegesgebrauch, mau habe dieselben nicht reizen sollen." Seht, wie die Nothmäntel und die halbtürkischen Sereczaner mit lautem Halali lustiges Treibjagen halten nach deutschen Studenten und deutschen Arbeitern; wie sie sie morden, einfangen, knebeln und heerdeuweise einsperren gleich dem Vieh. Hört,
wie das Commando „Feuer" tönt, und die Salve kracht! Das ist Standrecht! Wehrlose Menschen zieht man aus ihren Verstecken, hält der Form halber ein kurzes Verhörchen, und dann kommt die Kugel oder der Strick. Seht Ihr den Leichnam in der Brigitten-Au liegen, dem zwei Schüsse die Brust und einer den Kopf durchbohrt haben? Kennt Ihr ihn nicht? Es war ein Repräsentant des souveränen deutschen Volks, es war ein unverletzlicher Reichstagsabgeordneter, welcher ohne Zustimmung der Nationalversammlung weder in Untersuchung gezogen, noch verhaftet, noch gerichtet werden darf. Er stand unter dem besondern Schutz der Neichs- gewalt, deren Commissäre (Welckw und Mosle) in Ollmütz waren, und deren anderer Gesandter, Fürst Leiningen, nach offizieller Erklärung gerade im Augen, blick in Wien gewesen sein soll, er war deutscher Neichö- bürger r war sächsische? Staatsbürger. Sachsen hat (im Wiverspruch mit den Ansichten der Reichsgewalt) einen besonderen Gesandten in Wien, einen gewissen Herrn von Könneritz, dessen Pflicht es gewesen wäre, seinen Staatsangehörigen zu reklamiren. Aber trotz Parlament, trotz Reichsgewalt, ti oß Schmerling, Peucker und Mohl, trotz des edlen Brüderpaares Welcker und Mosle, trotz dem Fürst Leiningen, trotz dem Herrn von Könneritz, seht Ihr in der Brtgitten-Au den Leichnam des Abgeordneten liegen, die Brust uud das Haupt, daS so herrliche Gedanken trug für die Wohlfahrt des deutschen Volks, durchbohrt von den Kugeln des Wendischen Grätzes! Man hat ihn erschossen, den Mann, den man nicht „mit den Waffen in der Hand auf der That" betraf, sondern den man aus dem Bette seines Gasthauses holte; man hat ihn erschossen, obgleich sein erstes Wort bei der Verhaftung eine Berufung auf das Gesetz über die Rechte der Parlamentsmitglieder war; man hat ihn erschossen ohne Untersuchung, bloß auf den Grund seines eigenen Eingeständnisses. Und das will man anders nennen, als einen Mord, als einen kaltblütig-raffinirten Akt viehischer Grausamkeit und bübischer Rachsucht?? Hierher, Ihr Grabredner Lich- nowskp's, Ihr Gagern, Jordan, Ihr Baffer- und Biedermänner, hierher, und die Ausdrücke des Abscheues und der Entrüstung, welche Ihr gegenüber der fanati- sirteu Rotte gebrauchtet, die in der blinden Wuth der Leidenschaft an zwei Abgeordneten einen Todschlag beging, dieselben Ausdrücke des Abscheues und der Entrüstung, und wo möglich noch stärkere; schleudert nun auch, wenn wir Euch nicht für alberne Schwätzer und Phrasendreher halten sollen, in das erlauchte Gesicht des Fürsten Alfred zu Windischgrätz und der Uebrigen, welche in Wien auf den Leichen des Volks die „rothe Monarchie" aufrichten und sie mit dem Blut eines Repräsentanten des souveränen deutschen Volks zusammen leimen wollen, welche, an der Stelle jener leidenschaftlichen Tödtung, uns einen kalten Akt der überlegtesten grausamen Mordlust vorführen. Und das Ministerium des Reichs, wird es den Windischgrätz in die Reichsacht erklären, wird es auch hier, in Anerkennung der „hohen Wich
tigkeit dieses schrecklichen Ereignisses" imposante Streu" fräste entfalten, wird es Reichskommiffäre senden, wird es Reichstruppen marschiren lassen, um das Blut'des gemordeten Abgeordneten zu rächen?
Seht Ihr, liebe deutsche Reichsbürger, aus Furcht vor der „rothen Republik" sind wir in die rothe, blutigrothe Monarchie gerathen, die eben in Wien an der erlauchten Hand des Wendischen Grätzes ihren Hoch- zeitsreigen tanzt. O, lustige Hochzeit! Statt der Blumen streut man Leichname, statt mit Fiedelbogen und Fiedel geigt man mit dem Schwert an den Hälsen, statt Trompeten und Pauken schall n die Kartätschen und zischen die Brandraketen. Statt des Weines fließt Blut, statt der Pocale dienen Schädel. Es lebe Windischgrätz! Es leben die Croaten und Sereczaner! Es lebe die blntigrothe Monarchie!
Deutschland.
Wiesbaden, 16. Nov. In einer von dem Verein für Wahrung der Volksrechte berufenen und sehr zahlreich besuchten Volksversammlung im Gasthaus „zur schönen Aussicht" wurden heute folgende Adressen berathen und einstimmig angenommen: I. An die Nationalversammlung in Berlin.
Die unterzeichneten Bürger Wiesbadens erklären hiermit der Nationalversammlung zu Berlin:
„daß sie sich durch ihr mannhaftes und entschiedenes Auftreten gegenüber einem Könige, welcher hartnäckig sein Ohr der Stimme des Volkes verschließt, einen gerechten Anspruch auf Achtung bei allen Männern Deutschlands errungen hat; sie erklären:
daß sie sich um die Einheit und Freiheit des deutschen Vaterlandes wohl verdient gemacht hat; und fordern sie auf:
ferner beharrlich für des Volkes Freiheit wie bisher mit aller Kraft einzustehen;
und versichern sie hiermit:
daß sie, welche eine wahrhafte deutsche Versammlung ist, auf unsern Beistand, wie den aller deutschen Männer mit Zuversicht rechnen kann."
Wiesbaden, den 11. November 1848.
(Folgen die Unterschriften.)
Diese Adresse wurde noch am heutigen Abend an den Präsidenten der Berliner Nationalversammlung abgesandt.
II. An die Vertreter des deutschen Volkes zu Frankfurt.
Die unterzeichneten Bürger Wiesbadens erklären hiermit:
„Die deutsche Nationalversammlung hat die heilige Pflicht, den Hinterlassenen des zum Schmerze des deutschen Volkes und zum Hohne der Nationalversammlung gemordeten Reichstagöabgeordneten Robert Blum,
Robert Blum.
Hab' ich nicht hundertmal gesagt: Der Freiheit gilt mein Leben — ! ?
Und nicht gezaudert, nicht gezagt, Für sie es hinzugebei: — ?
Wer für die Freiheit lebt, der muß
Auch können für sie sterben.
Heran denn euren Mörderschuß!
Meint ihr mich zu verderben?
Ihr meint wohl, das sei rechte Kunst, Die Städte zu verwüsten — In Pulverdampfes blauem Dunst Als Helden euch zu brüsten ?
Mit hundert Regimentern dann Die Freiheit todt zu machen?! Hier steh' ich einzeln auch — ein Mann ! Laßt eure Flinten krachen!
Ihr wollt mein Blut? So nehmt mein Blnt!
Doch Eines laßt mich sagen:
Der Freiheit Leben — böchstes Gut — Könnt Ihr nicht mit erschlagen.
Ihr wollt mein Haupt? So nehmt mein Haupt! Doch wisset, die Gedanken, Hier aufgekeimt, im Volk geglaubt, Sie werden vorwärts ranken —
such mnstricken hier und dort
Wht Schlingen und mit Netzen • Gedanken, Willen, freies Wort Könnt'â nicht zu Tode hetzen ' '
Dich aber Windischgrätz — Pandur!
Trotz Deinen Donnerkeilen Wird — schau dm Pfahl! Dort hing Latour! — Die Rache bald ereilen!
Mein Blut mag rinnen frisch umher!
Thor auf! Herab die Ketten!
Aus jedem Tropfen wächst ein Heer Die Freiheit zu erretten.
Lebt wohl ihr Freunde! — Holdes Weib! Die ich in Thränen lasse — Hinaus! und breche nun mein Leib: Der Freiheit eine Gaffe! (R. Z.)
L^ Ein Casino-Abend.
Ein Traumbild von N. Feger.
(Schluß.)
Er ist meist gut, theilt den Bedürftigen oft mit, doch nicht wie andere Leute, die sich den Unglücklichen freundlich nähern, ihnen Muth zusprechen und nebenbei eine kleine Gabe hinreichen; nein, er wirft sic ihnen hin und mit einer Miene, als wolle er sagen, da, habt ihr, dock kommt mir nicht zu nah, und manchmal behandelt er sic gar , als wären sie keine Menschen. Dieses sein Benehmen hat mich schon oft tief verletzt, denn die Meisten der Armen sind gewiß ohne ihr Verschulden in das Elend hineingekommeu.
Wer ist aber jener, der dort wie ein Mann der Vergangenheit, gebeugt durch die Wucht der Neuzeit, cinhcr- schleicht? „Das ist ein Mann, auf dcu unsere Parthei
mit dem größten Stolze blickt, denn er ist Correspondent der Allgemeinen? Die Schelle des hochmächtigen Präsidenten erklang und nach ihr die allgewaltige Stimme desselben:
Die gegenseitige Besprechung hört auf und der Herr Stadtpfarrer wird seine Rede beginnen.
An dem dem Präsidcntenthrone entgegengesetzten Ende erhob sich eine jchlanke, hagere Gestalt mit gelblichem Lockenhaar, bleichen Wangen und übertrieben mildem Antlitz und begann demüthig niedergeschlagenen Blickes in weinerlichem Tone also:
Wir sind allcsammt Sünder und der Herr sei un- serer _ Seele gnädig. Nicht geziemt es dem lasterhaften Mcnschenkindc zu prahlen mit seinen Thaten, die er vollbracht im Weinberg des Herrn; doch die Erwähnung einer einzigen wird mir die uncndllche Gnade des Herrn verzeihen, nämlich, daß ich einem meiner Mitchristen gedroht, nie mehr sein Haus zu betreten, wenn er eiu Demokrat sei. Nehmen Sie ein Beispiel an mir und handeln Sie ebenso zur Unterdrückung jener gottlosen Brut, die da läugnet, daß die höchste Obrigkeit von Gott eingesetzt und unfehlbar sei, die da will, daß der Staat die Arbeit garantire und so die Armuth und hiermit die sichere Hoffnung derselben auf das Himmelreich vernichte da ja die heilige Schrift sagt, die Armen besonders werden in's Himmelreich kommen. — Das war zu arg um still zu schweigen. Wild sprang ich auf und zuerst w meiner lieblichen Nachbarin gewendet, sprach ich in mildcmTon-
Du holdes Knid bist unschuldig, deine Seele ist rein