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Freiheit und NeehL!"

M 220

Wiesbaden. Donnerstag, 26. October 18L8.

Die , Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementspreis beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fl. 45 kr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Inserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

[!?] Ein freundschaftliches Zwogespräch mit der Frankfurter Oberpostamtszeitung.

Ans dem blauen Ländchen, 17. Oft. Es ist mir auffallend, daß die freisinnigen Blätter so wenig Rücksicht auf die leitenden Artikel der Oberpostamts­zeitung nehmen, welch? ohne Zweifel in zweierlei Be­ziehung Aufmerksamkeit verdienen, erstens nämlich wegen . ihrer mit vorsichtig-diplomatisch leisem Katzentcitt auf­tretenden Rückschrittsabsichten, welche, trotz der Beschei­denheit in der Form, in ihrem Inhalt sehr unbescheiden sind, zweitens deßwegen, weil die Oberpostaintszeitung offizielles Organ des Schmerling- Peucker-Mvhlischen Reichsministeriums ist und daher ihre leitenden Artikel entweder geradezu, als die Absichten des dermaligen Reichsministeriums oder doch wenigstens als Ansichten desselben betrachtet werden müssen, welche es hinaus­schickt, um zu probüen, was das Volk dazu sagt.

Wir machen hiermit nachdrücklich auf diese leiten­den Artikel aufmerksam. Wir denunziren sie der Volks- - Partei, damit sie daraus die Absichten der Rückschritts- Partei kennen lerne.

Als Probe dieser Artikel führen wir den Aufsatz in der Extra-Beilage vom 14, Ort ober (Rum. 279) an, betitelt:Ueber die kleinern deutschen Staaten" unsern Lesern vor.

Dieser Artikel enthält unter ander» schönen Sachen auch folgende Sätze:

Den kleineren deutschenSouveräns" (sic!!) d. h. zu deutsch Fürsten, sei die Entsagung auf ihr Hauscigenthumabgedrungen worden", das Land habe das Eigenthum an demHaus- vermögen" durchDrohung und Drang" erworben. Es sei nun ganz zweckmäßig, daß die Centralgewalt hier für die kleinenSouve- rains" eineRestitutio in integrum" (d. h. eine Wiedereinsetzung des früheren Zustandes) bezüglich ihres angeblichen Hausvermögens ein- treten lasse und sie gegen Wiederherstellung eines zu Glanz berechtigenden Vermögens" bewege, von dem Thron abzutreten und ihr Land der Centralgewalt freiwillig als reichsunmittel­bares zu überlassen."

Liebe Leser, ist das nicht ein schöner Plan?

Ihr habt am 4. März die Domänen wieder zu dem gemacht, was sie von Haus aus sind, nämlich zu Staatseigenthum. Das ist durch feierliches Anerkennt- niß des Fürsten und seiner Familie am 4. März besie­gelt und seitdem in unzähligen Erklärungen wiederholt worden, und die Landstände sind mit dem Vollzug die­ses Rechtsatzes beschäftigt. Wenn's nun aber nach dem Sinne der Oberpostaintszeitung und ihrer U-Heber geht, dann kommt auf einmal die Centralgewalr und sagt: Ach was Anerkenntniß, Erklärung, Veisiche^uig! Scheelt uns nichts. Das Hausvermögen ist dem Her­zog durchDrohungen" gewaltsamabgedrun-

» j.a ajrrrraiwaa^jm^ saaag^aK-BSLuatiMrra^

Nicolaus Pawlowitsch, Selbstherrscher aller Reußen.

(Ausder neuen Zeit").

(Schluß.)

Mit der Menschheit als absolutem König hat ein Zar nichts zu schaffen, und wenn die europäische Staaten- politik die Logik für sich als unbrauchbar erklärt, weil sie sich von dieser durch Sprünge unterscheide, die sie machen müsse, um eben Politik zu sein, wer kann sich dann wundern, daß auch der russische Autokrat sich die­ser europäischen Wissenschaft gewidmet hat, und wer kann cs ihm verdenken, wenn er darin die größten Sprünge macht, sobald Andere nichts dagegen haben?

Glaubt man, daß nnW den Kronenträgern Europas viele sein würden, welche an Nicolaus' Stelle minder despotisch herrschen würden? Würde manches Souverän- lein, das seine Lcmdergrößc wie weiland Dido mit einer Löwenhaut bedecken sonnte, sich als Zar nicht ganz anders gebehrden als Nicolaus?

Nicolaus ist hart unter größtentheils der Härte noch nicht entwachsenen Völker», aber keine Leidenschaft hat ihn je hingerissen, Menschen z» erschieße», er schmeichelt nicht leinen Völkern mit Freiheit, er sagt ihnen offen, daß er das freie Wort nicht dulde, er betrügt sie nicht. Er ruft zornig:Nieder auf die Knie ! einem auarclü- 1$ wahren Pöpclhaufcn gegenüber, aber er hat sein u

gen" worden, und was mit Gewalt geschieht, das gilt nichts. Dafür setzen wir ihn in den vorigen Stand wieder ein, geben ihm das ganze Domanialvermögen mag es dein Land gehören oder nicht wieder, und dafür muß er uns dann das Nassauer Ländchen mit Land und Leute schenken, das stecken wir als reich s- un mittel bar in die Tasche und machen es zu einem Stück von Centralgewaltsland."

Wahrhaftig, meine liebe Oberpvstamtszcitung, das wäre nicht übel, und man kann Dir die Worte aus Schiller's Wallenstein zurufen:

Wär' der Gedanke nicht verflucht gescheidt,

Ich wâr' versucht, ihn hei zlich dumm zu nennen."

Du wärst am Ende im Stande, meine Irbe, gar zu offenherzige Oberpostaintszeitung, wenn Du Dich staik genug fühltest, es durchzuführe», zu sagen:

Alle Errunger. asten des März sind durch Drohungen und Gewalt abgedrungen, mithin gelten sie nichts und ich und die Cent al- gewalt fegen die Fürsten in den vorigen Stand wieder ein."

Denn so gut, wie man das von den Aenderungen in der Domänensache sagen kann, so gut kann man eS von allen übrigen Volksrechten, von Preßfreiheit, Rede­freiheit, Versammlungsrecht'), Volksbewaffnung, Reli­gionsfreiheit, Geschwornengerichttn und allem Andern jagen, denn alles Das ist auf dieselbe Weise errungen und abgedrun gen wurden, wie das sogenannte HauS- Vermögen.

Aber Du liebeOberpostamtszeitung", Du treffli­ches offizielles Organ des Reichömimsteriums Schmer­ling -Peucker-Mohl, hüte Dich, hüte Dich, daß sich Deine Rathschläge denSouveräne", d. d. zu Deutsch Fürsten, nicht zu fest in Den Kopf einviäugen. Denn es möchte ihnen sonst etnsallen, daß auch die Errstuz des deutschen. Parlaments, und folgeweife die Existenz der von diesem geschaffenen Centralgewalt, und folge- weift auch die Existenz des von der Centralgewalt ge­schaffenen Ministeriums Schmerling-Peuckcr-Mohl gerade so, wie alle andern Dinge, die wir oben genannt ha­ben,mit Drohungen gewaltsam abgedrungen worden sind, und das sie daher demselben Schicksale verfallen müssen, wie die Erwerbung der Domänen für das Land, nämlich den Abschaffung durch Wiedereinsetzung des vorigen Zustandes (restitutio in integrum)!!!

Siehst Du, mein liebes Blatt, das da ficht unter dem Zeichen des Poftreiters, das find die nothwendige» Folgerungen Deines Grundsatzes (Conscquenzen des Prinzips). Und wenn Dir auch Parlament und Cen­tralgewalt gleichgültig sein sollten, so wirst Du mir doch zugebe», daß es schade wäre für das Ministerium Schmerling - Peucker - Mohl, wenn rs auf diese Weise über den Stein fiele, den Du ihm selbst in den Weg gelegt.

*) Welche doch mißliebig find. Vrgl. das Gesetz zum Schutz der Nationalversammlung !

©sinnen noch nie angmuthct, vor seinem Bilde Buße zu thun. Haben Souveräne gebildeter Völker am Menschen­geiste sich weniger versündigt denn er? Wer vermag Nico­laus mit Lastern zu beschuldigen, mit Denen andere Macht­haber wie mit Privilegien unverschämt sich brüsteten?

Rußlands Verfassung ist eine .excentrische. Sie achtet so wenig wie Anarchie Gesetz und Recht, und wenn es Vernunft und Jahrhunderte für sein Bestehen anfzuweiscn hatte. Daß aber Despotie und Anarchie in dem Punkte ihrer Gleichheit oder Achnlichkett sich nicht berühren, da­rüber wacht Nicolaus, obgleich er sich gestehen muß, daß er den Stein des Spsiphns wälzt, Die Landplage durch seine Dienerlegivn je zu überwältigen.

Ueber Staatsverfassung ist er wohl mehr im Reinen als mancher andere Souverän und mancher Diplomat. Die consiitutionclle Monarchie hält er für die verlängerte Kette der Autokratie, aber für weniger aufrichtig als Diese, * weil der konstitutionelle Monarch wahrhafter Manos sein und nicht nur Dem Namen nach Die Fäden in der Con­stitution zum Tau drehen will, an Dem er allein sie führt. Hat Louis Philipp Diese Wahrheit nicht als Lehre für alle Nationen ausgestellt ?Ich weiß", sagte Kaiser Nico­laus, "daß Die Republik in Den Mittelpunkt aller Ver­fassungen gehört, der Mensch wird mit der Neigung zum Herrschen geboren, und da in Der Republik jedes Mitglied gleichen Theil an Freiheit und Recht hat, so ist sie auch der moralischen Natur am anpassendsten, folglich vermmft- gcniâß.

Also mein liebes Blatt, das da kämpft ucker dem Zeichen des Postreiters, ich rufe D r zu: Manum de tabula d. h. zu Deutsch:Laß die Pfoten davon!" Entweder erkenne die Revolution als berechtigt an, oder verdamme und leugne fie. Aber daß Du sie da aner­kennst, wo sie Dir in den Kram paßt, sie dagegen als Gewaltthat schmähst und verleugnest, wo Du einen Nutzen dadurch glaubst erkobern zu können, das thut's nicht. Zudem ist es mit dem Verschachern von Land und Leuten vo bei, seitdem die Unterthanen zu Bürgern geworden sind. Das Land gehört den Bür­gern und die Bürger sind wir. Es kann also Nie­mand das Land an eine fremde Gewalt abtreten, a^s wir. Die Errungenschaften des März sind ein Werk der Bürger, und die Bürger sind wir. Es kann also Niemand diese Errungenschaften schmälern, bedüfteln oder bedeuteln, als wir.

Das als Antwort auf Deinen saubern Plan, Du edles Blatt, das da kämpft unter dem Zeichen des Post- reiters, und das da gerne die Länder belasten möchte mit neuen Lasten, ohne sie zu befreien von den alten.

Nationalversammlung zu Frankfurt. lOL Sitzung.

Frankfurt, 23. Okt. Nachdem der Präsident die Versammlung von dem Ableben des Abgeordneten Brurick in Kenntniß gesetzt und zu dessen um halb 5 Uhr stattfindende» Leiche»begräb» eingeladen hatte, zeigte Leue den (aufTagesordnung lautende») Leucht des Gesetzgebungs-Ausschusses über den Antrag von Schaffrath und Genossen auf Anklage gegen die Retchemiusster v. Schmerling und Mohl wegen Verkündigung des Belagerungsstaudes an. Jucho'iu- terpellirt den Minister der auswärtigen Angelegenheiten wegen der diplomatischen Verhältnisse zu Rußland. Reichsminister v. Schmerling beantwortet mehrere in den letzten Sitzungen gestellte Interpellationen. Er erklärt u. A., daß gegen die Wegnahme mehrerer schles- wigschen Fahrzeuge durch die dänischen Schiffe als ge­gen einen Bruch des Waffenstillstandes bei der dänischen Regierung Reklamationen erhoben, zugleich aber dec schleswig'schen Regierung die Annahme einer neutralen Flagge bis zur definitiven Entscheidung über die Ein­verleibung Schlesivigs in Deutschland anempfohlen und zu diesem Zweck die Vermittelung Englands angerufen worden sei. Der Abg. Kerst harte gefragt, ob das Ministerium von der Ernennung des polnischen Gene­rals Bem zum OberkomMaudauten in Wien offizielle Nachricht habe, von welcher gesetzgebenden Behörde dic- selve ausgegangen sei, und wie sie mit der Behauptung, daß die Bewegung in Wien eine deutsche sei, Zusam­menhänge. Der Reichsminister des Innern erwiederte: Die Ernennung des Generals Bem sei dem Reichs- mutißcrium nicht offiziell bekannt; nach der öffentlichen

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So äußerte sich einst Zar Nicolaus gegen den dänischen Gesandten Graf Blohm: Wahrheit ist unstreitig darin, wenn auch der Despotismus sie als eine Schanze auf­wirft. Hinter Der er seinen Egoismus verbirgt

®er Rassismus, Dieser hassensivehrte Egoismus, Der seine andere Nationalität duldet, so weit sein Arm reichen kann, hat den Kaster durch uno durch eingenommen. Genährt wird Dieses asiatische Gewächs, das unter seine dunkeln Zweige gern ganz Europa in Schatten nehmen möchte, freilich nicht von Quellen süßen Wassers, wenn man Die Vertreter des Rassismus, einen Minister des Hofes, Fürst Wolchonski oder einen Grafen Orlow, ins Ange faßt. Führt er doch einen Raasch bis zur Er­blindung mit sich. Bringt doch Der Kaiser 45 Millio­nen Leibeignen den Becher des Wohlwollens mit dem Rafe:Für Euch!" unD sieht nicht, welche Hefe auf Dem Boden des Kaisers sitzen geblieben ist. Manche Ukasen tönen so menschenfrenndlich, daß man die Töne wie Freiheits klänge begrüßen könnte. Der Sklave kann schon nicht anders als familienweise verkauft werden, er,ist mit Der Absicht Der Regierung umnebelt, daß sie ihn Der Willkür, überhaupt Dem Einflüsse der Aristokra­tie entziehen wolle, er ist bis inclusive zu dem Rechte gekommen, Grundbesitz erwerben zu können. Ist hier Aufrichtigkeit? oder ist es anders als List der Autokra­tie, nur Alleinbesitzerin von Sklaven zu sein? Indem die Krone Dem einzelnen Erbherrn Den Leibeignen ent« fielst, macht sie ihn zu ihrem Eigenthum und den ohn»