Freit Ztilung.
„âeiheit und NeehL!"
M 212. Wiesbaden. Dienstag, 17. October 18L8.
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: -Die Folgen des Waffenstillstandes.
T Aus der Provinz. Als der berüchtigte Waffenstillstand von Malmö von unserer Nationalversammlung genehmigt wurde, hätte man kaum geglaubt, daß die traurigen Folgen diesem Beschluß so rasch auf dem Fuße folgen würden; zuerst der unmittelbar sich daran knüpfende Barrikadenkampf in Frankfurt, der Versuch dazu in Köln, alsdann die Schilderhebung in Baden, die Aufstände in Würtemberg, in Sigmaringen, in Altenburg u. s. w.; dieß Alles würde vermieden worden sein, wenn dem Volk das ursprüngliche Vertrauen zu seinen Vertretern bewahrt worden wäre, wenn es mit Zuversicht der ihm von der Nationalversammlung zu schaffenden Zukunft hätte entgegensetzen können, was freilich nach dem bis jetzt Vorgefallenen nicht mehr möglich ist. Allein dieser Verlust an Vertrauen nebst dessen Folgen sind nicht die einzige traurige Wirkung; die das Alte Liebenden haben nur zu gut die Vorfälle zu ihrem Vortheile auSzubeuten gewußt; muß man nicht täglich hören und lesen, daß allen Aufständen nur das Streben nach Anarchie zu Grunde liegt, daß alle Thsilnehmer nur die Lust nach Mord und Plünderung bewogen hat, sieht man nicht die ganze liberale Partei mit den rothen Communisten zusammengeworfen, diesem Popanz, mit dem man die schwachen Gemüther zu schrecken 'ucht, der jedoch in Wirklichkeit bei Erwägung unserer deutschen Verhältnisse, wo das Proletariat mit Ausnahme einiger Stätte in keiner beängstigenden Masse eristirt, durchaus nicht zu fürchten ist? Allein solche Fakta werden nicht gehört, die Blut- und Feuerrothen müssen durchaus in allen Köpfen spuken, durch sie werden die guten Bürger geängstigt, die sich so sehr nach Ruhe sehnen und sich deßhalb höchlich freuen über die wieder erwachende Macht der Centralgewalt, über die imponirende Heeresmacht, über die Ressen der Soldaten von Norden nach Süden, und von Süden nach Norden, über das Erklären einer Stadt nach der andern in Kriegszustand, über die Masse von Steckbriefen, über die knarrenden Gefängnißthüren, über die Thätigkeit der Criminalgerichte, die so gerne den rothen Faden durch ganz Deutschland aussinden und verfolgen möchten. Dieß Alles ist natürlich noch im Zunehmen begriffen; die nimmerruhende reaktionäre Partei versteht die Verhältnisse besser zu ihrem Vortheil zu benutzen, und bald werden wir wohl hören, daß Presse und Vereinsrecht allgemein beschränkt werden müssen, mit einem Worte, daß ganz Deutschland in Kriegszustand erklärt ist, und unsere willfährige Nationalversammlung auch dieß natürlich im wohlverstandenen Interesse des Vaterlandes gutgeheißen hat. Letztere hat überhaupt einen eigenthümlichen Weg eingeschlagen, sie stellt sich auf eine schwindelnde Höhe, von der herab sie es nicht mehr sür nöthig hält, die Wünsche des deutschen Volks anzuhören; sie ignorirt dieselben vollständig und hat sich sogar in diesen Tagen bei starker Zuchthausstrafe die öffentlichen Beleidigungen für sich und ihre Mitglieder verbeten! Wenn noch Schmähung, Ehrenkränkung,
Verleumdung! aber Beleidigung!? Gewöhnlich nimmt man an, daß grade die Wahrheit die ihres Unrechts Bewußten am stärksten beleidigt, also auch die soll das deutsche Volk seinen Vertretern in der Paulskirche ptcht mehr sagen? Und über diese Beleidigung muß nicht einmal ein Geschwornengericht, in dem das deutsche Volk doch die einzige Garantie seines Rechts steht, das Urtheil sprechen, sondern die Nationalversammlung begnügt sich mit einem gewöhnlichen Gericht, was nach Umständen wohl auch in ein Standrecht umgewandelt wird!
Sind das die Errungenschaften der Märztage? O, armes Volk, auf diese Weise hast du jetzt 600 Souveräne mehr, und hattest dir eine Zeitlang eingebildet, allein souverän werden zu wollen! Doch die sind unklug, die einen wilden Bergstrom dadurch zu bändigen und zu einem ruhigern Fließen zu zwingen glauben, daß sie ungeheure Dämme errichten, statt die Felsblöcke aus dem Flußbett wegzuräumen und die steilen Ufer abzutragen; der Bergstrom erträgt solche Fesseln nicht, und ehe man sich umsieht, sind die Dämme nebst ihren Bauherrn in den Fluthen begraben!
Nassauischer Landtag.
56te Sitzung vom 14, October.
Regierungskommissäre Vollpracht, Werren.
Präsident: Wirth. ,
Abwesend sind Siebert und Remp.
Unter den eingelaufenen Petitionen befindet sich eine solche von Freiendiez, die Aushebung sämmtlicher den Bergbau hemmenden feudalistischen Bevorzugungen betreffend, und eine von Weilburg, welche der Abg. Lang übergibt und welche die Einführung von Ge- schwornengerichtcn betrifft.
Wie wir schon in der vorigen Nummer mittheilten, erledigte die Kammer in der 56sten Sitzung drei wichtige Gesetzvorlagen und zwar:
1) Die Wechselordnung.
Am 20sten Oktober vorigen Jahres war in Leipzig unter dem Vorsitz des königlich sächsischen Staatsmini- sters von Könneritz eine Couferenz von Abgeordneten der deutschen Regierungen eröffnet worden zu dem Zwecke: ein allgemeines deutsches Wechselrecht abzufassen.
Dieje Abgeordneten, zum Theil Juristen, zum Theil praktische Geschäftsmänner und Handelsleute, kamen mit ihrer Arbeit den 9. Dezember 1847 zu Ende.
Diese Arbeit nun, „der Entwurf einer Allgemeinen deutschen Wechselordnung," welcher 100 Paragraphen enthält, wurde den Ständen von der Regierung zur Annahme vorgelegt. Die Stände nahmen diesen Entwurf, auf den Bericht des Abg. Naht, welcher die Dringlichkeit des Gesetzes, und die Vortrefflichkeit des Entwurfs überzeugend darthat, ohne Diskussion an.
2) Das weitere Gesetz ist das über die progressive Einkommensteuer.
Der Entwurf der Regierung wurde ohne wesentliche Modifikationen beinhalten.
Wir bedauern, wegen Mangel an Raum die einzelnen Paragraphen- nicht sämmtlich hier mittheilen zu können:
Die wichtigsten find aber:
8- 1. Jedes reine Einkommen, ohne Unterschied, ob dasselbe unter einer der übrigen Steuergattungen bereits angezogen ist, oder nicht, ob es in Geld, Geldeswerth oder in Selbstbenutzung besteht, ständig oder unständig ist, soll einer mit dem Gesamintbetrag des Einkommens in angemessenen Abstufungen steigenden Steuer, der wachsenden Einkommensteuer unterworfen werden.
8- 4. Von Entrichtung der Einkommensteuer sind befreit:
1) diejenigen Familien, deren gesammtes reines Einkommen 250 fl. nicht erreicht, einzeln stehende Personen, wenn ihr ganzes reines Einkommen unter 150 fl. beträgt;
2) die Armen- und sonstigen Wohlthätigkeitsanstalten und die Waisenfonds;
3) die Staatskasse und diejenigen öffentlichen Anstalten, welche aus der Staatskasse Zuschüsse erhalten:
8- 7. Das steuerbare Einkommen soll nach seinem jährlichen Gesamintbetrag in einer der nachfolgenden Classen nach dem beigesetzten Procentsaß beigezogen werden:
1.
Cl.:
Cink, von
250 fl. bis incL 500 fl. mit %
pCt.
2.
ff
- „ über 500
ft
1000
ff
3, ,4
ff
3.
ff
ft
1000
ff
1500
ff
1
tf
4.
ff
ff
1500
ff
2000
ff
1%
tt
„ 5.
ff
ff
2000
ff
2500
ff
tf
6.
ft
ft
2500
ff
3000
ff
1%
ff
7.
tt
ff
3000
ff
3500
ff
2
ft
8.
ff
ff
3500
ff
4000
ff
2’4
tt
9.
ff
tt
4000
tr
4500
ff
2%
ft
10.
ff
ft
4500
tt
5000
ff
2%
ff
11.
tt
tt
5000
ff
8000
tt
3
tt
12.
ff
tt
8000
ff
4
tt
(Dieser
12. Posten wurde
von
der Kammer
zugefÜFt.)
Um das reine Einkommen im Zweifel zu ermitteln, werden Geschworne ernannt, über deren Verfahren sehr ins Einzeln gehende Bestimmungen getroffen wurden.
8. 16 lautet: Unsere Generalsteuerdirektion ist mit dem Vollzug des gegenwärtigen Gesetzes beauftragt, welches schon mit dem letzten Quartal laufenden Jahres in Wirksamkeit tritt.
Durch dieses neue Gesetz werden keineswegs die Steuern der Zahl nach vermehrt, so als wenn diese neue Steuer zu den alten noch hinzutrete: es wird dadurch nur die Art und Weise der Steuerhebung geändert.
Das für den Staatshaushalt nothwendige Geld wird versuchsweise in eister Linie durch diese neue Steuer, welche gerechter ist und die armen Bauern
Cin Spieler.
Studie aus der Gegenwart.
Es glänzt der Lampen leuchtender Strahl, Dem Tage trotzend mit goldener Helle; Ein würziger Duft in üppiger Welle Durchfliegt den gleisenden Marmorsaal. Das ist ein Prangen, das ist ein Prunken, Fast der Pracht und des Glanzes zu viel Hier haust von schäumendem Golddurst trunken — Das Spiel!
Inmitten des Saals steht schon und nett
Der grüne Spieltisch, das blanke Ruistt, Und wie der Weltball im dunklen Gleise Fliegt kreisend die Kugel und rollt und rollt, Es klingt das Gold so los und so leise, Heimlich von lockender Sünde durchgrollt.
Die Kugel rollt, und die Augen rollen,
Die Pulse fliegen, der Busen braitft, Dem scheint zum Fluche die Lippe geschwollen, Un krampfhaft ballt er die starre Faust, Der zerrt die Züge zu widrigem Grinsen, Den Dämon segnend, der ihm hold, Und zählt verstohlen Gewinn und Zinsen Und preßt es fest das liebliche Gold.
O Gott, und Jener mit wirrem Haar, ™el^e ""^r der ganzen Schaar, ^hr seht ihn den stuftet blickenden Mann. er die Lippen zusam,nenpreßt, "'cht kann ans dem schrecklichen Bann, Und doch das verruchte Spiel nicht läßt
Er stiert nach der Kugel, die kreisend sich dreht, Und finster spielt er und schweigend fort, Nur manchmal zischelt sein Mund ein Wort, Vielleicht ein Fluchen, vielleicht ein Gebeth Doch Himmel scheint und Hölle verschworen, Nur eine Antwort: Verloren, verloren!--
Dicht um ein kleines arme»’ Dach Hat sich die tiefste Nacht geschmiegt, Doch der Hunger hält die Augen wach Und hat den ersehnten Schlaf besiegt.
Drin in der dunkeln kalte» Kammer Ein Weib mit ihren beiden Kleinen Auf hartem Lager, — stummer Jammer And leises unterdrücktes Weinen.
„O Mutter, nur ein Stückchen Brot!" Sie weint und klagt und ringt die Hände. „Seid ruhig, Kinder, fleht zu Gott, Daß er den Schlaf euch niederjende. Der Vater ging schon lang hinaus, Bald kehrt er freudig uns nach Haus, Und bringt uns Brot und bringt uns Speise. Seid still, und faltet eure Hände, Daß Gott den Schlaf euch niedersende!" So tröstet sie die Kleinen leise. —
Noch immer spielt mit krampfiger Hand Der bleiche Mann in dem Marmorsaal, Die Lampen schimmern in leuchtendem Braud Hell glänzt das Gold in ihrem Strahl. Sie Kugel rollt — da bebt er empor, Den stieren Blick verzweiflungdurchwetterk, reißt sein letztes Goldstück hervor, Und hat's auf den Spieltisch klirrend geschmettert.
Die Kugel rollt — er schwankt zurück: Verloren auch dieses letzte Stuck;
Und vor die Stirne schlägt er die Faust, Und preßt zusammen den bebenden Mund, Und beißt sich die Lippe blutig wund, Und stürzt hinaus, wo die Nachtluft braust. Und das Gehirn von Wahnsinn durchrast Durchrennt er die Straßen in sinnloser Hast; Vorbei, vorbei an dem keinen Haus, Drin seine Gattin verzweifelnd wacht Vorüber, vorüber zur Stadt hinaus.
Und unaufhaltsam durch die Nacht, Bis fernher Wogenbrausen erwacht, Das dumpf die Nachtluft herüber trägt, Die peitschend an seine Wangen schlägt. —
Schwarzschauriges Dunkel umlagert dicht Den Strom der brandend am Felsen bricht; Da steht er am Strande, der bleiche Mann. Und rauft sich das Haar in ohnmâchtegem Grimme, Und schleudert zum nächtlichen Himmel hinan Aus tiefster Brust die gerissene Stimme: „Gott oder Teufel, wenn ihr lebt. So gebt mir ein Zeichen, ich will euch trauen, Und Hett mir des Daseins Hütte erbauen, O gebt mir ein Zeichen!" — kein Laut erbebt, Da stürzt er sich nieder — es zuckt empor, lind brandet dann wieder wie zuvor. —
Im kleinen Hause unterdessen Ist weinend noch das Weib gesessen, Und hat zum Himmel hinaufgeschickl All ihren Schmerz und ihre Noth ; Die Kleinen hat der Schlaf umstrickt — Sie träumen süß von trocknem Brot. —
Eduard Wißmann.