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Wiesbaden. Donnerstag, 19, October

18L8.

Die Freie Zeitung" erscheint, mit Ausnahme des Montags, täglich in einem Bogen. Der Abonnementsprets beträgt vierteljährig hier in Wiesbaden 1 fL 45 fr., auswärts durch die Post bezogen mit verhältnißmäßigem Aufschläge. Inserate werden bereitwillig ausgenommen und sind bei der großen Verbreitung derFreien Zeitung" stets von wirksamem Erfolge. Die Jnserationsgebühren betragen für die vierspaltige Petitzeile oder deren Raum 3 Kreuzer.

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HM Der Hafen zn Biebrich und die Rhein- Uferbauten.

Aus dem Rheingau. Durch eine bedeutende Geld­anforderung, welche kürzlich von einem Regierungs- Commissarius der Kammer für Uferbauten gemacht wurde, sehe ich mich veranlaßt, einige Bemerkungen in Betreff obengenannter Sache deu geneigten Lesern die­ses Blattes zu übergeben.

Nassau, durch seine natürliche Lage begünstigt, darf den Nachbarstaaten nicht nachstehen darf von seiner Bedeutung nichts verlieren; es muß wetteifernd alle ihm gleichen Duodezstaaten überflügeln, und dazu fehlt nichts mehr als ein Hafen. So ward denn auch vor Jahren der Bau eines Hafens beschlossen. Aber wo­hin ihn legen? das war hauptsächlich die Frage, um die cs sich drehte. Zwar nannte man zu diesem Zwecke verschiedene Orte des Rheines, machte sogar zum Schein Besichtigungsreisen, aber im Geheimen war es ganz anders beschlossen. Biebrich, obgleich durch seinen Wasserstand ganz ungeeignet, war dazu ausersehen. Die Lenker des Unternehmens zweifeln zwar selbst am vollständigen Gelingen; indessen hieß es, einige Neben­arbeiten werden diesen Umstand beseitigen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, Biebrich hat durch seine örtliche Lage zu Mainz, Wiesbaden und Frankfurt Et­was voraus; dadurch ist aber noch nicht bewiesen, daß eS auch zu einem Hafen am geeignetsten sei. Ein Hafen muß von der Natur gegeben sein. Die Kunst vermag dabei Etwas, aber nicht viel. Das hätte man bei Biebrich weislich erwägen und nicht leichtsinniger Weise ein Machwerk errichten sollen, ein Machwerk, das gleichsam nur da zu sein scheint, um das Land auszilsaugen. Denn was bedeutet ein Hafen, an dem seit seines Bestehens unaufhörlich Sand gebaggert wird, und doch kaum nur kleine Fahrzeuge anlegen können? Nie, nie wird Biebrich hinreichendes Wasser erlangen. Das einzige Steinriff, von Hessen oberhalb Mainz an­gelegt, wird stets so viel Sand herleiten, daß cs un­möglich ist, und wenn selbst die projektirte Dampf­maschine werkthätig gemacht werden sollte, denselben zu entfernen. Aber was einmal angefangen ist, soll fort- geführt (vollendet??) werden. Und zu welchem Zweck? Müssen nicht gegenwärtig, trotz der ungeheuren Kosten, fast alle Schiffe Angesichts Biebrich links und rechts machen, um nicht zu stranden, und müssen nicht die Passagiere durch Kähne crpedirt werden? Wie leicht war dem von vornherein abgeholfen, wenn man einen von der Natur begünstigteren Ort zu diesem Behufe ersehen hätte. Die Hafenbauten, diese verbunden durch Verlängerung der Biebricher- mit der Taunus-Eisen­bahn, waren dann ein ewig bestehendes, zweckvolles Werk.

Aber nicht Alle können Lieblinge sein. O armes Land! O armes Volk! DaS mußt du sehen, schwei­gend, duldend. Schleichend, wie der Schneckenkourier, geht es dort im geschäftigen Müßiggang bei jenen Ar-

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Es steckt nichts drin.

Wir Deutschen sollten nimmer klagen,

Wir sind mit Segen reich beschwert!"

So habe ich in unsern Tagen

Von weisen Männern oft gehört;

Doch tritt man zu dem Volke hin, Heißt's überall:eS steckt nichts drin!"

Wie reich ist Deutschland an Vereinen,

Die all' deS Volkes Wohl und Glück

Zu gründen und zu fördern meinen!

Das Volk doch schielt, mit Hohn im Blick

Und lachend auf sie alle hin

Und spricht sogar:'eS steckt nichts drin!"

An Straßen und an Eisenbahnen

Sind wir in Wirklichkeit schon reich,

An tiefgedachten, schönen Planen Kommt uns kein Volk der Erde gleich; Nur sieht das Volk nicht den Gewinn Und glaubt und spricht:es steckt nichts drin!

Gewerb und freier Handel blühet, Der Landbau prangt in stolzer Zier, Und frei durch alle Meere ziehet^

beiten vorwärts. Deine Kassen werden leer, aber der Sand wird bleiben!

Ebenso verkehrt, wie dieses Unternehmen, ist das der Uferbauten. Einer Rechtfertigung dieses Satzes bedarf es nicht einmal; denn die heurigen Verände­rungen sind hinreichender Beweis. Weit entfernt, irgend Jemand Kenntnisse abzusprechcn, so war meines Erach­tens der erste Bauunternehmer nicht der geeignete Mann, der die Sache zu leiten verstand. Er mochte seine Theorie loöhaben, aber seine Arbeiten beanstanden seine praktischen Fertigkeiten; er war nicht am Rhein ausge­wachsen und hatte keine Erlebnisse. Darum haben wir heute noch dieses Babel, diesen Unsinn einen Un­sinn, der das Land Hunderttausende gekostet und noch kostet, der den Rheinbewohnern die Nahrung entzieht, den Schiffern den Weg diesseits erschwert, und daS Fahrwasser nach dem jenseitigen Ufer verdrängt.

Nun soll verbessert werden, und wie? Die Stein­riffe, welche mit großen Kosten angelegt waren, werden mit noch weit größern herausgenommen und drei Schritte zurückversetzt. Ein Korb Steine, von einem Punkt zum andern zu bringen, kostet mindestens mit Ober- und Ober-, Unter- und Unter- und Nebenaufseher 30 fr. sage Dreißig Kreuzer. Und was ist der Zweck? Nicht, wie man vorgeblich sagt, um Land zu gewinnen, das Ufer zu schützen, Menschen zu beschäf­tigen, nein, Eisele und Beisele sollen bei ihrer Durch­reise die Bemerkung gemacht haben, daß diese Ufer­bauten Ursache seien, daß der Rhein von Biebrich bis Cöln keinen gehörigen Zug habe. Darum zurück mit den Steinen, damit das Wasser den Sand fortströmt und Biebrich fahrbar wird.

Es unterliegt keinem Zweitel, daß gegenwärtig viele Menschen eine Zeit lang dadurch ihr Brod erwer­ben: wird sich aber nicht über iarz oder lang durch dieses System die Zahl der Arbeiter verdoppeln, ja verdreifachen?

Schließlich nöch folgender Beleg: Vor Eltville liegt eine Sandbank, welche die Schifffahrt momentan erschwert. Dem sollte abgeholfen werden. Alsbald wurden einige Baggermaschinen angewandt, um eine Fahrstraße zu organisiren. Aber eitle Mühe! Nachdem dem Lande durch dieses Versuchungöprojekt über 60Ö fL Kosten in einigen Tagen verursacht waren, zog man ab, weil bei Biebrich große Noth war.

Der Kaiser von Oesterreich und die Stim­mung über ihn in Wien.

(Wie die Stimmung in Wien über den Kaiser sei, geht aus folgenden Betrachtungen der Oester. Allg. Zeitung zu Genüge hervor:)

Schlag auf Schlag treffen Botschaften ein, welche der Sache des Vaterlandes*fi e wüd jetzt in Wien entschieden günstig sind.

Die deutsche Flott', auf dem Papier!

Auf Wohlstand zielet Alles hin!

Doch spricht das Volk:es steckt nichts drin!"

Laut amtlichen Berichten heben

Sich Schule, Kunst und Wissenschaft,

Die freie Presse würzt das Leben

Und die Gesetze steh'n in Kraft!

Die goldne Zeit ist im Beginn;

Doch spricht das Volk: es steckt nichts drin!»

An Deutschlands Einheit, Macht und Ehre

Baut rüstig fort das Parlament;

Doch glaubt und spricht das Volk, es wäre

Schon längst das deutsche Falliment,

Der Reichstag bringe nie Gewinn;

Denn leider steckte gar nichts drin. «

Und weil das Volk von allem Bösen,

So fürcht' ich, leider, nur zu sehr,

Hat einer mein Gedicht gelesen, Weiß er mir wenig Dank und Ehr', Neigt lachend sich zum Nachbar hin Und spricht ganz keck:steckt auch nichts drin!"

Joseph Rühl.

Freunde von allen Seiten, Zufuhren reicher wie sonst, Erbeutung von Waffen und Munition, Anmel­dung von Ossizieren und Soldaten, die ihre Bürger­pflicht an der Seite der Mitbürger erfüllen wollen, Anzug ungarischer Truppen, Ordnung und Einigkeit in der Stadt, was immer gewünscht werden kann, füllt unsere Berichte. Nur von einer Seite schweigt es wie in einer Monat langen Nacht am Pole, nur um diesen scheint Alles zu erstarren und der Wellenschlag der Begeisterung für die Freiheit und die Wohlfahrt der Menschheit sich zu Eisbergen zu gestalten.

Dieser Pol ,st der Kaiser. Es ist ein hoher Beruf, ein Pol zu sein, an den sich die Brüste der Erde lagern, das edle Haupt zu werden, daS die Schläge des Herzens begreift, der Führer eines großen Volkes voll Leben und Liebe.

Unser Pol steht aber still und dreht sich nicht mit der Achse seiner Erde, wir wissen nichts von ihm, als daß er irgendwo ist, da weit hinten in der Stille der Nacht in dem Kreise der Eisberge und wenn wir uns nicht losreißen, so geschieht es nur, weil er uns dauert in seiner Einsamkeit, weil wir wissen, daß er die Sonne nicht sieht, die unsere Erde beleuchtet!

Keine Nachricht vom Kaiser, kein Ministerium, das er ernenne, kein freundlich Wort durch alle Deputirte, die ihm nachgkschickt sind!

Und doch muß die Gesammtheit einen Schlußstein haben, nicht nur einen Reichstag, der Gesetze macht, fondern auch eine Behörde, welche die Gesetze ausführt. Im konstitutionellen Staate ist der Kaiser die oberste exekutive Gewalt. Vieles hat er selbst zu unterzeichnen, Alles feine Minister. Wenn der Kaiser fortgeht, wenn er für die wichtigsten Dinge keine Minister zu­rückläßt, so stocken die Geschäfte, die Maschine des Staates, der ganze Organismus leidet. Diese Ma­schine ist aber die L>eele der Ordnung, sie ist nicht deS Kaisers wegen, er ist ihretwegen, sie ist wie der Kaiser selbst deS Volkes, der Gesammtheit wegen da.

Es kann dem Kaiser und seinen unbekannten Rath- gebenr kaum fremd sein, welche Stellung er zum gan­zen Staate, welche Verpflichtungen er dem Volke gegen­über hat, es scheint aber darauf angelegt, zu soge­nannten ungesetzlichen Schritten das Volk zu zwingen, man will, daß der Mangel an Minister zu einer pro­visorischen Regierung nöthige, man chill in ihr dann der Welt den Umfang des Verbrechens zeigen, welches man bis jetzt nur als Gespenst ohne Namen als eine wahrscheinlich gefährliche Größe den Kabinetten von Petersburg und Potsdam beschreiben und der Geschichte nur als den Alp überliefern konnte, der den Traum der Wiederkehr des Absolutismus erdrückte.

Jene Hoffnung auf ungesetzliche Schritte wird ftci- lich getäuscht werden, denn das Volk wird nichts an, deres thun, als was der Reichstag gebietet, der Reichs­tag aber ist souverain und gibt die Gesetze, kann also nichts Ungesetzliches thun. Der Reichstag hatte keinen Augenblick weniger als die durch die Geschäftsordnung *

Nicolaus Pawlowitsch,

S e l b st h c r r s ch e r a l l e r R e u ß c n.

(Ausder neuen Zeit").

(Fortsetzung.)

Gegen 700 Millionen Rubel war die Summe der circulircndeu Banknoten, durch einen einzigen Machtspruch wurde also dem Reiche eine ungeheure gerechte Fordcr- ung gestrichen, das Land auch noch außerdem des Gol­des und des Silbers beraubt, indem man die Metalle in den Staatsschatz zog, und dagegen neue kaiserliche Wech­sel, welche ausdrücklich auf Silberrubel lauteten aus- stclltc.

Gegen dergleichen Gewaltstreiche erhebt sich keine Stimme, man steckt höchstens die Köpfe heimlich zusam­men und macht öffentlich dem Ukas für seine Weisheit den ehrfurchtsvollsten Bückling.

Niemals wird ein Budjet, welches nur Brocken von des Reichen Tische zum Fenster hinauswirft, und unter keiner Controlle steht, sich Vertrauen erwerben, und wenn der eingeschâchterte russische Sklave seine Gesinnung bei jedem Hahnenruf seiner Unterdrücker verleugnet, so giebt es doch keinen Staat, in dem das Budjet so verdächtigt wäre wie in Rußland. Der Russe schweigt öffentlich oder lobt das Verhaßte, aber nicht aus Dummheit, son­dern aus einer Klugheit, die ihn die Knute und Sibirien gelehrt haben. Vorzüglich der große Handeltreibende Theil