weder an eine Arrondirung der einzelnen Staaten, weder an die Einheit noch Freiheit Deutschlands, sondern man will die kleinern Staaten unterdrücken, weil sich in ihnen viel Freiheitsdrang festgesetzt hat. —
Wir haben schon oben gesagt, die Nationalversammlung in Frankfurt wolle die Einheit auf Kosten der Freiheit stiften—bis jetzt hat sie keius von beiden erreicht. Eben liegen in Deutschland die Verhältnisse so: daß die Ständeversauunlungen der einzelnen Staaten die Frankfurter Volksboten, waS die Gewährung von LolkS- freiheiten anlangt, weit hinter sich gelassen haben. Namentlich einige kleinern Staaten erfreuen sich einer großen Freiheit — wiewohl freilich die Nationalversammlung in Berlin, als Vorkämpferin deutscher Freiheit, allen ähnlichen Vessa mulmige» voranleuchtet.
Allein die feinen Diplomaten, welche über dem Wohl der Fürsten das Wohl der Völker stets zu vergessen psiegen, welche sich in London bei Metternich, in Frankfurt bei Radowitz und Vinke, in Berlin bei dem General Wrangel und Camphausen, Raths erholen, rechnen folgendermaßen: die historischen Rechtsverhältnisse dergroßen Staaten sind noch nicht so aus den Fugen gerissen, als in den kleinen; die Bewegung in den großen Staaten geht viel langsamer vorwärts als in den kleinen; wir bereiten in diesen großen Staaten einen Rückschlag vor und retten in diesen die Interessen der Dynastien. Dann sind uns aber die Freiheiten der kleinen Staaten sehr im Weg, wir heben sie auf und ketten sie als willenlose Anuera an den siegreichen Wagen des Despotismus der großen Staaten.
So kalkuliren jene Herren, welche recht gut wissen, daß aus den Freiheitöbestrebungen der einzelnen kleineren Staaten, welche scheinbar partikularistisch—gerade die Einheit Deutschlands erstehen wird; und deshalb zucken die Regierungsräthe verächtlich die Achseln, wenn die Kammern der kleinern Staaten einen freisinnigen Beschluß fassen, und deshalb sagen die Regierungsräthe: „die StaatSdiener können bei der Mediatisirung nur gewinnen."
Doch gemach meine Herren — nehmen sie sich in Acht, daß sie nicht die Rechnung ohne den Wirth machen. Sie vergessen wieder das Volk ganz — das Volk wird auch mitsprechen wollen, wenn man eS »ertheilt und zutheilt. Die Zeit wird wohl vorüber sein, wo man ein Land mit Tausenden von Menschen zertheilt gleich einem Kartoffelacker.
Auch werden wol die einzelnen Staaten nicht vergessen, daß sie sich die Verfassung geben dürfen, welche ihnen am besten gefallt und am meisten zusagt.
Wenn nicht die großen Staaten in kleinere zerlegt werden, wenn man nicht die Eintheilung der Staaten nach der natürlichen Grundlage, denDolksstämmen, vernimmt, so weide» die kleinern Staaten Deutschlands im Namen der Freiheit und Einheit Deutschlands gegen ihre Aufhebung feierlich Protest einlegen, wie dirs auch die Männer des Herzogthums Anhalt gethan ha- .ben, welche in ihrem Protest an die Nationalversammlung zu Frankfurt unter Anderm sagen: „Der Zweck der Nationalversammlung war und ist, die Einheit Deutschlands herbeizuführen; die Vernichtung der politischen Selbstständigkeit bloß der kleinern Staaten erzielt aber eine solche nicht. Nur durch das Aufgehen aller souveränen Staaten in einen deutschen Staat wäre sie möglich. Solange diese Einheit nicht erreichbar, will das Herzogthum Anhalt seine politische Selbstständigkeit als ein vollgültiges Recht, in gleichem Masse, wie die großen Staaten gewahrt wissen, denn beim Rechte handelt es sich nicht um Groß oder Klein.
Nationalversammlung zu Frankfurt.
112. Sitzung.
Nach Verlesung des Protokolls zeigt der Präsident den Austritt deS Abg. Tzschucke aus Sachsen an. Ein Schreiben des Abg. Hartmann aus Wien vom 4. d. M. meldet dem Präsidenten, daß an diesem Tage Morgens 6 Uhr die Abgeordneten R. Blum und Fröbel durch Militär verhaftet worden seien. Hieran reiht sich die Interpellation Wesen donck's in Betreff der Schritte, die das Reichsministerium zum Schutz der in Wien befindlichen Mitglieder der Nationalversammlung bei dem Fürsten Windischgrätz gethan habe. Die Versammlung beschließt einstimmig, daß diese Interpellation sofort zur Sprache gebracht werden dürfe. (Der Reichsjustizminifter ist noch nicht zugegen.) Mittermaier erstattet Bericht für den Gesetzgebungs-Ausschuß. Derselbe beantragt, den von der Leipziger Versammlung berathenen Entwurf der Wcchselordnnng unverändert anzunehmen und zu verkünden. (Beifall.).
C u c u m u s trägt im Namen des internationalen Ausschusses über die Anträge von Vogt und Venedey in Betreff der Schweiz auf Tagesordnung an; ebenso Duncker im Namen desselben Ausschusses über den Antrag Zimmermanns von Spandow, den General Wrangel wegen Niederlegung des Com- mandos zur Verantwortung zu ziehen. Auf Zachariä's Antrag wird das Gesuch des Dr. Kirst (aus Göttingen) in Newpork um Verleihung eines Konsulats an das Ministerium des Auswärtigen verwiesen. Neichs- krieg§ minister v. Peucker beantwortet die neuliche Interpellation des Abgeordneten Mohr von Oberingel-
Heim in Betreff der Einquartierung preußischer.' Truppen in Rheinhessen. Im Einverständniß mit den hessischen Behörden sei eine Brigade des zwischen Mannheim und Heidelberg stationirten Truppencorps auf daS linke Rheinufer verlegt worden. Was die angebliche Ueberschwemmung deS Kantons Obermgelheim mit Truppen betreffe, so seien von achtz hn Ortschaften nur drei mit Einquartierung belegt, und zwar so, daß ungefähr auf eine Familie ein Mann treffe. Die Vergütung von 18 fr. pr. Kopf werde in kürzester Frist geleistet werden, und sei von den Landesbehörden und den Gemeinden selbst als genügend erkannt worden. Die Fou- rage werde nach dem Marktpreis vergütet, die Officiere verpflegen sich selbst; die Mannschaft verzehre ihre Löhnung an Ort unö Stelle, so daß die Einquartierung dem Lande noch Vortheil bringe. Der Zurückziehung der Truppen stünden zur Zeit noch diejenigen Rücksichten entgegen, welche die Zusammenziehung des Corps zwischen Mannheim und Heidelberg veranlaßten. Mohr behält sich vor, die Richtigkeit seiner Angaben uachzuweisen. Er beantragt, daß die Truppen unverzüglich zurückgezogen, eventuell die Entschädigung nach dem Preise der Lebensmittel billig regulirt und sofort ausbezahlt und endlich die Dislokation auf die für die Gemeinden schonendste Weise vorgenommen werde. Der Antrag wird nicht als dringend erkannt. Justizminister Mo HI antwortet sodann auf die Interpellation We- sendonck's: Er habe, sobald er von der Verhaftung der beiden Abgeordneten erfahren, an die österr. Regierung geschrieben u. dieselbe daraofhingewtesen, daß nach dem Gesetz vom 29. Sept. d. I. eine Verhaftung von Mitgliedern der Nationalversammlung und eine Untersuchung gegen dieselben nur mit Zustimmung der N a t i o n a l - V e r s a in m I u n g stattsinden dürfe. Er habe desfalls auf schleunige Antwort gedrungen. Uebrigens sei sein Schreiben an das verantwortliche österreichische Justizministerium und nicht an den Fürsten Windischgrätz gerichtet, mit welchem das Reichs- ministerium in keiner direkten Verbindung stehe. Ein Antrag von Wiesner, Aufhebung des BelagerungS- standes von Wien u. Niederschlagung der Untersuchung betr. wird als nicht dringend erklärt, und geht an den Ausschuß für die österr. Verhältnisse. Sodann folgte die Abstimmung über §. 12 und Berathung und Abstimmung über die §§. 13 - 20 des Verfassungsentwurfs. Wir bemerken nur, daß die §§. 12, 13, 14, 15 und 19 ganz nach den Anträgen des Verfassungsausschusses, die 8§. 16 und 17 nach jenen deS Wehrausschusses angenommen, 8. 18 aus dem Antrag des Vcrfassungs- auSschusses^ und dem MinoritätS - Erachten v. Scheller und Genossen, §. 20 aus den Anträgen des Verfas- sungS- und Wehrausschusses und dem MinoritätS-Er- achten von Nauwerck und Cons., („die Ernennung der Oifiziere und Beamten der Flotte geht ausschließlich vom Reich aus") zusammengesetzt wurde. Berichtigend ist zu bemerken, daß nach §. 16 vor den Worten: „Ueber eine allgemeine" zu setzen ist: „8. 17" und daß es in §. 20 statt: „Die Seemacht ist ausschließ, ltth des Reiches" heißen muß: „ . . . ausschließlich -Sache des Reiches." Ueber §§. 14, 15, 16, 17, 19 und 20 war ohne Berathung abgestimmt worden. Tagesordnung für morgen: Berathung über Art. 4 deS Verfassungsentwurfs.
Deutschland.
^Wiesbaden, 11. Nov. Das Frankfurter Journal bringt in seiner dritten Beilage zu No. 298 einen Artikel, datirt „Mannheim, 7. Nov.", welcher wörtlich lautet:
„Sicherlich ist Ihnen schon etwas über eine Verschwörung unter den Nassauer Soldaten zugc- kommen. Mir wu de von verschiedenen Seiten und sogar aus gut unterrichteten Quellen versichert, daß sie wirklich bestanden habe und deren Ziel Ermordung des Obersten und noch einiger Offiziere gewesen sein soll. Die Untersuchung ist, diesen Nachrichten zufolge- iu vollem Gange; fast täglich wird ein Transport Gefangener geschlossen hicrhergesührt und in dein ehemaligen Zuchthause in Verwahr gebracht. Ich hoffe, Ihnen später vielleicht Verbürgteres mlttheilen zu können, wenn von dem Verlauf der Untersuchung, welche in H.e i d e l b e r g geführt wird, mir etwas zukommt." Wir müssen unsere Leser bitten, diesen Artikel nur mit Mißtrauen aufzunehmen. Die ganze Verschwörung wird sich nach unserm Dafürhalten in Nichts auflösen, gleichwie das berüchtigte — Kirberger Attentat auf den Volksboten Zollmann. Der Korrespondent des Frankfurter Journals wird ohne Zweifel die wegen dec hiesigen und Diezer Vorfälle cingelkitetc Untersachung meinen, und aus derselben eine „Verschwörung" herausgewittert haben. (Wir verweilen zum nähern Verständnisse nochmals auf den in unserer No. 233 enthaltenen Artikel, datirt „Aus dem Standquartier der Nassauer.")
Wir werden indessen genauere Erkundigung einziehen und demnächst Weiteres berichten.
5 Von der Weil, 7. Nov. Höre, „souveränes" Volk, und staune! Gestern wurde der Schultheiß von W. vor das Amt nach U. geladen und dort gefragt, weshalb er eine, aus hiesiger Gegend an die Frank- ^^tek Nationalversammlung abgeschickte, Petition um „Auflösung diel er Versammlung und Wahl einer neuen" I unter schrieben habe. Vermuthlich sand wohl diese Ver
nehmung auf Befehl von Frankfurt statt. Dein bu manen Beamten zu U., der nicht wie' mancher andere darauf aus ist, die Leute einzuschüchtern und weaen der Aeußerung ihrer politischen Meinungen mit Besorgnissen zu erfüllen, muß natürlich ein solcher Auftrag der Reichscentralgewalt sehr auffallend gewesen sein. Noch auffallender muß aber die Sache Demjenigen erscheinen, der die fragliche Petition ihrem Wortlaute nach kennt. Dieselbe führt nämlich für die Nothwendigkeit einer Neuwahl ungefähr die Gründe an welche in Nr. 217 der „Freien Zeitung" in dem Artikel: „Was ist nun zu thun?" aufgezählt sind, und zwar in ganz ruhiger gemessener Haltung, ohne alle Leidenschaftlichkeit und geringschäßende oder beleidigende Ausdrücke. Die Form der Petition ist folgende: „J„ Erwägung, daß erstens re. (folgen nun unter 5 Portionen die Gründe), — fordert das nassauische Volk kraft seiner unveräußerlichen Souveränität, die bohe Nationalversammlung, in Betracht, daß dieselbe "als eine konstituirende durch keine andere Gewalt aufgelöst werden kann, hiermit auf, selbst ihre Auflösung auszusprechen und die direkte Wahl einer neuen Versammlung anzuordnen." (Folgen die Unterschriften vieler Gemeinden.)
Und wegen einer solchen Petition, die so kalt ist wie ein Erkenntniß des Hofgerichts, die weder von „Landes-, noch von Volksverräthern" redet, wie manche andere zur Zeit der WaffenstillstaudSaufregung gethan, wird inquirirt? Wir hatten bisher in dem Glauben gelebt, unsere Petitionen würden von der hohen Nationalversammlung bei ihren Beschlußfassungen berücksichtigt, statt dessen werden wir wegen derselben vor die Aemter geladen. Und wer bezahlt uns, da bei solchen Untersuchungen natürlich Nichts hcrauökommen kann, die Diäten und Reisekosten? —
Wir fordern demnach das Volk hiermit auf, von nun an niemals mehr in rein politischen Angelegenheiten Petitionen an die Nationalversammlung zu richten!
N. S. So eben hören wir, daß noch viele andere Unterzeichner der beregten Petition vor die Aemter geladen worden. Siehst du, liebes Volk, das nennt man die „Rede- und Petitionsfreiheit!"
Frankfurt, 10. Nov. Heute Morgen langte mit dem ersten Taunus-Eisenbahuzuge eine bedeutende Anzahl von, der Theilnahme am September-Aufstande an- geklagten, Untersuchungs-Gefangenen unter starker militärischer Eskorte von Mainz hier an, um in die zu ihrer Aufnahme im alten Gefängnißgebäude hergerichteten Arrestlokale untergebracht zu werden. HF. I.)
Bernburg, 6. Nov. Der Herzog hat in einem Erlaß aus Quedlinburg vom 2. 9iovbr. „an seine geliebten Anhalt-Bernburger" erklärt, daß der ihm vvr- gelegte Verfassungöentwurf Bestimmungen enthalte, zu denen er, nach den ihm obliegenden Pflichten-für daS Land und sein Herzogl. Haus, die landesherrliche Sanction nicht ertheilen könne. Er habe daher vorläufig seinen Aufenthalt in Quedlinburg genommen, sich wiederholt um Absendung eines ReichScommiffârs an den Reichsverweser gewendet, und sie nöthig enfalls, wenn er die Ueberzeugung erhalte, daß er ferner zum wahren Wohle seines geliebten Anhalt-Bernburgs nicht mehr zu wirken im Standesei, erbötig, die Regierung niederzulegen. Ein Extrablatt zum Regierungsblatt enthält nun heute einen Herzog!. Erlaß, welcher das bisherige Staatsministerium, das mit dem Herzog nach Quedlinburg geflüchtet war, entläßt, und die Ernennung des Geh. Reg.-Raths von Krosigk zum einstweiligen Leiter der Ministerialgeschäfte. (B, N.)
Berlin, 7. November. (N. Nh: Z.) Die Worte Jacobt'ö an den König sind noch immer Gegenstand der öffentlichen Besprechung. Der Philister steht noch mit offenem Munde da und erholt sich mit Mühe von dem ersten Staunen über jene Wahrheit. Die Reaktionäre poltern sich heiser über die „Frechheit", „Ugver- schâmtheit", „Verletzung des Hausrechtes" und was sie Alles in jenen Worten finden. Die Zeitung „mit Gott, für König und Vaterland", die seit einiger Zeit unaufhörlich von Blut trieft, weiß sich in ihrer Wuth gar nicht zu fassen und schämt sich natürlich nicht, Jakoby's Worte mit seiner Confessio» in die engste Verbindniig zu bringen. Die N. Pr. Ztg. ist überhaupt das Thermometer für die Pläne der Absolutisten. „Jetzt hilft nur Energie", sagt das saubere Blättlein, „und kostete es auch dem Könige seine Krone. Berlin muß von Militär besetzt werden, ob mit, ob ohne Belagerungs- zustand, die Bürgerwehr muß entwaffnet werden" und dergleichen schöne Sachen mehr. — Heute ist denn auch wirklich das 24. Regiment, meist aus Berlinern bestehend, aus der Stadt gerückt, nachdem es gestern auf 6 Tage Proviant und scharfe Patronen erhalten hatte. Allgemein heißt eS, daß statt ihrer Wrangel mit der Garde an die Stelle der 24er rücken werde. — Gut Glück! Die Volksstimmung ist im Allgemeinen eine sehr gedrückte, ein Rückschlag gegen die ungeheure Erregung der letzten Tage. Das Volk trauert um daS gefallene Wien.
Einem öffentlichen Aufrufe an die Waffenfähigen Berlins zufolge beabsichtigt der demokratische Landwehr- verein, ln Verbindung mit dem demokratischen Bürgerwehrklub eine Freischaar zu bilden, die überall hin din- girt werden soll, wo die Freiheit durch die bewaffnete Macht unterdrückt zu werden in Gefahr ist. — Auch die 4 fliegenden Korps haben sich jetzt zu einer „Wehrschaar" vereinigt; an ihrer Spitze steht der Rittmellter