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Freit Zeitung.

£ .âeiheit und Recht!"

JK 229 Wiesbaden. Sonntag, 3. November IMS*

Die , Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., auswärts hurch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. - Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreren Zertung" stets von wirksamem Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltrge Pelitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

W Das Reichsministerium «nd die Presse.

Heulen, Zähneklappern, Kopfschmerzen und wie die Krankheiten alle heißen mögen, von denen die deutschen Regierungen während der Märztage geplagt waren, sind nun endlich durch die heilenden Mittel des Reichs- ministeriums fortkurirt und der Kopf und vor allem der Magen der ersteren sind wieder in die alte vor­märzliche Thätigkeit zurückgekehit. Mehr als alles andere haben zum Gelingen dieser Kur dieenergischen Maß­regeln" des Reichsministeriums gegen die Presse beige­tragen. Es sah ein, daß der sogenannte anarchische Zustand in der Presse nicht länger fortbestehen könne, daß die Ruhe des guten Bürgers dadurch gestört werde, und daß Alles aufgeboten werden müsse, diesemwüh­lerischen Treiben" um so energischer entgegenzutreten, als eS sonst dem guten Bürger unmöglich sei, sein angestammtes Sauerkraut, den deutschen Kartoffelbrei und das vaterländische Schweinefleisch mit jener Ruhe zu genießen, ohne die doch bekanntlich die deutsche Frei­heit unmöglich.

chl In seinem Fortfchreiten aber schritt das Reichs- miuisteriums so weit fort, daß es sogar weit über die frühere Zensur binauskam. Vergleicht man die frühern Verhältnisse der Presse mit den jetzigen, so muß jedem in die Augen leuchten, daß wir sitzt schlimmer dran sind. War früher der Zensur eine Stelle in einem Journal mißliebig, so wurde sie einfach gestrichen und der Journalist oder Verfasser hatte weiter keine Unan­nehmlichkeiten dabei. Wie anders ist es jetzt! Jetzt streicht man keine einzelnen Stellen, sondern das ganze Blatt, ja selbst Redakteur, Verfasser, Verleger und Drucker werden eingestrichen und in das Gefängniß ge­worfen, um sie so für alle Zukunft unschädlich zu machen.

Ob das Reichsministerium mit dieser Taktik vor dem Richterstuhle der öffentlichen Meinung bestehen kann, ist gleichgültig, seine Stützen sind das Spießbürger- tdum,das Beamtenthum nnd die Bajonette. Im Verein mit diesen dreien fordert eS Deutschland in die Schranken. Ob es aber den Kampfplatz behaupten wird, das ist eine andere Frage.

DaS jetzige Reichsministerium wird schwerlich auf- $ü;cn, seine Verfolgungen gegen die Presse fortzusetzen. Es wird Zeitschriften und BüLer unterdrücken, die sich bestreben, dem Volke die wahre Speise der Freiheit unter dieNase zu legen. Ja es wird vielleicht, um sei­nem Grundsätze getreu, die Ruhe desguten Bürgers" zu fördern, Verfasser und Drucker der Blätter und Schriften verfolgen, die es sich Herausnahmen, die Re­gierungen und die Nationalversammlung zu tadeln, be­vor wir noch so glücklich waren, ein Reichsministerium zu besitzen. Und so können wir es erleben, daß viel­leicht in Bälde das Lesen der Bibel verboten wird, weil vielleicht irgend ein Spötter einen Tadel gegen eine Partei der Nationalversammlung in der Stelle

Der dicke Amtmann und sein dünner Amtssekretär.

Wiesbaden, den 1. November.

I.

Es war am Abend des 5ten März. Die Männer welche nach Wiesbaden geeilt waren, um allda mit den übrigen Bewohnern Nassaus um die holde BrautFrei­heit" zu werben, und sic zu erobern, und selbst mit Ge­walt, mit Gut und Blut, falls sie sich nicht willfährig zeigen sollte, waren am Morgen des 5ten März heim- gekehrt.

Eilenden Schrittes hatten sie sich nachdem der 4te März, der bedeutungsvolle, sich in das schweigsame Dunkel der Nacht gehüllt hatte, heimwärts gewendet, um ihren Brüdern daheim, welche sehnsüchtig auffrohe Borschgst" warteten, den errungen Sieg kund zu thun.

Als ^- in das Städtchen gekommen waren, war ihnen Jung n iv Alt entgegen geströmt, und mit begeister­ten Zungen und in feurigen Redeströmen schilderten sic nun, was sich begeben hatte: und erzählten daß Nassau nun ein freies freies Land sei, und daß fürder nicht mehr die Nasiauer^ vor den deutschen Brüdern die Augen nicberzuschlagen hätten, wenn von ihrem Laude die Rede >ei, und daß sie, die Nassauer, stolz darauf sein könnte», ,n Deutschland zu denjenigen Stämmen zu Lehören, welche

finden könne, worin der Demokrat Jesus Christus sagt: Wahrlich ich sage euch, an jenem großen Tage werden die Böcke zur Linken, die Schafe aber zur Rech­ten stehen.

E Ein Wort über die Nassauischen Archive.

Wenngleich die Archivwissenschaft und namentlich die Diplomatik einen Theil der Jurisprudenz bildet, so sind doch die meisten unserer Juristen bis auf den heu­tigen Tag in ihrem Urtheile über die Nassauischen Archive und deren Verwaltung sowie über die Thätigkeit der Archivbeamten in einer solchen beklagenswerthen Befangenheit, daß es gar nicht wundern kann, wenn der Laie, dadurch irre geführt, sämmtliche Archive mit den darauf verwendeten Kosten für überflüssig hält.

Die Freie Zeitung, welche das Motto:Wahrheit und Recht" gleichsam als Bezeichnung ihrer Tendenz, zum Schilde erkoren hat, wird deshalb auch den Nas­sauischen Archiven, die n ihrer Bedeutung für den Staat, das gesammte Volksleben, sowie für die Wissen­schaft von unendlich hohem Interesse sind, eine Stelle zur Beleuchtung der über dieselben gemachten nachthei- ligen Bemerkungen, mit namentlicher Hinweisung auf die dilsjährigen landständischen Verhandlungen, um so mehr vergönnen, als es bei der großen Verbreitung dieses geschätzten Blattes, zur ilufHäiutg der Landes- bewohner und zur Berichtigung des irre geleiteten Ur­theils beitragen wird.

Vom Anfänge dieses Jahrhunderts bis zum Beginn des Ministeriums Dungern scheinen die Archive, selbst bei den höchsten Staatsbehörden, gleichsam nur als ein nothwendiges Nebel betrachtet worden zu sein. Eine un­glückliche Spartheorie derselben, unterstützt von eben so ununterricht'te» Kammer-g ^wc.che rmmeutlich für das dem Zufluß stets geöffnete Archiv zu Idstein, nur dann eine Ausgabe für Repositureiruichtungen bewilligten, wenn die Akten nicht mehr untergebracht, geradezu auf dem Boden lagen) brachte es dahin, daß die, durch die, ge­mäß der neuen Organisation der gestimmten Landes- Verwaltung im Jahr 1816, herbeigeführte umständli­chere Behandlung der Geschäfte, bis zu einer wahren Sündfluth angeschwollenen Aktenmaffen sämmtlicher Lokal- unb. Centralbehöiden in dem weitläufigen Ge­bäude, wie sie eben kamen, eingeordnet wurden, nach Bemessung des gerade vorhandenen Raumes.

Aus dieser Spartheorie folgte weiter, daß nur ge­rade die für den laufenden Dienst nöthigen Beamten »»gestellt wurden. Unb da, wohl aus Humanitätsgrün- den, bis in die letzte Periode eiu Mann, dessen geistige Flügel längst durch ein hohes Alter von 80 Jahren ge­lähmt waren, an der Spitze der gesummten Archiv- Verwaltung belassen wurde, so war es natürlich, daß unter solchen Verhältnissen, von einer eigentlichen ar­chivalischen planmäßigen Bearbeitung keine Rede sei» konnte.

zuerst den kecken Freiheitstanz begonnen hätten. Jubel, Glück unb Freude waren darauf in das Städtchen cin- gekehrt. Der Reiche nannte den Armen Bruder, lang­jährige Feinde fielen sich weinend um den Hals und aller Gram, und alles Herzeleid war vergessen.

Als nun der Abend herannahte, da wuchs noch immer# mehr der Jubel. Die ganze Bewohnerschaft war auf den Beinen, und wogte, vergnügt und selig durch die Straßen und alle Fenster waren erleuchtet, und die ganze Stadt glich einem großen Flammenmeere.

Aber heller noch als diese Flammen, und reiner lo­derte das heilige Freiheitsfeuer in der Brust der Män­ner. Als sich die Menge genugsam an der Beleuchtung ergötzt hatte, zog sie in vollen Haufen, in einen Tanz­saal, und hier wurde in Eintracht und Brüderlichkeit der hohe Tag der Freiheit weiter gefeiert.

Während nun so das Volk, welches gewisse Herrn nur Pöbel zu nennen pflegen, sich freute, sich freute wie ein Kind über den unendlichen Schatz des hereinge­brochenen Freiheitslichts: saßen der dicke Amtmann und sein dürrer Sekretär einsam in einer abgelegenen Stube des Amthauses.

Als der Sekretär den ersten Ruf: Es lebe die Frei­heit! Hoch Deutschland! Es lebe die deutsche Brüder­lichkeit und Einheit vernommen hatte, war er schwanken Schrittes zu dem Amtmann geeilt. Mit geisterhaftem Antlitz und mit von Furcht erstickter Stimme hatte er

Erst mit dem Ministerium Dungern gestaltete sich mit auerkennenSwerther Sachkenntniß ebensowohl für das so sehr vernachlässigte Archiv, als dessen Dienstpersonal eine bessere Aussicht. Die nothwendigen Bauten wur­den ausgeführt, das Personal vermehrt und die Auf­stellung aller Akten in systematischer Weise augeordnet.

Wenn man bedenkt, daß in mehr als 80 Zimmern die Aktenmasse untergebracht, daß eine totale Umgestal­tung und Translokation derselben erfolgen muß, ehe die systematische Verzeichnung der Akten nach Materien, Haupt- und Nebenrubriken erfolgen kann, so kann man sich etwa einen Begriff von dem Umfange dieser Arbeit bilden.

In das Urkündenarchiv war seit ältester Zeit gar keine Hand gelegt worden. Die Urkunden der Haus-, Lehens- und Klosterarchive von allen Jahrhunderten sind meistcntheils noch ungeordnet und für wissenschaftliche Ausbeute fast unzugänglich.

Ein Menschenalter ist für eine Person nicht hinreichend, diese Urkunden, die zwischen 20 bis 30 Tausend betragen mögen, zu bearbeiten und gehörig zu repertorisiren. Um so auffallender müssen daher die bei der Prüfung des Budgets in den dies­jährigen landständischen Verhandlungen, Seite 121 u. ff. niedergelegten Urtheile, Beschlüsse, Zweifel rc. erscheinen.

Wenn man, mit Beseit gung aller höheren staatlichen Rücksichten, Alles auf das Maß des absolut Nothwendigen beschränken wollte, welches nach persönlichem Belieben sehr gering ausfallen kann, so würde man folgerecht auch Kunst und Wissenschaft zu Grabe tragen müssen und in dieser Auffassung möchte dann auch eine Verminderung des ohnehin nicht beneikenswerth gestellten Archivpersonals statt finden können. Hoffentlich sind aber unsere Zustände noch nicht in ein solches Stadium eingetreten, welche den Verlust unserer kaum.erst errungenen Freiheit, in nicht allzu ferne Perspective stellen würde.

Wem es darum zu thun ist, sich über die Aufgabe der Archive, eine bis ins einzel gehende Kenntniß zu verschaffen, dem möchten die beiden Vorträge über die Mitwirkung der Herz. Nass. Archive zu den Arbeiten und Zwecken des Vereins für Nass. Alterthumökunde und Geschichtsforschung vom Oberschulrach Friede­mann zu Idstein, welche in der von demselben Heraut- gegebenen archivalischen Zeitschrift abgedruckt sind, zu empfehlen sein, uub auch für unsere Landstäuoe wäre es erwünscht gewesen, wenn sie sich, ehe sie ein Urtheil fällten, erst genaue Information verschafft hatten, zumal ihnen das Material so nahe lag.

D e r r t f ch z « n D.

.4. Wiesbaden, 4. Nov. Abermals eine neue Abge- oronetkn-Wah! zu unserer Ständeversammlung! Der Abgeordnete, Pfarrer Hatzfeld, ist ausgetreteten, um, wie man sagt, nach Nordamerika überzusiedeln. Die dem Amtmann erzählt:daö Volk habe sich empört; der Pöbel o der gemeine Pöbel jauchze allen Polizeivorschrif­ten zum Trotz wie wahnsinnig durch die Straßen und er glaube daß er und der Herr Amtmann ihres Lebens nicht mehr sicher seien."

Der Amtmann hatte hierauf hastig seinen Sekretär untern Arm genommen und Beide hatten sich in das schon oben erwähnte Zimmer begeben. ^acbbcm sie die Thüre seit verriegelt und sogar verrammelt hatten: hatte jeder sich still in eine Ecke gesetzt.

So hatten sie de» ganzen Tag über gesessen, keiner hatte den andern angesehen, keiner ein Wort gesprochen.

Wenn von Zeit zu Zeit ein fröhliches Jauchzen an daS Ohr der Beiden geschlagen so waren sie ängstlich zusammengefahren und wenn von Zeit zu Zeit ein Freuden­schuß gelöst worden, so hätten sie bebend die Hände ge­faltet. Der Amtmann und fein Sekretär hatten ein böses Ge­wissen , daher ihre Angst. Sie hatten zwar nicht be­trogen, auch nicht mit Absicht das Recht gebeugt, aber sie hatten die Leute, wie man sagt angebellt, grob be­handelt, nach Behagen auSgeschimpft; sic hatten jede Berührung mit dem Volke, dem gemeinen Volke ängst­lich gemieden, kurz so immer sich i» Allem gezeigt, als sei das Volk ihretwegen, und sie nicht des Volkes wegen da.

Der Abend war aber allmâhlig l-ereingebroche», und die beiden waren auch noch nicht im Geringsten belästigt worden. ' 3