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Nationalversammlung zu Frankfurt.

104. Sitzung.

Der Reichsminister v. Schmerling beantwortet mehrerere Interpellationen in Betreff der österr. Verhäl­tnisse, und erklärt u. 91: da nach den neuesten Nachrichten von Wien noch kein Kampf stattgefunden und Fürst Windischgrätz nach Ollmütz berufen sei, so dürfe man hoffen,, daß die Bermittelungsver- such? der Rcichskominissäre von Erfolg sein werden.

Der Präsident zeigt den Austritt des Abgeordneten Wiel ha ns von Vimburg in Westphalen und den Ein- tiitt dreier neuen Abgeordneten an, unter welchen W e r- 11 er von Offenburg. Ueber die Wahl des Letzteren erstattet Pla thu er im Namen des Legitimationsaus- schusses Bericht. Der Au Muß beantragt, die Wahl anzuerkennen und den Antrag der badischen Regierung auf Zustimmung der Nationalversammlung zu der gegen den Abgeordneten Werner bereits früher wegen Theil­nahme an hochverrätherischen Unternehmungen angeord- netea Verhaftung an eine besondere Kommission zu verweisen. Die Versammlung beschließt die Zuweisung an diejenige Commission, welche mit der Berichterstat­tung über die Requisitionen des hiesigen Polizeigelichts beauftragt ist. Eine Bittschrift mit 2000 Unterschriften aus dem Fürstenthum Schaumburg-Lippe gegen die Aufhebung der Selbstständigkeit der kleineren Staaten, wird an "den Verfassungsausschuß verwiesen. (Der internationale Ausschuß hatte beantragt, dieselbe zu den Akten zu legen). Es folgten hierauf Interpella­tionen von Joseph, Jordan von Teschen, Nau- werck, Förster von Hünfeld, Beseler, und die Beantwortung dieser und anderer Interpellationen durch die Reichsminister Mohl nnd von Schmerling. Mehrere Anträge der Abgeordneten Nan werck, J. Renk, Wiesner und Berger wurden nicht für dringend erklärt, nnd an die Ausschüsse verwiesen. Der §. 4 des Verfassungsentwurfs lautet:Das Staatsoberhaupt eines deutschen Landes, welches mit einem nichtdeutschen Lande in dem Verhältniß der Per­sonalunion steht, muß entweder in seinem deutschen Lande resioiren oder in demselben eine Regentschaft niedersetzen, zu welcher nur Deutsche berufen werden dürfen" wurde sodann zur Berathung gebracht und nachdem die Abgeordneten Rösler von Oels, von Linde, Logt, v. Soiron^und Schüler von Jena gesprochen, in folgender Fassung angenommen:Das Staatsoberhaupt eines deutschen Landes, welches mit einem nichtdeutschen Lande in dem Verhältniß der Per­sonalunion steht, muß entweder in seinem deutschen Lande restdiren, oder es muß auf verfassungsmäßigem Wege in demselben eine Regentschaft niedergesetzt wer­den, zu welcher nur Deutsche berufen werden dürfen." Das Minoritätsgutachten:Das Staatsoberhaupt eines deutschen Landes, welches mit einem nichweutschen Lande durch Personalunion verbunden ist, darf nicht­deutsche Truppen in seine Länder nicht verlegen, außer in Veranlassung von Reichskriegen auf Anordnung der Reichsgewalt (Schüler. Blum. Wigard.)" wurde mit 187 gegen 180 abgelehnt; zwei Anträge von Rößler von L>els ebenfalls verworfen. §. 5 wurde unverändert in folgender Fassung angenommen:Ab­gesehen von den bereits bestehenden Verbindungen deutscher und nichtdeutscher Länder soll kein Staats­oberhaupt eines nicht deutschen Landes zugleich zur Regierung eines deutschen Landes gelangen, noch darf ein in Deutschland regierender Fürst, ohne seine deutsche Regierung abzutreten, eine fremde Krone an- uehmen;" die Minoritätsgutachten zu denselben nebst anderen Anträgen in Bezug auf Mediatisirungen aber an den Verfassungsausschuß zu besonderer Berichter­stattung verwiesen.

Deutschland.

' M Aus dem Amte Limburg. Die Hoffnung, daß die dem Lehrerstande und der Volksbildung an­

gelegten Fesseln endlich einmal znm Heile der Volks­bildung fallen würden, diese? Hoffnung ist durch jene zehn, von der Nationalversammlung ausgesproche­nen Wörtchen:Die Gemeinden wählen aus den Ge­prüften die Lehrer der Volksschulen," mit einem Male in ihrer Jugendfrische wieder zerknickt worden.

Die Volksschule kann nie ihre Aufgabe lösen, so lange die Stellung der Träger dieser Anstalt von dem Willen der einzelnen Gemeinden abhängig gemacht wird.

Zwar ist das Unterrichts - und Erziehungs- wesen der Beaufsichtigung der Geistlichkeit enthoben. Man glaube übrigens ja nicht, daß der Einfluß der Gemlichkrit in dieser Beziehung nunmehr aufhören werde; er wild so lange dauern, so lauge den Gemeinden das Recht der freien Wahl ihrer Lehrer zusteht. Die Ge­meinden werden die Wahl eines Lehrers von dem Ur­theile des Geistlichen jedenfalls abhängig machen.

Der Geistliche wird gewiß seinen ganze» Einfluß aufbieten, daß ein Lehrer gewählt werde, der die Ju­gend nur nach seinen Grundsätzen und Ansichten nnter- richte und erziehe. Was der Geistliche bisher auf direc- tem Wege bewirkte, das wird er nunmehr auf indirecte Weise zu erre chen wissen. Kanzel und Beichtstuhl wer­den benutzt werden, um die Schule in fortwährendem Dienste der Kirche, will sagen der Diener derselben, za erhalten. Nach wie vor werden die Lehrer Werkzeuge der Geistlichen bleiben, nur in anderer Gestalt, wie bis­her. Ja der Bevormundung des Lehrers wird sich nur die Form nicht das Wesen ändern. Die kirchliche Ten­denz im Unterrichts- und Erziehungswesen bleibt vor­herrschend, und die Volksschule wird außer Stand ge­setzt sein, den Anforderungen der Zeit, welche allseitige Menschen- und Nationalbildung verlangt, Rechnung zu tragen.

K Kirberg, 23. Okt. Es ist eine gewiß sehr auf­fallende Erscheinung, daß entweder bei den Wahlen der Abgeordneten- zur Spezialsynode oder bei den Spe- zialsyuoden selber die Geistlichen und die Laien in Konflikt gerathen. Wenn dieser Streit sich um Prin­zipien dreht, d. h. wenn die verschiedenen Ansichten der beiden Elemente des Laien- und Priksterthums sich geltend machen sollen, so ist derselbe nicht zu vermeiden: er ist dann gewiß ein edler, ein nothwen­diger. Aber ich glaube behaupten zu können, daß der Streit durchaus in den meisten Fällen diese Natur nicht hat, daß er keineswegs von der Tendenz beseelt ist, allgemein richtigen, zeitgemäßen Ansichten auf kirch­lichem Gebiete Geltung zu verschaffen, sondern daß hier andere Motive vorherrschen. Die Elemente, aus wel­chen jene Versammlungen bestehen, sind zu verschieden­artig und namentlich hat die neueste Zeit hier eine große Kluft gebildet und die Vereinigung sehr er­schwert wie ja doch immer die politischen ^"Bewe­gungen auf den kirchlichen Boden hinüber spielen. Fragen wir nach den Ursachen dieser Gegensätze, so müssen wir eingestehen, daß dieselben bei Laien, wie bei den Geistlichen zu bemerken sind. Bei den Laiep liegen sie zum Theil in dec Denkweise: sie haben eine zu ideelle Vorstellung von den Geistlichen, d. h. sie denken sich dieselben so, wie sie sein sollten, erwarten von ihnen, daß sie st y nicht ums Irdische bekümmern, keine zu hohe Besoldung nehmen, daß sie gar keine menschlichen Fehler an sich haben düiften, kurz, daß sie Engel auf Erden sein sollten. Zum andern Theil fin­den sich diese Ursachen in ihren Erwartungen von den Leistungen der Geist.ichen. Rationalistische Laien ver­langen eine vernünftige, mäßige, orthodoxe eine schrift-, resp, symbolgemäße, und pietistische eine ihrem Glauben angemessene Auffassung und Verkündi­gung des Christenthums. (Und fast in jeder Gemeinde sind diese Richtungen anzutreffen.) Die Geistlichen tragen »ichtsdtstoweniger Schuld an den oben bezeichne­ten Zerwürfnissen, und zwar theils durch ihr Betragen, indem Manche einen gar unchristlichen Wandel führen und so der Spruch Anwendung findet:Folget ihren Worten, aber nicht ihren Wirken," theils durch ihr

Betragen gegen die Laien, indem sie gegen diese sich unverträglich, herrschsüchtig, eigennützig, hochmüthig 2c. zeigen, theils aber auch dadurch, daß manche in der politischen Entwickelungsperiode gegen die Zeitbe- wegung durch Predigt und als Parteigänger arbei- Uten, in Gemeinden und Familien die Fackel'der Zwie­tracht an fakten und durch Leidenschaftlichkeit auf der Kanzel die Gemüther gegen sich aufreizten. Aus dieftr Darstellung geht leider zur Genüge hervor, daß in den meisten Fällen die Geistlichen die Hauptschuld tragen, da sie doch am allermeisten den Beruf fühlen müßten, in aufgeregten politischen Zeiten am allerwe­nigsten den leidenschaftlichen Kampf auf den kirchlichen Boden-zu ziehen. Es ist dies gewiß sehr bedauerlich und ein großer Uebelstand, welchen zu beseitigen Haupt­aufgabe sein muß. Ein Jeder, Laie wie Geistlicher, bemühe sich also, alle genannten Ursachen, alles Unge­hörige wegzuschaffen, man befleißige sich von jeglicher Seite, den Frieden zwischen beiden herzustellen und in Eintracht zu schaffen das große" und schwierige Werk der Kirchtnreform. Dieses Werk zu fördern, ist es dmchaus nothwendig, auf die Zusammensetzung der Spezial- und Generalsynode die größte Sorgfalt zu richten und würdige Abgeordnete zu wählen. Am be­sten dürften sich hierzu sittlich-religiöse Männer, Män­ner ohne Furcht und Tadel, von echt redlicher Denk- und Handlungsweise, Männer, die als Muster in ihrer Gemeinde da stehen eignen.

X Limburg, 27. Okt. Der in derNass, attg., Ztg." gemeldete furchtbare Angriff, welcher in Kirberg aus den Deputaten Zollmann erfolgt sein soll, be­schränkt sich einfach darauf, daß vor Kirberg einige böse Buben nach dem Eilwagen mit Steinen geworfen und geschrieen haben:den Zollmann heraus, wir schlagen ihn todt." Dieselben haben aber weder den Eilwagen angehalten, noch wie es scheint, überhaupt die Absicht gehabt, ihre Drohungen auszuführen. Daß Passagiere, Postillon und Pferde in Lebensgefahr gewesen seien, ist lächerlich, wie überhaupt der ganze Artikel an einer furchtbaren Uebertreibnng leivet. An dem Eilwagen ist auch nicht die geringste Verletzung bemerkbar und haben Passagiere, welche ich gesprochen, auf diese ganze Geschichte auch nicht den geringsten Werth gelegt. Ge­wisse Leute scheinen hier die Absicht gehabt zu haben, verschiedene reaktionäre Maßregel als nothwendig dar­zustellen.

Merkwürdigerweise ist wegen dieser Geschichte so­wohl, als auch wegen der Volksversammlung zu Ora- nienstein, wovon Ihre gestrige Zeitung meldet, schon ein Regierungs-Commissär hier und in Diez gewesen, derselbe wird bei seiner Rückkehr seine verlorene Zeit bedauert haben.

^ Aus dem Amte Limburg, 27. Okt. Bereits vor einigen Tagen brachte dieNass. Allg. Zeitung" zwei Korrespondenzen, welche die angeblichen Auftritte in Kirberg bei der vermutheten Durchreise des Abge­ordneten Zollmann am 19. Okt. in weitläuftiger Weise besprachen. Es ist nun an der Zeit, diese Vor­fälle auch von der andern, d. h. ihrer wahren Seite zu betrachten, um sowohl die Wichtigkeit, welche man denselben in gewissen Kreisen bereits 'beigemessen, völlig zu würdigen, als auch auf den politischen Martyrer- schein, welchen der 19. Okt. auf den Volksboten so völlig unverdienterweise geworfen hat, sich in seiner ganzen Glorie entwickeln zu sehen. Um nun sogleich den Totaleindruck wiederzugeben, den die beiden er­wähnten Artikel auf Referenten, der durch zuverlässige Augenzeugen mit dem Sachverhalt bekannt ist, gemacht hat, so muß bemerkt werden, daß die darin angegebe­nen Thatsachen größtenteils erfunden, das Wenige aber, was Wahres daran, im höchsten Grade über­trieben ist; es reduzirt sich vielmehr jene ganze Ge­schichte, d r man sowohl, was die Person als was die Sache angeht, nicht nöthig gehabt hätte, sie in Bezie­hung mit den Schicksalen dec beiden Frankfurter Abge­ordneten zu bringen, auf Folgendes:

Fabrikwesen, mit dem sie in der engsten Verbindung stehen, eine freundlichern Sonne scheint. Aehnlich ver­hält es sich mit der Bereitung der Schwefelsäure, so wie mit der Darstellung der Kali- und Natronsalze, welche in den Gewerben einen enormen Verbrauch haben.

Sehen wir auf die sogenannten Handwerke, wie die Mvbclschreincr- Bauschreiner-, Zimmer-, Maurer-, Stein- Hauerei re.; >v müssen wir mit Betrübniß gewahren, I daß der Lehrling von seinem Meister nur die Handwerks- vorthcile erlernen kann, indeß der intelligente Theil des Gewerbs ihm gänzlich verschlossen bleibt. Eine natür­liche Folge davon i|t die, daß unsere jungen Meister, die in der Fremde sich einige Raritäten und sogenannte Ge­heimnisse geholt haben, leider zu frühe in der Mode veralten. Technische Mathematik, technisches Zeichnen und technische Chemie sind ihnen fremd geblieben ; sie können daher nicht mit Erfolg spckulircn eder Formän­derungen leicht nachahmcn, jedes Suchen ist ein Tappen im Dunkeln. Schneider und Schuhmacher sind genügende Zeugen für das oben Gesagte. Solchen Uebclständcn läßt sich nur durch tüchtige Gewerbschulen begegnen. In denselben lernt der Zögling,, der entweder sein Handwerk schon versteht, oder dasselbe noch erlernen will, das eigent­liche Wesen der Gewerbe kennen. Es liegt zu nahe, als daß man verkennen sollte, daß die Gewerbe sich auf die Mathematik, wozu wir auch die darstellende Geo­metrie und das konstruktive Zeichnen zählen, so wie auf die Naturwissenschaften, unter welchen Physik und Chemie

besonders zu verstehen sind, stützen. Diese Wissenschaften sind der Boden, der die intelligente Seite der Gewerbe nährt; aus chm wird der spekulative Gewerbsmann in seinen Wegen sicher geleitet, daß sein Ziel nicht Pcrpe- duummobilemachcrei oder Goldmachcrei werde. Der Ge- werbsmann wird kühn aber nicht verwegen, intelligent aber nicht tausendkünstlerisch, er wird technischen Schrif­ten und Zeichnungen gewachsen, aber darum dem Arbei­ten in seiner Wcrksiätte nicht abhold, wenn er der tech­nischen Seite der oben genannten Wissenschaften mächtig ist. Eine Gewerbschule, welche dieselben nicht als Hauptge- genstände in ihrem Plan hat; eine Gewerbschulej, die nicht mit einem Lehrerpersonal besetzt ist, das darinnen lebt und webt und größerentheilö die Gewerbe von ihrer praktischen Seite kennt; eine Gewerbschule, die nicht durch .Staatsmittel für Modelle, Werkzeuge, Apparate, Be- ' soldungen rc. kräftig unterstürzt wird: eine solche Anstalt birgt den Todeskeim in sich und wir Nassauer wollen sie nicht. Wir haben lange Jahre entbehrt, was andere Staaten, wie die Schweiz, Baden, Baiern, Hannover, Preußen genossen; wir besitzen nun in den Resultaten lorcr Versuche eine Anweisung zur Gründung einer tüch- Gewerbschule. Wir bedürfen aber nicht fremde Äraste zur Besetzung derselben, indem Nassau selbst tauch- liche leute hat, die höhere Studien gemacht und schon lange auf geeignete Anstellung warten. Wird in unserm Vate> land nicht in kürzester Zeit eine Gewerbeschule ge­gründet, so hat der Gewerbstand gerechte Ursache laut

zu werden; indem für die übrigen Klassen durch kost­spielige Anstalten bestens gesorgt ist. So besitzt der ge­lehrte Stand drei Gymnasien (der Soldatenstand besaß die Misttärschnle,) der höhere Bürgerstaud das Realgym­nasium und die Landwirthe das Gcisberginstitut. Nur der Gewerbstand ist vergessen, verkannt und was sich bisher für ihn geregt hat, bezog sich nicht auf sein Herz­blut, das durch alle Adern pnlsirt.

Man hat auch dadurch dem Gewerbfleiß eine Hand reichen wollen, daß man Gewerbfreiheit einführte. Diese Freiheit hat ungemein geschadet, indem an allen Orten das Pfuscherwesen den günstigsten Boden fand. Eine Menge Lehrjungen, die kaum die Hälfte ihrer Lehrzeit bestanden hatten, traten mit ihren Meistern in die leb­hafteste Kokurrenz. Man trieb sich in den Preißen herab, man suchte wohlfeiles Material und verwendete weniger Seit und Fleiß auf die Arbeit. Der Verdienst wurde immer kleiner, ja nicht sehr selten war er auf Null ge­bracht. Wie konnte nun noch der Handwerker bestehen! Er darf keine Opfer schenen, um seine Kunde zu befried1 gen oder seine Waare los zu werden.

(Fortsetzung folgt.)