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^U 2Z2. Wiesbaden. Donnerstag, S. November 18^8.

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Die .Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden I fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Inserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

Wiesbaden, 8. November.

Exoriare aliquis nostris ex ossibus uttor!

(Aus unserm GebeinZrird ein Rächet erstehen.)

Wien ist also verloren!

Radetzky hat Mailand gezüchtigt, Jellachich Ungarn zerrüttet, Windischgrätz Prag gede- müthigt und nun wirft sich die ganze Macht der Soldateska auf daS heloenmüthige Wien, und zerstampft es. Ja zerstampft es, denn das Elend der Wiener soll namenlos sein, selbst die Ober-Postamts-Zeitung schreibt so.

Die Aula, diese Weihestätte deutscher Freiheit, dieser Tempel deutschen Heldenmuthes sie ist geschändet. Die Wiener Studenten, die Vorkämpfer für die Ein­heit und Freiheit Deutschlands sie sind verrathen, zersprengt, vernichtet. Triumph! jauchzeu die Knechte des Despotismus, Triumph die feilen Diener des Mam­mon, Triumph die Slaven, deren Freund Herr Bassermann, den sie den badischen Brutus nennen.

Wien war den Nachtvögeln lange ein Dorn im Auge, sie haben es zu Grunde gerichtet und die Aula, auf welche die Camarilla ihren glühendsten Haß gewmfen, auch sie ist geschlossen. Ist auch der Tempel der deutschen Freiheit nunmehr geschlossen?

O täuschetEuch nicht! täuschet Euch nicht!

Die Freiheit des Vaterlands hat viele, viele edle Märtyrer gewonnen uno aus ihrem vergossenen Blute, wild nur frischer und grünender der Fmheitsbaum er­stehen.

O täuschetEuch nicht, täuschetEuch nicht!

Wenn die Stadt Paris in Fesseln gelegt wird, so liegt Frankreich in Ketten.

Anders ist die Sache in Deutschland. Wenn in Deutschland in Wien der- 2> pou. miS siegt, so wird er gevemülhigt in Berlin, diese, ach: deutschen Stadt. Und sollte auch Berlin vernichtet werden, dann hat die Freiheit in Deutschland noch viele Stätten, wo sie eine sichere Zuflucht finden wird. Sie wird eilen auf's platte Land, sie wird sich wenden an die Bauern, wenn dem Städter daö Schwert entrungen ist, sie wird flüchten in die kleinen Staaten, wenn der Frei­heitsdrang der großen Staaten erdrückt ist.

O täuschetEuch ni$t, täuschetEuch nicht!

Ihr habt zwar gesiegt, aber doch seid ihr unterle­gen. Ihr habt Oesterreich zum Slavenreich gemacht, den deutschen Habsburger zum Kaiser der Slaven. Eine ewige Kluft habt ihr gegraben zwischen den verschie­denen Nationalitäten in Oesterreich, für immer die ver­schiedene Sprachen redenden Völker getrennt und so ge­rade die edlen Deutschen in Oesterreich in unsere Arme, in die Arme Deutschlands geführt.

Der Krämer und der Jesuit.

(Aus demDeutschen Bauernbuch" von C. A. Schloenbach.)

(Fortsetzung.)

Der Melzer war schon dem ganzen Dorfe aus dem Herzen gerissen, ehe das Dorf es wußtet es ging damit wie mit den Predigten: die Leute glaubten, der Pfarrer spräche vom Melzer immer noch so wie anfangs und der Mèlzer' selbst merkte auch noch nichts, denn pinestheils glomm das Feuer noch still unter der Asche und die Leute mußten bei ihm kaufen und einkehren, weil sonst keine so wohlfeile und gute Krämerei und Wirthschaft im Dorfe war; andcrnthcils war der Pfarrer immer gleich freundlich gegen ihn, wenn derselbe in sein Haus kam unb dies geschah oft; und immer schied er mit Glückwünschen über das seltene Glück dieser gemisch­ten Ehe, so daß er volles Vertrauen darin gewonnen hatte. Was er auf der Kanzel sagte, war dem Melzer ganz einerlei; er dachte:Der Mann hat da so seine Ansichten, ich will ihm die nit verdammen; aber ich will sie auch nit hören; wenn er mich und meine Frau und Kinder damit in Ruh läßt, und das thut er ja, warum soll ich ihn denn nit gern haben?" Als der Pfarrer so weit gekommen war, ging er auf zwei Wegen seinem Ziele näher: Zuerst faßte er die Frau deS Mel­zer in's Auge; doch auch hier mußte er sehr vorsichtig sein; denn er hatte es mit einer verständigen, ziemlich aufgeklärten und ungewöhnlich liebenden Frau zu thun.

V Also ist die Veto-Frage doch nicht so ganzunpraktisch" gewesen, wie die Rechten" behaupten wollten.

Motto:Probirt geht über studirt."

Leisler.

Erinnert Ihr Euch noch der Kammerverhandlungen über das Veto, d. h. zu deutsch über das Wiverspruchs- recht der Regierung? Es ist jetzt ein Vierteljahr her, daß sie stattgefunden haben. Die Linke auf unserm Landtag hatte damals den Antrag gestellt:

die Kammer möge beschließen, daß der Regie­rung ein Wideespruchsrccht (Veto) im Sinne der alten Verfassung nicht zustehe, daß es ihr aber überlassen bleibe, einen Gesetzesentwurf über ein Aufschiebungsrecht'(H^Speusiv-Vcto) der Kammer vorzulegen."

Dieser Antrag fiel durch, Dank den Stimmen der Unflaten und Urtheilslosen, welche sich auch hier, wie gewöhnlich, in die Arme derWartei warfen, welche grade zufällig am Ruder ist.

Wir wollen uns hier nicht auf eine neue Darlegung und Beurtheilung der geschichtlichen und staatsrechtli­chen Gründe einlassen, welche damals von beiden Sei­ten vorgebracht wurden, sondern nur zwei praktische Gesichtspunkte hervorheben, welche damals von der rechten Seite der Kammer beständig der Partei der Unklaren und Urtherislosen vvrgerilten wurden und wohl (zunächst nach den Uederzeugungsgründen", welche eine materielle Natur haben) am meisten dazu beigetragen haben, die Majorität vom 13. Juli zu- sammenzutrommeln.

Der Ministerialpräsident Hergenhahn warf be­ständig der Linken vor, für vergeude die kostbare Zeit annutzlosen" Prinzipfragen, dasVolk" verlange aber ganz andere Dinge, dasVolk" wolle nicht über staatsrechtliche Fragen gestritten haben, wie über das Widerspruchsrecht (Veto) der Regierung, dasVolk" sthe mit Ungeduld den neuen Gesetzen, über Zehnt­ablösung u. s. w., entgegen, dieLinke" handele also durch Aufnahme des Streites über das Veto gegen dieWünsche des Volks."

Die Herren von der Rechten aber (namentlich Großmann, Leisler, Gergens und Consorten) versicherten beständig, das angebliche Widerspruchsrecht der Regierung sei ja eine bloße Seifenblase; wer sich vor dem Veto fürchte, der habe eine bloßeGespenfter- furcht"; die Kammer habe ja das Recht der Steuer- verweigerung, womit fie die Regierung zu Allem zwin, gen könne; sobald sie den Geldbeutel zuhaite, müsse die Regierung doch nach ihrer Pfeife tanzen u. s. w.

Mit dem Steuerverweigerungsrecht zur Seite", so sagten die mutigen Herren, die an keine Gespenster glauben,mit dem Steuerverweigerung er echt zur Seite fürchten wir uns nicht vor einem Veto der Regierung!"

Zuerst erzählte er der Familie Melzer immer neue und schreckliche Geschichten, die in so gemischten Ehen vom prot/stautiHen Mann ausgcgangcn wären; daß man freilich in dieser Ehe so was durchaus nicht zu befürchten habe; daß es aber doch immer eine eigene Sache sei und eine katholische Frau sich stets sehr zu hüten habe, durch ihren protestantischen Mann nicht von ; ihrem Glauben abwendig gemacht zu werden,was man freilich hier nicht im Geringsten erwarten kann;" dies bildete immer den Schleiß jener Reden und dann reichte er dem Melzer seine Hand, lächelte und ging. Im Her­zen der Frau blieb aber nach und nach immer mehr von diesen Reden als Besorgniß zurück und unj so mehr, je eifriger der Pfarrer sie im Beichtstuhl birect und und heimlich, und von der Kanzel herab inbirect und öffentlich, zur Befestigung imeinzig seligmachenden Glau­ben" antrieb und von stillen unbemerkten Verführungen sprach. Daneben wirkte er nun im Stillen mit aller Macht auf die Kinder des Melzer; bei diesen jungen, unerfahrnen Gemüthern konnte er schon rascher handeln: er flößte ihnen nach und nach Argwohn, dann Unge- horfam, zuletzt förmliche Wiederspenstigkcit gegen den Vater, aber desto mehr Liebe und Auhäuglichken für die Mutter ein; und ohne daß sie eigentlich wußten warum, trugen sie die Einflößungen in ihrem "Benehmen gegen Vater und Mutter über.

Der Melzer mtinte nun nach einiger Zeit:daß weiß der Kukuck! die Kilider werden zu ungezogen, ich

Nun, ihr wüthigen Ritter der Rechten, wir wollen auf unsere Erfahrungen zurückblicken. DennPro­birt geht über studirt", pflegt der Abgeordnete Leisler zu sagen.

Die Kammer hat bis jetzt (nächst dem Gemeinde- gesetz) zwei Gesetze von umgestaltender politischer und sozialer Bedeutung berathen und beschlossen, nämlich:

1) das Jagdgesetz,

2) das Z e h n t a b l ö s u n g s g e s e tz.

Es wild wohl jedem noch erinnerlich sein, wie lange das Jagdgesetz gebraucht hat, um die gefährliche Käppe des Widerspruchsrechtes (Veto) zu umschiffen, um endlich die Genehmigung der Regierung zu erlan­gen, wie es hinauSgeschoben wurde, unter dem Vor­geben, es widerspreche einem in dem Parlament ge­stellten A »trag (wenn es noch ein wirklicher Bi­schluß gewesen wäre!),-während es mit diesem Antrag sowohl, als auch mit dem zw i schenzeitig gefaßten Beschluß vollkommen übereinstimmt.

Während dieser Zeit des Aufschsibens aber wuchs der Jagdunfug (welcher in den meisten Theilen des Landes mit den Verpachtungen der Gemeindejagden wie auf einen Zauberschlag verschwunden ist) zu einer Rie­sengröße, welche die Person und das Eigenthum ge­fährdete und das Volk dis ins Innerste demoralisirte. Nun kommt freilich die lahme Justiz hintendrein gehumpelt, nimmt Protokolle auf und schreibt Akten und spedirt eine ziemliche Anzahl Staatsbürger in die Amtsgefäng- juffe und in das Correetionshaus, welche ohne die An­wendung des Widerspruchsrechtes der Regierung (Veto) wahrscheinlich jene Verbrechen nicht begangen haben würden. Wir wollen einmal abwarten, bis sie aus dem Correctionshaus, in welchem bekanntlich grade nichtBesserung" erzielt wird, zurückkommen, bis die nahrungs- und erwerbslose Zeit des Winters und deS Frühjahrs eintritt, dann werden wir sehen, wie auch diese Wilddiebe dem dieser Verbrecherklaffe eigenthüm­lichen Weg desFortschritts" zu Raub und Gewalt­that jeder Art huldigen, und uns damit bezüglich des Jagdgesetzes neue Beweisgründe für den alten Spruch liefern:Doppelt gibt, wer schnell gibt."

Das ist der erste Erfolg des Veto!

Im zweiten befinden wir uns jetzt.

Schon seit Wochen hat die Kammer das Zehnt­gesetz beendigt. Sie hat eine Ablösungssumme festge­setzt, die man, in Hinblick auf die Beseitigung des Zehn­tens in Frankreich, auf die revolutionären Gesetze in andern deutschen Staaten, auf die kürzlichen Beschlüsse des Wiener Reichstags über diesen Gegenstand, eine billige und rücksichtsvolle nennen muß. Da er­hebt sich ein sichrer Petitivnenstunn gegen diese Kam« Mirbcschlüsse von Smen eitriger Zehulberechtigten, welche du- ch dieselben benatl)iprhigt sind, u 0 von einigen Städtern uub Gewerbtierbenden, welche sich dadurch beeinträchtigt wahnen. Und was geschieht? Die Re­gierung versichert einer Deputation aus der Stadt Her­

muß strenger werden, sie wachsen mir sonst über den Kopf;" tue Frau konnte das aber nicht finden; im Ge­gentheil, sic fand die Kinder artiger als je und es konnte sie recht betrüben, wenn der Vater die artigen Kinder strafte; sie äußerte das auch in Gegenwart ihres Man­nes beim Pfarrer und dieser that anfänglich sehr er- schrecken, meinte aber dann lächelnd:Et ei! meine liebe Frau Melzer: Sie wird doch nicht gar glauben, daß Ihr Mann das thut, weil er die Kinder etwa weniger lieb hat, dieweil sie anderes Glaubens sind?" Die Ehe­leute spränge» erschrocken auf und riefen zugleich:Herr Pfarrer, was denken Sie?!"Nun nun, ich sage ja ausdrücklich, daß das Niemand glauben wird;" beruhigte der Pfarrer und ging bald fort, im Herzen der Frau einen Stachel znrückwssend, der sich ihr schmerzlich tief in's Herz drückte. Sie beobachtete von nun an ihren Mann und namentlich sein Benehmen gegen die Kinder sehr scharf und da sich deren oben angedeutetes Be­tragen immer mehr steigerte, der Melzer also auch im­mer strenger wurde, so sah sie dies mit immer größerin Mißtrauen an. Endlich konnte sie dies nicht mehr zu­rückhalten und sprach es einmal recht heftig und scharf aus, damit endend: daß der Pfarrer dazumal doch wohl Recht gehabt habe.

(Fortsetzung folgte