Hamburg, 28. Oktbr. Die entscheidende Wahlschlacht ist geschlagen, von beiden Seiten sind die größtmöglichsten Anstrengungen gemacht worden und beide Parteien haben ihre Hauptsührer durchgebracht. Die konservative Partei brachte nur wenige Candidaten, unter denen die Senatoren Geffcken und Lut ter oth, durch, so daß der Sieg der liberalen Partei nun entschieden ist, und durch die folgenden Wahlen nicht mehr wankend gemacht werden kann. Die Bewegung an den Wahltagen war eben so groß wie in England, Tausende zogen"durch die Straßen, lamentirend, singend und das patriotische Wahlbureau sah sich genöthigt, Bürgermilitar zu requiriren, um sich vor Insulten zu schützen, da es den liberalen Führern nicht gelang, die große Masse zu beruhigen. (F. I.)
Die Ereignisse in Wien.
Von München, Dresden, Berlin, Linz wurde bereits die Unterwerfung Wiens gemeldet.
Lesen wir jedoch nachfolgende Mittheilungen, welche den Breslauer Zeitungen entnommen sind — Mittheilungen, welchen freilich auch nicht unbedingt Glauben geschenkt werden kann —, so erscheint die Unterwerfung Wiens wieder stark in Frage gestellt, und es scheint fast, als seien nur einige Vorstädte, welche sich unmöglich lange halten konnten, übergegangen. (Nach den neuesten Nachrichten scheint die Unterwerfung Wiens leider begründet zu sein.)
Breslau, 30. Oktbr. Abends 10 Uhr. Wir sind von Wien so vollständig abgeschnitten, daß weder heute Nachmittag noch heute Abend nur einigermaßen zuverlässige Nachrichten über die dortigen blutigen Ereignisse kingetroffen sind. Auf Zeitungen und Briefe aus Wien müssen wir natürlich schon von vornherein verzichten. Ja dieseUngkwißhcit über das, was jenseits der Grenze vorgeht, ist so groß, daß wir nicht einmal mit Sicherheit erfahren konnten, ob der Wiener Postzug auf der ersten preußischen Grenzstation angekommen sei oder nicht. So viel steht fest, daß heute zum erstenmale selbst die Nachrichten aus Brunn und Olmütz ausgeblieben find, was allerdings auch für das Ausbleiben des Wiener Postzuges spräche. Nichtsdestoweniger haben sich mannichfache Gerüchte und Erzählungen verbreitet, welche Reisende wieder von Reisenden gehört haben wollen, oder die von Personen aufgetischt werden, we'che vorgeben, unmittelbar vom Schauplatz der Begebenheiten zu kommen. Wein soll man hier trauen, und was soll man als glaubwürdig annehmen, wenn wir selbst einer telegraphischen Depesche nicht mehr trauen dürfen, die wir heute gelesen haben und die eine Vorstadt (Franz-Allee) abbrennen läßt, während eine dieses Namens in Wien garnicht rristut. — Aus der Masse jener Erzählungen wollen wir dem Leser nur zwei Berichte verführen, nicht etwa deshalb, weil wir sie als glaubwürdig verbürgen können, sondern weil sie uns aus einer weniger trüben Quelle als die andern zu kommen scheinen. Nach dem einen Berichte ständen die Truppen des Fürsten Windischgrätz noch auf der Jägerzeile tu der Leopoldstadt, während die Horden des Banus Jellachich die Vorstadt Man'ahilf inne hätten. In zwei Vorstädten Wiens habe der Brand so überhand genommen , daß man am 28. d. Mts. Abends in Florièdorf bei dem Leuchten des Flammenmeeres im ' Freien lesen konnte. — Ein zweiter Bericht erzählt: „Wien sei von allen Seiten mächtig verbarrikadirt und halte sich tapfer. Die Kanonade dauerte noch gestern (am 29.) mit kurzen Unterbrechungen fort; erst spät am Abend hörte dieselbe auf. Der Brand, welcher am 28. Abends außerordentlich stark gewesen sein soll, war am 29. Abends fast erloschen. — Von dem Vorrücken der Ungarn sei nichts zu erfahren. Preßburg werde fortwährend befestigt und sei von bewaffneten Landleuten angefüllt. Moga stehe mit seinem Heere dem Jellachich gegenüber, auch Kossuth soll bereits in der Nähe von Wien sein (??). — In Brünn sollen Unruhen ausgebrochen, aber auch schon wieder beseitigt z sein.
— Die Oder - Zeitung bringt ein Schreiben ans Ratibor vom 30sten folgenden Inhaltes: Aus Wien oder seinen Umgebungen sind keine Reisende eingetrof- fen. Die übrigen jedoch, die theils aus Brünn, theils aus noch entfernteren Stationen hier angelangt sind, stimmen in der Aussage überein, daß am 28sten Abends nach hartnäckigem Kampfe die Barrikade an der Jägerzeile, nachdem die beiden Eckhäuser (die Brendellschen) in Grund geschossen waren, gefallen ist, wodurch die , Leopoldstadt mit der Jägerzeile, der Franzensgasse, dem Nennwege in die Hände des Militärs gekommen ist. Die weit wichtigeren Vorstädte Man'ahilf und Wieden sind jedoch, wie früher, noch von bewaffneten Arbeitern und Nationalgarden besetzt, welche sich statt ihrer bisherigen, wenig energischen Anführer, Mitglieder der akademischen Legion dazu erwählt haben. Auf keinen Fall ist an die Einnahme der letztgenannten Vorstädte von Seiten des Militärs zu denken, da sie durch ihre Lage zu sehr geschützt sind, während die Leopoldstadt überall offen und zugänglich ist. Der General Bvm soll auf einmal verschwunden sein; man vermuthet, daß er wegen der Verzögerung des Angriffs von der Bevölkerung mit Argwohn angesehen und demzufolge ermordet worden ist (?). Ein bedeutender Geldtrans- pvrt ist neuerdings in Wien vom Volke aufgefangen, das Silbergeld an sicheren Stellen in die Donau versenkt worden, während 100 Millionen Banknoten vernichtet wurden. Die Ungarn stehen 80,000 Mann stark, von denen jedoch nur der kleinere Theil zu den regulären Truppen gehört, in Raah. Gestern sollten
sie sicher vor Wien eintrepen. Heute läuft der 24stim- dige Waffenstillstand ab, der nach Einnahme der Leo- pvldstadt abgeschlossen worden war. In Brünn ist gestern (24sten) das Rathhans ei stürmt, das Militär entwaffnet, der Landsturm ungebeten und eine D pu- tation an den Kaiser nach Ollmüß abgeschickt worden. In Teschen ist der Landsturm organisirt, wie es im österreichischen Schlesien überhaupt nur an Aufrufen fehlt, um Alles unter die Waffen zu bringen und zum Abmarsche nach Wien zu bewegen. In Prag war am 28. Okt. große Volksversammlung wegen des(Ab- marsches nach Wien; die Nationalgarde hat sich organisirt. Jellachich steht unthätig vor Wien. Der Verlust des Militärs beträgt im Ganzen schon 8000 Mann, während nur ein Drittheil so viel von den Bürgern gefallen sind.
Wien, 18. Okt. Auf die Nachricht, daß die Ungarn sich zurückziehen, nachdem sie vergeblich von dem Reichstag den Befehl zu w-itcrem Vorrücken erwartet haben, hat der ^Studentenausschuß folgende Petition nach Frankfurt a. M. abgehen lassen:
„An die hohe deutsch? Nationalversammlung zu Frankfurt a. M., eventuell an die hohe deutsche Central- gewalt! Das Vaterland ist in Gefahr. Fremde Krie- gerschaareu haben unsern deutschen Boden betreten, haben sich vor den Mauern einer deutschen Stadt gelagert, und bedrohen dieselbe durch offene Angriffe; sie haben ohne allen Rechtsgrund deutsche Volkswehr entwaffnet; sie haben das deutsche Banner von der Kaiserburg gerissen und mit Füßen getreten. Alles dies ist eine offene empörende Verletzung der Ehre Deutschlands, es ist ein entschiedener Angriff des Gesammt-^ Vaterlandes und wir richten daher in diesem furchtbaren Augenblick die dringende Anforderung an die hohe deutsche Centralgewalt:
Sie wolle offen und entschieden diese Angriffe als eine thatsächliche Kriegserklärung gegen Deutschland 'anerkennen, und die deutsche Bundesmacht aufbieten, um dieselben zu bekämpfen.
Wien, am 18. Okt. 1848.
Vom Ausschuss? der Studenten in Wien."
Baden, bei Wien, 27. Oktbr. Aus dem Hauptquartier theile ich Ihnen folgende Nachrichten mit. Am 25. Abends suchten die Wiener den Truppenübergang bei Nußdorf abermals zu hindern. Die Ortschaften Fünfhaus und Sechshaus, zwischen der Mariahilfer Linie und Schönbrunn, wurden vom Militär genommen nach heftigem Kampfe, wobei ein großes Wirthshaus vor der Linie abbrannte. Die Wamme war weithin sichtbar, röthete eine große Wolkenpartie und verbreitete das Gerücht, Wien stehe in Flammen. Gleichzeitig sollen die Garden unter sich handgemein geworden sein, man hörte lebhaftes Gewehrftuer in der Vorstadt Mariahilf, auch auch dort (Neubau) gericth ein Haus in Braud. Die ungarische Grenze ist vollkommen ruhig. Der Banus bezog mit seinen Truppen den Prater. Alle Truppen rückten vor. Gefangene wurden rückwärts transportirt, nach Neustadt u. s. w. Der Fürst bewilligte Verlängerung des Termins bis gestern um 10 Uhr Vormittags, eine Art Waffenstillstand. Um so überraschender war um 7 Uhr früh der Beginn einer Kanonade, welche bis Abends 7% Uhr ununterbrochen fortdauerte. Die W'ener machten meh- rere Ausfälle, welche zwar sämmtlich zurückgeschlagen wurden, aber sie entwickelten eine große Todesverachtung, und beiderseits fiel eine bedeutende Anzahl. Man schätzt den Verlust der Wiener auf 600, des Militärs auf 300. Windischgrätz ließ keinen Schuß auf die Stadt abfeuern, das ganze fürchterliche Feuer beschränkte sich auf die Ausfälle und die Barrikaden. Die Wiener verschwendeten das Pulver, indem die Kanonen auf den Lmienwälle» selbst auf einzelne Patrouillen abge- feuert wurden, namentlich ohne besonderen Schaden anzurichten. Das Militär seinerseits benutzte jede Gelegenheit, die Wiener Kanonen zu demontkren. Bei den Ausfällen selbst wich das Militär jedesmal scheinbar zurück, um die Wiener ins Freie zu locken, wo sie dann ins Kreuzfeuer genommen wurden. Die Wiener müssen ausgezeichnete Offiziere haben; man vermuthet, cs sei eine große Anzahl Polen bei ihnen. Abend 6 Uhr entstand an drei Orten ein bedeutender Brand. Man vermuthet, daß die hölzernen Hütten am Prater einerseits, auf der entgegegensetzten Seite in der Brigittenau das Coloseum abgebrannt sei, ein großes hölzernes Gebäude für verschiedene Spectakel. Die Truppen sind fortwährend kampfbegierig, und sagten, diese Gefechte seien nicht der Rede werth. Bei der günstigen Witterung ist der Krankenstand noch immer gering, aber die Verpflegung wird bereits schwierig. Ueber eines der gestrigen Gefechte bin ich im Stande, Ihnen den Bericht eines Augenzeugen mitzutheilen. Nördlich von Schönbrunn zieht die Linzer Straße (Reichsstraße) zur Mariahilfer Linie. Von dieser steigt die Schmelz hinan, eine Anhöhe mit einem breiten Rücken, die Vorstädte Neubau, Schottenfeld beherrschend, und sich nach Norden zu dem Ottakringer Bache abdachend, an welchem das berüchtigte Neu-Lerchenfeld liegt. Unweit der Linie befindet sich der große Friedhof, mit Mauern umgeben, in dem unter andern die Opfer der Märztage ruhen. Diesen Kirchhof hatten die Garden besetzt unter den Kanonen der Linienwälle. Auf der Schmelz stand das Militär dessen anscheinende Schwäche die Garden zu einem Ausfall vermocht zu haben scheint. (Nach einer andern Erzählung mußte das Militär den Kirchhof nehmen, um die Cernirung vollenden zu können.) Die Gardm hielten sich aber so tapfer, daß sie einen Sturm
zurückschlugen, nachdem die Artillerie die Mauer einge- worfen hatte. Nun rückten die Gernadiere vor und nahmen den Kirchhof mit Sturm. Haufenweise sollen die Todten in demselben liegen, zumeist Garden. Die Garden zogen nun in vollkommen geordneten Massen Schritt für Schritt sich gegen das Lerchenfeld zurück, durch das Geschütz von den Wällen so gedeckt, daß das Militär inne halten mußte. Auf der Höhe der Schmelz stand aber eine Positionsbatterre, welche die jenseitige bald zum Schweigen brachte, und Militär nahm den Ort in die Flanke. Nach einem mörderischen Kampfe, wobei Haus für Hans genommen werden mußte, wurden die Garden auch hier geworfen. Das Gefecht auf der Schmelz dauerte rolle zwei Stunden, ein Beweis für die Hartnäckigkeit des Kampfes. Aehnliche Ausfälle wurden zur Wahringer Linie hinaus gegen die Türkenschanze, vorder Nußdorfer Linie, gegen die über die Donau nachrückenden Truppen, im Prater und vor der St. Mai rer Lin ie gegen das Neugebäude gemacht und gegen den dortigen Kirchhof, den die Kroaten besetzt haben. Dergestalt bildeten diese Ausfälle einen Bogen um die ganze Stadt nördlich herum; bloß die Linie des Wiener- berges blieb unangefochten, wo Windischgrätz selbst steht. Aus der Brigittenau oder dem Prater wurden Granaten und Raketen in bedeutender Anzahl geworfen, doch keine B andraketen. Bomben wurden durchaus keine geworfen, wie überhaupt von keiner Seite ein Angriff durch das Heer erfolgte. In Folge der zmückgeschlaqenen Ausfälle aber erfochten die Truppen bedeutende Vortheile. Der Banus soll die ganze Leopoldstadtinsel genommen haben, Man'ahilf und Landstraße sollen zur Hälfte genommen sein, wo die Garden nur unbedeutenden Widerstand leisteten, so auch die Roßau. In letzterer Vorstadt wurde aber heftig gekämpft, weil dort vorzugsweise mobile Garde stand. Briefe und Zeitungen aus Wien bleiben gänzlich aus und die Stadt ist vollkommen abgesperrt. (O.-P. Z.)
Galizien.
Lemberg, 26. Oktober. (Aufregung. Die Polen eilen den Ungarn zu Hülfe.) Die ungarischen Soldaten, deren Kasernen noch bis jetzt mit Kanonen umgeben sind, entfliehen einzeln. — In der Stadt herrscht große Aufregung, was möglicher Weise dazu benützt werden wird, um die Russen ins Land zu bringen. — Dw ernicki ist an der Spitze von 8000 Mann Soldaten, die zum größten Theil aus der österreichischen Armee desertirt sind, den Ungarn zu Hülfe geeilt. (Br. Z.)
Ungarn.
Pesth, 26. Oktbr. Vom raitzischeu Kriegsschauplätze treffen immer neue Nachrichten von günstigen kleinen Scharmützeln ein. Die Ungarn beobachten jetzt dort die Defensive. Grenzenlos ist„ der Jammer, welchen die kannibalischen Naitzen in den unbesetzten Ortschaften anrichten. Außer der bedeutsamen Stadt Groß-Kikinda sind auch Török-Beese und Fonpjand ein Schutthaufen geworden. Der Oberst Schuplikaß geriet sich wie ein vom König ernannter Wopwode der Raitzen und hält sich in Karlowitz bei dem Erzbischof Rajachich ^uf. Karlowitz liegt aber in der Schußlinie der Pe- terwardeiner Festung, und sobald ein Theil unserer großen Leitha-Armee an der österreichischen Grenze entbehrlich sein wird, hat auch die Stunde der raitzischen Empörung und Wopwodenschaft geschlagen. (Br. Z.)
Dänemark.
Kopenhagen, 30. Okt. Das Morgenblatt Flpve- posten, das allerdings kein ministerielles Blatt, geschweige denn einen amtlichen oder halbamtlechen Charakter hat, bringt folgende Nachricht: „Kammerherr Reedtz und RcichScommissariu^ Stedtmann habe», der erste im Namen der dänischen, der andere im Namen der deutschen Centralmacht, einen Courier an die Interims - Regierung der Herzogthümer gesandt, mit dem Befehl, ihr Amt uiederzulegen, in Folge der von ihnen erlassenen Proklamation. In einem von den beiden genannten Herren ausgestellten Dekret werden zugleich 5 der bestätigten Gesetze für nichtig erklärt (nämlich das Staatsgrundgesetz und die Gesetze über die Wahlen zur Nationalversammlung, die schleswig-Holsteinische Frage, das Reichsbankaeld und das Nationalzeichen). Inwiefern mit derselben Gelegenheit eine neue Regierung eingesetzt ist, wissen wir nicht anzugeben."
Großbritannien.
London, 31. Okt. Die „Times" z-l'gt freudig an, daß die Zollvereiusstaaten jetzt eingewilligt hätten, die britischen Fabrikate fortan, vorausgesetzt, daß sie von Ursprungszeugnissen begleitet seien, in ihre refpettiven Länder einzulassen, ohne die angeordneten Zollerhöhungen zu erheben. Die preußische Regierung habe zugleich die Absicht kundgegeben, die bereits auf solche britische Fabrikate, welche mit Ursprungszeugnissen versehen waren, bezahlten Zusatzzölle zurück zu vergüten, und die übrigen Zollvereinsstaaten zu dem nämlichen Verfahren einzulade».
Schweiz.
Bern, 1. Nov. Alles in unser Stadt ist beschäftigt, den National- und Ständeräthen einen möglichst festlichen Empfang zu bereite». Die Kantonal- und Stadtbehörden sowie das Publikum wetteifern miteinander, die obersten Bundesbehörden würdig zu begrüßen.