Ulysses von Dirckinck-Holmfekd eine Audienz ertheilt, und aus dessen Händen das Königliche Schreiben ent- gegengenommen, welches in entsprechender Weise die, durch den Gesandten Herrn Banks nach Kopenhagen beförderte amtliche Benachrichtigung wegen Errichtung der provisorischen Centralgewalt für Deutschland beantwortet.
Karlsruhe, 4. Nov. In der gestrigen Sitzung der badischen zweiten Kammer wurde der Bericht der Petitiönskommission üb?r die Amnestiepetitionen vorgelegt. Es sind 240 Petitionen in diesem Betreff ein- gekommen, welche eine unbedingte Amnestie für alle politischer Verbrechen «»geschuldigten verlangen. Der Commissionsantrag geht dahin: Es wolle die Kammer die vorgelegten Petitionen „um Amnestirung sämmtlicher politischer Verbrechen Angeschuldigter Personen in Baden" in Beziehung auf die Theilnehmer an dem Hecker'schen Aufstande,—mit Ausnahme der vorzüglichsten Anstifter und Leiter desselben, sowie aller derer, die sich zum zweitenmal? an einem aufrührerischen Unternehmen beth eil igt haben, nachdem sie zuvor im Verlaufe dieses Jahres amnestirt worden sind, — dem großherzoglichen Staatsministerium empfehlend überweisen. — In der heutigen Sitzung wurde das Gesetz über die Forterhe- bung der ordentlichen Steuern auf 6 Monate und der außerordentlichen auf 3 Monate mit allen Stimmen gegen zwei angenommen. Ein Antrag von Junghanns, in dem Titel des Großherzogs die Worte „von Gottes Gnaden" zu streichen, blieb für einstweilen ohne Resultat. (O.-Z.)
Berlin, 6. Nov. Gestern Vormittag fand das feierliche Leichenbegängniß des am Abend des 31. v. M. vor dem Schauspielhause tödtlich verwundeten und in Folge der Verwundung gestorbenen Maschinenbau- arbeiters statt. Der ganze Maschinenarbeiter- Verein, bewaffnet, sowie viele Abtheilungen Bürgerwehr, darunter Herr Rimpler, die Clubs, Vereine, Gewerke mit Fahnen und klingendem Spiele, bildeten den großartigen Zug, der von der Garteustraße aus nach dem Jerusalemer-Kirchhofe seinen Weg nahm. Am Grabe hielt Herr Mai die Rede. (B.Z-H.)
Bielefeld. Auch in Westpfalen regt sich der demokratische Geist gewaltig. Am 22. Oktober fand in Brockenwerde, Kreis Bielefeld, eine Volksversammlung von vielen Tausend Menschen statt, wobei eine, für die Versammlung in der Paulskirche nicht sehr schmeichelhafte Adresse beschlossen ward, welche zugleich ein Mißtrauensvotum für den Abgeordneten von dort, O.-L.- G.-R. Schreiber, enthält. In der Adresse wird gesagt, daß die National - Versammlung ihrer Mehrheit nach das Vertrauen des Volkes verloren habe, indem sie im Innern die Freiheit deS Volkes durch Soldaten unterdrücken lasse, nach Außen Deutschland verhaßt und verachtet mache; sie habe, wird ferner erklärt, unter dem Namen der deutschen Einheit eine Erecutivaustalt gegen alle freien Regungen im Volksleben geschaffen , die schlimmer sei, als der alte Bundestag. Dann werden die Mitglieder aufgefordert, daß sie ihr Mandat in die Hände des Volkes zurückgeben.
Das Mißtrauensvotum an den Abg. Schreiber lautet: „Der Deputirte unserer Gegend, der Oberlandes- gerichtsrath Schreiber, sitzt auf der Rechten dieser Versammlung, welche die Revolution verläugnet und ihre volksfeindlichen Gesinnungen bei jeder Gelegenheit zu erkennen gibt; wir fordern ihn auf, sein Mandat in die Hände seiner Wähler zurückzugeben, weil er ihr Vertrauen nicht mehr besitzt, zuvor aber den Antrag an die hohe Nationalversammlung zu stellen: sofort neue direkte Wahlen zur Bildung eines neuen constituirenden Parlaments anzuordnen, bis zum Zusammentritt dieser Ver- . sammlung sein Mandat aber fortzuführen.
Zerbst, 31. Oktober. In den anhaltischen Ländern circulirt jetzt überall ein energischer Protest gegen die ■ Mediatisirung des Herzogthums Anhalt, welcher in den Städten und auf dem Lande mit Unterschriften bedeckt wird.
Die Ereignisse in Wien.
Wien, 2. Nov. Die Stadt ist noch fest gesperrt; Passirscheine hinein gelingt es zu erhalten, immer aber mit dem Vorbehalt, daß die Rückkehr vor vollständiger Eröffnung der Passage nicht verbürgt werden könne. So streng wird verfahren, daß gestern Nachmittag ein Oberlieutenant versicherte, eine junge Dame habe nicht . in seiner Begleitung nach unserer Vorstadt gehen dürfen. Gestern 5 Uhr flaggte die schwarzgelbe Fahne am ; Stephansthurm, begrüßt mit Hurrahs und von dem Musikchor mit dem Kaiserliede. General Bem und der Oberkommandant Messenhauser haben sich bis jetzt allen Nachforschungen entzogen. Die überaus große . Masse der Gefangenen wird sogleich gesichtet. Einige i Tausende werden in kurzer Frist als Soldaten den Feldzug gegen die Ungarn mitmachen und dies Loos muth- maßlich allen Kravirten von der akademischen Legion beschützen werden. Seit gestern hören wir wieder die Glocken, die 14 Tage l^ng nur zum Sturme heulten, im frommen Kirchengeläut. Die Kommunikation auch zwischen den Vorstädten ist sehr erschwert, nur Lebens- nli'ttkl läßt man leicht einbringen. Nach allen den genommenen Maßregeln scheint es, als fahnde man noch auf viele Individuen, deren Entkommen um jeden Preis verhindert werden soll. Heut vor 14 Tagen erhielt ^^^n Bries aus Schlesien und sah die letzte Breslauer Zeitung. Und welche verhängnißvollen 14
Tage! In der That, man muß diese Zustande durchgelebt haben, um ihre Möglichkeit zu fassen! In Ol» mütz hatten sich vor einigen Tagen einige 80 Reichstags - Mitglieder zusammengeftmden, 30 Stimmen eingerechnet, welche die Herren Palaczki, Pinkas und Hawiiczeck vertraten. Man scheint mit Herrn Mosle und Wilcker getagt zu haben. Die Zurücknahme der Prorogation des Reichstages bis zum 15ten hat der Kaiser, wie dies nicht anders sein konnte, abgelehnt, dagegen sich in Bezug auf die Verlegung nach Krem- jrr die Erwägung der in der Vorstellung des Reichstages dargelegten Gründe Vorbehalten — eine Antwort, nach der mit hoher Wahrscheinlichkeit zu glauben, daß das schwer geprü te Wien den Reichstag in seinen Mauern behalten wird. Die Besatzung von Wien soll auf 30,000 Mann vorläufig bestimmt sein und Fürst Windischgrätz die Entscheidung wegen dec dem Kriegsrechte Verfallenen auf drei Tage Hiuausgeschobcu haben.
Der Reichstag hat sich von selbst aufgelöst, da am Montag nur noch 60 Mitglieder vorhanden waren. Fürst Windischgrätz und Bau Jellachich sind mit ihren Hauptquartiere», ersterer in Schönbrunn und letzterer mit dem (einigen in den Palast des Erzherzogs Mari- mtlian d'Este. Die innere Stadt, sowie im Theil der Vorstädte, bietet an mehreren Orten ein Bild der Zerstörung dar. Seit gestern gehen die Posten ab, und man hofft, daß die Oeffnung der Stadtthore bald statt- finven dürfte. Von Verurtheilung der Schuldigen weiß man bis heute nichts. Die meisten Gefangenen sind in den Kasernen und auch im Hauptquartier.
Wien, 2. Nov. Von 3^ bis 5% Uhr überschüttete die Stadt ein Kugelregen, und als die weiße Fahne auf dem Stephansthurme wehte, und um 6 Uhr die Truppen durch das Burgthore einigen, brannte die Augustmerkirche und das Dach der k. Hofbwliothek in hellen Flammen; mehrere andere Gebäude an der Bastei loderten gleichfalls auf. Man hoffte jedoch die Hofbibliothek zu retten. (Sie ist nach den letzten Nachrichten gerettet.) Die Brandraketen haben außerdem an vielen Octen gezündet, wo jedoch glücklicherweise gleich gelöscht werden konnte. So geschah es unter Anderm in einem Hause der Singerstraße, dessen Dachstuhl 2 Brandraketen heimgesucht haben. Mehreren öffentlichen Gebäuden wurde sehr übel mitgespült, z. B. dem Gebäude des Ministeriums des Aeußern, wo beinahe kein Zimmer im ersten und zweiten Stocke ohne Meckzeichen geblieben ist. In einem Bureauzimmer hat eine unartige Zwölfpsünderkugel gräuliche Zerstörung angerichtet, der Schreibtisch ist in Stücke geschlagen, eben so mehrere Stühle.
Wien, 3. Nov. Graf Sedlnitzky wird sich freuen, daß man zu seinem System zurückzukehren auf dem besten Wege scheint. Es aber nur 14 Tage sestzuhalten, möchte etwas schwieriger sein. Zeitungen scheinen seit dem 28. Okt. gar keine erschienen zu sein. Und doch sagte Fürst Windischgrätz in seiner jüngsten Proklamation: die Presse solle nur vorläufig beschränkt sein. Heißt dies stumm sein, oder haben sich die Journale geweigert, unter militärischer Censur zu erscheinen? Wir könnten letzteres nur billigen, aber die ganze deu tsch e Presse wird die Forderung stellen, daß man die Organe der größten Stadt Deutschlands nicht länger in einem Zustand lasse, wo zu schweigen ihnen die Ehre geböte.
Die heutige Aüg. Ztg. schreibt: Wie man auch die dortigen Ereignisse beurtheilen mag, die Bevölkerung Wiens hat einen Muth und eine Todesverachtung bewährt, welche goldene Früchte für die Zukunft des Vaterlandes tragen werden, wenn sie Bürgen sind für ein neu erstehendes deutsches Bürgerthum. Die Stellung, welche sie eingenommen hatte, war unhaltbar, aber die Regierung wird, trotz ihres Sieges, sich wohl hüten müssen, die Stadt fortan für unwürdig zu erklären, den konstituirenden Reichstag und den sich vorbereitenden Congreß der Völkerstämme der Monarchie in ihrer Mitte zu sehen.
Wien, 3. Novbr. (B. Z.-H.) Der Zustand der Stadt wird non Stunde zu Stunde unerträglicher; es scheint, als ob eine schwere bleierne Wucht auf dem unglücklichen, so hart geprüften Wien läge. Nachdem wir durch 14 Tage mit beispielloser Härte und Konsequenz von der Außenwelt abgesperrt wurden und und wie in einem Grabe bewegten, nachdem wir alle Gräuel einer barbarischen Kriegführung, Brand, Mord und Plünderung zu erfahren hatten, wird dasselbe Wien, welches durch seinen Muth, durch seine Ausdauer jedem würdigen Gegner Achtung abgewonnen hätte, nun, nachdem es besiegt, mit wahrhaft teuflischer Tücke gequält und erdrückt. Wir hatten zwar in den letzten Tagen Gelegenheit an dem sonst gerühmten chevaleresken Character des Fürsten Windischgrätz zu zweifeln, nachdem derselbe verlangte, das besiegte deutsche Wien müsse die schwarzgelbe, hier so sehr verhaßte Fahne auf dem Stephans- thurme aufstecken, aber daß derselbe sich so ganz dem persönlichen Nachegefühl hingeben werde, daß er uns mit raffinirter Wollust die Schwere seines eisernen Armes werde empfinden lassen, dies hätte ich nie von einem ergrauten Krieger erwartet. Seit drei Tagen ist Fürst Windischgrätz als Sieger hier eingezogen, seit derselben pfit sind auch die Thore der Stadt gänzlich abgesperrt, so daß eS nicht möglich ist, in irgend eine Vorstadt zu kommen. Bedenken Sie, wie innig die Stadt mit den Vorstädten verknüpft ist, wie viele fast unzählige Fami
lien als Flüchtlinge aus den Vorstädten sich in der Stadt aufhalten, und Sie werden das Drückende dieser Maßregel erkennen. Das Abreisen ist gänzlich unmöglich, und selbst Deputirten wurde der Passirschein verweigert. Das Postamt ist in den Händen des Militärs, drei Generale sind mit der Ausfertigung von Thorpassirscheinen für „unbedenkliche" (!) Frauenspersonen beschäftigt; sie üben dieses Geschäft mit aller Rohheit. Ein mir befreundeter Arzt bat um einen solchen Passirschein, um daS ihm unterstehende Spital in einer Vorstadt besuchen zu können, er führte alle Gründe der Humanität zur Unterstützung seines Ansuchens an, und erhilt von einem General die Antwort: „es sind schon mehr Leute gestorben, es fönen auch diese Kranken sterben." Die Verhaftungen werden immer zahlreicher, man bemüht sich gewaltsam, der abgenutzten Idee einer Verschwörung Geltung zu verschaffen, und einige ganz unbedeutende, anfällig aufgegriffene Individuen sollen die Erhebung einer ganzen Stadt entgelten. — Die persönliche Sicherheit ist gänzlich vernichtet, es geschah bereits Mehreren, die ich kenne, daß sie auf der Straße auf den Wink eines Offiziers verhaftet romben. Das Spionirsyftem wird kräftig gehandhabt. Noch weniger ist das Eigenthum gesichert, die Kroaten üben den Com- muniömus praktisch, indem sie ohne Weiteres Brieftasche und Uhr auö der Tasche nehmen; ich kann dies durch Fakta, die ich selbst erfahren, darthun.
Jellaryich hielt gestern an der Spitze seiner Nothmäntel seinen Triumphzug durch die Stadt. Der Auzug dieser wilden Horde in ihrer abentheuerlichen Kleidung 'machtecinen höchst unangenehmen Eindruck. Noch schmerzlicher war es, von deutschen Truppen, die auf oer Straße campirten, das Vivatru- fe.n zu hören, und zwar in slavischer Sprache. Die Straßen sind von Truppen bedeckt, die Aula von allen Seiten durch bedeutende Truppenkö.per abgesperrt. Wer in der Nacht durch die sonst so freundlichen Straßen Wiens geht und die campirenden wilden Figuren, von* Wachtfeuer beleuchtet, sicht, den ergreift ein Schauer, welcher durch die Dunkelheit der Straßen (die Gasbe- reitungsapparate sind vom Militär zerstört) noch gesteigert wird. Posten sind seit 2 Tagen angefommen, doch darf keine Zeitung ausgegeben werden. — Am widrigsten berührt einen jeden die aus dem Lager datirte Darstellung der Wiener Ereignisse, welche damit schließt, die Proletarier hatten die Hofbibliothek an- gezündet. Man weiß nicht, soll man über eine so erbärmliche Lüge lachen oder wüthen. Wohl hat Herr- Fürst Windischgrätz das Privilegium des gedruckten Wortes für sich allein in Anspruch genommen, aber die vielen Brandraketen, welche am Josephsplatz nur wenige Schritte von der Burg gefunden und von den Bewohnern aufbewahrt wurden, sind doch kräftigere Documente als die Versicherungen des Fürsten Win- dischgräß. Zum Ueberflusse will auch der Custos des Kabiaers beweisen, daß er die Entstehung des Brandes durch eine hereingeschleuderte Rakete gesehen habe.
Italien.
Voa der italienischen Gränze, 1. Nov. (M.J.) Das Vorparlament zu Turin ist den stürmischen Verhandlungen der piemontesischen Kammer gegenüber ganz in den Hintergrund getreten; dagegen beschäftigt man sich jetzt in ganz Italien mit dem Gedanken einer konstituirenden Nationalversammlung. Das Volk hat denselben überall mit Begeisterung aufgefaßt, die Regierungen aber haben bis jetzt noch keine Neigung an den Tag gelegt, denselben zu verwirklichen. Nur der Großherzog von Toscana und die sicilianische Regierung ft ab dem Projekte beigetreten. Ersterer ist von seinem neuen radi- ealen Ministerium, Montanelli Guerrazzi, dazu bestimmt worden. Dagegen haben Karl Albert, der Herzog von Modena und der König von Neapel den Beitritt theils abgelehnt, theils die Ausflucht gebraucht, daß erst Friede sein müsse, ehe man an ein solches Werk gehen könne.
Aus Turin vom 28. Oktober berichtet der „National Savoisien", daß der italienische Congreß, der am 28. durch eine Rede Sterbim's geschlossen wurde, den Entwurf einer italienischen Bundcsaktc angenommen habe. Unter den Mitgliedern that sich der Fürst v. Sanino, Sohn des verstorbenen Lucian Bonaparte, dadurch hervor, daß er den Entwurf, welcher einen Fürstenbund aufstellt, in allen Artikeln bekämpfte, weil er kein Vertrauen in die Fürsten setze.
F r a n k r e ich.
Paris, 6. Novbr. Der „Courier" schreibt: „In der Stunde, wo wir dies schreiben, tu findet sich die Stadt Wien wahrscheinlich schon in der Gewalt der Lieutenants des Kaisers, die sie vielleicht der Plünderung und den Flammen überliefern. Das ist ein großes Unglück, aber auch nichts weiter als ein großes 11 n* glück. Die Einnahme Wiens ändert an der eigentlichen Frage, wie sie durch die Wiener Revolution gestellt ist, "gar nichts. Sie ist nur ein erster Auszug in dem großen Drama, das uns der Sturz des österreichischen Reiches bieten wird. Aus den Proklamationen Jettachichö sieht man klar, daß es sich um Erstickung des deutschen Elements handelt, um auf seinen Trümmern das langersehnte Slavenreich zu gründen."
— (Napoleonistisches Ministerium.) Diesen Vormittag kam uns folgende Ministerliste zu Gesicht, die unter den Händen einiger Anhänger des Erprtnzen zirkulirte. 1) Thiers, Vizepräsident der Republik.