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„âeiheit und Recht!"
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^ 2 f<K Wiesbaden. Mittwoch, 23. October L8L8.
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Wie soll die Generalsynode in Nassau gehalten werden?
DD Bisher befand sich her, Staat im Besitze der Kirchengewalt über die evangelische Kirche; derBilchof, die Dekane, die Pfarrer sind Staatsdiener und eine Synode, die von der Regierung jetzt zusammepgerufen wird, also ihr Mandat von der Regierung erhält, ihre Machtvollkommenheit von ihr ableittt,muß stehen und fallen mit jener Kirchengewalt.
Mit der Publikation der Grundrechte nun gibt die Regierung die Kirchengewalt ab, die evangelische Reli- gionsgenossenschafr befindet sich dann in der Vage, wie jede andere Gesellschaft, die keinen von jedem Mitgliede beauftragten Geschäftsträger hat, und obgleich die bisherigen Behörden faktisch fortbestehen, so könnte doch mancher Böswillige sich weigern, die Verfügungen jener Behörde zu befolgen, wenn sie ihm zu lästig sind. Ja, man hat schon die Befürchtung ausgesprochen, daß die Kirchenbehörden diesen Ueb^rgang benutzen würden, um die Kirchengewalt der Regierung sich in die Hände zu spielen und dann großmüthig den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern einen Theil derfelbe» abzutreten, indem sie die Wahl von % der Mitglieder der Gene- ralsyuode den Laien überließen und dann nur noch etwa y6 der Synodalabgeordneten der Partei der Geistlichen beizutreten hätte, damit alle Fragen (und die meisten betreffen ihre Interessen) in ihrem Sinne entschieden werden.
Um nun alle diese Jnkonvenienzen, die zu Trennungen rc. führen würden, zu vermeiden, wäre es angemessen, wenn die Wahl zur Generalsynode in der Art vorgenommen würde, daß jeder seinen freien Willen hätte, ganz unbeschränkt seine Einstimmung äußerte, so daß die Befugniß der Generalsynode sich eineStheils auf die jetzt noch bestehende Kuchengewalt der Regierung, anderntheils aber auch nach deren Wegfallen auf die rechtsverbindliche Zustimmung jedes einzelnen stimmpflichtigen Mitgliedes stützte. Die Befugniß der Synode würde hiernach auch dann noch bestehen, wenn d»e Rc- ligionsgenoffenschaft in den Zustand jeder andern Privatgesellschaft zurückgekehrt ist.
Wenn dann nach ihrem Zusammentritt die Synode gleich bestimmen würde, daß die bisherigen Kirchenbe- Hölden bis auf weiteres ihre Dienstsunktionen zu versehen hätten, so wäre der Ucbergang ohne Schwierigkeiten vermittelt.
Dies ist begreiflich nicht der Fall, wenn die Regierung jetzt den Willen der Gesellschastömitglieder beschränkt, wenn sie z. B. nur % der Abgeordneten frei wählen läßt, den Rest aber den Interessen der Geistlichkeit reservirt.
Auch geräth diese hierdurch in eine durchaus unge- crguete Stellung. Jene geistlichen Abgeordneten stehen da als Vertreter ihres Standes, der Hierarchie, und müssen deren Interessen vertheidigen, wir erhalten dann eine Kirchengewalt, die die Geistlichen besitzen,
und ein Parlament, das jene Gewalt bekämpft. Ein solcher Kampf darf wohl im Staate stattsinden, allein in Betreff der Religion der Liebe nnd des Friedens ist er nngeeignet und führt Erbitterung herbei und zweifelsohne zu Trennungen. In Betreff des Glaubens läßt sich nicht so verhandeln, wie über eine Staats- steuer.
Wenn aber die Laien und Geistlichen gemeinschaftlich frei wählen, so wird, selbst wenn auch mehr als % Geistliche bei den ersten Wahlen auf die Synode kämen, die Stellung derselben eine andere seyn. Sie leiten ihr Mandat von dem Volke ab, und können, ohne eine höchst unehreuwetthe Handlung zu begehen, dessen Interessen nicht bekämpfen.
Diese Mißstände werden auch dadurch nicht beseitigt, wenn man den Wählern ausgibt, auf 2 Laien einen Geistlichen zu wählen.
Indem wir obige Wünsche aussprechen, bemerken wir, daß die geriuge Theilnahme an den bisher vorgenommenen Wahlen zu den Spezialsynoden, bei denen zur Generalsynode vielleicht dadurch umgangen werden kann, daß in jeder Gemeinde durch den Kirchenvo stand Stimmzettel eingesammelt, verschlossen an den S tz des Dekans geschickt und dort öffentlich eröffnet werden. Eine vorläufige Berathung über die Wahlcandidaten könnte dann durch wenige Personen, die vorher dort zusammentreten würden, vorgenommen werden.
SS. Die neue Arzneitaxe tu Nassau.
Wenn Acsculap'ö Söhne nicht mehr mit der Mutter Natur im Krieg sein werden, so ist nicht zu zweifeln, daß ein guter Theil der Aezneitigel von selbst verschwinde, die gewiß aus die göttliche Heukunst ein eben so nachtheiliges Licht weisen, als die gehäuften Gesetze auf die Verfassung eines Landes. Durch diese Herabsetzung des Arzneischatzes werden zwar die Apotheker auf der einen Seite verlieren, allein sie gewinnen wieder auf der andern, indem sie nicht mehr nöthig haben, für die Armee ihrer Medizintigel so prächtige und ungeheure Casernen zu bauen und so kostbare Pillenfabriken anzulegen. Niemand wird aber besser dabei fahren, als die armen Kranken, vre statt der Ehre, methodisch schulgerecht zu sterben, dann wieder das Gluck haben werden, ohne alle Methode durch die Natur zu genesen.
Wir leben jetzt in einer Zeit, wo man eingesehen hat, daß der Arzt oft mehr durch diätetische Verordnungen bewirkt, als Medikamente. Deshalb ist es höchst auffallend, wie man in der neuen Arzneitare so enorme Erhöhungen der Preise hat eint eten lassen kön- nen, so daß jetzt die gewöhnlichere Arznei das doppelte und noch mehr, vor dem früheren Preise kostet. Und wenn Verfasser jenes wortreiche» und gedankenarmen Aufsatzes in der Nass. Allg. Zig. Nro. 169 rc. unsere Meb ein al - Verfassung prust, weil die Kranken dabei
nicht durch die Rechnung d ö Arztes aus dem Regen in die Traufe kämen, so bin ich begierig sein Urtheil über die jetzige Arzneitare zu hören, die die Apotheker- rechnungen zu einer unerschwingbaren Höhe steigern. Bekanntlich war unsere frühere Arzneitare schon sehr hoch, so daß die Grenzämter häufig ihre Arzneien in der benachbarten Apotheke des Auslandes machen ließen. Wie es aber kommt, daß jetzt die Arzneien so theuer geworden, davon einige Beispiele.
Als endlich die 6te Ausgabe der Preuß. Pharma- copoe eingeführt wurde, während man sich bisher imnur mit der 3ten behelfen mußte, wurden eine Menge neuer Bereitungsarten vorgeschrieben, die allerdings eine Revision der Arzneitare nöthig machten. Dazu wurden 2 Apotheker und die ärztlichen Mitglieder der Landes- Regiepung bestimmt. Es bedarf^ eigentlich kaum der Erwähnung, daß in solchen rein pharmaceutischen Sachen der Arzt gewöhnlich wenige höchst dürftige oder gar keine Kenntnisse hat. Somit ruhte die ganze Arbeit aus den 2 Apothekern, die natürlich die Sache zu ihrem Vortheil so viel als möglich ausbeuteten. Zur Zeit der Revisor, war der Alcohol auf einen sehr hohen Preis gestiegen, und diese Gelegenheit wurde benutzt, diesen extrem hohen Preis als Norm anzunehmen. Da nun in der neuen Pharmacopoe alle Ertracte mit Alcohol bereitet werden, |o verbraucht der Apotheker eine sehr große Menge, und bei dein hohen Ansatz mußten diese vielen und sehr gebräuchlichen Mittel einen enormen Preis erlangen. So kostet Ertr. Gram. 31=32 fr., Ertr. Tarar. 31=40 kr., während sie sonst 12 und 18 kr. gekostet haben; und in der Witkung möchten tue früheren Präparate den jetzigen nicht nachstehen. Ein anderes Mittel, das in den Apotheken sehr viel gebraucht w rd, ist der Zucker, ein Stoff, der dem Verderben durchaus nicht ausgesetzt ist. Bekanntlich sind die Zuckerpreise in den letzten Jahren heruntergegangen, allein in der Apotheke wird das bürgerliche Pfund zu 1 fl. 36 kr. bis 1 fl. 52 fr. berechnet. Daher kommt denn auch die Erhöhung aller Preise für die Syrupe. Allerdings wenn man den ursprünglichen Preis des Alkohols und des Zuckers so hoch setzt, so erscheinen die übrigen Ansätze konsequent. So ist die Butter zu 1 fl. 36 kr. und das Schweinsfett zu 1 fl. 30 kr. das Mund angesetzt, Substanzen, die jeden Augenblick frisch zu beziehen sind. Daher die höhern Preise der Salben. So wird ferner in der neuen Taxe das gewöhnliche Wasser berechnet.
Außerdem kommen in der Art der Berechnung noch manche ganz auffallende Vortheile vor. Es sind nämlich viele Ärzneifioffe um 1 oder ein paar Kreuzer erhöht, so daß ungerade Zahlen hranökommcn. So ist cö ganz einerlei, ob eine Unze irgend eines Stoffs 8 oder 9 kr. kostet; wenn dieses aber solche Stoffe sind, die nur drachmenweise verschrieben werden, so kostet die Drachme doch 2 kr. und während es scheint, daß die ganze Unze bloß nur 1 kr. ist erhöht worden, ist in der That der Preis der doppelte geworden. — Die
Nicolaus Pawlowitsch,
Selbstherrscher aller Reußen.
(Aus „der neuen Zeit"),
(Fortsetzung.)
Er hat schwer für diesen Versuch der Redekunst durch das Journal des débats büßen müssen. Er fühlte recht gut die Blößen, die er sich gegeben hatte, die Vertheidigung, die er gegen die schlagende Vernunft des euro- i pâischen Journals in die Welt schickte, nachdem er sah, daß alles Verbot der ausländischen Blätter nichts half, welche jene Rede und die Darauf erfolgte Kritik immer weiter verbreiteten, deckte die Blößen mehr auf als zu; allein die Frucht des Büßenmüssens war das Princip aller despotischen Regierungen: „Alles Andere muß sich bessern, wir selbst sind unverbesserlich."
Eigentlich erst mit der Unterdrückung Polens bot Der Despotismus des Aars überall hin den Kampf an. Nicht die einzelne Phrase eines Ausspruchs, nicht eine einzeln dastehende Handlung darf ein gegründetes Urtheil so wenig über den Zar wie über jeden Privatmann fällen, wohl aber sind Worte und Thaten von Nicolaus zusam- mengesaßt im Einklänge, daß seine Seele fest am kernigen Despotismus hängt. Nicolaus ist Russe, er ist es ganz, ung wer ihn nach einem andern Maßstabe beurtheilen will, verfehlt ihn gänzlich. Aber eben deshalb ist cs auch wie erlich, wenn der Scrvilismuo Eipirhcla ihm
beilegt, die in der russischen Natur keinen Boden haben. Nicolaus ist z. B. weder heroisch noch ritterlich. Er hat es noch nirgends bewiescu. Der ihm zugeschriebene Trotz gegen Lebensgefahr wird zur Furcht, wenn man die Anstalten kennt, Die von der Gensbarmerie, von ter : öffentlichen und geheimen Polizei bei einer Reise des Kaisers getroffen werden. In den ersten seiner Regicr- ungsjahre wurden auch um die Residenz herum alle Gräben, alle Wiesen und Gebüsche von Kosaken vorher untersucht, wenn der Zar nur auf ein Lustschloß fuhr. In Warschau und andern polnischen Städten wurden Haussuch- ungen in dem Bezirk angestellt, wo sich Der Zar in Mitte von Militärmassen zeigte. Im Innern des Reichs werden Regimenter zusammcngczvgen, wo der Kaiser sich aufzuhalten gedenkt. Bei dem Aufstände Der Nowgorod- schen Militärcolonien wie bei dem Bauerntumult auf Dem Heumarkt in Petersburg zur Zeit der Cholera, erschien er persönlich drvhenv, nachdem dort die Kanonen und hier geladene Flinten daS Fieber schon vertrieben hatten. Während seiner Anwesenheit bei Der Armee im türkischen Feldznge gab seine Seele kein Zeugniß von Heroismus, im Gegentheil griff sein Roß gewaltig aus, als er mit seiner Suite auf einer Höhe bei Varna re- cognoscirte und einige Kugeln aus der Festung den Berg bestrichen.
Das Zeugniß, welches Die Russen ihrem Zar aus« stellen, lautete vor einigen Jahren in der Petersburger Leitung: „Der Kaiser ist groß als Mensch) groß als
Gesetzgeber, groß als Regent, groß als Feldherr, groß als Diplomat."
Würde je ein Russe in den Grenzen seines Vaterlands wagen, ein Wort an dieser Prachterhebung zu ändern, und wenn ihm Die Gewalt brennende Schwefclhvlz- chen unter Die Fingernägel spickte?
Welche Wärme durchströmt das Herz, wenn die lleber- zeugung ipricht, wie schön, wie wünschenSiverth ein euer« gsiäwr Charakter ist; welche Eishand aber greift an das menschliche Gefühl, wenn Die Ueberzeugung ruft, daß der energische Sinn synonym mit despotischer Hudelei ist, die zwar Die Maske der Völkerfreuudlichkeit sich vorhält, Die wie ein Vater, aber auch, gleich Saturn, seine eig. neu Kinder frißt!
In Nicolaus ist der Zar über Den Menschen gestellt. Dieses Bekenntniß muß Den vor Allen schmerzen und gewiß tief, der aus Ueberzeugung, aus eigener Erfahrung weiß, daß er in Nicolaus einen Menschen, empfänglich für häusliches Glück anerkennt, daß er in ihm einen gerechten Menscbcn gefunden hat, sobald es nur darauf ankommt, das durck käufliche Gerichte bedrohte Recht des Einzelnen zu stimmen. Wenn es gelten soll, daß die Wahrheit verletze, so kann sich das Bewußtsein, wahr zu reden, nicht zurückziehen, in Nicolaus den Zar zu verletzen, aber nicht den Menschen. Beide sind in diesem männlichen Charakter scharf zu scheiden, und das Unglück für Nicolaus selbst, für seine Völker und Die Gegenwart