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Freiheit und 1

Wiesbaden. Dienstag, la. November

18Ä8.

Die , Freie ^eituna" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis betragt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fL 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnismäßigem Aufschläge. - Inserate werden bereitwillig ausgenommen und find bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

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. Das NeichsminLsterknm «ud Oesterreich.

Uuferbrücfiing brr Anarchie, sie komme von oben oder von unten, keine Reaktion, Freiheit für Alle, Ausrecht» Haltung der Oidnung!" ES wird uns ganz schwach zu Muthe, wenn wir diese Phrasen lesen und hören, welche daS Reichsministerium seit Monaten veröffent­licht. Ucbcrbhden wir das bisherige Wicken deS ReichS- winisteriums, so sehen wir auch keine seiner pomphaften Versprechungen erfüllt. Nur wo es galt, die Demo­kratie zu unterdrücken, da stand es mit seinen allzeit bereiten Reichstruppen in den vordersten Reihen. War dein Reichsministenum aber die Demokratie zu mächtig, sprach sich die öffentliche Meinung von ganz Deutsch­land für letztere aus, so zog sich das Reichsministerium in den innersten Winkel seines Schneckenhauses zurück und spielte eine sehr unbegreifliche (nein besser eine sehr unzweideutige) Rolle. Wir sehen dies am deut» lichsten an den traurigen Ereignissen in Oesterreich. Hier, wo daS Reichsministerium mehr, als bei jeder andern Frage Gelegenheit hatte, aufrichtige Gesinnun. gen für Fortschritt und Freiheit zu zeigen, hier hat es in einer Weise auf, die mit dem rechten Namen zu nennen, der Frankfurter Reichstag verboten hat. Statt in einer Angelegenheit, von deren Lösung das Wohl Deutschlands «bhängt, mit allen Kräften und Mitteln dem verrätherischen Treiben einer volksverrä- thenfchen Camarilla entgegenzutreten, wartet es mit der idyllischen Gemüthlichkeit eines arkadischen Schäfers, bis dieserFerdinand der Gütige" alle Mittel in Bewegung gesetzt, den Heerd der deutschen Freiheit mit kroatischem Raubgesindel zu umlagern, um ihr mit einem Schlage ein Ende zu machen. Statt Männer nach Olmütz zu senden, mit Instruktionen »erftheiz, wie man sie gegen eine widerstrebende Regierung ertheilt, schickt man Diplomateu dahin, längst versauert in den Kloaken des deutschen Bundestags, die im Reich herumreisen, und die weiter keine Instruktionen zu haben scheinen, als die österreichische Küche, m KriegSzeiten, zu prüfen.

DaS Schicksal WienS ist indessen entschieden. Der Fürst deS BluteS, Windischgrätz, und seine Gesellen Jellachich und AuerSperg, find in Wien eingerückt, und erzählen den Wienern auf 4 Meilen im Umkreis, was sie unter Freiheit verstehen. Muß man die Niederlage WienS auch tief betrauern, so ist doch Hoffnung be­gründet, daß bald der Jubel der wiederauferstehenden Freiheit das Rabengekrächze der Reaktion übertönen wird, denn schon hat sich Deutschland darüber ausgesprochen, waS Reichsverweser, Reichsministerium und Reichstag bis jetzt gethan haben.

Zur Kirchen frag er

Artikel AL

5 Don der Weil, Anfangs November. So lange das Volk im politischen Schlafe lag, hielt ich Nichts

auf eine Preskyten'al- und Synodalverfassung der Kirche, und auch Nichts auf die freie Wahl der Prediger. Ich hielt Nichts darauf ans denselben Gründen, weshalb ich eine konstitutionelle Staatsverfassung ohne, Preß- uno Vereinsfreiheit, ohne ein waches Volk, das mit den Waffen in der Hand (d. h. als Bürgerwehr) hin­ter den Beschlüssen seiner Vertreter steht, für eine reine und zwar sehr kostspielige Komödie Halte, wovon eine 30jährige Erfahrung uns jetzt wohl zur Genüge über­zeugt haben wird. Ich hielt es für besser, daß die entschiedenen Freibcnsfreundc im Stillen für die gute Sache an dem Platz, an welchen sie der Zufall hinge, worsen, wirkten, so gut es ging. So lange den ent­schiedenen Männern das Mundschloß angelegt ist und die Hände gebunden sind, kann eine sogenannte konsti, tutioneUe Verfassung nur die Eitelkeit und die Mittel­mäßigkeit obenhin bringen. Man denke an die trau­rige Rolle, welche die meisten der ehemaligen deutschen Kaiumerkoryphâen j'tzt spielen. So wäre cs während der Schlafzeit des Volkes auch in der Kirche bei einer sogenannten freien Verfassung derselben gegangen. Ihr wäret da oben geschwommen^, die ihr daS Glück habet, so leicht zu sein, daß aus euch, wenn man euch auch auspreßt, wie eine Zitrone, kein censurwidriger Gedanke herauSzubringen ist!

Jetzt ist das Alles, Gott sei Dank! ganz anders geworden! Das Volk ist erwacht und uns ist der Maulkorb abgenommen. Jetzt kommt, ihr Herrn, und laßt uns kämpfen! Jetzt haben wirgleichen Wind und gleiche Sonne!" Jetzt wollen wir ringen Leib an Leib auf der Arena einer freien Verfassung! Jetzt verschwinden auch alle Bedenklichkeiten gegen die freie Wahl der Prediger, welche ihr nicht müde werdet, uns immer wieder alS eure Waffen vorzuhalten, obwohl ibr wissen solltet, daß wir sie woh» kc-men, da ihr sie ja zum Theil auS unserer eigenen frühern Rüstkammer entnommen habt. Jetzt werden auch hier die Wahl­kämpfe eingetaucht in die Eine reinigende Fluch des großen allgemeinen Parteikampfes der Zeit! Und da­durch eben werden sie geadelt und über die kleinlichen fremdartigen Rücksichten erhoben. Aber ihr begreift . nicht die Zeit, begreift nicht den Geist des erwachten Volkes, und so sträubt ihr euch gegen die freie Wahl und hört nicht das Wort, das schon bald hier, bald dort zu ertönen beginnt und das euch wie eine Donner­mahnung in die tauben Ohren klingen sollte, das drohende Wort:wenn man uns unsere Freiheit nicht läßt, so werden wir deutschkatholisch!" Könnt ihr denn gar nicht die Zeichen dieser Zeit beurtheilen?

Doch diese Herrn sind hoch erhaben über die Zeit! Sie sind im Stande und setzen sich aus d^s hohe Roß der Prinzipien und demonstnre-r ab ovo (von Adam an), daß die Gemeinden gar nicht das Recht hatten, ihre Pfarrer zu wählen. Denn, sagen sie, dann wären wir jaDiener der Gemeinde"; wir sind aberDiener Christi"! Da haben wir's, das schönstevon Gottes Gnaden",welches große Macht verleiht", wie die prcu-

: ßische Krone an ihrem Geburtstage sich gegen die be­glückwünschende Deputation ausdrückte: dasvon Got­tes Guaven" auf dem Boden der Kirchengemeinde und gar noch einvon Gottes Gnaden" ohne das Vehikel (Fortieckuugsmittel) der Geburt und der Erblichkeit! Aber wißt ihr denn nicht, daß die Berliner Nationalversamm­lung, ja daß sogar unsere Kammer dasvon Gottes Gnaden" abgeschafft hat? Wollt ihr denn vor den ge­krönten Häuptern ein Vorrecht haben? Hat euch der demokratische Geist der Zeit noch nicht gelehrt, raß nicht blos die Könige, sondern auch das Volk, daß alle Men­schen auf gleiche Weise von Gottes Gnaden sind? Und wo bleibt denn dasallgemeine Priesterthum" der Pro­testanten? Ihr wolltDiener Christi" sein; wohl; Aber fine das denn die übrigen Christen, sind das denn die Laien nicht? Sind die etwa Diener Belials? Das werdet ihr doch nicht behaupten? Und steht nicht ge­schrieben:so Jemand will der Größte unter euch sein, der sei euer Diener?" Also laßt euch getrost wählen und wertetDiener der Gemeinte," die ebenfalls aus Dienern Christi besteht! Ihr werdet ja damit Diener der Diener Christi, rechteServi servorum, waë woüt ihr mehr? Es ist kas unser vollkomme­ner Ernst, man kann wirklich durchDienen" der Größte" sein; mau kann dadurch, daß man der wahre Dienen" des Volkes ist, dadurch daß man sich ihm gaiij hingibt uns ganz für dasselbe lebt, Einfluß und zwar pen allergrößten Einfluß auf dasselbe üben, freilich nur einen geistigen Einfluß, nur einen Einfluß durch Grunde, durch die Vernunft, durch Liebe urd Vertrauen. Vertrauet den Menschen, so vertrauen sie euch! Werft euch bem Volke ans Herz, sein Herz ist größer, als ihr denkt!

Doch warum wenden wir uns an diejenigen, um deren Privllegieu es sich hier gerade handelt? In einem solchen Falle werden sich immer nur verhä'tniZmâßig wenige Menschen finden, die eine solche Abstraktions- fiaft besten, daß sie über den Standpunkt des Vorrechts hinausgehend nur in dein Allgemeinen sich beliebigen. Damit ist nicht im Entferntesten eine besondere Anklage oder ein Vorwurf ausgesprochen; das ist nur der ganz natürliche Lauf der Dinge, wie er immer war und immer sein wird und muß, so lange cs Privilegitle auf Erden gibt. Die Geistlichkeit also, so lange sie als Stand da steht, und als solcher steht sie da, so lange die Synoden nicht unbedingt frei, ohne Rücksicht auf eine bc- stimmte Zahl der Geistlichen und Laien, gewählt 'werden, hat eigentlich gar nicht daS Recht, "als Gcistlichkn't über Fiageu, welche gerade die geistlichen Privilegien betreffen, mitzustimmen. Man käme ja dadurch auf die von der Zeit überwundene Vereiubarun-rstheorie, auf das Veto, oder wenigstens auf das ebenfalls überwun­dene Zweikammersystem, wèuv auch hier Ober- und Untcryaus in Einer Synode *b?mrmmen säßen. Der Gesill che könnte, nach dem Grundsätze der Volkc-souve- ranitât, welcher auf dem Gebiete der protestantischen ! Kirche das allgemeine Priesterthum genannt worden

qX Ein Casino-Abend.

Qin Traumbild von N. Feger.

(Fortsetzung.)

Jetzt kommt die Reihe an den Schlaftrunk, o nicht ausgezeichnet, kaum sind einige scharfsinnige Amendements dem Gehirn übergeben und schon erfolgt ein mäßiges Gähnen, die Augenlieder sinken, der Kopf neigt sich nieder und fällt durch seine Schwere auf das weich gepolsterte Seitenkissen des Sopha's, kurz vorhergesehene Bilder umschweben meine Seele, ich schaue den alten Urgroßvater der Turner wie er auf einem gewissen Stuhle siycnd die Demokraten Deutschlands hiuriwteu sieht, den glactköpfigcn Dicepräsidenten, wie sein strenger Vater ihn mit erboster Miene züchtigt, und so noch gar manches andere ergötz- liche Bildniß. Jetzt wird es dunkel um meine Augen, ich fühle, wie mich der allmächtige Schlafgott in seinen finsteren Mantel hüllt, erfaßt und in ungeheuren Zügen durch die Lüfte trägt.

Rach einiger Zeit fühle ich endlich wieder festen Boden unter meinen Füßen, der dichte Schleier fällt von meinem Augen, ich schaue mich um und erfahre, daß ich mich in Ler laternenlosen Straße eines StäLt- chcns befinde, ganz lichtlos außer daß ein hell erleuchtetes Haus zu meiner Rechten steht. Seht ihr in dunkler Nacht eine hcllerlcuchtcte Wohnung, so kehret ein, manch' köstliches Schauspiel birgt es meist in seinen Eingeweiden,

ich habe es immer gethan, noch nie hat es mich gereut und deßhalb folgte ich auch heute meinem Instinkte. An der Thüre empfing mich der aufmerksame Wirth mit wirklich ganz klassischen (Komplimenten, er muß wohl vor Zeiten Tanzmeister gewesen sein.

Was wünschen Sie, mein Herr, fragte er, im unter* thänigsten Ton?

Das Haus ist festlich beleuchtet, was soll dies be­deuten? ist es mir erlaubt, an der etwaigen Gesellschaft Theil zu nehmen? O ja, ich glaube, erwiederte er, es ist zwar eine geschlossene Gesellschaft, ein Casino, doch Fremdlinge, wenn sie studirt haben, und das haben Sic, denn Sie tragen eine Brille, werden mit Erlaubniß des Herrn Directors eingelassen. Ich will eilen und dieselbe für Sie erwirken.

Er ließ mich allein und sprang geschwind und mit Anstand, worin ich in der früher gefaßten Ansicht, als sei er ein Tanzmeister gewesen, bestärkt wurde, die Treppe hinan und war auch sogleich wieder mit bc= iahender Antwort zu meiner Seite. Ich beschloß von der mir ertheilten Erlaubniß Gebrauch zu machen, da ich überzeugt war, daß eine Gesellschaft, in die' nur stubine Leute Eintritt erlangen könnten, in jeyiacr Zeit antiken Werth habe. Voller Erwartung erstieg ich eiligen Schrittes vom freundlichen Wirthe geführt, die Treppe, und wir standen vor einer geschlossenen Thüre, er öffnete und ich schaute, o Wunder doch ich konnte nicht lehen, denn meine Augen wurden geblendet von der Masse

: der Leuchten, mehr aber noch von dem Funkeln ter Tausenden von goldnen Knöpfen, die von zurückstrahleii- dem Lichte erglänzten und sich spiegelten in dem Himm- lischen Blau der Fräcke, auf denen sie fassen. Doch ich würbe lugen, wenn ich nicht erwähnte, Laß manches schöne ans Lem lieblichen Antlitze gar manches schönen Kindes strahlenLe Auge diesen mächtigen Eindruck ver« flârkt - hätte. Ach! wir armen Menschen sind schwache Geschöpfe, Götterlust betäubt und Lie süßeste strömt aus Lem ^glühenden Auge Les Weibes.

Ich bitte Sie um Gottes Willen, mein werther Herr, bleiben Sie doch nicht so verplüfft an der Thüre stehn, Sie machen Störung, merken Sie nicht, daß die Ver­sammlung eröffnet werden soll! Alles hat ja schon seine Plätze eingenommen und wartet mit geöffnetem Munde auf den süßen Trank, der theils aus dem Munde des Präsidenten, theils aus der lieblich duftenven Theekanne fließt; suchen Sie sich an der Tafel ein leeres Plätzchen und setzen sich ruhig nicber!

So sprach der verdammte Philister von Wirth und und weckte mich aus cem Meere süßer Träume, die meine von Wonne trunfene Brust Lnrwschwirrtcn. Mein Auge wurde klarer und prosaischer, und ich erblickte in dem wetten Saale eine wohl besetzte, geräumige Tafel, um welche herum sich unifermirte Herrn und schön geschmückte Damen gelagert hatten. Doch wo ein Plätzchen finden r siebe da, ein prächtiges, zwei allerliebste Mägdlein und zwischen ihnen ein leerer Stuhl: kort steuerte ich ängst-