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poldstadt, die Stadt und den übrigen Vorstädten ist seit vier Tagen gänzlich unterbrochen, und man kann außer den von der Ferne herausragenden kolossalen Brandstätten über die sonstigen Verwüstungen und Greuelscenen, welche von den kroatischen Näubcrhorden des Jellachich an schwachen Weibern, Kindern und Greisen begangen wurden, noch nichts Bestimmtes er­fahren und keine verläßlichen und sicheren Nachrichten geben. Die prachtvolle Villa mit den herrlichen großen Gartenanlagen und Glashäusern des Fürsten Lichten- stein (vormals das RoßumowSky-Palais) an dem Do­nau-Kanal, gegenüber dem Prater liegend und von diesem nur durch die schöne Kettenbrücke getrennt, ist auch, besonders die Gartenanlagen, in welchen die Ge­schulte der mobilen Garde ausgeführt waren, und mit welchen man den von der Dampfmahlmühle und dem Prater herüberstünnenden Feind zu wiederholten Malen zurückdrängte gänzlich ruinirt, eben so aus der rech­ten Donauseite die nebenanstehenden Gebäude des Ban­quiers Walters, das Karpfenbad, die durch seine all- fährig ausgestellten Blumenfluren berühmt gewordenen Treibhäuser und Wohngebäude deS Apotheker Noch- leder; stark gelitten haben noch das in dieser Gegend befindliche Eiftngußwerk des Landgrafen Salm, die Farben-Entroit-Fabrik des Kaufmann Dietz, das So- phieiibad an dem andern Donauufer, wo die große Zucker-Raffinerie gewesen, die ausgedehnten Kohlenma­gazine und Bau- und Brennbolzvorräthe lagerten, ist diese Verwüstung noch bei Weitem größer. Von den Bahnhofgebäuden der Nordbahn soll auch vieles abge­brannt und verwüstet worden sein die Eisenbahn­drücke gänzlich abgebrannt, eine weite Strecke der Bahn, nach Einigen bis Lundeuburg unfahrbar gemacht wor­den sein _ wird wohl den regelmäßigen Lauf und Benützung dieser ausgedehnte» Bahnstrecke hemmen und für längere Zeit unbrauchbar machen. Aehnliches ist auch in den "Bahnhoflokalitäten der Wien-Gloggnitzer Eisenbahn geschehen und was noch mehr zu bekla­gen ist, wurden dort die für Wien und zum Trans­port eingelagerten Waarenvorräthe geplündert und fast gänzlich verschleppt, ein ungeheurer Verlust, für welchen der Beschädigte keinen Ersatz zu gewärtigen hat.Auch heute wurde keine Wiener Zeitung wegen Mangel an offiziellen Nachrichten ausgegeben ob Windischgrätz während des Belagerungszustandes ausländische Zet- tungsblätter einführen läßt, steht sehr in Zweifel, und so wird das alte Regime Sedlnitzky wieder an die Ta­gesordnung kommen.

Den 1. November. Gestern Nachmittag um halb 6 Uhr sind die ersten Truppen durch das Burgthor über den Kohlenmarkt und Graben, wo aus allen Fenstern die weiße Fahne ausgesteckt zu sehen war, ein- g-zogen. Kanonen wurden auf den Hauptplätzen auf- gefübrt und mit brennenden Lunten bis zum Anbruch des Tages, wo die weiße Fahne aus dem StephanS- thurme aufgesteckt wurde, bewacht. Heute um 9 Uhr konzentrirten sich in der Stadt große Truppenmassen, lösten alle noch von National- und Mobilgarden be­setzte Wachtposten ab, und li.ßeu nach 9 Uhr Niemand mehr aus, noch in die Stadt passiren, um das Ver­schleppen der Waffen zu verhindern. In den Vor­städten fahren die Wagen von Haus zu Haus, Kom­missäre ermahnen, die Waffen sogleich auf die Wagen oder binnen zwölf 12 Stunden in die Gemeindehäuser abzugeben, Privateigenthum zu bezeichnen, welches dann protocollirt und in einiger Zeit, wenn der Belagerungs­zustand aufgehoben, die Garde reorganisitt worden ist, wieder zugestellt werden soll. Nach 24 Stunden wird noch einmal Haussuchung gehalten und bei vorfinden­den Waffenvorräthen kriegs- und standrechtlich verfah­ren. Auf ähnliche Weise wird man wohl auch in d-r innern Stadt vorgehen und auf diese Weise das Luf. Zeughaus wieder vollständig füllen. Ein großer Miß­griff des Hrn. Marschall Windischgrätz war es, die kroatischen Horden zuerst nach Wien einrücken zu las­sen. Diese rohzügellose, schlecht bekleidetete, mit Prü­geln und Stangen bewaffnete Soldateska hat viele Grausamkeiten, vorzüglich in der Vorstadt Landstraße, verübt und die Erbitterung gegen Jellachich und Win­dischgrätz noch mehr gesteigert. Daß sich Wien und die innere Stadt nicht so wie es der Gemeinderath zu- gesichert hatte, bis 12 Uhr Mittags ergab, war größ- tenthcils das Verlangen Windischgrätz, die gelbe und schwarze Fahue auf dem Thurme vom St. Stephan aufzupflanzen, Schuld. Diese gewiß für immer ver­haßten Farben erbitterten und reizten das Volk der Art, daß auf dem Stephansplatz zwei Kanonen Sechspfün- der mit der Drohung aufgeführt wurden, den Dom und den Thurm in Trümmer zu schießen, wenn die Aufsteckung dieser Fahne stattsinden würde.

Abends 6 Uhr. Niemand außer Militär darf seit 10 Uhr die innere Stadt betreten, ebensowenig von dort in die Vorstadt gehen; um vor die Bar­rieren zu gelangen, muß man von dem in jener Vor­stadt kommandirenden General einen Geleitschein erbet­teln, und dann beim Hinausgchen oder Fahren sich ge­fallen lassen, bis auf das Hemd visitirt zu werden. Die so strenge Absperrung der Stadt scheint keinen an­dern Zweck zu haben, als von Haus zu Haus die Waffen einzusammeln, die entwaffneten Arbeitöleutc und Proletarier in sichern Gewahrsam zu bringen uns solche unschädlich zu machen, seit acht Stunden hat man be­reits mehr als 1200 zusammengefangen und durch die Kroaten, die mit den abgenommenen Waffen armirt wurden und auch Munition erhielten, in das Arbeits­haus und mehrere Kasernen tranöportiren lassen.

In der Vorstadt Mariahilf wurde durch die vor den Barrieren aufgestellten Truppen mit großem Wurf­geschütz an vielen Bauten ein sehr bedeutender Schaden zugefügt, das Sommerpalais des Fürsten Esterhazy, welches eine ausgezeichnete Bildergallerie enthält, wurde unausgesetzt mit Kanonen und Bomben bedrängt; in dem großen immensen Gebäude ist auch nicht eine Fen­stertafel ganz geblieben. In der Mariahilfer Haupt­kirche und deren Thürme flogen mehrere Kugeln und Bomben mit 60 Pfund, zerplatzten in der Kirche und steckten einige Kirchstühle in Brand. Der Ingenieur und Maschinist Angely aus Berlin, dessen mechanische - Fabrik von den Kroaten zerstört wurde, verlor auch dabei sein Leben, durch vier auf ihn gerichte Gewehr­schüsse. Auch der Kaffeesieder Stierböck in der Leo­poldstadt wurde von den Kroaten erschossen. Erst heute konnte man der Plünderung, die man an den auf den Bahnhöfen liegenden, zum Versandt bestimmt gewesenen Waarengütern voruahm, Einhalt thun. Der Schaden muß sehr bedeutend sein. Das neue Zollgebäude, wo jetzt drei Kompagnien Soldaten bivouakiren, hat eben­falls großen Schaden erlitten, die dort ausbewahrten Waaren haben einen ungeheuren Werth. Ein kroatischer Offizier erzählte heute, daß die ungarischen Truppen, die zurückgedräugt wurden, nicht über 6000 Mann stark waren, und mit dem Regimente Alexander, wel­ches lange Jahre in Wien stativm'rt gewesen, die Be­stimmung hatte, Jellachichs Truppen im Prater aufzu­reiben; das gedachte Regiment wurde auf drei Dampf­schiffen von Prcßburg in die Nähe Wiens gebracht, was verrathen war, und durch die an dem Donau- Ufer aufgestellte Artillerie in ganz kurzer Zeit durch Zusammenschießen der drei Dampfschiffe, die der Donau- Dampfschifffahrtgesellschaft gehören, in Grund geschossen wurde. Windischgrätz scheint noch einen weit stärkeren Angriff der Ungarn zu erwarten und konzentrirt die Mehrzahl seiner Truppen gegen die ungarische Gränze. Auf allen Vorstadthäusern, in welchen Kroaten Hausen, sieht man folgende geschriebene und gedruckt Zettel an­geklebt: Saldvemo-na Siipreval General Zeisberg, das heißt: Heilig ist das Eigenthum. Da aber unter diesen Horden von hundert nur wenig lesen können oder das Gelesene verstehen werden, so wird das Ei­genthum von dieser entmenschen Soldateska wenig respektirt werden. Cigarren und Silbergeld steht bei den Kro­aten in besonderm Werth und durch Tabak und Cigar­ren , ' die sie den Vorübergehenden aus dem Mund herausnehmen, kann man sich noch am ersten von die- feil Raubvögeln befreien.

Den 1. Nov., 10 Uhr Morgens. Die heutige Nacht war für die Bewohner Wiens nach langen ge- fährvoll durchlebten Tagen wieder eine ruhige für Der jenigen, der seine Angehörigen und seine Habe fern von der Stadt und den dieser zunächst liegenden Vor­städten wußte. Ein ziemlich starker Regen, der vor Mitternacht begonnen und noch fortoauert, hat die Brandstätten, welche in der innern Stadt noch immer fortlodcrn, durch das Aufhören des Windes, nicht wei­ter ausgebreitet. Schon um 7 Uhr früh sahen wir am St. Stephansthurme die weiße Fahne wehen und hatten dadurch Hoffnung. in die, so unersetzlichen Scha­den erlittenen? Stadt hineinzukommen. Von allen Thoren war nur ein einziges, nämlich das Franzens­thor, für Fußgänger geöffnet, wir fanden den größten Theil der Thorwachen, die der Gesandtschafts-Hotels und der ärarischen und Dicasterialgebäude noch mit Nationalgarden besetzt, in den Straßen und kleinern Gaffen aber Waffen aller Art in großer und bedeuten­der Menge herumliegen. Die erste Frage war, ob der Partcienkampf zu Ende? wer dabei gesiegt? und wie lange die Brandlegung und Plünderung gedauert habe? mein Erstaunen war daher auch groß, als ich zur Ant­wort erhielt, daß die Ablegung der Waffen, sowohl von der arbeitenden Klasse, dem Proletariat, ebenso von der mobilen Garde, wenig Umstände verursacht habe, daß sich die gesammte Volkswehr; den klugen, gemäßigten und beruhigenden Vorstellungen des Ge- mcinderathes und den der Kommandanten unterwarf, und sich an der Rettung der durch die kaiserliche Artil­lerie in Brand gesteckten Gebäude thätig , unermüdet undin musterhafter Ordnung beteiligten; nur den Bemühungen der gewandten Arbeitsicute konnte es gelingen, von den vorhandenen Feuerlöschungs-Requifiten. wobei auch noch Wassermangel war, da die Wasser­leitungen, wie ich schon früher berichtete, größtenteils zerstört waren, einen schnellen und zweckmäßigen Ge­brauch zu machen, wodurch nicht allein die Verbrennung der kostbaren, weltberühmten kaiserlichen Bibliothek und des daran anstoßenden Naturalienkabinets verhindert wurde, sondern auch die Burg, das Theater, die Säle des Reichstages und alle in der Nähe befindlichen Pa­läste vor einer gänzlichen Verheerung bei dem so stark wehenden Winde gerettet wurden. Die schöne Augusti­nerhofkirche mit dem herrlichen Denkmal Canovas (an der Grabstätte der Erzherzogin Christine) wurde durch durch die angestrengtesten Bemühungen der bewaffneten Garden und Arbeiter, denen sich die Proletarier an­schlossen, vor dem Einsturz gerettet, der hohe Kirchthum mit Ieinem großen und schönen Glockengeläute wurde ein Raub der Flammen. Die entsetzlichen Feuermassen das herabfließende, schmelzende Erz und das fortwäh­rende Kanoniren konnte die Anstrengungen der braven Leute in ihren Bemühungen nicht hemmen. Die Kir­chenschätze wurden in Sicherheit gebracht, die dicht an der Kliche anstoßende Kupferstichsammlung des Erzher­zog Albrecht (eine der werthovllste in Europa) durch

dieselben Leute, die man noch wenige Stunden vorher als Brandstifter und Plünderer bezeichnete, gerettet, und sie waren noch um 9 Uhr früh, also nach 13 Stunden, so thätig und unermüdet, daß auch bei dem herrlichen Bibliothekgebäude nur die schöne Kuppel und das Dach abbrannte und der größte Theil des Naturalienkabinets, in welchem die mit Spiritus gefüllten Gefäße eine ver­heerende Flamme verursachten, gerettet werden konnte. Dennoch entstand unberechenbarer Verlust, da die in der Nähe der Bastionen und Wälle liegenden Gebäude, bis inmitten der Kärntnerstraße, des JosephsplatzeS, der Staatskanzlei, Löwenstraße u. s. w., durch Kano­nen, Raketen und Granaten schrecklich verwüstet sind und durch den noch in Flammen stehenden Kolowratt- schen Palast allein ein Schaden von 300,000 Fl. ent­standen ist.

2. Nov., 12 Uhr Mittags. Um in die Stadt zu gelangen, mußte ich es mir 2 Dukaten kosten lassen. Sie können sich daher denken, wie streng Windischgrätz den Belagerungszustand beobachten läßt. Das Militär bivouaquirt auf allen Hauptstraßen und Plätzen der innern Stadt, was einen eigenen Anblick der nicht mehr zu kennenden Stadt darbietet. Heute Nacht wurde der Gaßkandel aber, an welchem Latours Leiche aufgehan­gen war, von dem Militär herausgerissen und zer­trümmert.

Die Universität ist bereits von Militär besetzt sonst Alles ruhig. Die Stadt gleicht einem Lager. Alle Läden gesperrt, an den meisten Lebensmitteln man­gelt es bereits in der Stadt und Vorstädten.

Proklamationen und Aktenstücke, welche sich aus die Wiener Creig- nisse beziehen, vom 25. Oktober bis

1. Movember,

Eine Adresse des Reichstags an den Kaiser vom

25. Oktober, worin der erstere gegen seine Verlegung nach Kremsier Protest einlegt.

Eine Proklamation des Oberkommandanten Messen-

Hauser vom 2^. Oktober, durch welche die Stadt Abends

9 Uhr in Belagerungszustand erklärt wird. Diese Proklamation beginnt also:

Der hohe Reichstag hat die Proklamation des Feldmarschalls Fürsten Windischgrätz, als selbst die Menschenrechte in Gefahr setzend, erklärt. Millionen Herzen werden dieses Urtheil nachsprechen.

Mitbürger! Nie hat ein übermüthiger BrennuS sich in so schauerlicher Hoffarth als Feind des ganzen Menschengeschlechtes erklärt. Nie sind die gerechten Wünsche und Ansprüche eines mündigen Volkes erbar­mungsloser in den Staub getreten worden. Das sanf­teste Gemüth, der sorgloseste Träumer, der armseligste Gedankenmensch muß über eine solche Sprache mit brennendem Zdrn und unauslöschlicher Entrüstung er­füllt sein. Mitbürger! Auch ich erkenne in der Sprache des Fürsten Windischgrätz als ein einzelnes Individuum einen Verrath, eine Sünde gegen die Natur. Was müssen meine Empfindungen, als derjenige, sein, der von dem hohen Reichstage mit dem Auftrage betraut worden, unsere herrliche Stadt, zur Zeit die' merkwür­digste des ganzen Erdkreises, gegen einen solchen Feind in Vertheidigungszustand zu setzen? Mitbürger! urtheilt.

In Anbetracht dieser entsetzlichsten Proklamation des Fürsten, in Anbetracht -dieser männlichen Erklärung unseres erleuchtesten Reichstages, in Anbetracht meines Mandates, in Anbetracht was Menschenwürde, Solka- tenehre, was Pflicht, Menschlichkeit, Gewissen und Va­terlandsliebe mir an die Hand geben, verordne ich, wie folgt:

Die Stadt Wien wird von heute Abend 9 Uhr als im Belagerungs-Zustand befindlich erklärt."

Am 29. Oktober erließ der Oberkommandant Mes­senhauser eine Proklamation, worin er erklärte, daß nur für 4 Stunden allgemeiner Vertheidigung noch Munition vorhanden sei, und er deswegen die Unmög­lichkeit eröffnen müsse die Stadt Wien länger zu halten.

Am 30. Oktober, Abends 8 Uhr eröffnet Meffen- hauser, daß die Ungarn mit den Kroaten gekämpft hätten und fragt bei den Garden an, ob sie die Waf­fen strecken wollten oder nicht.

In einer Proklamation vom 31. verwahrt sich Mkssenhauser gegen die Anschuldigung des Capitula- tionsbruchs.

Eine Proklamation des Gemeindcraths vom 31. Oktober. Er legt Jetne Wirksamkeit mit dem 26. dar und benachrichtigt die Bevölkerung Wier.S, daß er aus