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Beilage zu Nr. 233 -er Freien Zeitung

vom 10. November 1848.

Die Ereignisse in

ien vom LS Oktober bis zum 2. November.

Wiesbaden, 9. November.

Um unsern geehrten Lesern ein übersichtliches Bild der in Wien vor Kurzem stattgehabten welthistorischen Ereignisse zu geben, theilen wir nachstehende, der Allgemeinen Oder-Zeitung cnt- nommeue Berichte mit, und fügen diesen die aus jenen denkwürdigen Tagen herrührenden bedeu­tendsten Aktenstücke, theils vollständig, theils im Auszuge bei.

2 5.0 k t. Vor 2 Stunden ist Windischgrätz von Ollmütz zurückgekehrt und wird in Heßendorf mit Minister Kraus und dem ihn begleitenden Reichstagsdeputirten Brest! vor Beginn der angedrohten Belagerung Wiens, die nach Windischgrätz morgen um 12 Uhr Mittags, nach- Oberkommandant Messenhauser heute Abend um 9 Uhr erfolgen soll, noch eine letzte pazisizirende Unter­redung, von welcher jedoch allen Anzeichen nach kein erfreuliches oder günstiges Resultat zu gewärtigen ist, pflegen.

Den ganzen sTag dauern die Angriffe und Ver­theidigungen der Linienwälle und der in der Nähe be­findlichen Privatgebände fort, von beiden Seiten, be­sonders aber dort, wo böhmische Truppen zum Angriff kommen, wird mit außerordentlicher Erbitterung ge­kämpft und nichts geschont. Die große Maschinenfabrik von Specker und Comp. wurde durch Granaten vor einer Stunde in Brand gesteckt, das Feuer röthet den Horizont der ganzen Stadt. Kanonendonner und Klein- gewehrfeuer von 3 Batterien hört man seit 2 Stunden unausgesetzt.

26. O ft. Seit 6 Uhr früh hat wieder Kanonendonner be­gonnen auf'der Schmelz zwischen der Mariahilfer-Linie, in Schönbrunn ist schon 2 Stunden fortwährendes Plänkeln und Kleingewehrfeuer, die an Windischgrätz abgeschickte Reichstags-Deputation, bestehend aus dem Minister Kraus, den Deputirten Pillersdorf, Brestel u. m. kann bereits zurück sein, ob eS ihren Bemü­hungen gelungen ist, Windischgrätz zu einer friedlichen Ausgleichung zu bestimmen und ihm begreiflich zu ma­chen, daß in Wien keine Anarchie herrsche, bezweifelt man, sonst würde das Kanonenseuer, welches immer heftiger wird, auch schon aufgehört haben. Vor Ab­gang der Post werde ich darüber auch nichts mehr er- fahren können. Die Adresse des Reichstags an den Kaiser, worin die Zumuthung, den Reichstag aufzu­heben und sich bis 15. November d. I. in Kremsier zu versammeln, als unmöglich zurückgewiesen wird, kann nicht früher als heute Nachmittag nach Ollmütz beför­dert werden.

Den 27. Oktober, früh 9 Uhr. Der gestrige Nachmittag hat noch viele blutige Angriffe, die größ- tentheils durch daS nähere Anrücken der kaiserl. Trup­pen und die Besetzung des Praters und der daran sto­ßenden Auen herbeigeführt wurden, gezählt; die dabei gebrauchten Geschütze haben !große Verheerungen ange- richtet, in der Nähe des Praters am Donaukanal, die große Dampfmehlmühle, die Mack'sche Zucker-Raffinerie, einen großen Zimmerplatz mit vielem Bauholz, Kohlen­magazine eingeäschert, auch in der Gegend des Au­garten ein bedeutendes Brennholz-Depot in Brand ge­legt.

Die Kroaten, welche in der Gegend von Simme­ring (eine halbe Stunde außer Wien) über die Donau übersetzten und dadurch in den Prater gelangten, be­fanden sich ganz unvermutet in der Leopoldstadt, zu­nächst der Nordbahngebäude, und nahmen zuerst von der Dampfmehlmühle Besitz, wo sie nach mehreren hef- rigen Angriffen der Legionäre, der mobilen und frei­willigen Garde auch hinausgetrieben wurden, nachdem sie die Gebäude in Brand gesteckt hatten. Heute in der Nacht ist es auch unseren, den größten Muth bewei­senden Bewaffneten gelungen, die Kroaten (größtentheils Nothmäntel, Sereszaner) ganz aus den Pratergehölzen zu vertreiben, und seit 5 Uhr hat die Kanonade und daS Kleingewehrfeuer wieder aufgchört, und man sieht den Ereignissen des heutigen Tages mit banger Er­wartung entgegen.

Bis Abend wird die mit der an den Kaiser abge­sandten Adresse betraute Reichstags-Deputation: Pillers­dorf, Potocki, Fischhof und Prato, welchen sich auch Minister Krans angeschlossen, von Ollmütz zurücker­wartet.

General Bem, Oberkommandant Meffenhauser, Fenneberg, Tausenau, Schütte u. m. A. will Windisch­grätz ausgeliefert haben. Heute früh hat ein Garde

einen Diener des Latour, welcher ssich bewaffnet im Lager des General Bem aufhielt und des Spiontrens verdächtig gewesen, festgenommen.

Neuerdings^kommen Zusicherungen von der ungari­schen Armee an der österreichischen Grenze, die dahin lauten, daß es bis jetzt nicht möglich war, die star­ken Verschanzungen und Stellungen der kasserl. Armee zu durchdringen, man aber gewiß sehr bald dem be­drängten tapfern Wien Hülfe schaffen und bringen werde.

Windischgrätz hat aus der Haase'sche Buchdruckerei in Prag eine Schnellpresse und das dabei zu benöthi- gende Arbeitspersonal bei seinem Hauptquartier in Be­nützung.'

Den 28. Oktober, 7 Uhr früh. Seit 24 Stunden ist in unserer belagerten und so hart bedräng­ten Stadt einige Ruhe eingetreten- man weiß hiefür verschiedene Ursachen anzugeben, von denen mir die wahrscheinlichste ist, daß das ungarische Heer endlich doch einen Angriff auf die stark verschanzt gewesenen Jellallich'schen Truppen gemacht, welcher eine Concen- trirung der Belagerungsarmee, die sich aus der un­mittelbaren Nähe von der Stadt wieder zurückgezogen hat, veranlaßt. Nur der Prater wird noch von Kro­aten und auch regulärem Militär stark besitzt gehalten, und heute soll noch ein forcirter Angriff auf diese Stellung, die die Vorstadt Leopoldstadt und einen Theil der Noß-Au gefährdet, gemacht werden, um den Feind, welcher so viele und große Gebäude in Brand gelegt, aus den Pratergehölzen, den Nordbahngebäuden, und anderen großen Häusern, worunter auch die 6 Stock­werk hohe Dampfmehlmühle gehört, hinaus zu treiben. Dies wird eine sehr blutige Arbeit werden, und wenn unsere tapferen höckstZnuthigen Mobilen, Freiwilligen und Garden nicht siegen, so muß die schöne Leopold­stadt noch größeren Verwüstungen Pieis gegeben und das Eindringen des rachedürstenden Feindes, durch die Wälle der inneren Stadt, durch die Demolirung sämmt­licher Brücken, welche über den Donaukanal führen, zu verhindern gesucht werden.

So eben wird mit Trommelschlag in den Vor­städten allarmirt, und alle wehrfähigen Männer aufge­boten, sich bis früh 9 Uhr zu einem Hauptangriff ge­gen Windischgrätz und Jellallich zu rüsten. Dies beweist, daß es der in der Nacht rückgekehrten Depu­tation nicht gelungen ist, den Kaiser zu bewegen, den Vorstellungen des Reichstages Gehör zu schenken.

Daß die ungarische Armee mit 30,000 Mann Kerntruppen seit dem 24. d. Mts. sich auf österreichi­schem Boden befindet, und bei zweimaliger Aktion ge­gen Jellachichs und Auerspergs Truppen nicht näher an Wien rückten, sich daher zurückziehen mußte, bestä­tigt sich; man glaubt, daß sich das Gros der Armee mit der mittlerweile nachgsrückten Reserve, die beinahe 20,000 Mann stark ist, und am 26. schon in Wiesel­burg lagerte, verbinden und dann auf Jellallichs gut und stark verschanztes Lager einen Hauptangriff machen werde, was aber morgen, wenn Wien Hülfe von die­ser Stelle kommen soll, geschehen mußt.

Ueber den gestörten Postenverkehr wurden die man­nigfaltigsten Vorstellungen an die Minister Kraus und Wessenberg gemacht, die bis heute, wie aus dem bei­liegenden Erlaß des Hofpostamts zu ersehen, bis jetzt unerledigt geblieben ist.

Windischgrätz hat heute früh dem Gemeinderath be­kannt gemacht, daß noch Vormittags der Angriff der Stadt schonungslos erfolgen werde, daß bei seinem Einzug und der Besitznahme der Stadt alle Hausthore sogleich geschlossen und diejenigen Häuser, aus welchen seinen Truppen eine feindliche Demonstration zu Theil wird, uunachsichtlich mit Demolirung und schonungs­loser Plünderung bestraft werden.

Diese Zeilen, es ist 10 Uhr, schreibe ich bereits unter heftigem Kanonendonner. Der regelmäßige Abgang der Posten soll vor einer halben Stunde be­schlossen worden sein. Außer der Wiener Zeitung mit den entstellten lügenhasten Berichten dèr flüchtigen cze- chischen Reichstags-Deputirten ist keine Zeitung er­schienen. Diesmal wird entschieden, ob die Freiheit und die gute Sache siegt, und damit die Habsburg- Lotharingische Dynastie zu Grabe getragen wird.

In diesem Augenblick erläßt der türkische Botschaf­ter, der unter allen fremden Diplomaten am längsten in Wirn geblieben, und heftig und energisch gegen die Belagerung protestirte, mit seinem ganzen Gesandtschafts- personale und den reichsten hier befindlichen türkischen Unterthanen, die hier domiziliren, unter einer starken Eskorte der berittenen Nationalgarde die Residenz, cs sind 16 Wagen. Das Kanoniren wird immer stär­ker, ich muß auf den Sammelplatz und von da auf den Linienwall nach Mariahilf.

Den 28. Oktober, 8 Uhr Abends. Von 10 Uhr früh bis 7 Uhr Abends dauerte der bei allen Barrieren Wiens zu gleicher Zeit geschehene Angriff der kaiserlichen Truppen und die wirklich heldenmüthige Vertheidigung unserer Volkswehr unausgesetzt uud un­ter dem heftigsten Kanonendonner, Kartätschen und Klein- gkwchrscuer fort; in der Leopoldstadt, das ist von der Seite der Brigittenau und des Praters, die von dem Militär schon seit 3 Tagen besetzt gewesen, war der Andrang am heftigsten, da auch die Straßen in dieser Gegend am besten verbarrikadirt und von den mobilen Garden gegen die andringenden Soldaten, größtentheils Böhmen und Jäger, heldenmüthig vertheidigt wurden. Die fortwährende Verstärkung, welche das Militär durch seine Reserven erhielt, mußte den Muth unserer schon 8 Stunden in unausgesetztem Kampfe stehende Freiheits­kämpfer lähmen, und da ihnen auch die Muniton für die Artillerie-Geschütze mangelte, so waren sie genöthigt, sich zurückzuziehen und aus den Häusern ein gutes Tr'- ralleurfeuer zu unterhalten, konnten aber doch nicht das weitere Vordringen des erbitterten Feindes abhalten, so daß sich derselbe gegenwärtig fast ganz im Besitze der Leopoldstadt befindet und von der inneren Stadt nur durch den Donaukanal getrennt ist. Dies war auch die Ursache, daß der General Bem den Befehl gab, die zum Rothenthurmthor führende Ferdinandsbrücke abzubrennen und die Bastionen und Stadtwälle mit vielem Geschütz zu besetzen. Von der Belvedere-Linie und der zu St. Marr, welche erstere zu den Bahn­höfen der Südbahn, letztere auf die ungarische Com- merciell-Hauptstraße führt, mußten unsere Garden, we­gen Mangel an Artillerie-Munition ebenfalls abziehen und den Belagerern freigeben, die solche aber nur zur Vorschiebuug eines deutschen Grenadier-Bataillons be­nutzten, was seit einer halben Stunde wieder mit einer Batterie Sechspfünder und etwas Wurfgeschütz in dem Schwarzenberg'schen Sommerpalais, vor wenigen Ta­gen das Hauptquaiticr Messenhauser's, am 9. Oktober das von Auersperg gewesene, kampirt. Alle übrigen Punkte der Liuienwälle und Barrieren werden mit außerordentlichein Muth und Aufbietung aller dem Ge­neral Bem und Meffenhauser zu Gebote stehenden Mittel vertheidigt; in den Hauptstraßen der Vorstädte sind treffliche und zahlreiche Bar, ikaden aufgeführt, und wenn es dem Gemeiuderathe nicht gelingen sollte, eine ehrenvolle Capitulation mit Windischgrätz zu Stande zu bringen, so haben wir eine grauenhafte Belagerung der inneren Stadt und einen fürchterlich blutigen Straßen­kampf zu gewärtigen. Der ganze nächtlicheHorizont ist von den in den Vorstädten aufwirbelnden thurm- hohen Flammen geröchet. Das Feuer macht schreckliche Verheerungen, das Sturmgeläute, das wieder begin­nende Kleingewehrfeuer, die Kartäschenkugeln, die dicht vor meiner Wohnung auf dem Granitpsiaster platzen, zwölfpfündige Kanonenkugeln, die die Dachstühle der nebenstehenden Häuser zerschmettern, ist nicht mit Wor­ten zu beschreiben, und wird wahrscheinlich daS Grab- geläute der Habsburg-Lothl logischen Dynastie sein, die sich du ch diese grausame Handlungkw.'ise für Oester­reich eben so unmöglich, wie für die Lombardei, die venetianischen Staaten und Ungarn gemacht hat. Ich bezweifle, daß Kaiser Ferdinand je m hr sein schönes Wien und die auf das Aeußerste gereizte Bevölkerung der Hauptstadt sehen wi d.

Ein Akademiker sprengt durch die Straßen und bittet, nur noch 12 Stunden im Kampfe auszuharren, da der Angriff der ungarischen Armee gegen Jellachich'ö Truppen auf zwei Seiten stattsindet, und die Husaren gewiß bald den kaiserlichen im Rücken und in die Flanke kommen werden. Dies wird den Much unserer braven Kämpfer neuerdings beleben, obgleich diese schon so oft gehegten Hoffnungen und Erwartungen bisher immer getäuscht wurden.

Man bringt die Nachricht, daß auf die Garden, welche bei dem auf den Bastionen der inneren Stadt ausgestellten Artilleriegeschütz die Wache halten und den Dienst versehen, aus den Häusern geschossen wird, wahr­scheinlich um die an die Wälle anstoßenden Gebäude vor dem Belagerungsgeschütz zu wahren. Diese schändliche Hinderlist und Treulosigkeit würde der rak- tionären Partei, deren Zahl noch, ohngeachtet sich ein großer Theil flüchtete, bedeutend ist, den Todesstoß vei- setzen und eine gräßliche Metzelei herbeiführen.

Kraus und Pillersdorf haben Minister Wessenberg erklärt, daß die dem Kaiser nach Ollmütz überbrachte Adresse keiner Antwort bedürfe, da der Kaiser in seinem Manifeste vom 19. Oktober ohnehin den in Wien ta­genden Reichstag in allen, diese Völker-Rcpräientation zustehenden Rechten anerkannt und bestätigt habe.

Außer Eier und Milch fühlt Wien noch kein we­sentliches Bedürfniß an Lebensmitteln. Frisches Fleisch wird noch für acht Tage genügen, mittlerweile wird