Freit Ztilung.
„âeiheiL und Recht!"
M 216
Wiesbaden. Samstag, 21. October
IMS
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Weiterer Beitrag zur Geschichte der blutjungen Preßfreiheit Nassaus.
Wiesbaden, 20. Oktober. In der gestrigen Nummer der „Freien Zeitung" haben wir unsern Lesern ein kleines Bild von Unseren Preßzuständen geliefert in einem Artikel, der in 2 Abtheilungen die Überschriften führt: I. Es lebe die Preßfreiheit; II. Es lebe die Gerechtigkeit!
Als einen weiteren Beleg zu dem darin Gesagten cktiren wir einen in Num. 137 der „Freien Zeitung" enthaltenen Artikel, datirt „Wiesbaden, den 21. Juli." Derselbe lautet:
„Die Reorganisation unserer Bürgerwehr hat begonnen, und hat sich dabei bereits gezeigt, mit welcher Keckheit die Reaktion wieder austritt. Es wird Alles aufgeboten, Diejenigen, welche mit Entschiedenheit und Offenheit der Wahrheit die Ehre geben und der Freiheit männlich das Wort reden, aus der Bürgerwehr zu entfernen. — Die Commission, welcher die Reorganisation übertragen ist (wer hat sie eigentlich dazu bestimmt und wer hat sie zusammengesetzt?) und die darüber entscheiden soll, wer hinsüro noch würdig ist, die Waffen zu tragen, besteht freilich zum großen Theile entweder aus ächten bewährten Conservativen, denen jeder Fortschritt in politischen Dingen ein Greuel ist, und denen ein Maueranschlag zur Berufung einer Volksversammlung die Tag- und Nachtruhe raubt, oder aus sogenannten „Halben," die sich zu Allem bewegen lassen; auch Herr Weckert sitzt in dieser Commission und führt noch obendrein das große Wort. — Wo solche Elemente zu Gericht sitzen, da darf es uns nicht wundern, wenn die Ungerechtigkeit herrscht und über die Männer von graber Gesinnung und freisinniger Denkungsart der Stab gebrochen wird. — Ganz diesem Ausspruche gemäß soll ein Mitglied der Commission den Antrag gestellt haben, daß man alle demokratisch Gesinnten und alle Diejenigen, welche die Adresse wegen des Veto an die Kammer unterzeichnet haben, aus der Bürgerwehr ausstoßen müsse.
Man mag hieraus abnehmen, ob eine Reaktion vorhanden ist oder nicht, ja man wird zugleich ersehen, daß unsere Boyrgvisie noch weit reaktionärer ist, als vielleicht je eine Regierung gewesen ist."
Wegen dieses — im Vergleiche mit den in der „Nass. Allg. Zeitung" beinahe täglich vorkvmmenden, namentlich aber in unserer gestrigen Nummer ungezogenen Ausdrücken und Ausfällen — gewiß noch.ganz glimpflichgehaltenen Artikels wurde der Verfasser, Buchhändler Fischer, von dem Hofgerichte in Usingen zu 10 Gulden Geldstrafe und Tragung der Uutcrsuchuugs- kosten verurthe-.lt.
Merk's Michel! Das ist der Barometer unserer errungenen Freiheiten! —
Einen Stadtvorstand, d. h. einen loyalen, füg
samen Stadtvorstand darf man bei Strafe und Gefängniß nicht antasten, nicht mit einem Worte seiner hohen Würde zu nahe treten, obgleich ein solcher Stadtvorstand in seiner bisherigen Wirksamkeit und abhängigen Stellung gar nichts bedeutete. — Eine Volkskammer dagegen, die Repräsentantin des Volkes, des souveränen Volkes (?), die Trägerin der höchsten Gewalt im Staate, insbesondere aber die oppositionelle Linke einer Volkskammer darf von der „Nass. Allgem. Zeitung" nach Belieben verunglimpft und herabgewür- digt werden.
Nicht umsonst haben wir bisher den Nothschrei ertönen lassen:
„Wenn wir kein auf frei sinnigen Grundlagen beruhendes Gesetz über die Ge- schwornen-Gerichte erhalten, so bleibt die Preßfreiheit eitel Schaum und leere Phrase: ohne Preßfreit ist keineandere Volksfreiheit gesichert."
Es muß aus den referirten Thatsachen Jedem klar werden, daß die schleunigste Einführung der Geschwornen-Gerichte dringend Noth thut! —
ME Die Kirchensteuer der Wiesbadener evangelischen Genreiude.
II.
'(Schluß.)
Der Besteuerungs-Modus nach dem Betrag der Grund-, Gewerbe- und Additionalsteuer hat von Anfang an nicht gefallen, weil er drückend war. Ist die Kirche selbstständig, von der bisherigen Bevormundung freigeworden, was noch in ferner Aussicht steht, so dürste cs zweckmäßiger sein, hier einen andern Maaßstab der Besteuerung, etwa eine Vermögenssteuer in 24 Klassen, anzunehmen, welche nach Beseitigung aller unnöthigen Ausgaben weit unter der bisherigen sich herausstellen dürfte. *
Unbedingt zu tadeln ist es, daß nach der bisherigen bureaukratischen Geschäftsbehandlung die Kirchenbudjets von dem Kirchenvorstand allein entworfen, von der Regierung genehmigt und von dieser der Betrag der Kirchensteuer bekannt gemacht wurde, ohne daß die Kirchengemeinden etwas davon erfuhren und von der Nothwendigkeit der Ausgaben sich überzeugen konnten. Dieses Verfahren wird bei einer freien, selbstständigen Kirche unmöglich. Das Dunkel der Verwaltung des Kirchenvermögens muß vor dem Licht der O.ffentlich- keit verschwinden. Vornehm kalt wird man erwiedern, kommt und seht Inventar und abgeschlossene Rechnungen nach! Niemand wnd euch dieses wehren! Es wird aber Keiner kommen, um nicht als unbevollmächtigt von der Gemeinde, als Wühler und Heuler in den Geruch der Ruchlosigkeit zu gerathen. Auf diesem Wege ist der Verdacht nicht zu beseitigen, der in dem
Publikum einmal festgewurzelt ist. Es ist eine öffentliche Nechnungsablage nöthig, ohne die es unmöglich ist, zu beurtheilen, wie das Vermögen der Kirche verwaltet wird, und ob nicht bei den Ausgaben durch Streichen der unnöthigen oder durch Herabsetzung anderer, die Erhebung einer Kirchensteuer zu umgehen 'ei. Diese Rechenschaftsablage in einem öffentlichen Blatt ist um so mehr zu wünschen, weil bei deren Vorenthaltung die Ursache der Steuerverweigerung neue Nahrung erhält. Bei der Verweigerung dieses gerechten Verlangens werden voraussichtlich Viele zu einer Kirche übertreten, in welcher das Lebensprinztp der Oeffentlichkeit in vollster Ausdehnung vorherrscht. Diese Rechenschaftsablage wird im nackten Zahlenverhältniß ohne belgefüg^ Erläuterungen die gehegten Zweifel nicht beseitigen. Es wären daher hier gleichzeitig folgende Fragen aufrichtig zu beantworten:
1) Genügen nicht zwei Geistliche, statt der vier hier angestellten reichlich dotirten, für die evangelische Gemeinde der Stadt, zu der Filiale nicht gehören, weil Klarenthal kaum als Filial gelten kann, und in der dasigen Kapelle nur selten Gottesdienst gehalten wird. Zieht man ab die Zahl der in Wiesbaden wohnenden römischkatholischen und deutschkatholischen Christen, auch die Juden, so könnte anscheinlich ein Pfarrer mit einem Kaplan nicht nur den öffentlichen Gottesdienst, sondern auch alle Kasualien leiten und besorgen.
Wollte man zugleich Vorschlägen, den öffentlichen Gottesdienst auf den Vormittag der Sonn- und Feiertage zu beschränken und die Predigten in den Arbeitstagen der Passionszeit, nur zum Seelenheil der männlichen Pietisten und Betschwestern wieder eingkführt, abzuschaffen, so würde dieses für ruchlos erklärt, unge- achtet dieses im Gegentheil, bei seltener gehaltenem Gottesdienst, die Andacht befördern dürfte.
2) Sind wirklich vorhandene Ueberschüsse zu verzins, lichen Kapitalien angelegt, und warum sind solche nicht zu laufenden Ausgaben verwendet worden, um Kl chensteuern unnölhig zu machen, wenigstens um sie zu vermindern?
3) Werden jährlich aus dem hiesigen evangelischen Kirch nfonds ständige oder jeweilige Beiträge zum ' Centralkirchenfonds geleistet und wie werden sie verwendet?
4) Werden künftig die Ausgaben für das Consistorium, als Sektion der Regierung, für die Besoldung des Bischofs und des bischöflichen Kommissärs Wegfällen? und werden
'S) diese Fragen bei der nächsten General-Synode zur gründlichen Erörterung und Entscheidung kommen?
Beschränkt sich diese General-Synode aufDogmen- und Symbolenbestimmung, so ist wenig Heil von ihr zu erwarten, denn GlaubenSzwang ist "jetzt unmöglich mehr auszuüben.
*) Sv? Und das neuliche Staatsdiener-Reskript. Die Red.
Der arme Jakob.
Aus den „Gedichten eines Lebendigen".
Der alte Jakob starb heut Nacht — Da haben sie am frühen Morgen Sechs Brettchen ihm zurecht gemacht Und drin den Schatz geborgen.
Ein schmucklos Haus! Man giebt in's Grab Dem Feldherrn doch den Feldherrndegen = Warum nicht auch den Bettelstab Auf diese Bahre legen?
Den Degen, den er treu geführt, Der in die Scheide nie gekommen, Bis ihn der letzte Schlag gerührt Und von der Welt genommen.
Er war der Welt, sie seiner satt —
Zu Zwölfen in der engen Stube! — Weh' ihm ein überflüssig Blatt, O Lenz, in seine Grube!
Als hätt' er Großes nie gethan,
Ist rasch der Glückliche vergessen, Kein Dichter stimmt ihm Psalmen an, Kein Pfaffe lieft ihm Messe». .
Die Heller, die man in den Sand
Ihm warf aus schiinmernden Karossen,
Sind Alles, was vom Vaterland
Der arme Mann genossen.
Just die vom Himmel ihm geprahlt
Sah'n diese Erde zwiefach gerne:
So wird die Schuld an'S Volk bezahlt
Mit Wechseln auf die Sterne.
Und kaum ist uns genug am Joch
Der Armuth auf gekrümmten Rücken:
Man will der Knechtschaft Stempel noch
Ihr auf die Stirne drücken.
Schlaf wohl in deinem Sarkophag,
Drin sie dich ohne Hemd begraben:
Es wird kein Fürst am jüngsten Tag
Noch reine Wäsche haben!
Nicolaus Pawlowitsch,
S e l b st h c r r s ch e r a l l e r Reußen.
(AnS „der neuen Zeit").
(Fortsetzung.)
Muli durfte sich eben nicht zu tief in das Jensen versenken, um zu finden, daß der Zar nicht selten die
Willkür bestrafte, die er selbst übte. So ließ er voriges Jahr den General-Gouverneur von Kostroma Grigorief vor ein Kriegsgericht stellen, weil er mehrere Polen aus Eigenmacht eiugckerkert hatte, deren Unschuld sich erwies.
Nach dem offenen Angriffsplane des Kaisers richteten die schlauen Beamten ihre Befestigungskunst ein. Wie ehrlos die Seuche der Bestechlichkeit und der Veruntreu- nng tortwährend wüthet, davon reden einheimische und fremde Menschenzungen mit der vollkommensten Wahrheit. Was davon vor Nickolaus' Regierung im Sonnenschein lag, hat sich vor seiner finstern Miene ins Dunkel gezogen, frißt aber desto gefährlicher um sich.
Auf jeden Zweig der Verwaltung richtete Nickolaus I. sein Augenmerk. Tiefer als Das, was seine militärische Ordnungsliebe ihm vorlegte, drang sein Gedanke nicht. Er sah selbst nach, ob die Beamten zur bestimmten Stunde an ihren Stellen waren, ob sie dieselben nicht früher als das Gebot lautete wieder verließen, ob sie aber in ihrem Treiben den Zar und das Reich betrogen, das blieb ihm ein Geheimniß.
Der Staatsmann zeigte sich nirgends in ihm, der General überall, und wenn es unter Alexander noch ge. wisse Demarkationslinien zwischen Civil und Militär gab, so schmolzen beide unter Nicolaus in eine Soldateumasse mit Befehlen und stockblindem Gehorsam zusammen.
Bei der Wahl oder Bestätigung der Männer, die er an Vie Spitze der Reichsverwaltnng und sich nahe