Freie Zeitung.
„Freiheit und Neeht!"
M 239, Wiesbaden. Freitag, 17. November L8L8.
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Ueber Reform des landwirthschaftlichen Vereins im Herzogthum Nassau *).
Von Prof. Dr. MtdicuS.
In der am 12. Oktober I. I. zu Montabaur abgehalttncn Anssckuß-Sitzunq des landwirthscbaftlichen Vereins entwickelte der Präsident desselben, Hr. Geh. Reg.. Rath Albrecht, wie schon in einigen früheren Zusammenkünften der Gesellschaft, die Ansicht, daß es an der Zeit fei, auf Mittel zu denken, welche im Stande seien, dem inneren Vereinsleben, im Einklang mit dem in der jüngsten Vergangenheit eingetretenen Umschwünge der Ideen, sowie der sozialen Verhältnisse und Einrichtungen, eine größere Regsamkeit und Energie zu verleihen. Als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes be, zeichnete derselbe vorzüglich öftere Zusammenkünfte der Gesellschaft, Bildung kleinerer Bezirke, wodurch sich von selbst eine größere Zahl von Versammlungen ergebe, Erweiterung des landwirthschaftlichen Wochenblatts, namentlich durch Aufnahme forstwirthschaftlicher Aufsätze, welche bei der künftigen freieren Stellung der Gemeinden von höchster Bedeutung erscheinen u. A.
Diese Ansichten des Herrn Vereins-Präsidenten wurden von den anwesenden Mitgliedern mit ungetheil- tem Beifall vernommen und die Ueberzeugung auSge. sprochen, daß deren Ausführung allerdings wesentlich zur Erreichung jenes Zweckes beitragen dürfte. Ich fügte den weiteren Vorschlag bei, eine Revision der Statuten vorzunehmen, welcher gleichfalls allgemein gebilligt wurde, und erlaube mir nunmehr in Beziehung auf diesen Vorschlag noch Folgendes zur Erwägung mitzutheilen.
Die Einrichtung deS nassauischen landwiithschastli- cheu Verrüts ist in ihren Gruadzügen eine E-treffliche. Als Beweis hiefür dienen der vielfache Nutzen, welcher aus der hierauf begründeten und durch Jahrzehnte fortgesetzten Wirksamkeit desselben bereits für das ganze Herzogthum bervorgrgangen ist, sowie die vielfache rühmliche Anerkennung, welche seiner Einrichtung von Seiten auswärtiger landwirthschaftlicher Vereine und Regierungen, deßgleichen einzelner sachkundiger Männer zu Theil geworden ist. Auch bei mir hat, da ich mit der Organisation dieses Vereins bekannt wurde, die gleiche Ansicht alsbald Geltung gewonnen, und es gereichte mir daher zum besonderen Vergnügen, in der allgemeinen Versammlung zu Usingen im Jahre 1844 als neu eingetreteneS Vereinsmitglied mein Glaubens- bekenntniß in diesem Sinne aussprechen ") und als höchst bedeutungsvollen Beleg für die Richtigkeit meiner
•) Es erscheint zweckmäßig, diesem Aufsätze, welchen ich sammt einem von mir verfaßten Statutencntwnrfc lithographirt an Direktorium und Ausschuß, sowie einige Mitglieder der landwirthschaftlichen Vereins mittheilte, durch Abdruck in öffentlichen Blättern eine größere Verbreitung zu geben, um auf diese Weise den Gegenstand desselben mehr zur Kunde der Interessenten zu bringen.
Ansicht die Worte eines berühmten, seither leider zu früh verflogenen, in Theorie und Praxis der Landwirthschaft gleich erfahrenen und um Beide gleich verdienten Mannes, des Professors Dr. Knaus zu Tübingen, an- führen zu können, welche dieser in einem in der deutschen Vierteljahrsschrift abgedtuckken Aufsatze über die zweckmäßigste Einrichtung landwirthschaftlicher Vereine ausgesprochen hat.
Je mehr ich die Organisation des nassauischen land- wirthschaftlichen Vereins mit demjenigen vergleiche, was Knaus in der angeführten Abhandlung als die Bedingungen einer guten Einrichtung eines solchen fordert, um so lnehr bin ich überrascht,- eine so große Uebereinstimmung zwischen Beiden zu sinken.
Es bedarf kaum der Bemerkung, daß in den angeführten Thatsachen eine eben so ehrende, als wohlverdiente Anerkennung für diejenigen Männer liegt, welche seit langen Jahren au dem Aufbau des landwirth- schaftlichen Vereins, an der Gestaltung, welche derselbe im Verlaufe der Zeit gewonnen, mit größter Hingebung, Umsicht und Thätigkeit gearbeitet haben.
So sehr daS bisher Mitgetheilte zu Gunsten der Organisation unseres Vereins spricht, so ist hierdurch nicht ausgeschlossen, daß nicht doch in manchen Beziehungen Wünsche und Anträge auf Reformen Platz grei- fen können, und sind besonders in neuerer Zeit, wie in allen Kreisen der menschlichen Gesellschaft, so auch unter den Vereinsmitgliedern dergleichen, sowie Beschwerden und Klagen hier und da laut geworden.
In erster Linie steht unter den Letzteren eine namentlich seit den Märztagen, seit überall die größte Orffent- lichkeit angestrebt wird, öfter ausgesprochene Klage, daß in der Vereinseinrichtung, so wie sie dermalen faktisch besteht, dem demokratischen Prinzip der Selbstverwaltung (seUgouyernmetu) r^t genugsam Rechnung getragen, sondern die Geschäftsführung! wegen Mangels einer größeren Anzahl zu Wiesbaden wohnender und regelmäßig zu collegialischen Berathungen sich vereinigender Ausschußmitglieder zu ausschließlich in die Hände des Direktoriums gegeben sei und dadurch einen wesentlich bureaukratischen, an das Amtsgeheim- niß des vormaligen Polizeistaats erinnernden Charakter angenommen habe, in unserer Zeit, die dem leisesten bureaukratischen Anfluge gram ist und daher selbst in allen Zweigen der Staatsverwaltung das demokratische Prinzip zur Geltung gebracht hat, durchaus nicht mehr haltbar erscheint.
Ich wurde ersucht, einen Statuten-Eatwurf für eine Vereinsorganisation auSzuarbeiten, durch welche diesem Beschwerdepunkte Abhülfe werde; indem dadurch von selbst alle weiteren nöthig oder nützlich scheinenden Reformen angebahnt würden. Gelingt es, durch eine solche Reorganisation die Gesumm-masse der Mitglieder möglichst an der Vcreinsthätigkrit zu betheiligen, so
•) Vergl. Jahrbücher deS nassauischen laiidwirthschaftl. Vereins, Band 14, Seite 285.
wird durch die Lust an dem Erfolge des Selbstgethanen unwillkürlich wieder das wärmere Interesse, die größere Freudigkeit, für Vereinszwecke zu arbeiten, das regere Vereinsleben früherer Zeit zurückkehren, während die jetzige ungenügende Oeffentlichkeit der Vereins-Gefchäfts- sührung, wobei den Mitgliedern der Gesellschaft vieles unbekannt biieb, manches Interesse erkaltet, manche Thatkraft gelähmt hat.
Den betreffenden Statuten-Entwurf habe ich absichtlich möglichst ausführlich und umfassend gemacht, um dadurch wo möglich zur Besprechung aller für daS Vereinsleben bedeutsamer Punkte Anlaß zu geben; vor Annahme desselben als wirkliches Vereinsstatut ist daher jedenfalls eine wesentliche Abkürzung und Zusammenziehung desselben nothwendig. Vieles von seinem Inhalte gehört nur in eine allenfalls zu veröffentlichende Erläuterung der Statuten, in mancherlei Instruktionen und dergl.
Ich gebe sehr gerne zu, daß meine Vorschläge vielleicht nicht überall auf dasjenige gerichtet siud, waS im Interesse des Vereins am besten vorgeschlagen worden wäre, in solchen Fällen gebe ich mich der Hoffnung hin, daß freundlich? Nachsicht meinem guten Willen Rechnung tragen wird.
Da ich indeß nach Kräften das Beste des Vereins zu fördern bemüht war, so wende ich mich vertrauensvoll an Direktorium und Ausschuß, so wie andere Mitglieder des Vereins, welche demselben bereits seit lange angehören, m't der Bitte, meinen Entwurf wohlwollend entgegenzunehmen und nach Maßgabe ihrer reichen Erfahrung und besseren Einsicht zu vervoll- kommenen, damit hierdurch die dessen Ausarbeitung zu Grunde liegende Absicht, welche mit den oben erwähnten Aeußerungen deS Hrn. Vereinspräsiventen in genauem Einklänge steht, um so sicherer erreicht werde.
Ich mache durchaus kein Hehl daraus, daß ich bei meiner Arbeit manches aus den Statuten anderer landwirthschaftlicher Vereine entlehnt habe, indem dieselbe durch Aufnahme dessen, was sich anderwärts als gut bewährt hat, gewiß nur gewinnen konnte.
Will die Gesellschaft meine Arbeit einer genaueren Piüfung würdigen, so scheint mir das Zweckmäßigste, eine außerordentliche Generalversammlung bloß zu diese,ns Behufe in einem Orte in der Mitte deS Landes oder in Wiesbaden zu veranstalten und diese durch daS Direktorium, den gesummten Ausschuß, alle Correspon- denten, so wie endlich einige besonders abgeordnete Mitglieder aus jedem Amtsbezirke zu beschicken, um auf solche Weise die vollständigste Vertretung aller Ansichten und Interessen möglichst zu sichern. Es versteht sich von selbst, daß bei dieser Generalversammlung, wie bet den übrigen Zusammenkünften unserer Gesellschaft allen Mitgliedern derselben und sonstigen Freunden der Landwirthschaft der Zutritt offen steht. Von Letzteren sind namentlich Solche, die im Falle einer Reorganisation dem Vereine beitreten wollen, zum Besuche dieser Generalversammlung eingeladen.
p Cin Casino-Abend.
Ein Traumbild von N. Feger.
(Fortsetzung.)
Sie sprechen da, schöne Herrin, als wenn Sie in der Politik bewandert wären, was man doch selten bei Frauen findet.
Ja, hören Sie, der gute Herr Pascha gibt uns Mädchen darin Unterricht und wenn es seine Geschäfte nicht erlauben, sein erster Schreiber. Er hat nämlich gesagt, auch wir müßten für die gute Sache streiten, wir müßten politisch gebildet sein, damit wir die jungen Leute, aus denen besonders die demokratischen Vereine bestehen, bekehren konnten, wenn wir sie durch unsere Reize gefesselt hätten. Sagen Sie selbst, glauben Sie, daß ein Mädchen, wenn cs einen Jüngling liebt, die kostbare Zeit der Liebe mit politischem Streiten verschwendet; o nein, da sind andere Dinge zu beplaudern. Ich glaube es sicher und habe es auch dem Pascha schon gesagt, doch der wurde wild und nannte mich, denken Sic sich nur, ein leichtfertiges Gänschen; überhaupt ist er mir nicht so gewogen, weil ich ihm mehrmals gesagt habe, wenn er in den Unterrichtsstunden so grimmig, daß mir angst und bange wurde, über die Demokraten herfiel, ich glaubte doch nicht, daß diese Menschen so schlecht seien.
Ihr Glaube hat Sie nicht getäuscht, holdes Kind, diese Demokraten sind nicht so bösartig. Nur einen Feh
ler mögen sie haben, nämlich, daß sie jenen Bibelspruch: liebe deinen Nächsten wie dich selbst, nicht genug beherzigen, indem sie schöne Kinder mehr lieben als sich selbst und ihre politischen Gegner weniger, da sie dieselben aus jede nur denkbare Weise zu blamiren suchen.
Sie sind am Ende selbst ein Demokrat, o dann hüten Sie sich, denn erfährt man es, so sind Sic verloren. Lassen sie uns daher abbrechen und fragen sie mich lieber über Personen, die Sie noch näher kennen zu lernen wünschen.
Wer ist jener schlanke Herr mit neumodischem Frack, weißer Weste und Halsbinde, der den alten Damen uns gegenüber so galant ist?
Es fassen uns nämlich vis a vis zwei alte Frauen beide klein und von ziemlichem Umfang, die eine mit aschgrauen Locken und üppig wuchernder Nase, an die sich noch eine große die beiden Augen wie ein Schlinggewächs umrankende unförmige Brille anlegte, und die andere mit rothen Locken und, Gott verzeih mir die Sünde, daß ich es erzähle, mit weit geöffneten rothen Triefaugen und kupferfarbigen, Wangen, auf deren einer sich eine kugelförmige Warze besetzt und geziert mit furchtbar e»t- gegcnstarreuden Borsten erhob, gleichsam ein Schutzthurm gegen einen von der Seite mit keckem, räuberischem Munde ausgeführten Angriff auf dies liebenswürdige Antlitz : kurz eS waren ächte Repräsentanten der Häßlichkeit, Macbeths Hexen waren gewiß noch Grazien dagegen. Das wäre einmal ein himmlischcS Paar, ausgezeichnet, nicht
wahr, lieber Leser, um uns auf ewige Zeiten von dem oft unbequemen Verliebtwerden zu heilen. Doch du hättest sie sehen sollen, wie sie unaufhörlich ihre zahnlosen Ober- uud Unterkiefern in Bewegung setzten, und sich eifrig in die Ohren lispelten und mit einer Aufmerksamkeit gegenseitig anhörten, als verhandelten sie über Leben und Tod, und doch bestand ihre ganze Unterhaltung, wie man auS den etwas lauter ausgefallenen Worten entnehmen konnte, aus nichts als ganz gewöhnliche» Stadtklatschereien, die manchmal ziemlich häßlicher Natur- waren, so daß, wenn zufällig eine solche zu meiner lieblichen Nachbarin gelangte, sich tiefe Schamröthe über ihre holden Wangen ergoß. —
Verzeihe mir, theure Leserin, daß ich dir solche Gestalten vorgeführt habe, doch wenn man Anspruch auf Wahrheitsliebe machen will, ist man oft genöthigt, Unangenehmes dem Ange zu entfalten; übergehen konnte ich jene Furien nicht, da sie in dem dir geschilderten Drama noch eine für mich sehr gefährliche Rolle spielen. — „Ein Mann, der, da er sich viel in höheren, ja selbst in den höchsten Zirkeln bewegt, in der Galanterie sehr erfahren ist und ein Compliment am rechten Orte zu machen versteht. Er hat sich hierdurch schon gar manches Weib zur Fürsprecherin erworben und übt so einen bedeutenden Einfluß aus auf die Mehrzahl unserer Der- cinsmitglicder.
(Schluß folgt)