Einzelbild herunterladen
 

sich doch wieder Alles geordnet haben. Zeitungen und Flugschriften erscheinen keine. Diejenigen Offizinen, welche noch Papier und Personal haben, fürchten die Diktatur und Strenge von Windischgrätz.

Den 29. Okt., Mittags 12 Uhr. Noch im­mer kann man über die Absichten und Beschlusse, welche Windischgrätz über das Schicksal Wiens ver­hängt, nichts Gewißes erfahren. Um 9 Uhr wurde von dem Gemeinderath eine Deputation von 6 Mit­gliedern in das Hauptquartier des Fürsten abgesandt, um mit demselben über die Besetzung der Stadt und die dafür zu bestimmende Garnison zu kapituliren; ob diese Mission von wünschenswerthcm Erfolg sein wird, bezweifelt man, da sich der FUkmarschaU seit gestern Abend im fast ausschließlichen Besitz der großen Vor­städte Landstraße, Wieden und Leopoldstadt befindet, und seine Soldaten, bestehe,d auS deutschen, italieni­schen, böhmischen und kroatischen Truppen darin ver­theilt hat.Die Deputation erklärte sich im Namen der akademischen Legion mit deren Auflösung, ebenso wie mit der Entwaffnung der Arbeitsleute, mobilen Garde und des Proletariats, einverstandln, wollen die Wiener Kasernirung und Verpflegung von 12,000 Mann deutschen Militärs übernehmen, verweigern aber die Auslieferung der bezeichneten Geißel um so mehr, da General Bern kein polnischer Emissär sei und sich nicht unberufen in die Wiener Angelegenheiten einge­mischt habe, sondern in Lemberg geboren, in der dor­tigen Nationalgarde eingereiht und von den hiesigen Behörden zur Vertheidigung der Stadt Wien aufge- sordert wurde, auch sei es den Völker- und Menschen­rechten nach den jetzigen Begriffen der Freiheit ganz zuwider, in einem civrllfirten Staate Geißel zu geben oder zu fordern. Der ungarische Staeusstkretär Pulsky habe schon seit acht Tagen Wien verlassen, Dr. Schütte habe erst gestern die Erklärung gegeven, daß er sich zu jeder Zeit, wenn es der Gemernderath für nöthig erachte,' zu seiner Verfügung stellen werde, indem er sich gar nichts zu Schulden kommen ließ. Die Entwaffnung der Garden und ihre Reorganisirung könnte der Gemeinderath durchaus nicht zusichern, eben so unbillig wäre es, die Freiheit der Prepe auf eine so strenge Weise zu beschränken, und diese letzte Anforderung allein könnte die größten und traurigsten Folgen herdeiführen und die ohnehin für eine Revo­lution sich zeigenden Elemente in volle Gahrung bringen." Die kaiserlichen Truppen haben in dem Schwarzenbcrg'schen Palais zwei Batterien Kanonen aufgeführt, ihre Vorposten ziemlich weit ausgestellt und beobachten die größte Strenge gegen die ihre Posten passirenden Menschen. Seit heute früh wurden drei Personen, die in Gardeuniform und bewaffnet in die Nähe kamen, erschossen und erstochen; 5 bis 6 Perso­nen, die etwas Pulver und Blei bei sich hatten ge­sanglich eingezogen. Diese Soldatenwillkür und Grau­samkeit ist auf der Vorstadt Landstraße, wo die kaiser­lichen Truppen in dem neuen Zollgebäude kampiren, noch hervortretender; es wird von den Kroaten ge- plündett und gemordet.

Nachmittag 6 Uhr. Große Quantitäten Waf­fen, besonders von den Garden und Proletariern der Vorstädte Leopoldstadt, Landstraße und Wieden werden auf den verschiedenen Sammelplätzen der Volkswehr abgelegt, durch die Aufsteckung der weißen Fahne, welche zuerst an den Gebäuden des Polytechnikums sichtbar gewesen, wurde das Signal gegeben, in den meisten Häusern der genannten Vorstädte ein Gleiches zu thun, während die übrigen Barrieren, besonders die von Mariahilf, Lerchenfelv, Hernals, Nußdorf sich um 5 Uhr noch heftig vertheidigten und das Eindringen der Soldaten muthig zurückfchlugen; in diesen großen Bezirken wurde die rothe Fahne aus sehr vielen Häu­sern aufgesteckt; und deren Vertrauensmänner, welche nach dem dringenden Aufruf des Ober-Kommandanten, sich um 4 Uhr zur Abgebung ihrer unumschränkten Vollmacht, ob die Stadt kapituliren oder den Kampf fortsetzen soll, einfinden sollten, haben gegen die Ueber- gabe der Stadt Protest eingelegt, und es ist bis jetzt unentschieden, ob sich die Mehrzahl der Stimmen für die Uebergabe der Stadt oder für die Vertheidigung derselben ausgesprochen hat.

In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober kam die vom Reichstag nach Ollmütz gesandte Deputation, an deren Spitze sich Pillersdorf befand, zurück; nach vielem Drängen und Vorstellungen bei Wessenberg und Lobkowiß konnten die Deputieren die Adresse des Reichstags dem Kaiser übergeben. Pillersdorf stellte in den beredtesten Worten den schrecklichen Zustand, in welchem sich die Hauptstadt des Reiches befinde, vor, der Kaiser hörte diese Vorstellung, die alle An­wesenden zu Thränen rührte, theilnahmölos an und verlas von einem Blatt Papier, welches er aus der Tasche zog,daß sein Feldmarschall, Fürst Windisch- grätz, mit unbeschränkten Vollmachten versehen, nichts verabsäumen werde, um die in Wien ausgebrochene Anarchie zu dämpfen, Ruhe und Ordnung in der em­pörten Stadt herzustellen und das Eigenthum des rechtlich- und gutgesinnten Bürgers zu schützen. Er habe diese wichtigen Befehle in die Hände des Fürsten gelegt, da er sich überzeugt halte, daß der Feldmar­schall nur im äußersten Nothfalle seine Zuflucht zu strengen Maßregeln nehmen werde, und erwarte von allen in Wien noch anwesenden und ausübenden Be­hörden, daß sie in diesen guten und loyalen Absichten, die nur das Glück und das Wohl seiner Völker för­

dern sollen, den Fürsten kräftig unterstützen werden. Ueber die weiters vorgetragene Bitte, den Reichstag in Wien forttagen zu laßen, werde die Deputation ehestens eine schriftliche Antwort erhalten. Von den am 19. Oktober in seinem Manifeste diesfalls gemach- , teu Zugeständnissen müßte es sein Abkommen haben, : da seine wohlwollenden und väterlichen Gesinnungen, : die er darin ausgesprochen offenbar nicht beachtet - worden und er dadurch genöthigt sei, andere Maßre­geln vorzuschrciben."

Welche Aufregung und welcher Grad der Erbitte- [ rung gegen den Kaiser, seine Umgebung und alle in seiner Nähe befindlichen Rathgebern nun unter der hie­sigen Bevölkerung herrscht, ist nicht mit Worten zu schildern, dieß muß man sehen und hören, auf die : Stimmung der Provinzen und des Auslandes ist man hier im höchsten Grade gespannt.

30. Oktober. Vormittags 11 Uhr. Die Aufregung, welche seit einer Stunde, wo die Nachricht auf die Aula kam, daß das ungarische Heer mit be­deutenden Streitkräften ganz nahe bei Wien sei in allen Klassen der Bevölkerung herrscht, ist nicht zu schildern. Alles, was noch unbewaffnet war, oder in vorzeitiger Angst die Schießgewehre gestern Nachmittag abgegeben, strömt nach Waffen in das Zeughaus und in die verschiedenen Bezirke der Vorstadt. Allarm und Sturmgeläute in der Stadt und denen noch von Trup­pen unbesetzten Vorstädten. Schon hört man Kano­nendonner an der Hernalser und Maeiahilsir Linie, die Offiziere können die auf den Wällen der Stadt be­findlichen Mobilen und Nationalgarden mit Mühe zu­rückhalten, das Geschütz auf die beim Schwarzenberg'- schen Palais gelageiten, sich immer mehr verschanzenden Truppen spielen zu lassen, und auf das 1000 Schritte von der Stadt entfernte Lager einen Ausfall zu machen. Eben sehe ich vom Zensur bei 80 bewaffnete Mädchen und Weiber, von einem kräftigen starken Mann ange­führt, die Wachen beziehen und die dort befindlichen Garden für den äußern Dienst abzulösen und mobil zu machen. Von der Hernalser Linie wird der Bericht erstattet, daß die auf dem Linienwall gewesenen Re­serven der Mobilen und der bewaffneten Arbeiter einen Ausfall gemacht habe, bei welchem die Belagerer eine halbe Stunde vor der Barriere der Alse, Vorstadt zu­rückgedrängt und ein Hauptmann mit 16 Jägern ge­fangen genommen wurden. Eben so tapfer vertheidigt sich an der Mariahilfer Linie ausgestellte Mannschaft. Was jetzt mit den bereits abgeschlossenen Kapitulations- bedingungen, nach welchen die Stadt an Windisch- grätz zu übergeben ist, geschehen wird, mag Gott wissen.

4 Uhr Nachmittags. Alle Vorstädte, die von den Windischgrätz-Jellachich'schen Truppen und Räuber- horden noch unbesetzt sind, werden neuerdings in Ver­theidigungsstand gesetzt, die Stadtthore befestigt und die großen Straßen der Vorstädte neuerdings mit sehr gu­ten und ausgedehnten Barrikaden versehen. Vor einer Stunde gab Oberkommandant Meffeuhauser wieder eine Berichterstattung vom Stephansthurm. Der über die Stadt und die ganze Umgegend ausgebreitete Nebel macht die weitere Beobachtung der kämpfenden Armeen unmög­lich. Daß wir heute noch ein Näheres über den Aus­gang der Schlacht erfahren werden, ist nicht wahrschein­lich. Jedenfalls haben uns die Ungarn durch die späte Hülfe einen schlechten Dienst erwiesen, und werden, auch wenn sie über die Windischgrätz-Jellachich-Truppen ge­siegt haben, die Stellung des Gemeinde,aths und des Obercommandanten, gegenüber dem Feldmarschall, außer- odentlich schwierig machen, da unter den vorwaltenden Umständen und Verhältnissen die Unterwerfung und Uebergabe der Stadt unter des Fürsten Diktatur doch nicht zu vermeiden sein wird.

10 Uhr Abends. Fürst Windischgrätz läßt an alle Hauseigenthümer eine gedruckte Kundmachung ver- theilen, worin er bekannt macht, daß ein Corps unga­rischer Insurgenten gewagt habe, die österreichische Gränze zu überschreiten, daß es ihm aber ver.int mit dem Ba­nus gelungen sei, diese ungarischen Truppen in wilde Flucht zu jagen, und ein Theil noch mit der Versol- nung der Flüchtlinge beschäftigt sei. Was der Fürst aus seinem Hauptquartier in Hetzendorf zum Doste aller Gutgesinnten, zur Warnung der Schlechtdenkenden bekannt machen laßt, um die abgeschlossene Uebergabe der Stadt nicht länger zu verzögern u. s. w.

Den 31. 9 Uhr. Die ungarische Armee, die in allem 40,000 Mann stark gewesen, soll total geschlagen worden sein, das Infanterieregiment Alexander duich die Kavallerie in die Donau gesprengt, mehr als 150 Gefangene gemacht, uad die Kriegskasse erbeutet sein.

Der Gemeinderath bittet, die Uebergabe der Stadt und Vorstädte, die bis zwölf Uhr Mittags geschehen muß, nach Möglichkeit zu beschleunigen. Auf dem Ste­phansthurme muß zu dieser Stunde die kaiserliche Fahne ausgesteckt und die früher gestellten Kapitulativns- bevingungen genau erfüllt werden rc.; wenn es thunlich ist, schicke ich noch mit der heutigen Post die Kundma­chung des Feldmarschalls, den Aufruf des Gcmeindc- rat^es, die an den öffentlichen Plätzen und Straßen- ecken a igkichlagen und augenblichlich unter den größen Jnjultkll der sich dagegen Sträubenden wieder abgerissen wurden. ° "

Die bewaffneten Proletarier und Arbeiter weigerten sich fortwährend, die Waffen abzulegen, die Stadt zu übergeben. Ohngeachtet Windischgrätz fortwährend da­

bei bleibt, daß wenn die gemachte Kapitulation nicht ac, nau bis zur Mittagstunde erfolgt, Stadt und Vorstädte durch Brand verheert werden sollen, ist bis jetzt wenig Hoffnung, daß die bewaffnete Macht diesem diktatori­schen Befehle Folge leistet. Denn jemehr sich von den entlegenen Vorstädten die Nachrichten über die von den Kroaten verübten Grausamkeiten, Mord, Plünderung Bei Wüstung verbreiten, desto größer wird die Erbitte­rung.

Wieder hört man Kanonendonner von der Maria­hilfer und Lerchenfelder Linie. Das Olnitkömmer Amt unter welchem die Burgbauten und die Sammlungen stehen, hat neuerdingö um eine Verstärkung von zwei­hundert Garden gebeten, ebenso die Nationalbank, da man widerholte Drohungen, die Residenz des Kaisers in Brand zu legen, die Statue des Kaisers Franz zu zertrümmern u. s. w. gemacht hat.

1 Uhr Mittags. In diesem Augenblicke hört der Geschützdonner und das Sturmläuten auf, das mit Schlag 12 Uhr begonnen hat, ohne daß man im Innern der Stadt beurtheilen kann, ob es von Seite der Trup­pen wegen Veränderung der Position oder wegen einer Unterhaltung eingestellt wurde.

Den 31. Okt., Nachmittags halb 4 Uhr. Welche weitere Unterhandlungen durch den Oberkomman­ten Meffeuhauser und den Gemeinderath wegen der Uebergabe der innern Stadt gepflogen, und von wel- chm Erfolg solche sein werden, muß uns die nächste Stunde zeigen. Nach der in der schönen und völlig verödeten Stadt herrschenden Stimmung ist das schreck­lichste nämlich ein Parteienkampf zwischen den friedli­chen, für die Regierung gutgesinnten Bürgern und den bewaffneten Freiheitskämpfern, die ihre Errungenschaf­ten auf das Aeuße,ste zu vertheidigen gesonnen sind, zu erwarten.

Ein Theil der Stadt- und Bürgergarden hatte be­reits Vormittags auf ihren Sammelplätzen die Waffen abgelegt, die aber in derselben Stunde wieder an andere Kämpfer vertheilt wurden.

In diesem Augenblicke wird die innere Stadt mit Kanonenschüssen und Congreveraketen, von dem Schwar- zenberg'ichen Palais, von dem Wiedner Freihause in der Nähe des Polytechnikums und von dec Mariahilfer Hauptstraße heftig beschossen und beworfen, wogegen nur wenig Kanonenschüsse aus der belagerten Stadt znrückgemacht da, wie ich mir die persönliche Ueber­zeugung schaffte, durch den sehr starken Wind die Ra­keten vertragen werden, nicht an den Ort ihrer Bestimmung gelangen, und größtentheils am Glacis oder in den Wallgraben liegen bleiben. Es ist 4 Uhr vorüber und das Beschießen der Stadt wird von den oben bezeichneten Punkten unausgesetzt unterhalten, ohne daß man noch irgend eine Flamme ausbrechen sieht. Aber so eben wird mir die Nechricht hinterbracht, daß eine zu weit an das Kärnthnerthor gerückte Avantgarde mit einer Kartätschenladung eines dort aufgestellt gewe­senen 18pfünder regalirt wurde, und außer einem dabei befindlich gewesenen General und seinem Adjutanten noch bei 40 Todte und Verwundete, meistens Kroaten, ihr Leben eingebüßt haben.

Von Kartätschenmunition ist in der Stadt noch der größte Vorrath, und den werden die Belagerten für die heranziehenden Soldaten wohl am sichersten und zweckmäßigsten zu benützen suchen. Nun ertönt der Ruf, es brennt die Burg, der Reichstagssaal; dabei das fortdauernde Kanoniren und daS Hineinwer- fen der Raketen, durch welche eben wieder das große und ichöne Palais des Grafen Kollowrath Cfrüherer Minister des Innern), in Flammen geräth nun sieht man das Feuer, welches am Josephsplatz nächst der Burg zum Himmel lodert, von hochgelegenen Häusern ganz deutlich.

Der Thurm der Augustinerkirchc, die zwischen dem Naturalienkabinet, der kaiserlichen Bibliothek und des Erzherzogs Albrechts Palais liegt, steht in vollem Brand, nebenhin alle Gebäude in lichterloh er Flamme, die auch an zwei anderen Orten heftig wüthet, und bei dem starken Nordwestwinde und der bereits einge­brochenen Dunkelheit die ganze Stadt zu verheeren droht.

Die Beschießung der Stadt hört auf, ohne daß man sich in den Vorstädten die Ursache dieses Still­standes zu er klären wefß, und der Meinung ist, daß Fürst Windischgrätz die'Erlaubniß ertheilte, der so hart bedrängten Stadt durch Löschungswerkzeuge aus den Vorstädten zu Hülfe zu kommen. Doch balo erfuhr man, daß die am GlaciS und den Brücken aufgestell­ten Soldaten weder eine Feuerspritze noch irgend Je­mand passieen lassen und neue Verhandlungen über die Uebergabe der Stadt im Zuge sind. Da alle Straßen der Vorstädte, die zum Glacis führen, durch das Militär abgeschlossen sind, so muß ich meinen west tern Bericht über dieses fürchterliche Ereigniß, durch welches der Kaiser seiner Hauptstadt und Residenz un­heilbare Wunden schlägt, für den morgenden Tag ver­schieben und nur noch beifügen, daß am verflossenen Sonnabend auch das Odeon , in welchem sich einige hundert mobiler Garden befanden, die auf die eindril^ gendcn Kroaten ein Kleingewehrscuer unterhielten, durch Letztere in Brand gesteckt wurde, und durch das ein- stürzende Dach und Gewölbe Alles was sich daran be­fand, nach einigen Mittheilungen bei 600 Menschen zusammenschmkttertk. Jede Verbindung mit der Leo-