Amt Zeitung.
„âeiheit und Recht!"
M 22S
Wiesbaden. Mittwoch, 1 November
1848
Die „Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. — Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 ff. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. — Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung der „Freien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. — Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.
Volks wirthschaft.
I. Artikel.
Forstliche Boden wirthschaft.
/X Es gibt gewisse Leute, die mit plumper Derbheit, mit der schrecklichen Waffe des Emporkömmling- Verstandes, mit der knabenhaften Verwegenheit eines der^ väterlichen Obhut entronnenen „dummen Jungen", mii der Arroganz eines in Zichorie „machenden" Commis voyageur — gegen Alles herfahren, was ihrer Vorstellung von Recht und Freiheit, was ihrem aus schlecht- und mißbegriffenen Thatsachen mühsam herausdeduzirten Urtheile über volkswirthschaftliche Zustände und deren Vervollkommnung — nicht entspricht.
ES hat uns eine mehr als gewöhnliche Ueberwindung gekostet, mit dieser hier ausgesprochenen Erfahrung vor die Oeffentlichkeit zu treten, allein auf keine Weise glaubten wir unsere Meinung zurückhalten zu dürfen: denn geboten ist es dem Manne mit klarem Selbstbewußtsein, dem Materialismus gegenüber — in welcher Gestalt er sich auch zeige — ob im schwarzen, blauen oder grünen Frack — ein entschiedenes positives Urtheil zu*fällen.
Auch nach dieser Expektoration fällt es uns abermals außerordentlich schwer — von der Höhe unserer Anschauung — tief herabsteigen zu müssen zu der dürren, menschenleeren, wüsten Fläche eines schwarz- weißen Papiers, damit wir Gelegenheit bekommen, einen Artikel in der Nass. Zig. „über Forstreorganisation" erwähnen zu können.
Doch auch mit der bloßen Erwähnung desselben und der Bemerkung, daß wir auf ganz entgegengesetztem Standpunkte stehen, sei es genug und gehen wir nunmehr zum eigentlichen Gegenstände über.
Schon in No. 135 der Freien Zeitung haben wir behauptet und dargethan, wie es durchaus nöthig und zweckentsprechend sei, daß, behufs einer rationellen Wirthschaftspflege des Staates, die Leitung der g e. sammten Bodenproduktion (seien es Wald-oder Ackererzeugnisse) mit dem allgemeinen volkswirth- schaftlichen Prinzip in eine mehr nähere als bis jetzt stattgehabte Berührung gesetzt werde, und zu diesem Behufe die Einrichtung allgemeiner Wirthschaftsbezirke erforderlich wäre.
Dieses Projekt schien sich damals keiner besonderen Gunst — zumal von Seiten der Forstleute — zu erfreuen und da möglicherweise das Mißverstândniß ob. walten könnte, als sollte das gcsammte Forstwesen in dem Gebiete der Nationalökonomie aufgehen, so sehen wir uns veranlaßt, jetzt weiter und zwar um so mehr in die Sache einzugehen, als voraussichtlich das Ver- waltungswesen vor das Forum der Abgeordneten- Kammer demuächst gebracht werden wird.
Es handelt sich zunächst um die Frage, ob mittelst der bis jetzt bestehenden Einrichtung, d. h. der mit der Justiz vereinigten Lokalverwaltung, dem volköwirth-
Sonett.
Der dumpfe Donner grollender Kanonen
Erdröhnt vom Donauufer wettermachtig', Und kündet, daß noch einmal groß und prächtig Der Weltgeist rechtet zwischen Volk und Kronen.
Sie hören ihn, die an den Königsthronen
Sich fest anklammern, furchtsam und bedächtig;
Sie hören nh», die Hoffnugsreich und mächtig
Am Freiheitsglauben in den Hütten Wohnen/Z
Sie hören ihn — und manch ein wildes Höhnen:
"Das freche Wien, o Weltgeist, laß zertreten!" Hört zuckend man empor zum Himmel tönen.
Sie hören ihn — und manch ein brünstig Beten:
„Gib, Geist der Freiheit, Stärke deinen Söhnen!"
Ringt sich zum Himmel auf dem sternbesäten. —
W.
4- Wie steht's um Nassaus Industrie, und wie ist ihr aufzuhelfen?
(Fortsetzung.)
Jngleichenkönnte mit geringen Kosten die Uhrmacherei auf dem Westerwald verpflanzt werden. Wenn dieser
schaftlichen Prinzip in jeder Beziehung Berechtigung und in der Praxis ein wohlthätiger Einfluß zugestanden werden konnte.
Wir sehen die wesentlichsten Theile der Volkswirthschaft, die allerwichtigsten Elemente derselben der Obhut eines Amtmanns anvertraut, desseu Händen die Oberaufsicht der Bodenproduktion, der Grundstein unserer nationalen Existenz, übertragen, und diesem die Erforschung des Culturzustandes einer ganzen Gegend, die Leitung unserer Ur-Industrie überlassen.
Neben * dieser amtlichen landwirthschaftlichen Aufsichtsbehörde schreitet in strenger Abgeschlossenheit eine zweite Autorität — die oberforstamtliche Verwesung der forstlichen Bodenproduktion — mit jener Ackerindustrie einen schroffen Gegensatz bildend.
Unsere Aufgabe ist es nun, diesen Gegensatz mittelst des durchgeistigenden Prinzips der ins Leben tretenden Nationalökonomie aufzuheben.1
■ Jeder wird uns zugeben müssen, daß die Erforschung des Culturstandes irgend einer Gegend, welche jeder ferneren Maaßregel nothwendig vorausgehen muß, nicht allein die ausgedehntesten boden-technischen Kenntnisse, zu ihrer sachgemäßen Beurtheilung, verlangt, sondern daß auch dieser (nicht als ein isolirt dastehendes Faktum), mit dem gesammten jedesmaligen volkswirthschaftlichen Zustand, als daimtganz genau zusammenhängend, aufgefaßt werden muß.
ES ist also damit nicht genug, daß der Beamte weiß: „ diese oder jene Gegend dieses oder jenes Dorf ist arm oder reich, dieser Flecken oder jene Stadt ernährt so und soviel Arme, beschäftigt fo und soviel Leute mit Ackerbau, mit Fabriken u. s. w., nein! damit ist es nicht genug, sondern der Herr Beamte muß mit dein volkswirthschaftlichen Getriebe in seinen einzelnsten Einzelheiten bekannt sein und muß sich in der volkswirthschaftlichen Fassung befinden, die Urgründe, die diesen oder jenen Zustand herbeigeführt haben, genau ermessen und auch ferner erwägen zu können, durch welche volkswirthschaftlichen Maßregeln der „allgemeine Wohlstand" ') erzielt werden kann. Nehmen wir den Fall an: irgend ein Flecken oder Dorf ^befinde sich in der traurigen Lage, keine Dungmittel zu besitzen, also außer Stande zu sein, den, zu seiner Existenz nöthigen, Feldbau im geeigneten Zustande forterhalten zu können, waS thun? die Noth ist vorhanden und ein strenges Verbot stebt der Waldstreu- benußung entgegen. Man wendet sich an den Amtmann, dieser sieht die Noth ein und verweißt den Bürger an den Oberforstbeamten, aber dieser beruft sich auf die Verordnungen und seine Erfahrung und weißt nach, daß die Streubeiintzung durchaus unstatthaft und dein Walde von unmittelbarstem Nachtheil sei: resolu- tum: der fleißige Landmann erhält keine Streue und
*) Wir sind keine Anhänger der sogenannten Glückscligkelts- theorie. Anm. d. Eins.
Industriezweig fast allein den Schwarzwald ernährt, so dürfte man billig fragen: Warum soll der Westerwald dafür unempfänglich sein ? In der That haben schon viele junge Leute aus den Aemtern Herborn, Rennerod, Marienberg und Hachenburg bei dem Verfasser angefragt, ob cs ihnen möglich werden könnte, mit kleinen Geldmitteln in der Uhrmacherei selbst oder auch nur mit dem Uhrenhandel zu beginnen. Seine Antworten bezogen sich dahin, daß wir nicht mehr in der Zeit lebten, mit dicker Kunst, der eine starke Konkurrenz entgegenarbeitet, so dürftig zu beginnen, wie vor 120 Jahren die schwarz- wälder Uhrenmacher angefangen haben. In dem badischen Schwarzwalde, wo wir meilenweit unter jedem Hausdachc eine Uhrenmacherwerkstätte finden, wo nicht selten selbst die Frauen und Kinder darin beschäftigt sind, werden jährlich über ein Million verfertigt und versendet. Man wundere sich nicht über eine so große Anzahl, denn ganz Europa, halb Amerika, halb Asien ist davon überschwemmt und gegenwärtig wird Anstalt getroffen, um einen Weg nach China ju finden. Rechnen wir eine Uhre dnrchtchnittlich nur drei Gulden Fabrikpreis;, so fließen jährlich drei Millionen fremdes Geld in den Schwarzwald. Daher keine Frage, woher der Wohlstand des Schwarzwälders auf seinem mageren Boden komme. Würde der Westerwald jährlich nur cin- mal hundert tausend Stück liefern, gewiß würde man solches Geld in ganz Nassau verspüren. — Blicken wir ans die chemischen Gewerbe, so erkennen wir Aehnliches,
seine Aecker zerfallen in Unfruchtbarkeit. — Diese Maßregel mußte so kommen, aber nur schade, daß sich der Mann von der Volkstümlichkeit derselben nicht überzeugen konnte. — Ganz anders aber verhält sich die Sache, wenn, wie wir wollen und seimr Zeit in Rum. 135 der fr. Ztg. auseinanderseßten, b t gesummte Production der Leitung der Wissenschaft, die technische Verwaltung der Bodenproduction (gleichviel von Wald oder Feld, gleichviel wer der Eigenthümer) einem Wirthschaftet übertragen wird — die Oberforstämter (als solch?) abgeschafft und diese, C» Mittelstellen nicht zu entbehren sind) mit der Kreisverwaltung, oder wie man sie sonst nennen wolle — verbunden werden. — Wir haben damals weitläufig aus- einandergesetzt, welche weitere-Obliegenheiten in diesem Falle der Productionsbeamte, außer der Leitung der Waldwirtschaft, noch zu erfüllen habe, und welche weitere Ansprüche an denselben, und an den Chef der kameralistischen KreiSverwaltungssektion zu machen sein würden. Auf den bezüglichen Artikel verweisend, halten wir uns nicht länger dabei auf und wollen en passant einige Augenblicke bei den bis jetzt aufgetauchten Forstreorganisationsspstemen verweilen.
Diese lassen fich ihrer ganzen Fassung und Inhalt nach in 3 Worte zusammenfassen, fie resultiren „Rai- sonnements", „anmaßende Unfähigkeit" und den nervus rerum „Geld."
Alle gedruckten und ungedruckten Ansichten und Wünsche, die uns bis jetzt zu Gesicht gekommen, basiren auf diesen 3 Potenzen;. mit einem planlosen Heruln- irren auf dem Gebiete der Forsteinrichtungssphäre, nebst einem Rütteln und Schütteln an gewissen Instituten, namentlich an den Oberforstämtern, die diese Forstpolemiker nicht begreifen können, wie sich jene bis jetzt selbst (aufrichtig gesagt) selten begriffen haben *), fangen gewöhnlich die Lamentos an und endigen mit einem stürmischen Halali „fort mit ihnen", darauf folgt daS Nachtstück der anmaßenden Unfähigkeit, die nur einzu- reißen, aber nicht aufzubauen, die etwas zu verdrängen, aber nichts an dessen Stelle zu setzen versteht und zuletzt endigt die Comödie mit dem herzzerreißenden Jammer ums „Brod": Geld, Geld, heißt der Schluß — daS Ende der Tirade ").
(Schluß folgt.)
*) Unter den sieben noch lebenden Oberforstbeamten befindet sich nur einer (Dr. Genth in Hachenburg), der auögedebnte kameralistische Studien gemacht, die andern dagegen find meisten- theilS aus Hartigs Försterschule hervorgegangene Empiriker.
Anm. d. Eins.
**) Ein Jammer ist es um die finanzielle Lage der Nass. Forstleute und wäre eine baldige Aenderung dieses NotbstandeS allerdings sehr erforderlich, allein zum Todtlachen ist eS wenn in eine Kritik wissenschaftlicher Anordnungen deS Staates, wie von vielen geschehen, solche Brodschrciereien sich entminen. Anm. d. Eins.
wie bei den mechanischen. Sticht einmal der Bedarf an Farben für den Gewerbsmann wird bei uns fabricirt Wir haben cremser Weiß, kassier Gelb, braunschweiaer Grün, englisch Roth, berliner Blau, frankfurter Schwärze, indc>; nicht ein einziger nassauischer Ort den unbestrittenen Namen einer Erfindung trägt. Könnten wir nicht auch Bleiweiß fabriziren, da «vir doch Blei und Säure haben? 6ben |o steht ev mit den andern Farben. Nassau hat reiche und viele Thonlager, es ist auch mit der Fabri- ratton der Ziegel Töpfer- und Steingutwaaren beschäftigt, allein unsere Thvnwaaren bedürfen endlich einmal einer Verbesserung, die sich auf die Masse, die Glasur, den Brand, die Arbeitsvortheile und die Malerei bezicht. Finden wir den Eisen- und Kieselgehalt zu hoch oder zu niedrig, so läßt sich vielleicht durch die Kunst nachhelfen. Man sagt baß wir eine große Porzelanfabrik besäßen, aber unsere sogenannten Porzelanteller tragen fast alle den eingedrückten Ramen „Marbach", und die Porzelan- malereien sind in München, Berlin, Köln und andern Orten zu Hause. In Wiesbaden hat vor einigen Jahren die Fabrikation der thönernen Ocfcn, sowie auf dem Westcrivalde die Bäckerei der irdenen Pfeifen emporkommen wollen. Welche Fortschritte darin gemacht wurden, oder ob sie wieder eingegangen sind das ist dem Verfasser nicht bekannt geworden. Andere chemische Gewerbe die noch ganz schlafen oder nur beengt betrieben werden' wie die Bereitung der Stärke, des Leims :c. erhalten erst dann ihren Schwung, wenn einmal dem nassauischen